Das Soziale Hauptgesetz

"Das Heil einer Gesamtheit von zusammenarbeitenden Menschen ist um so größer, je weniger der einzelne die Erträgnisse seiner Leistungen für sich beansprucht, das heißt, je mehr er von diesen Erträgnissen an seine Mitarbeiter abgibt, und je mehr seine eigenen Bedürfnisse nicht aus seinen Leistungen, sondern aus den Leistungen der anderen befriedigt werden.
Alle Einrichtungen innerhalb einer Gesamtheit von Menschen, welche diesem Gesetz widersprechen, müssen bei längerer Dauer Elend und Not erzeugen." 34.33 (Einzelausgabe)


Weitere Erläuterungen Steiners zu diesem Gesetz:



"Dieses Hauptgesetz gilt für das soziale Leben mit einer solchen Ausschließlichkeit und Notwendigkeit, wie nur irgendein Naturgesetz in bezug auf irgendein gewisses Gebiet von Naturwirkungen gilt. Man darf aber nicht denken, daß es genüge, wenn man dieses Gesetz als ein allgemeines moralisches gelten läßt oder es etwa in die Gesinnung umsetzen wollte, daß ein jeder im Dienste seiner Mitmenschen arbeite. Nein, in der Wirklichkeit lebt das Gesetz nur so, wie es leben soll, wenn es einer Gesamtheit von Menschen gelingt, solche Einrichtungen zu schaffen, daß niemals jemand die Früchte seiner eigenen Arbeit für sich selber in Anspruch nehmen kann, sondern doch diese möglichst ohne Rest der Gesamtheit zugute kommen. Er selbst muß dafür wiederum durch die Arbeit seiner Mitmenschen erhalten werden. Worauf es also ankommt, das ist, daß für die Mitmenschen arbeiten und ein gewisses Einkommen erzielen zwei voneinander ganz getrennte Dinge seien.

Diejenigen, welche sich einbilden, " praktische Menschen " zu sein, werden - darüber gibt sich der Okkultist keiner Täuschung hin - über diesen " haarsträubenden Idealismus " nur ein Lächeln haben. Und dennoch ist das obige Gesetz praktischer als nur irgendein anderes, das jemals von " Praktikern " ausgedacht oder in die Wirklichkeit eingeführt worden ist. Wer nämlich das Leben wirklich untersucht, der kann finden, daß eine jede Menschengemeinschaft, die irgendwo existiert, oder die nur jemals existiert hat, zweierlei Einrichtungen hat. Der eine dieser beiden Teile entspricht diesem Gesetze, der andere widerspricht ihm. So muß es nämlich überall kommen, ganz gleichgültig, ob die Menschen wollen oder nicht. Jede Gesamtheit zerfiele nämlich sofort, wenn nicht die Arbeit der einzelnen dem Ganzen zufließen würde. Aber der menschliche Egoismus hat auch von jeher dieses Gesetz durchkreuzt. Er hat für den einzelnen möglichst viel aus seiner Arbeit herauszuschlagen gesucht. Und nur dasjenige, was auf diese Art aus dem Egoismus hervorgegangen ist, hat von jeher Not, Armut und Elend zur Folge gehabt. Das heißt aber doch nichts anderes, als daß immer derjenige Teil der menschlichen Einrichtungen sich als unpraktisch erweisen muß, der von den " Praktikern " auf die Art zustande gebracht wird, daß dabei entweder mit dem eigenen oder dem fremden Egoismus gerechnet wird.

Nun kann es sich aber natürlich nicht bloß darum handeln, daß man ein solches Gesetz einsieht, sondern die wirkliche Praxis beginnt mit der Frage: wie kann man es in die Wirklichkeit umsetzen? Es ist klar, daß dieses Gesetz nichts Geringeres besagt als dieses: Die Menschenwohlfahrt ist um so größer, je geringer der Egoismus ist. Man ist also bei der Umsetzung in die Wirklichkeit darauf angewiesen, daß man es mit Menschen zu tun habe, die den Weg aus dem Egoismus herausfinden. Das ist aber praktisch ganz unmöglich, wenn das Maß von Wohl und Wehe des einzelnen sich nach seiner Arbeit bestimmt. Wer für sich arbeitet, muß allmählich dem Egoismus verfallen. Nur wer ganz für die anderen arbeitet, kann nach und nach ein unegoistischer Arbeiter werden.

