Der Zins - ein Mittel zur Ausbeutung?



Ist jeder Zins für die Zukunft prinzipiell abzulehnen, weil er allein ein leistungsloses Einkommen, eine reine Rentenbildung ohne Gegenleistung darstellt?
Oder könnte es sein, daß der Zins aus einer historischen Entwicklung heraus sowohl werttheoretisch begründbare Bestandteile als auch Bestandteile zur reinen Rentenbildung einschließt? Vor einer Antwort sei hier wieder eine kurze historische Betrachtung der Tauschverhältnisse eingefügt:




Der Naturaltausch und der frühe Leihvorgang beruhten beide auf einer starken Gegenseitigkeit. Der eine an Güter, der andere an Geld gebunden, das man sich in menschlicher Gegenseitigkeit bei Bedarf ohne Zins geliehen hat. Der Nachteil dieser Art Gegenseitigkeit war eine persönliche bzw. sachliche Bindung. In der Kaufsphäre waren beschwerliche Zwischentauschvorgänge und eine "Lagerhaltung" nötig. In der Leihsphäre mußte der Kreditsuchende sich um Vertrauen und Fürsprecher bemühen (Kredit von lat. credere = glauben, vertrauen).
Diese Art Starrheit hat der menschliche (Erfindungs-)Geist zur Rationalisierung der Tauschprozesse zu überwinden versucht.

In der weiteren Wirtschaftsentwicklung wurde die direkte Gegenseitigkeit durch das Geld bzw. den Zins abgelöst:


"Ursprünglich ist das Entgelt des Leihens bloß die Voraussetzung, daß einem der Beliehene wieder leiht, beziehungsweise wenn er einem nicht wieder leiht, wenigstens beim eigenen Leihen hilft, wenn man ihm beim Leihen (als Bürge, wb) geholfen hat. Es kommt gerade, wenn es sich um das Leihen handelt, die menschliche Gegenseitigkeit in einer ganz eklatanten Weise in den volkswirtschaftlichen Prozeß hinein.

Was ist denn dann, wenn die Dinge so sind, der Zins? Der Zins - das ist übrigens schon von einzelnen Volkswirtschaftern bemerkt worden -, der Zins ist dasjenige, das ich bekomme, wenn ich auf die Gegenseitigkeit verzichte, wenn ich also jemand etwas leihe und ausmache mit ihm, daß er mir niemals etwas zu leihen braucht; dann, wenn ich also auf diese Gegenseitigkeit verzichte, dann bezahlt er mir dafür den Zins. Der Zins ist die Ablösung geradezu für etwas, was zwischen Mensch und Mensch spielt, ist die Vergeltung für dasjenige, was im volkswirtschaftlichen Prozeß als menschliche Gegenseitigkeit spielt. (...)

Wo viel geliehen wird, da haben wir drinnen dieses Prinzip der Gegenseitigkeit, das aber nun abgelöst werden kann durch den Zins. Dann haben wir im Zins die realisierte Gegenseitigkeit. Wir haben sie nur in die abstrakte Form des Geldes verwandelt. Aber die Kräfte der Gegenseitigkeit sind eben einfach der Zins, sind metamorphosiert, sind etwas anderes geworden. Was wir da ganz deutlich sehen beim Zinszahlen, das findet aber überall im volkswirtschaftlichen Prozeß statt. "
340.147f.

In diesem Sinne läßt sich der Zins als der Preis für den Verzicht auf die Gegenleihe bezeichnen. Mit dieser Vereinfachung entwickelte sich aber die problematische Tendenz, daß der Leihvorgang zu einem Bankgeschäft wurde, dem immer mehr die ursprüngliche Gegenseitigkeit abhanden kam.

Wie das Geld heute als eine dauerhafte Wertaufbewahrung angesehen wird, so soll ein Leihkapital dauerhaft verzinsbar sein. In beiden Fällen wird jedoch verkannt, daß die "Buchungsseite" nie dauerhafter sein kann als die reale Werteseite.

