"Die Natur hat den Tod hervorgebracht, um viel Leben zu haben."
J. W. von Goethe

Kaufen - Leihen - Schenken - ein Kreislauf


Ähnlich der sozialen Dreigliederung wird hier eine neue Geldordnung beschrieben, die auf dem Verständnis beruht, daß alles Leben auf der Erde sich zwischen Polaritäten bewegt und über eine ausgleichende Mitte im Gleichgewicht gehalten wird.
Etwaige Wiederholungen aus dem Beitrag "Was ist Geld?" sollen das Thema aus einem neuen Blickwinkel weiter verdeutlichen.

Das an sich einheitliche Geld muß eine dreigliedrige Gestaltung bekommen, die erst in ihrer Gesamtheit dazu führt, daß sich der Wertekreislauf im Geldkreislauf als eine Art Buchführung der Weltwirtschaft spiegelt. Kommen die Werte zu einem Ende, so muß auch das Geld sterben.

Das vertrackte unseres heutigen "Einheitsgeldes" (in einer Parallele zum Einheitsstaat) ist, daß es drei ganz verschiedene Funktionen in eins zusammenfasst. Nachfolgend soll skizziert werden, wie sich diese Funktionen durch das Fortschreiten des menschlichen Geistes auf den geschichtlichen Stufen der Arbeitsersparnis ergeben haben:

1. Stufe: Arbeitsteilung und Kaufgeld
Mit der Anwendung des Geistes nicht allein auf die Natur, sondern auf die Arbeit, ergibt sich eine Steigerung der Herstellungskraft. Berufsbildung und die Teilung in Arbeitsschritte führen zu Spezialisierung, Kostenminderung, Arbeitsersparnis. Auf dieser Stufe der ersten Kapitalbildung entwickelt sich der Handel und aus der Ware das Kaufgeld.
2. Stufe: Geldkapital und Leihgeld
Der menschliche Geist rationalisiert nicht nur die Arbeit, sondern im Fortgang auch das den Leistungsaustausch ermöglichende Geld: Aus dem ursprünglichen Warengeld entwickelt sich Metallgeld, Münzgeld und später das Buchgeld. Immer aufwendigere Produktion erfordert eine zeitliche Trennung zwischen Einnahmen und Ausgaben, die zur Bildung des Kreditwesens und zum Leihgeld führen. Durch das Geldkapital schafft sich der menschliche Geist das Übertragungsmedium für weitere Formen der Wertbildung.
3. Stufe: Produktionskapital
Maschinen und Elektronik werden durch den menschlichen Geist zu einer Art "künstlichen" Natur, die zusammen mit neuen Energiequellen große Arbeitsersparnis bewirkt. Dieses Produktionskapital erlaubt durch die Massenfertigung weitere Kostensenkung und die Freistellung von Arbeitskräften. Durch diese Freistellung schafft der menschliche Geist die Voraussetzung zu einer Wertbildung neuer Art.
4. Stufe: Freies Geistesleben und Schenkgeld
Auf dieser Stufe entwickelt sich Arbeitsersparnis durch einen Verbrauch von Kapital durch Menschen, die nach den jeweiligen Bedürfnissen im Kultur- und Geistesleben ihr Auskommen finden. Dieser Verbrauch muß durch die Menschen in der produktiven Wirtschaft erspart werden, wozu der Geist in der Kapitalbildung auf den 3 vorhergehenden Stufen die Voraussetzungen schafft. Ein Kapitalverzehr ohne materielle Gegenleistung führt notwendig zum Schenkungsgeld. Das bewirkt eine mittelbare Arbeitsersparnis, d.h. die "Gaben" des freien Geisteslebens führen zu einer gesamtgesellschaftlichen Weiterentwicklung.

Die Kapitalbildung ist nicht Selbstzweck wie die Vervollkommenung der Produktion nicht letztes Ziel der Wirtschaft ist. Die Wirtschaft dient dem allgemeinen Kulturfortschritt, der nur möglich ist, wenn der Kapitalbildung (1.- 3. Stufe) auch ein Kapitalverzehr (4. Stufe) gegenübersteht. Wir stehen heute vor dem Problem, daß die Geldordnung diesen Kapitalverzehr nicht ausreichend bewirkt. Entsprechend bleibt auch ein Kulturfortschritt aus, da weitere Geldbildung nur weitere Geldbildung auslöst. So staut sich das Geld im Boden (Immobilien), in künstlichen Produktionsmitteln (Aktien) u.a., das Zinszahlungen als leistungslose Rente beansprucht und die realwirtschaftlichen Leistungen immer stärker von diesen (alten) Forderungen als vom (gegenwärtigen) Bedarf abhängig macht.


Der Versuch, die Kapitalbildung durch weitere Investitionen in neue geografische oder sachliche Gebiete rentabel "aufzuzehren", wird schon bald an die natürlichen Grenzen der Erde stoßen.

"In der Weltwirtschaft gibt es keine Korrektur, weil man vom Mond keine Artikel einführen kann. Sonst würde die Weltwirtschaft auch nur eine Volkswirtschaft sein, wenn man vom Mond oder der Venus und so weiter importieren und dahin exportieren könnte; aber darinnen besteht gerade die große Frage, was da wird aus der Volkswirtschaftslehre dadurch, daß die Erde eben ein geschlossenes Wirtschaftsgebiet wird."
340.179

"Es müßte daran gedacht werden, wenn zwangsmäßig ein geschlossenes Wirtschaftsgebiet da ist, wie es die Weltwirtschaft ist, daß gar nichts anderes geschehen könnte im volkswirtschaftlichen Sinn, als daß alles dasjenige, was sonst sich staut in Grund und Boden, in den geistigen Institutionen verschwindet. Es müßte in den geistigen Institutionen verschwinden, es müßte wirken gleich einer Schenkung. "
340.169


Die Schenkung


Die Schenkung ergibt sich als zwingende Notwendigkeit innerhalb der geschlossenen Weltwirtschaft:

"Sie können also tatsächlich sehen, wie die geistige Betätigung ... nicht den Prozeß (gemeint ist Wertbildung und Kapitalstau, wb) fortsetzt, sondern ihn zurückführt. Deshalb habe ich es immer als Kreislauf gezeichnet. Natur, Arbeit, Kapital - Natur, Arbeit, Kapital kehrt wiederum in sich zurück, und der ganze Prozeß ist aufgehoben, wenn es wiederum zu der Natur zurückgekommen ist."
341.63

"Nur dadurch wird die Sache organisch, daß die Dinge aufgebraucht werden (...) Ja, dieser Verbrauch des Kapitals, der ist ja etwas, was eben einfach herbeigeführt werden muß."
340.76f.


Mit Schenkung ist hier nicht ein bloßer moralischer Appell gemeint, ein Aufruf zu einem neuem Mäzenatentum. Nein, die Schenkung soll integraler Bestandteil einer neuen Geldordnung werden, damit der Kapitalbildung ein kompensierender Kapitalverzehr zur Seite gestellt wird. Dies wäre nicht nötig, würde der menschliche Geist nicht immer weiter zu Arbeitsersparnis führen und bewirken, daß immer weniger Menschen die materielle Versorgung für alle sicherstellen.

Wie soll durch die Geldordnung bewirkt werden, daß die Menschen Geld verschenken?
Zunächst ergibt sich eine Veränderung schon dadurch, daß in einem von staatlichen Einfluß befreiten Kulturleben die Bedürfnisse eine ganz andere Entwicklung nehmen werden, als heute unter staatlicher "Gängelung".

Hier berühren sich soziale und geldliche Dreigliederung. Je freier das Kultur- und Geistesleben wird, desto stärker wird ein menschliches Bedürfnis nach Bildung, Kunst, Wissenschaft u.a. entstehen. Das freie Bedürfnis wird den Weg ebnen, daß Menschen Geld an die Kultur verschenken. Das wirkt mittelfristig zurück auf die Wirtschaft:

"Diese freien Geistesmenschen haben nämlich die Eigenschaft, daß sie den 'Gritzi', die Geistigkeit, bei den anderen loslösen, daß sie ihr Denken beweglicher machen, und daß dadurch die anderen besser in die materiellen Prozesse einzugreifen vermögen."
340.94


Viele Menschen haben vergessen, daß Schenkungen (vor allem in Rahmen religiöser Bräuche) die kulturelle Blüte und den Bestand früherer Volksgemeinschaften bewirkt haben. So läßt sich erklären, daß das rituelle Schenkopfer lange vor dem Aufkommen eines Waren-Geldes große Bedeutung hatte. In diesem Zusammenhang ist der Hinweis Lietaers zum Einfluß von Schenkungen auf den Bestand einer Gemeinschaft interessant:

"Anthropologen fanden heraus, daß Gemeinschaft auf dem gegenseitigen Austausch von Geschenken basiert.(S.301) Merkwürdigerweise kam ich erst durch Anthropologen auf die Beziehung zwischen Geschenken und der Entstehung von Gemeinsinn.(S.302)Will man das Muster einer Gemeinschaft entflechten, macht man das Gegenteil dessen, was zu seiner Bildung beitrug. Diese Schlußfolgerung sollte niemanden überraschen. Daher formuliere ich die allgemeine Regel: Gemeinschaften zerfallen, wenn einseitige Geldgeschäfte den Gabentausch ersezten(S.307)"
Das Geld der Zukunft


Alterung durch Befristung


Können wir so von der sozialen und werttheoretischen Seite her der Notwendigkeit von Schenkungen zustimmen, so bleibt die Aufgabe, diese durch eine vernünftige Methode in die Geldordnung aufzunehmen. Hier schlägt Steiner vor, die Gültigkeit des Geldes zu befristen, d.h. das einzelne Geldzeichen erhält einen Ablauftermin. Einige anthroposophische Autoren schlagen vor, das Leihgeld allein zu befristen: .

...eine Datierung des Bargeldes weckt zwar Bewußtsein für reale Geldveränderungen, hat aber im Kaufgeldbereich nur Auswirkungen zum Stichtag seines Umtausches und dort auch nur im Falle gehorteten, d.h. also gesparten, aber nicht verliehenen Geldes."
Udo Hermannstorfer, Scheinmarktwirtschaft, S. 215


Die Befristung ist sicher in verschiedener Weise gestaltbar, doch wird es ihre Hauptaufgabe bleiben, den Übergang des Leihgeldes in den Bereich des freien Kultur- und Geisteslebens zu bewirken. Zusammen mit der Assoziationsbank bewirkt die Frist eine gesamtgesellschaftliche Verteilfunktion. Bleibt das Kaufgeld (um nicht nur das Bargeld anzusprechen) von der Befristung ausgeschlossen, so führt dies zu einer verwaltungsmäßigen Vereinfachung, setzt aber voraus, daß die Leihgeldsphäre (lt. Hermannsdorfer durch gleichfristige Sparbriefe) die Befristung "übernimmt". Auch Georg v. Canal hat ein Geldmodell mit bloßem Fristleihgeld entworfen (er nennt es Geldabschreibungsmodell, S. 216 - S. 227 Quelle s.u.) und schreibt dazu:

"Grundlage ist hierfür die Auffassung, daß sich der Vorteil des gegenwärtigen Geldes gegenüber den wirtschaftlichen Gebrauchgütern nicht auf dem Gebiet der Ware-Geld-Beziehung (Tauschverhältnis) darlebt, sondern sich dann ergibt, wenn das Geld als Vermögensmittel erscheint. Die Hortungsmöglichkeit, welche der Liquiditätstheorie als jene Eigenschaft des Geldes erscheint, die den Vorteil des Geldes gegenüber den Waren begründet, ist angesichts der Anlagemöglichkeiten im Leihbereich heute eine zu vernachlässigende «Anlageform»."
Geisteswissenschaft..., S. 217


Allerdings könnte die Befristung des Kaufgeldes in einer Übergangsphase die Menschen an die Geldalterung gewöhnen, bis es soweit in "Fleisch und Blut" übergegangen ist, daß dieser "wirtschaftpädagogische Effekt" zugunsten einfacherer Handhabung vernachlässigt werden kann. Eine flexibele Gestaltung muß nur an der Uridee eines ständigen Gleichgewichts, einer "Spiegelung", zwischen Geld und Werten festhalten (s. u. Basiskreislauf).

Als vorläufige Diskussionsgrundlage seien folgende Kreislaufskizzen vorgestellt:








Eine Geldbuchführung im Jahreszyklus


Schließlich noch eine weitere Variante einer Geldordnung im Jahreszyklus, die auf Alexander Caspar aus seinem Buch "Wirtschaften in der Zukunft" zurückgeht. Hierzu gibt es eine Ergänzung "Die Zukunft des Geldes", die Herr Caspar mir freundlicherweise im Manuskript überlassen hat und aus dem ich die folgende Skizze mit seiner Erlaubnis entnommen habe:



Gern denke ich bei einer neuen Geldordnung an eine Angleichung an den alten landwirtschaftlichen Jahreszyklus: Der Bauer behält von seiner Vorjahresernte immer einen kleinen Teil zurück, damit er Saatgut für das nächste Jahr hat. Dies nimmt er im Frühjahr, sät und pflegt eine neue Kultur und hat bei günstigem Wetter (und gutem Geschick) eine neue Ernte, die ihm seinen Lebensunterhalt bis zur nächsten Ernte sichert. Der Gleichklang zwischen Arbeit und Ertrag fand im Jahresrhythmus seinen Ausdruck. Heute lassen moderne Lagertechniken, Hybridsaatgut von großen Konzernen, Dünger- und Pestizideinsatz u.a. einen Ausgleich in Jahresfrist nur schwer erkennen.

Der Gleichtakt zwischen Geld- und Realwerten wird in dem System von Caspar durch eine Jahresbuchführung erreicht, bei der es auch keine Geldjahrgänge im Kaufgeldbereich zu verwalten gibt.

Wen dieses System interessiert, der besuche die Internetseite Gemeinsinn.