Hat das Leben im Dorf eine Zukunft?



Ich bin in einem überwiegend landwirtschaftlich geprägten Dorf in Ostwestfalen aufgewachsen. Daher interessiert mich die Frage, ob ich aus der Anthroposophie und besonders aus der Dreigliederung eine Orientierung gewinnen kann.

Vorweg: Was ich hier äußere ist mein persönlicher Standpunkt und läßt sich nicht explizit als festes Konzept der Dreigliederung verstehen. Das gibt es auch nicht. Dies ist mein Versuch die ursprünglichen Ideen auf die heutige Zeit zu übertragen.

Hat also das Dorf, das dörfliche Leben eine Zukunft?
Ich finde, daß diese Frage von sekundärer Bedeutung ist. Wer fragt danach, ob das Leben in der Stadt eine Zukunft hat? Kann es eine Zukunft des Dorfes geben, ohne eine Aussicht für die Stadt - oder umgekehrt? Wünschen wir nicht immer der Lebensform eine Zukunft, mit der wir uns verbinden können? Ich glaube, daß es einen übergeordneten Gesichtspunkt geben muß, der sowohl für die Menschen in der Stadt wie auch für die Menschen im Dorf eine Perspektive bietet.

Die Fronarbeit des Mittelalters, die die Menschen aus der Gewalt ihrer Lehnsherren vom Land in die Stadt fliehen ließ, um frei zu werden, die gibt es mit Abschaffung der Sklaverei nicht mehr. Dafür gibt es jetzt menschenunwürdig bezahlte Lohnarbeit. In den Städten hat der menschliche Geist die handwerkliche Arbeitsteilung weiterentwickelt und so eine neue Zusammenarbeitsform (im weitesten Sinne auch Lebensform) geschaffen: die Fabrik

"Zum Dorf und zur Kirche ist das Land und die Stadt hinzugekommen. Die wurden beherrscht mit einem sozialen Denken. Die Fabrik gehört nicht mehr zur Stadt. Die Fabrik ist ein neues soziales Gebilde. Die Fabrik ist aber auch herausgestellt wie ein besonderer Dämon aus der ganzen Weltordnung. Die Fabrik hat nichts Geistiges mehr an sich. Da muß das Geistige von der anderen Seite hergebracht werden. "
305.221


Die Stadt und die auf ihr bauende Technik, Maschinisierung haben den Menschen freier gemacht, aus alten Bindungen gelöst. Die größere Freiheit wurde mit dem Verlust dieser Gesellschaft und Ökonomie ordnenden Weisheit, mit mehr Abstraktheit, mit der größeren Entferntheit zur Natur "erkauft":

"Der Mensch in der theokratischen Ordnung war hingestellt zum Boden, zum Grund und Boden; mit dem war er zusammengewachsen. Und er fühlte, wie er mit diesem Boden zusammenwachsen kann, wenn eben die theokratische soziale Ordnung hinter ihm ist. Das Zentrum, der Mittelpunkt, war die Stätte, wo die Inspirierten die Direktive abgaben, was in späterer Zeit das Dorf wurde mit dem umliegenden Grund und Boden und mit der Kirche. Im Laufe der menschheitlichen Entwickelung kam die Stadt. Die Stadt ist aus der sozialen Ordnung der Jurisprudenz heraus entstanden. Jetzt hat man nicht den Gegensatz Bauer und Priester, jetzt hat man den Gegensatz Stadt und Land.
Das ist aber ganz in juristische Kategorien hinein verwebt. Aus diesen juristischen Kategorien heraus haben aber auch noch diejenigen gedacht, die dann den sozialen Organismus Stadt und Land zusammenfaßten als Staat; so haben sie auch noch gedacht von Adam Smith und John Stuart Mill bis Karl Marx. Da herrschen überall abstrakte, juristische Kategorien, wenn sie auch kritisch behandelt werden bei Karl Marx - bei Adam Smith positiv, bei Karl Marx negativ -, aber er arbeitet ganz in juristischen Begriffen. Diese juristischen Begriffe sind Allgemeingut geworden jetzt derjenigen Menschheit, die mit nichts mehr verknüpft ist.
Der Bauer war verknüpft mit dem Grund und Boden. Der Händler, der Gewerbetreibende war verknüpft mit dem anderen Menschen. Man studiert das nur nicht ordentlich, wie der Mensch dem anderen Menschen wert wurde, wenn er ihm etwas kaufte oder verkaufte, das er selber verfertigt hatte, mit dem er noch zusammenhing. Da war maßgebend dasjenige, was juristisch gedacht war. Da war maßgebend für den gerechten Preis dasjenige, was von Mensch zu Mensch wirkt, was sich abspielte zwischen Stadt und Land, die Gegenseitigkeit, dasjenige, was Mensch und Mensch untereinander abzumachen haben.
Nun kam die Zeit, wo die Menschheit der Maschine, der Technik gegenüberstand. Der Mensch insbesondere, der nun hineingestellt ist in die maschinelle Welt, der ist herausgerissen aus allen früheren Verhältnissen, hängt nicht mehr mit Grund und Boden zusammen, hängt nicht mehr zusammen mit dem, was gegenseitig spielte zwischen Mensch und Mensch, in der Zeit, wo Handel und Gewerbe dominierten. Er ist auf seine Menschlichkeit gestellt.
Und dabei ist das so, daß sich die soziale Struktur mit großer Abstraktheit entwickelt. Der Unternehmer steht da, und er hat im Grunde genommen bloß die Möglichkeit, mit der Bilanz zu rechnen, mit demjenigen zu rechnen, was sich ergibt aus der Unternehmung, denn alle übrigen Faktoren entziehen sich seiner Beobachtung. Er steht ja gar nicht mehr in Beziehung zum Menschen; er steht in Beziehung zu dem, was vom Menschlichen in die Bücher hineingegangen ist. "
305.213ff.