Die Gegenseitigkeit kann im Zins erst wiedergefunden werden, wenn wir die Vergänglichkeit der Leistung, für die der Kreditnehmer das Geld leiht, beim Kreditzins berücksichtigen.
Es kann aber nicht im Sinne ursprünglicher Gegenseitigkeit sein, daß ein Kredit einen Zins hat, der nicht vergänglich und begrenzt ist, wie die dem Kredit zugrundeliegende Investition. Sonst bezahlt der Kreditnehmer länger Zinsen als die Investition für die Zukunft kalkuliert war. Dies heißt nichts anderes, als daß die Zinsen eine der Abnutzung der Produktionsmittel entsprechende Minderung erfahren müssen.

Genau das ist aber in der Gegenwart nicht Bankpraxis, d.h. die Bankzinsen auf Guthaben sind Dauerzinsen. Die Kredite werden zur "Dauermelkung" wo Tilgung und Zins voneinander entkoppelt werden. Insbesondere entbehrt der Zinseszins jeder realwirtschaftlichen Grundlage, so daß - wie im Beispiel mit dem Josephspfennig - Werte und Geld schnell "auseinanderdriften".

Es geht also beim Zins darum, ihn nicht ganz abzuschaffen, sondern ihn so zu gestalten, daß er Ausdruck einer neuen menschlichen Gegenseitigkeit wird.



Die Abschaffung des Zinses untergräbt die Funktion des Leihgeldes. Zur Verdeutlichung füge ich zwei Fragenbeantwortungen Steiners von 1919 an:

"Herr Münzing:
Ich möchte in erster Linie auf etwas zu sprechen kommen, was in dem Buch " Die Kernpunkte der sozialen Frage " steht. Es heißt da auf Seite 78: " Was an Kapitalvermehrung durch die Produktionsmittel - nach Abzug des rechtmäßigen Zinses - entsteht, das verdankt seine Entstehung der Wirkung des gesamten sozialen Organismus." - " Nach Abzug des rechtmäßigen Zinses " - da möchte ich doch bitten, mir zu sagen, was ich darunter verstehen soll. Nach meiner Auffassung läuft die ganze Frage, die sich um Kapitalismus und Sozialismus dreht, schließlich hinaus auf die Worte: " Geld trägt Zinsen, Kapital trägt Zinsen."

Wenn wir näher auf den Gedanken eingehen, können wir immer wieder finden, daß sich das Geld in Wirklichkeit in der Art unterscheidet, daß es Zinsen trägt, ohne daß das Geld arbeitet. Das muß uns als Arbeiter direkt anwidern, wenn wir hören: Geld arbeitet. Wer arbeitet? Doch nicht das Geld! Das Geld wird benutzt, damit andere arbeiten, um den Zins herauszuholen. Es gibt heute Anschauungen, die sagen: Die soziale Frage läßt sich lösen durch Abschaffung des Handelsprofits und dergleichen, und noch viele andere Rezepte gibt es zur Lösung der sozialen Frage. - Ich glaube, daß die Lösung der sozialen Frage allein dadurch vollbracht werden könnte, daß die Parteien vorschreiben würden: Zins verboten! -
Das berührt auch die Kriegsanleihe und das Geld auf der Sparkasse. Ich möchte bitten, diesen Gedanken, wenn er auch nicht zum Thema des heutigen Abends gehört, zu durchdenken. Wenn heute eine Regierung käme, die sagen würde, das Geld trägt keine Zinsen mehr, so würde die ganze Sachlage sofort verschoben werden. Die ganzen Warenteuerungen haben schließlich ihren Grund darin, daß das Kapital auf der Sparkasse Zinsen trägt, daß das Geld arbeiten muß. Ich vermisse auf allen Programmen gerade diese einfache Forderung der Abschaffung des Zinses. Und ich möchte Herrn Dr. Steiner diesbezüglich um Auskunft bitten. Ich bin ein Neuling, aber diese Frage ist mir immer wieder begegnet. In diese Frage gehört auch der Mietzins hinein. Der müßte dann derart bezahlt werden, daß gewisse Abnützungen eines Hauses bezahlt würden, denn ein Haus verliert ja an Wert durch die Benützung. (...)