Dazu ist aber eine Voraussetzung notwendig: Wenn ein Mensch für einen anderen arbeitet, dann muß er in diesem anderen den Grund zu seiner Arbeit finden; und wenn jemand für die Gesamtheit arbeiten soll, dann muß er den Wert, die Wesenheit und Bedeutung dieser Gesamtheit empfinden und fühlen. Das kann er nur dann, wenn die Gesamtheit noch etwas ganz anderes ist als eine mehr oder weniger unbestimmte Summe von einzelnen Menschen. Sie muß von einem wirklichen Geiste erfüllt sein, an dem ein jeder Anteil nimmt. Sie muß so sein, daß ein jeder sich sagt: sie ist richtig, und ich will, daß sie so ist. Die Gesamtheit muß eine geistige Mission haben; und jeder einzelne muß beitragen wollen, daß diese Mission erfüllt werde. All die unbestimmten, abstrakten Fortschrittsideen, von denen man gewöhnlich redet, können eine solche Mission nicht darstellen. Wenn nur sie herrschen, so wird ein einzelner da, oder eine Gruppe dort arbeiten, ohne daß diese übersehen, wozu sonst ihre Arbeit etwas nütze ist, als daß sie und die Ihrigen, oder etwa noch die Interessen, an denen gerade sie hängen, dabei ihre Rechnung finden. - Bis in den einzelsten herunter muß dieser Geist der Gesamtheit lebendig sein."
34.34ff. (Einzelausgabe)


Dieses Gesetz wurde von Rudolf Steiner bereits 1905 veröffentlicht. Da die Menschen darauf keine Resonanz zeigten, hat er es später nicht wörtlich wiederholt. Er hielt sich wohl damit an das esoterische Prinzip, auf die Fragen der Menschen zu warten. Auch in der späteren Dreigliederungsbewegung ab 1919 hat er nur gelegentlich darauf verwiesen. Er hat jedoch den Weg gesucht, dieses Gesetz nach 1919 durch die Verknüpfung mit der Dreigliederung zu konkretisieren. Dies werde ich weiter unten erläutern.

Auch heute noch werden viele Menschen über dieses Gesetz verständnislos den Kopf schütteln und es für keine Wirklichkeit halten. Allerdings verkennt man da die Bedeutung von Gesetzen, insbesondere solcher, die auch in der Umkehrung, in Ihrer Negativvariante, sich bewahrheiten ( ).
Es geht ja nicht um den "moralischen Zeigefinger" mit der Aufforderung Gutes zu tun, "Du sollst..." etc. Nein, wie bei anderen Gesetzen beschreibt es bei bestimmten Handlungen die Folgen. Mit dem "um so größer... je mehr" in verschiedener Stärke.
Niemand muß auf die Verwirklichung des Gesetzes warten; so wie heute geteilt oder nicht geteilt wird, lebt es bereits unter den Menschen.

Vergleicht man es mit dem marktwirtschaftlichen Gesetz von Adam Smith (s. Einleitung), so fällt auf, daß beide sich widersprechen. Im Grunde geht es in beiden Gesetzen um den Egoismus der Menschen. In dem einen soll der Egoismus das Gesamtwohl fördern, in dem anderen nicht. Bilanziert man vergangene Jahrhunderte, so halte ich das Gesetz von Smith für falsch. Als Smith lebte und noch lange danach wurde der geschäftsmäßige Egoismus stärker durch religiöse Moralvorstellungen begrenzt. Für unsere heutige Zeit finden die Menschen immer weniger in einer Religion Impulse für ihr wirtschaftliches Handeln. Jeder "kämpft" fast ausschließlich für sein eigenes Wohl. Nächstenliebe und Gewinnstreben sind anscheinend zwei Welten ohne verbindende Brücke. Nach Smith müßten wir also den "Himmel auf Erden" haben oder alle schon Engel sein.

Offenbar sitzen wir mit dem freien Markt und der unsichtbaren (göttlichen) Hand, die den Egoismus zum Guten fügen soll, einer bequemen Illusion auf. Nicht nur das, wir versuchen sie auch noch über den Globus hin zu verbreiten. Mit "Erfolg"!
Je eher wir unseren Horizont erweitern und den Egoismus nicht für den einzig möglichen "Motor" der Wirtschaft halten, umso besser für uns.


Weshalb soll das Soziale Hauptgesetz richtig sein, ist denn der Mensch von Natur aus kein Egoist?

Im Menschen leben zwei keimhafte Impulse: Egoismus und Selbstlosigkeit (Altruismus). Seine Seele kann sich stärker dem einen oder dem anderen zuneigen. Wer allerdings nur für sich arbeitet, muß allein durch diese äußere Situation dem Egoismus verfallen. Sicher können viele, innerlich starke Menschen auch unter den bestehenden Verhältnissen Selbstlosigkeit entwickeln. Ein allgemeiner moralischer Wandel wird aber erst durch "moralische Einrichtungen" erleichtert.