Mit der Fabrik, der industriellen Arbeitsteilung, ist etwas in unser Leben eingezogen, das ohne eine neue Vernunft auf die Lebensverhältnisse zerstörerisch einwirken kann. Solange Gewinnmaximierung und "survival of the fittest" noch nicht durch neuen Geist, durch gemeinsam entwickelte Vernunft abgelöst ist, wird es auch wirklich zu Zerstörung und Unfrieden kommen. Ein neuer Geist kann u.a. aus den Ideen der Dreigliederung entstehen. In Assoziationen werden die Menschen einen neuen partnerschaftlichen, das allgemeine wirtschaftliche Wohl fördernden Geist entwickeln. Das wird eine Teamarbeit sein; ein einzelner kann die Wirtschaft gar nicht überschauen. Menschen verschiedenster "Pole" müssen ihren Sachverstand einbringen: Hersteller und Verbraucher, Städter wie Dörfler, Alte wie Junge

Komme ich also noch mal auf die Titelfrage zurück, dann kann ich sagen: Die Menschen im Dorf (wie in der Stadt) haben nur eine Zukunft, wenn sie sich in menschenwürdiger, assoziativer Weise an der weltweiten Arbeitsteilung beteiligen und diese helfen fortzuentwickeln.

Von der Rechtsseite her müssen die Bedingungen der Arbeit menschenwürdig auf demokratischem Wege vereinbart werden. Von der Wirtschaftsseite her gibt es zwei Hauptaufgaben:

Dabei ist die Besonderheit zu berücksichtigen, daß menschlicher Geist die industriell-städtische Arbeit schneller verbilligt, als die dörfliche Arbeit in der Urerzeugung (Landbau, Fischerei, Forst, Bergbau etc.), was bei fehlendem Ausgleich dauernde Einkommenseinbußen für alle Urerzeugung mit sich bringt (mehr dazu) und das Stadt-Land-Verhältnis belastet. Dies ist auch der Grund, weshalb Steiner empfiehlt, in den Assoziationen zunächst Landwirtschaftsbetriebe mit Industrieunternehmen zu verbinden.

Freiheit und Bewußtheit sind die Schlüssel für eine moderne Gestaltung des Stadt-Land-Verhältnisses.


Wie früher eine instinktive, eine unbewußte Vernunft, in der wirtschaftlichen Organisation lag, so lag auch unbewußtes in den Verbindungen der Menschen in Familien, Großfamilien, Zünften usw.:

"Wenn wir nach älteren Organisationen fragen, so können wir eigentlich eines als den Impuls solcher Organisationen hinstellen: das menschliche Blut, die Blutzusammengehörigkeit. Wenn wir in ältere Zeiten sehen, sehen wir zusammengehörige Stämme, zusammengehörige Großfamilien. Das, was zusammengehört, ist eigentlich organisiert aus menschlichen Tiefen heraus durch das Blut. Das bedingt, daß das Organisationsprinzip vielfach ein Unterbewußtes ist, daß es nicht vollständig ins Bewußtsein heraufkommt. Die Menschen sind dabei beim Organisieren, aber es dringt nicht ins Bewußtsein herauf. Es wirken höhere Geister als der Mensch bei diesem Organisieren mit.