Rudolf Steiner:
(...)
Wenn man so etwas zitiert, wie den Satz vom Zins, so bitte ich zu berücksichtigen, daß in jedem Satz meines Buches angestrebt ist, ehrlich das zu sagen, was wirklich ist, und daß in meinem Buch streng abgewiesen wird alles das, was Zins vom Zins sein soll. Also, ein wirkliches Wachstum des Kapitals, wie es heute der Fall ist, wo sich ein Kapital in fünfzehn Jahren verdoppeln kann, ist unmöglich, wenn jene Wirklichkeit eintritt, wie ich sie in meinem Buch schildere. Aber ich spreche allerdings von einem rechtmäßigen Zinsverhältnis. Hierbei bitte ich zu berücksichtigen, wie ich in meinem Buch vom Kapital spreche. Denn sehen Sie, es ist leicht, den Leuten etwas vorzumachen, indem man ihnen sagt: Wenn man allen Zins abschafft, dann kommt das Richtige heraus. - Es handelt sich bei allen diesen Dingen nur darum, ob man es kann. Und ich habe nur solche Dinge beschrieben, die wirklich durchgeführt werden können. Bedenken Sie, wie die Sache steht. Das Geld bekommt, wenn die Dinge verwirklicht werden, die in meinem Buch stehen, einen gewissen Charakter. Ich habe das manchmal Freunden gegenüber etwas banal so ausgedrückt, indem ich gesagt habe: Das Geld wird in der Wirtschaftsordnung, die in meinem Buch gemeint ist, zum ersten Mal wirklich stinkend.

Was heißt das? Das heißt das Folgende: Wenn ich Wirklichkeiten erwerbe - das Geld an sich ist keine Wirklichkeit, sondern nur dadurch, daß die Machtverhältnisse entsprechende sind, ist das Geld eine Wirklichkeit -, wenn ich also Wirklichkeiten erwerbe, so unterliegen diese dem Gesetz des Verbrauchtwerdens. Kapitalismus in realem Sinn haben wir ja nicht bloß innerhalb der Menschenwelt, sondern auch in der Tierwelt. Wenn der Hamster hamstert, wenn er seinen Wintervorrat anlegt, dann ist das sein Kapital für die nächste Zeit, nur hat es die Eigenschaft, daß man es nur in der nächsten Zeit brauchen kann, sonst würde es zugrunde gehen. Und wir haben es in unserer kapitalistischen Wirtschaftsordnung dazu gebracht, daß wenigstens für gewisse kurze Zeiträume das Geld den Charakter aller übrigen Wirklichkeiten verloren hat. Was tun wir denn, wenn wir die Zinsen ausrechnen? Wir multiplizieren das Geld mit Prozenten und Zeit und dividieren durch hundert. Dadurch bekommen wir den Zins heraus. Dadurch haben wir mit unwirklichen, mit Scheingebilden gerechnet! Wir haben mit dem gerechnet, was wir als Repräsentanten der Wirklichkeit hingestellt haben. Das, was durch Kapital produziert wurde, kann längst unbrauchbar geworden sein, kann sogar ganz und gar nicht mehr vorhanden sein, und dennoch kann man nach unseren Machtverhältnissen ausrechnen: Kapital mal Prozente und Zeit dividiert durch hundert. [... In der Zukunft handelt es sich darum, daß man sich dessen bewußt ist, wenn man ein Unternehmen, einen Betrieb gründet - und dies muß ja immer wieder geschehen, da sonst der ganze Entwicklungsprozeß der Menschheit zum Stillstand kommen würde -, daß immer die vergangene Arbeit Verwendung findet in der künftigen Arbeit.]