Die Selbstlosigkeit kommt stärker zur Entfaltung, sofern wir ihr auch äußerlich bessere Rahmenbedingungen verschaffen. Wird jedoch der Egoismus zum Antrieb der Wirtschaft vorausgesetzt, so verkümmern nach und nach die jedem Menschen von Geburt aus mitgegebenen "Keime" zu selbstlosem Handeln
Das Soziale Hauptgesetz ist somit kein Aufruf nur zur bloßen moralischen Änderung. Nein, wir sollen möglichst die Wirtschaft so einrichten, daß der eigene Lebensunterhalt weitgehend von der persönlichen Arbeitsleistung getrennt wird. Die Einrichtungen wirken dann gewissermaßen automatisch nach und nach den Egoismus vermindernd.
Dazu hatte Steiner schon 1905 aufrufen wollen. Mangels Verständnis konnte er erst - wie gesagt - etliche Jahre später mit konkreten Ansätzen beschreiben, welche Einrichtungen nötig sind, damit die Menschen vom Egoismus los kommen. Diese Einrichtungen finden sich auf den folgenden Seiten.


Die Unzeitgemäßheit der Selbstversorgung

Der Anachronismus einer Mentalität zur Selbstversorgung wird in unserer Zeit immer offenbarer. Dennoch halten viele daran fest, da das genannte Gesetz des Marktliberalismus ja geradezu dazu auffordert. Steinzeitliche Verhaltensweisen kommen somit in Widerspruch zu den Auswirkungen neuzeitlicher Wirtschaft. Eine dieser Auswirkungen ist die durch Arbeitsteilung hervorgerufene Verbilligung der Waren und Dienstleistungen.


Je mehr ein arbeitsteilig erstelltes Produkt ein inneres Potential zur Rationalisierung bietet, desto teuerer ist es auf Dauer für den einzelnen, dieses auf selbstversorgerischem Wege herzustellen.


" Nicht ein Gott, nicht ein sittliches Gesetz, nicht ein Instinkt fordert im modernen wirtschaftlichen Leben den Altruismus im Arbeiten, im Erzeugen der Güter, sondern einfach die moderne Arbeitsteilung.

Je weiter die Arbeitsteilung vorrückt, desto mehr muß das kommen, daß immer einer für die anderen arbeitet, für die unbestimmte Sozietät arbeitet, niemals für sich. Das heißt aber mit anderen Worten: Indem die moderne Arbeitsteilung heraufgekommen ist, ist die Volkswirtschaft in Bezug auf das Wirtschaften darauf angewiesen, den Egoismus mit Stumpf und Stiel auszurotten. Bitte, verstehen Sie das nicht ethisch, sondern rein wirtschaftlich! Wirtschaftlich ist der Egoismus unmöglich. Man kann nichts für sich mehr tun, je mehr die Arbeitsteilung vorschreitet, sondern man muß alles für die anderen tun."340.47 u. 46

Rudolf Steiner hat versucht, dies an einem Beispiel eines Schneiders bei der Herstellung eines Anzugs für den eigenen Bedarf zu erläutern:

"Dasjenige, was er (der Schneider, wb) für sich selbst erzeugt, nimmt nicht Anteil an der Verbilligung, die durch die Arbeitsteilung hervorgerufen wird, ist also teurer. Wenn er auch nichts dafür bezahlt, ist es teurer. Es ist einfach aus dem Grunde teurer, weil er in die Unmöglichkeit versetzt ist, bei dem, was er für sich selbst braucht, nur so viel Arbeit aufzuwenden, wie er für das braucht, was dann in die Zirkulation übergeht, dem Wert gegenüber."340.45

Dies mag für jeden, der noch mit dem Gefühl in der Selbstversorgung steckt, völliger Unsinn sein (i.S.v. "Mach ich doch selbst, kostet nichts"). Der soziale Organismus ist aber über die Stufe der reinen Tauschwirtschaft hinaus. Wirtschaften im modernen Sinn heißt, Fähigkeiten ausbilden, sich auf ein besonderes Arbeitsfeld konzentrieren und sich so gemeinschaftlich einbringen. Wir teilen nicht mehr allein Waren, wir teilen Fähigkeiten.

Allerdings ist eine arbeitsteilige Rationalisierung im Bereich der naturnahen Erzeugung, insbesondere Landwirtschaft, Forst, Fischerei etc. weniger möglich, weshalb der Selbstversorgung hier tendenziell eine stärkere Bedeutung verbleibt. Dies hat aber die Folge von langfristig teureren Preisen im Bereich der Urerzeugung und ist der Grund für ein auf Ausgleich gerichtetes "Bilanzverhältnis" zwischen Landwirtschaft und Industrie. Dazu an anderer Stelle mehr.