Heute sind wir eben vor diese Notwendigkeit gestellt, das, was früher unbewußt geschehen ist, das heißt, vielfach von höheren Geistern, als der Mensch ist, aus dem menschlichen Bewußtsein heraus selber zu vollziehen. Wir wollen uns bewußt zusammenschließen in Assoziationen, in Organisationen zur Förderung der sozialen Arbeit. Dasjenige, was die Menschen zusammengeschlossen hat aus dem Blute heraus, verliert allmählich seine Bedeutung.

Die beobachtete, die erkannte Sache, das Objektive muß die Gründe abgeben für das Zusammenschließen. Unterbewußtes oder unbewußtes Zusammenschließen muß bewußtem Zusammenschließen weichen. In diesem Ineinander von diesen zwei Strömungen: bewußtem Organisieren und unbewußtem Organisieren, leben wir mitten drinnen, und die Erschütterungen der Gegenwart hängen vielfach mit dem Zusammenfließen dieser zwei Strömungen zusammen. "
191.20f.


China kann ein Beispiel sein für das Aufeinanderprallen von alt und neu, von unbewußtem und bewußtem Zusammenschließen. Seit einigen Jahren erleben wir in China ein starkes Wirtschaftswachstum. Dieses Wachstum beruht zu einem nicht unerheblichen Teil auf sogenannten Gemeindeunternehmen (engl. village-township-enterprises = VTE's bzw. TVE's). Dazu hat Martin Barkhoff schon 1996 einen Beitrag für die Zeitschrift Info3 verfasst, den ich hier mit freundlicher Genehmigung des Verlages als PDF-Datei wiedergebe. Desweiteren finden Sie einen externen Beitrag von Carsten Herrmann-Pillath und Hiroyuki Kato von 1997, die die Dorfunternehmen als dritten Weg wirtschaftlicher Entwicklung in China untersuchen:

Dörfer erobern den Weltmarkt (Barkhoff)

Ein "Dritter Weg" in Chinas Dörfern? (Herrmann-Pillath und Kato)

Interessant sind beim letzten Beitrag einige Hinweise auf dreigliedrige Aspekte wie z.B. das Festhalten der Dorfbewohner an gemeinschaftlichem Eigentum. Ich vermute jedoch, daß diese Aspekte noch nicht ein assoziatives, sondern ein altes, instinktives Bewußtsein wiederspiegeln. Dafür spricht auch, daß - wie Barkhoff beschreibt - eine "Dorfbildefähigkeit" in China lebt, die so stark ist, wie bei uns die Fähigkeit zum Autofahren. Also eher eine angeborene, allgemein verbreitete Fähigkeit des Volkes.

Auch darf beim Beispiel China nicht übersehen werden, daß noch viele negative Entwicklungen von China ausgehen: Lohndumping, unnötige Massenproduktion (z.B. leerstehende Büros durch die Ausbeutung billiger Wanderarbeiter errichtet), starke Luft- und Wasserverschmutzung, Verletzung von Menschenrechten, fehlendes Bewußtsein für die ethischen Grenzen des Einsatz von Biotechnologien wie Gentechnik u.a. Die "Naturbegabung" der Chinesen als Mitteleuropäer zu erlernen, wird für eine assoziative Dorf-Land-Struktur dennoch hilfreich sein.

Nach China, wo sich alte und neue Entwicklungen krass gegenüberstehen, will ich zwei Zitate zum Dorf gegenüberstellen, die alte und neue assoziative Verhältnisse beschreiben.