Sehen Sie, wenn Sie einen neuen Betrieb aufbauen, dann müssen Sie neue Arbeiter anstellen, gleichgültig ob dies nun die Gesellschaft oder ein einzelner tut. Früher war es der einzelne, künftig wird es sich aus der Struktur der Gesellschaft heraus ergeben. Sie müssen also Arbeiter anstellen. Diese müssen sich, wenn man einen Betrieb aufbaut, der noch nichts in die Gesellschaft hineingeben kann, aber ernähren, müssen sich kleiden. Es muß dann also, damit dieser Betrieb entstehen kann, schon früher gearbeitet worden sein. Also, es muß die Möglichkeit geschaffen sein, daß frühere Arbeit für spätere Leistungen verwendet wird. Das ist aber nicht anders möglich, als daß, wenn meine frühere Arbeit in eine spätere Leistung einfließt, ich einen gewissen Nutzen davon habe. Denn in Wahrheit arbeite ich zum Beispiel, sagen wir, heute ganz ordentlich, und auf welchem Wege ist gleichgültig, aber von dem, was ich heute arbeite, wird in zehn Jahren irgendein neuer Betrieb gebaut. Das kommt dazu. Wenn ich heute arbeite, muß ich auch etwas für meine Arbeit haben. Es wird nur die Arbeit aufgespart für das nächste. Und das ist es, was ich rechtmäßigen Zins nenne, und ich habe es so genannt, weil ich eben in meinem Buch ehrlich sein will, weil ich keinen billigen Erfolg dadurch haben will, daß ich Weiß Schwarz nenne. Im Wirtschaftsleben muß vergangene Arbeit für künftige Leistungen verwendet werden. So wie Arbeiten in der Gegenwart eine Gegenleistung haben, so müssen sie auch in der Zukunft, wenn sie aufgespart werden, eine Gegenleistung hervorrufen. Das Wirtschaftsleben macht es notwendig, daß vergangene Arbeit in der Zukunft verwendet wird. Nehmen Sie dazu, daß das Kapital sich nach und nach aufzehrt. Während sich jetzt das Kapital in fünfzehn Jahren verdoppelt hat, wird es in Zukunft nach fünfzehn Jahren ungefähr aufhören zu existieren. Der umgekehrte Prozeß findet statt! Wie die anderen Dinge stinkend werden, so auch das Geld. So trägt das Kapital keine Zinsen, aber es muß die Möglichkeit geschaffen werden, daß das, was früher gearbeitet wurde, in einer künftigen Leistung enthalten ist. Dann müssen Sie auch den Lohn dafür haben. Ich hätte es [in meinem Buch] Lohn nennen können, aber ich wollte ganz ehrlich sein und wollte zum Ausdruck bringen: Wirtschaften besteht darin, daß vergangene Arbeit in künftige Leistungen hineingesteckt wird, und da nenne ich die dafür gerechte Vergütung den Zins. Deshalb habe ich aber auch ausdrücklich gesagt: Es gibt keinen Zins vom Zins. Den kann es nicht geben, ferner auch nicht ein beliebiges Arbeitenlassen des Kapitals. Das Geld wird stinkig. Es geht ebenso wie andere Dinge, wie Fleisch und dergleichen, verloren. Es ist nicht mehr da, es arbeitet nicht weiterhin. Wenn Sie die Dinge so nehmen, wie sie in meinem Buch stehen, so müssen Sie überall bedenken, daß ich von dem ausgehe, was möglich ist und was wirklich werden soll, und nicht von Forderungen, die so entstehen, daß man sich sagt: Wir schaffen dies und Jenes ab. Ja, meine werten Anwesenden, es könnte schließlich auch jemand auf die verrückte Idee kommen und sagen: Wir schaffen den Fußboden ab. - Dann würden wir nicht mehr gehen können! Man kann nicht Dinge abschaffen, die im wirklichen Wirtschaftsleben oder in anderen Bereichen einfach notwendig sind. Man muß die Dinge nehmen, wie sie sind, dann allein ist man ehrlich. Ich verspreche den Leuten nicht das Blaue vom Himmel herunter, sondern ich will von den wirklichen Lebensbedingungen des sozialen Organismus sprechen. Und so wollte ich hier sprechen von dem, was wirklich durchgeführt werden kann, und das wird schon dasjenige sein, was herbeiführt auch das, was unbewußt den Forderungen der breiten arbeitenden Masse zugrunde liegt. Und es ist besser, wenn man diese Forderungen aus der Kenntnis der Wirklichkeit heraus zu erfüllen trachtet, als wenn man die Menschen mit bloßen Versprechungen einlullt. "
331.182ff.



"Wie stellt sich Herr Dr. Steiner zur Zinswirtschaft und zum arbeitslosen Einkommen?

Ich habe - nicht in polemischer Form, aber in aufbauender Form - ja darüber gehandelt in meinem Buche " Die Kernpunkte der sozialen Frage ". Mir ist vielfach vorgeworfen worden, daß der Zins nicht ganz geschwunden sei aus dem, was mir als soziale Struktur der menschlichen Gesellschaft vorschwebt. Nun scheint es mir, daß es ehrlicher ist, auf den Boden der Wirklichkeit sich zu stellen und das Mögliche und Notwendige wirklich zu betonen, als auf irgendeinen nebulosen Boden, auf dem man bloß Forderungen aufstellt. Ich habe in meinen " Kernpunkten der sozialen Frage " versucht zu zeigen, daß ja durchaus das Arbeiten mit Kapital notwendig ist. Man kann nicht ohne Kapitalansammlungen große Betriebe schaffen, überhaupt im heutigen Sinne keine Volkswirtschaft zustandebringen. Ob nun dieses Kapital in Geldform gedacht wird oder in anderer Form, das ist ja eine Sache für sich. Die meisten Menschen begehen, indem sie sich über die soziale Frage hermachen, sehr häufig den Fehler, daß sie nur die Gegenwart gewissermaßen wie einen einzigen Augenblick ins Auge fassen und für diesen einzigen Augenblick nachdenken: Wie ist da das Wirtschaftsleben zu gestalten? -

Aber wirtschaften heißt zu gleicher Zeit, mit dem in einem gewissen Zeitpunkt Gewirtschafteten eine Grundlage für das Wirtschaften der Zukunft schaffen. Ohne daß man irgendwie eine Grundlage für die Zukunft schafft, würde man die Kontinuität des Wirtschaftslebens nicht aufrechterhalten können, das Wirtschaftsleben würde immer abreißen. Das begründet aber nicht Zins aus Zinserträgnissen, wohl aber Zinserträgnis, weil die Möglichkeit bestehen muß, daß immer in irgendeinem Zeitpunkt so viel gearbeitet wird, daß aus dieser Arbeit Leistungen entstehen, die auch einer zukünftigen Arbeit wieder dienen können. Das ist nicht zu denken, ohne daß der Betreffende für das, was er für die Zukunft leistet, eine Art von Äquivalent erhält, und das würde eine Art von Zins bedeuten. Ich hätte es auch anders nennen können, wenn ich hätte schmeicheln gewollt denen, die heute wettern über Zins im Einkommen. Aber es schien mir ehrlicher, die Sache so zu benennen, wie sie in der Wirklichkeit ist. Es ist notwendig, daß diejenigen, welche irgend etwas dazu beisteuern - das wird ja der einfachste Ausdruck für komplizierte Vorgänge sein - dazu, daß Kapital angesammelt, verwendet werden kann, daß diese ihre Arbeit, die sie aus der Vergangenheit, aus der Gegenwart her in die Zukunft leisten, auf diese Weise in die Zukunft vergütet erhalten. Zins in der Form, wie ich es schildere in meinen " Kernpunkten der sozialen Frage ", ist nichts anderes als Vergütung desjenigen, was in der Gegenwart geleistet worden ist, für die Zukunft.

Nun, bei solchen Dingen kommt aber natürlich immer in Betracht, was sonst im sozialen Organismus als ein notwendiges Glied mitenthalten ist. Es kommt beim Menschen zum Beispiel darauf an, daß er alle seine Glieder hat, denn sie wirken alle zusammen. So kann man ein Glied auch nur verstehen aus dem gesamten Menschen heraus. So ist es auch im sozialen Organismus, daß man das Einzelne nur aus dem Ganzen verstehen kann. Wenn Sie sich an das erinnern können, was ich mit Bezug darauf auseinandergesetzt habe, wie aufzufassen ist das Verhältnis des Bearbeitens von Produktionsmitteln, so werden Sie sehen, daß es sich dabei darum handelt, daß Produktionsmittel nur so lange etwas kosten, nur so lange verkäuflich sind, als sie nicht fertig sind. Sind sie fertig, bleiben sie allerdings bei dem, der die Fähigkeit hat, sie fertigzubringen; dann aber gehen sie durch rechtliche Verhältnisse über, sind also nicht mehr verkäuflich. Dadurch wird auch für das Geldvermögen eine ganz bestimmte Wirkung herauskommen. Es kommt nicht darauf an, daß man Gesetze macht, das Geld solle keine Zinsen tragen, sondern es kommt darauf an, daß Ergebnisse herauskommen, die dem sozialen Organismus entsprechen.

Dadurch wird das, was als Geldvermögen existiert, einen ähnlichen Charakter bekommen wie andere Güter. Andere Güter unterscheiden sich heute vom Gelde dadurch, daß sie zugrunde gehen oder verbraucht werden; das Geld aber braucht nicht zugrunde zu gehen. Über längere Zeiträume geht es ja auch zugrunde, aber in kürzeren Zeiträumen nicht. Daher glauben manche Leute, auch in längeren Zeiträumen halte es sich.

Es hat sogar Menschen gegeben, die haben Testamente gemacht, daß sie irgendeiner Stadt das oder jenes vermacht haben. Dann haben sie ausgerechnet, wieviel das nach ein paar Jahrhunderten ist. Das sind so große Summen, daß man dann damit die Staatsschulden eines sehr stark verschuldeten Staates zahlen könnte. Aber der Witz ist nur der, daß es dann nicht mehr da ist, weil es unmöglich ist, über so lange Zeiten das Geld in der Verzinsung zu erhalten. Dafür aber ist die regelrechte Verzinsung für kürzere Zeit aufrechtzuerhalten. Aber wenn im volkswirtschaftlichen Prozeß das einträte, daß tatsächlich Produktionsmittel nichts mehr kosten, wenn sie da sind, Grund und Boden tatsächlich Rechtsobjekte werden - nicht ein Kaufobjekt, nicht ein Wirtschafts-Zirkulationsobjekt -, dann tritt für das Geldvermögen ein, daß es, ich habe es öfter ausgedrückt, nach einer bestimmten Zeit anfängt einen üblen Geruch zu haben, wie Speisen, die verdorben sind und einen üblen Geruch haben, nicht mehr brauchbar sind. Einfach durch den wirtschaftlichen Prozeß selber stellt es sich heraus, daß Geld seinen Wert verliert nach einem bestimmten Zeitraume, der durchaus nicht etwa ungerecht kurz ist; aber es ist eben so. Dadurch sehen Sie, wie sehr dieser Impuls für den dreigliederigen sozialen Organismus aus den Realitäten heraus gedacht ist. Wenn Sie Gesetze geben, so geben Sie Abstraktionen, durch die Sie die Wirklichkeit beherrschen wollen. Denken Sie über die Wirklichkeit, so wollen Sie die Wirklichkeit so gestalten, daß sich die Dinge so ergeben, wie sie dem tieferen Bewußtsein des Menschen entsprechen. Ebenso ist in einem solchen Organismus, wie ich ihn denke, durchaus nicht das arbeitslose Einkommen als solches enthalten. Nur muß man über diese Dinge auch klare Begriffe haben. Was ist denn schließlich ein arbeitsloses Einkommen? In diesem Begriff " arbeitsloses Einkommen " steckt ja sehr, sehr viel von Unklarheiten drinnen, und mit unklaren Begriffen kann man wahrhaftig keine Reformen durchführen. Sehen Sie, für denjenigen, der " Arbeit " bloß Holzhacken nennt, für den ist ganz sicher ein arbeitsloses Einkommen dasjenige, was jemand für ein Bild erhält, das er malt, und dergleichen. Es ist nur etwas radikal ausgesprochen, aber so wird oftmals das sogenannte " arbeitslose Einkommen " durchaus beurteilt. Es setzt sich das, was wirtschaftliche Werten begründet, eben aus verschiedenen Faktoren im Leben zusammen. Es setzt sich zusammen erstens aus den Fähigkeiten der Menschen, zweitens aus der Arbeit, drittens aber auch aus Konstellationen, und es ist einer der größten Irrtümer, wenn man gar definiert hat, daß irgendein Gut, das in der wirtschaftlichen Zirkulation ist, nur " kristallisierte Arbeit " sei. Das ist es durchaus nicht. Über Arbeit habe ich mich ja in diesen Vorträgen ausgesprochen. Es kommt also darauf an, daß man überhaupt den Begriff der Arbeit nicht in irgendeiner Weise zusammenbringt, wie er heute vielfach zusammengebracht wird, mit dem Begriff des Einkommens. Sein Einkommen bekommt ja ein Mensch wahrhaftig nicht bloß dafür, daß er ißt und trinkt oder sonst irgendwelche leiblichen oder seelischen Bedürfnisse befriedigt, sondern auch dafür, daß er für andere Menschen arbeitet. Also es ist der wirtschaftliche Prozeß ein viel zu komplizierter, als daß man ihn mit so einfachen Begriffen sollte umfassen wollen. "
332a.208ff.



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Fortsetzung folgt