Zunächst ein Blick auf das alte Dorf:

Dörfer waren häufig so angeordnet, daß sie mit anderen Dörfern und einem größeren Ort in der Mitte eine "instinktive Assoziation" aufgrund damaliger Transportmöglichkeiten bildeten (Der größere Ort wird heute als Oberzentrum, das Gesamtgebiet als Region bezeichnet.):


"Bedenken sie nur einmal, wie der heutige abstrakte Markt Dinge zusammenbringt, deren Zusammenkommen und wiederum Weiterverteiltwerden an den Konsumenten gar nicht überschaut werden kann. Aber wie ist man denn überhaupt zu diesem Marktverhältnis gekommen? Im Grunde genommen aus der instinktiven Assoziation heraus, indem eine Anzahl von Dörfern in solch einer Entfernung, daß man hin- und zurückgehen kann im Tage, um einen größeren Ort herum waren und da die Leute ihre Produkte austauschten. Das nannte man nicht eine Assoziation. Man sprach überhaupt kein Wort aus; aber in Wirklichkeit war es eine instinktive Assoziation. Diejenigen Leute, welche hier sich zum Markt vereinigten, waren assoziiert mit all denen, die in den Dörfern herum wohnten. Sie konnten rechnen auf einen bestimmten Absatz, der sich erfahrungsgemäß ergab. Daher konnten sie nach dem Konsum die Produktion regeln in ganz lebendigen Zusammenhängen.
In solchen primitiven Wirtschaften waren durchaus assoziative Verhältnisse, die sich nur nicht als solche aussprachen, vorhanden. "
339.86


Wie sieht die assoziative Zukunft aus?

"Durch das assoziative Wesen würde vor allen Dingen eine ganze Anzahl Fabriken von der Stadt aufs Land hinauswandern und ähnliche Dinge würden sich als notwendige Folge des assoziativen Wesens ergeben. Sie haben ja nicht umsonst Dörfer, Dorfwirtschaften. In der primitiven Wirtschaft ist die Dorfwirtschaft die einzige Wirtschaftsform. Dann geht es über zu den Märkten. Diese Benennungen sind volkswirtschaftlich viel richtiger, als man denkt. Solange der Markt da ist und Dörfer darum herum, so lange bedeutet der Markt, auch wenn er unter dem Prinzip von Angebot und Nachfrage steht, etwas wirtschaftlich viel weniger Schädliches - wenn nicht eben Halunken da sind, was eine persönliche Sache ist -, als wenn die Stadtwirtschaft dazukommt. Durch diese wird das gesamte Verhältnis zwischen Produzenten und Konsumenten radikal geändert. Dann haben wir nicht mehr Dörfer, die von selbst ihren Markt regulieren, sondern dann haben wir allen Möglichkeiten Tür und Tor geöffnet, welche bestehen, wenn das Verhältnis zwischen Konsumenten und Produzenten kein klares mehr ist, wenn es sich vermischt. Und das ist der Fall, wenn die Menschen in den Städten zusammenwohnen.

Das Verhältnis zwischen Produzenten und Konsumenten kann nicht anders überschaut werden, als daß man sich assoziativ gliedert. Dann ändern sich aber die Verhältnisse, die unter der Verwuselung entstanden sind. Denn das assoziative Wesen ist etwas, was nicht nur organisieren soll, sondern etwas, das wirtschaftet. Es würde sich unter dem assoziativen Wesen ergeben, daß aus jedem einzelnen Glied - darauf beruht das Zusammenwirken der drei Glieder des sozialen Organismus - die Gesundheit des anderen zu gleicher Zeit hervorgeht.
Im Laufe längerer Zeiträume, aber dennoch nicht allzulanger Zeiträume, würde sich ergeben, daß in den Städten im wesentlichen die Verwaltungsbeamten und die zentralen Schulen und so weiter, also im wesentlichen Geistesleben und Rechtsleben zusammen sein würden, während Wirtschaftsleben und Rechtsleben zusammen dezentralisiert sein würden. Also das Zusammenleben würde sich auch räumlich teilen, aber nicht so, daß man nun drei ganz verschiedene Glieder hätte, sondern so, daß die Städte im wesentlichen ein Durcheinanderverwobensein des Geisteslebens mit einer zentraleren, einer größeren horizontischen Verwaltung darstellen würden. Und kleinere Verwaltungen im Kreise von Wirtschaftsbetrieben würden mehr dezentralisiert daliegen. Das würde voraussetzen, daß die Verkehrsverhältnisse noch viel wirksamer würden als bisher. Diese sind nur nicht so weit vorgeschritten, weil man eben den Verkehr nicht nötig hat für die Produktion, wenn die Produzenten sich in die Städte zusammensetzen. "
341.46f.


Hier finden Sie eine kleine Auswahl von online-Beiträgen zum Thema Dorf: