Zum geistigen Eigentum


Die Gefahr einer Kommerzialisierung aller geistigen Errungenschaften und der lebendigen Natur durch eine neoliberalistische Globalisierung fordern von allen Gesellschaften eine rechtliche Gestaltung eines zeitgemäßen Eigentumsbegriffs.

Die Dreigliederung schlägt hierzu vor, den Boden vom privaten Eigentumsrecht auszunehmen und für alles verbleibende, bewegliche Produktiveigentum nicht nur eine Sozialbindung abstrakt vorzuschreiben (Art. 14 GG), sondern diese konkret auszugestalten (s. Das neue Eigentumsrecht). Diese Eigentumsform sei hier Nutzungseigentum (Synonyme: Kreislaufeigentum, operatives Eigentum etc.) genannt und kann als ein auf die Dauer wirtschaftlicher Nutzung befristetes Recht verstanden werden, mit der die Allgemeinheit die Absicht verfolgt, den unternehmerisch befähigten Menschen die materiellen Mittel an die Hand zu geben, die sie für eine allgemeinwohlfördernde Bedarfsbefriedigung benötigen.

Das Privateigentum an Dingen des persönlichen Bedarfs wird es weiterhin geben, doch die sozialrelevanten Kapitalbildungen werden dem Nutzungseigentum zufließen und von einem zum nächsten Menschen im ständigen Kreislauf übergeleitet. Anders als beim Staatseigentum bleibt beim Nutzungseigentum die Einzelinitiative gewahrt, denn ein Unternehmer hat auch bei diesem befristeten Eigentum die Aussicht auf ein seiner Leistung entsprechendes Einkommen.

Diese Gedanken habe ihre Tauglichkeit auf dem Gebiet des geistigen Eigentums bereits bewiesen. Auf die immer bedeutsameren geistigen Leistungen hat sich das klassisch-römische Eigentum mit seiner nahezu uneingeschränkten und unbefristeten Rechtsgestalt nicht ausdehnen können:

"In bezug auf dieses geistige Eigentum, sehen Sie, denken die Leute doch noch ein bißchen gesund. Sie sagen sich da: Mag einer ein noch so gescheiter Kerl sein, er bringt sich mit der Geburt seine Fähigkeiten mit, aber das hat keine soziale Bedeutung, im Gegenteil, das ist er verpflichtet der menschlichen Gesellschaft darzubringen, mit diesen Fähigkeiten wäre es nichts, wenn der Mensch nicht drinnenstehen würde in der menschlichen Gesellschaft. Der Mensch verdankt, was er aus seinen Fähigkeiten schaffen kann, der menschlichen Sozietät, der menschlichen sozialen Ordnung. Es gehört einem in Wahrheit nicht. Warum verwaltet man sein sogenanntes geistiges Eigentum? Bloß deshalb, weil man es hervorbringt; dadurch, daß man es hervorbringt, zeigt man, daß man die Fähigkeiten dazu besser hat als andere. So lange man diese Fähigkeiten besser hat als andere, so lange wird man im Dienste des Ganzen am besten dieses geistige Eigentum verwalten. Nun sind die Menschen wenigstens darauf gekommen, daß sich nicht endlos forterbt dieses geistige Eigentum; dreißig Jahre nach dem Tode gehört das geistige Eigentum der gesamten Menschheit. Jeder kann dreißig Jahre nach meinem Tode drucken, was ich hervorgebracht habe; man kann es in beliebiger Weise verwenden, und das ist recht. Ich wäre sogar einverstanden, wenn noch mehr Rechte wären auf diesem Gebiet. Es gibt keine andere Rechtfertigung dafür, daß man geistiges Eigentum zu verwalten hat, als daß man, weil man es hervorbringen kann, auch die besseren Fähigkeiten hat.

Fragen Sie heute den Kapitalisten, ob er einverstanden ist, für das ihm wertvolle materielle Eigentum einzugehen auf das, was er für das geistige Eigentum für das Richtige hält! Fragen Sie ihn! Und doch ist das das Gesunde. Es muß einer gesunden Ordnung zugrunde liegen, daß jeder aus der geistigen Organisation... zu Kapital kommen kann. Dahin muß es aber kommen, daß die Mittel und Wege gefunden werden, zu dieser großen, umfassenden Sozialisierung des Kapitals, das heißt der Kapitalsrente und der Produktionsmittel, daß jeder zu Kapital und Produktionsmittel kommen kann, der die Fähigkeiten dazu hat, daß er aber nur so lange die Verwaltung und Leitung von Kapital und Produktionsmitteln haben kann, als er diese Fähigkeiten ausüben kann oder ausüben will. Dann gehen sie über, wenn er sie selber nicht mehr ausüben will, auf gewissen Wegen in die Gesamtheit. Sie beginnen zu zirkulieren in der Gesamtheit.

Das wird ein gesunder Weg sein zur Sozialisierung des Kapitals, wenn wir dasjenige, was sich heute als Kapitalien im Erbschaftsrecht, im Entstehen von Renten, von Müßiggängerrecht, von anderen überflüssigen Rechten, was so sich aufhäuft in Kapitalien, in Fluß bringen im sozialen Organismus. Darauf kommt es an. Wir brauchen gar nicht einmal zu sagen: Privateigentum muß Gesellschaftseigentum werden. Der Eigentumsbegriff wird überhaupt keinen Sinn haben. So wenig wird er einen Sinn haben, wie es einen Sinn haben würde, wenn sich in meinem Leibe an einzelnen Stellen Blutzuschüsse anhäufen würden. Das Blut muß in Zirkulation sein. Das, was Kapital ist, muß von den Fähigen zu den Fähigen gehen. "
330.97

Was für das geistige Eigentum, für die Werke nach dem Urheberrecht und die Erfindungen nach dem Patentrecht, also demokratische Rechtspraxis ist, soll nach den Ideen der sozialen Dreigliederung in Zukunft auch für das Kapital ausgestaltet werden: Die ständige Rückbindung an das Allgemeinwohl (= Sozialbindung). Dies sollte das grundlegende Prinzip sein, feinere Gestaltungsfragen entwickeln sich am jeweiligen Rechtsempfinden und an den Zeiterfordernissen. Das Eigentumsrecht wird erst modern sein, wenn diese Parallelität zwischen Sach- und geistigem Eigentum hergestellt ist. Aber nicht in der Richtung der Stärkung der Schutzrechte des Einzelnen, sondern gerade umgekehrt, durch Ausdehnung und Institutionalisierung der Sozialbindung. Mein Vorschlag:

Sacheigentum Geistiges Eigentum
Ist-Zustand

Erstreckt sich auf den Erdboden
und bewegliche Sachen;
ist unbefristet und vererbbar
Ist-Zustand

Erstreckt sich auf geistige Werke und Innovationen;
im Patentrecht auf 20 Jahre befristet;
im Urheberrecht auf 70 Jahre befristet
(einfache Fotografien 50 Jahre,
Datenbanken 15 Jahre);
weltweit auf 50 Jahre befristet (TRIPS)
Soll-Zustand

  • Privateigentum am Boden hört auf.
  • Privateigentum am Produktivkapital ist befristet auf berufliche Nutzungsdauer.
  • Es ist weder verkäuflich noch vererbbar.
  • Sonstiges Privateigentum ist nicht befristet also vererbbar.
  • Übergabe von Produktivkapital
    ist Aufgabe des Geisteslebens (Ausnahme: Landwirtschaft).
  • Übergangsweise Ausgleichszahlungen für alte Eigentümer
Soll-Zustand

  • Patente am Leben hören auf.
  • Privateigentum an Werken und Patenten ist
    befristet auf Lebenszeit.
  • Patente sind weder verkäuflich noch vererbbar.
  • Lizenzen nach dem Urheberrecht sind verkäuflich.
  • Übergang der Patente und
    Verwaltung des geistigen Eigentums ist Aufgabe des freien Geisteslebens.
  • Übergangsweise Verkürzung der Schutzfristen in Etappen.



Ausgehenend von der bereits erörterten Werteskala (Ersparnis, die allerdings noch diagonal gespiegelt sein sollte), will ich versuchen Gründe für die oben genannte Rechtsgestaltung mit der folgenden Skizze zu erläutern:



Die drei Farben grün/blau, rot, orange/gelb stehen für Natur, Soziales/gebundener Geist, freier Geist/Kultur. Jedes Erzeugnis und jede Leistung eines Menschen hat dabei einen ganz spezifischen Anteil aus den drei Gebieten. Wichtig ist mir von einer mittleren Achse auszugehen, die den Übergang von Materie zu Geist darstellt. Auf dieser Achse liegt eine kleinere Ellipse, die ein Gebiet mit hoher Sozialrelevanz darstellt. Darüber eine weitere Ellipse, die Gebiete mit minderer Sozialrelevanz darstellt. Besser wären auch hier Gebilde, mit fließenden Übergängen gewesen, denn die direkte Arbeitsersparnis der achsennahen Leistungen nimmt kontinuierlich in Richtung der zwei Pole ab. Soviel zum Bild bzw. zu meiner Vorstellung. Da haben wir also eine gewisse Spiegelbildlichkeit zwischen Patenten, die Arbeitsabläufe oder technische Vorgänge vereinfachen, und Produktionseinrichtungen. Betrachten Sie dies z.B. am Problem der Softwarepatente.

Es gibt ja Menschen, vor allem aus dem sogenannten Open-Source-Bereich, die die Patentierung von Software bekämpfen. Handelt es sich bei der Software um bloße, festgehaltene Rechenformeln oder steckt mehr dahinter? Ja, ich finde es sind Rechenformeln, die aber so genial sein können, daß sie ganze Fabrikhallen ersetzen können. Doch dies kann in der Biotechnologie, in der Chemie, in der Physik ebenso sein. Die Frage kann nicht sein, dürfen wir das patentieren, sondern, wie gehen wir mit den Patenten um. Entscheidend ist die Möglichkeit mit Patenten, mit Produktionskapital Menschen in Abhängigkeit bringen zu können. Dies ist ein Gebiet mit hoher Sozialrelevanz. Daher muß für dieses Gebiet (kleine Ellipse) eine hohe Sozialbindung im Recht verankert werden. Sowohl auf der Seite zum Geist hin, als auch auf der Seite zur Natur hin. Je weniger die Sozialbindung da ist, desto stärker muß in die Wirtschaftsprozesse korrigierend eingegriffen werden (Kartellrecht etc.), desto stärker leben wir mit sozialen Spannungen.

Wie die Investitionsgüter bis zu ihrem Einsatz in der Herstellung käufliche Waren sind, so muß dem Erfinder die Entwicklung des Patentes abgegolten werden. Auf beiden Seiten wird sich ein sachlicheres Bedarfsinteresse entfalten, weil die wirtschaftliche Ausnutzung weniger möglich sein wird.

Für Leistungen, die weniger sozialrelevant sind, reicht eine mittlere Sozialbindung (individuelle Gebrauchsgüter auf der Naturseite und die Werke nach dem Urheberrecht). Damit soll nicht ihre sonstige Bedeutung geschmälert werden. Doch die Rechtsgestaltung drückt hier nur das Machtpotential aus.

Ebenso bei den Gebieten, die völlig außerhalb menschlicher Leistungsfähigkeit liegen und von daher das stärkste Machtpotential entfalten können: Bei der Natur, dem Grund und Boden und dem Leben (Tier, Pflanze, Mensch). Weil heute (noch) kein Mensch das Leben in Vollkommenheit schöpfen kann, muß hier die allerstärkste, nämlich ständige Sozialbindung festgelegt werden. Im Unterschied zu den menschlichen Leistungsgebieten, wo die Schwierigkeit der Balance zwischen Unternehmensinitiative und Sozialbindung zu halten ist, geht es beim Leben um die völlige Ausgrenzung von Wirtschaftsinteressen, damit allein Raum für die unabhängige Grundlagenforschung bleibt, die wie der Boden ihre Früchte allen gleichmäßig zukommen lassen wird.

Dabei sollten wir in Mitteleuropa weniger der eigentumsrechtlich-römischen Rechtstradition oder den angelsächsisch orientierten Impulsen des Investitionsschutzes folgen. Keiner wird bezweifeln, daß ein immer größerer Bildungsaufwand ein Kennzeichen moderner, arbeitsteiliger Gesellschaften ist. Zunehmende Technisierung, Spezialisierung ermöglichen dem Einzelnen erst immer weiter fortschreitende Fähigkeitenbildung und Zeit und Muße für individuelle, kreative Entfaltung. Gerade heute ist daher die Stärkung der Ausschlußrechte widersinnig, denn immer weniger kann der einzelne Mensch, ein Werk, ein Patent, eine Ware, eine Dienstleistung als seine ureigene, selbstgeschaffene Leistung betrachten. Ein geistiges Privateigentum hat ebenso den Treuhandcharakter wie das produktive Sacheigentum.

Nicht anders sind die Sätze aus dem genannten Zitat "...dreißig Jahre nach dem Tode gehört das geistige Eigentum der gesamten Menschheit...Ich wäre sogar einverstanden, wenn noch mehr Rechte wären auf diesem Gebiet. (eigene Hervorhebung)" zu verstehen als eine Forderung nach Verstärkung der Sozialbindung, z.B. durch Verkürzung der Schutzfristen auf wenige Jahre nach dem Tod des Hervorbringers.

Nicht nur das; eine solche Forderung steht auch im Kontext zu dem in der Dreigliederung für die Versorgung des Kultur- und Geistesleben geforderten Schenkungswesen. Nicht allein physisch wird die Kultur über das Schenkungsgeld unterhalten, auch die immateriellen "Zuwendungen" eines wachsenden geistigen Eigentums werden dem Begriff Fortschritt seine eigentliche Bedeutung verleihen. Es war von jeher ein Kennzeichen hoch entwickelter Kulturen, daß menschliche und natürlichen "Früchte" möglichst frei der Allgemeinheit zugänglich waren. Dies war früher jedoch eine eher unbewußte, religiöse Handhabung bzw. das Ergebnis natürlicher Ordnung und muß für die Zukunft eine ganz bewußte, eine sozial-künstlerische Aufgabe werden.

Wie ist aber die heutige Situation?

Ein ungezügeltes Wirtschaftsleben versucht heute immer weitere Lebensfelder der Zivilgesellschaften kommerziell zu "erobern". War es ein Zeichen des Frühkapitalismus die alte Sklaverei in das "neue Gewand" der Abhängigkeit menschlicher Arbeitskraft vom Kapitaleignern zu begründen, so erleben wir heute den Wandel durch einen neokapitalistischen "Eroberungsfeldzug" sowohl auf dem Gebiet des schaffenden (menschlichen) wie des erschaffenen (in der Natur enthaltenen) Geistes.
Hier sind die neuen Wirtschaftssektoren mit immensen, "goldenen" Wachstumsaussichten, der neue "Wilde Westen", der durch Zugangsbeschränkungen ("access"), Lizenzen, Ausschlußrechte und monopolisierte Wirtschaftsmacht sowohl die menschlichen Schöpfungen wie auch die der Natur, die göttliche Schöpfung, in egoistischer Absicht ausnutzt und weiter ausnutzen will. Vor allem sind hier die Gebiete Biotechnologie, Gentechnik, Soft- und Hardwareentwicklung, Pharmazie und Saatgutzüchtung zu nennen.

Wie die Gesellschaften im Frühkapitalismus auf den "Angriff" auf die Menschenwürde mit neuen rechtlichen Regularien antworteten und weiter antworten (Arbeitsschutzbestimmungen, Sozialgesetzgebung etc.), so müssen alle Gesellschaften auf die neuerlichen Angriffe auf geistiges Eigentum und menschheitliches Kulturgut mit neuen Rechtsgestaltungen antworten.

Nicht nur das, auch der Aufbau und die Stärkung einer von Staat und Wirtschaft unabhängigen Bildung und Forschung, überhaupt einer freien Kultur, ist dabei eine funktionale Voraussetzung. So könnte die Wissenschaft z.B. in der Grundlagenforschung statt sich vorschnell zu patentierbaren "Ergebnissen" drängen zu lassen, Sicherheitsaspekte und Gewissensfragen unabhängiger bearbeiten. Dies liegt für die Wirtschaft als Ganzes (insbesondere weltwirtschaftlich) im ureigensten Interesse, kann aber bei betriebswirtschaftlicher (konzerninterner) Beschlagnahme kultureller Früchte nicht durchdringen. Drei selbstverwaltete Glieder und ein neues Eigentumsrecht bedingen sich somit gegenseitig.

Welches neue Bild kann sich für das geistige Eigentum ergeben? Schauen wir exemplarisch auf die juristische Begründung des Urheberrechts: Welcher Impuls liegt dem zu Grunde?
Das Verhältnis zwischen Gemeinschaft (Skizze: G) und Individuum (Skizze: I) soll dem Grundsatz des "Do-ut-des"-Paktes, des "Zug um Zug" von Leistung und Gegenleistung folgen. Du gibst Leistung - Kreativität, wir räumen Dir Exklusivrechte, privilegierte Vermarktungsrechte ein. Der Gedankengang lehnt sich an die vergangenen Verhältnisse beim Tausch an.



Welches neue Verhältnis will sich in Zukunft zwischen Individualität und Gemeinschaft entwickeln?
Kann sich dies weiter an den Tausch anlehnen?
Ist bei der heutigen Vielfalt des Wissens, bei der immensen Spezialisierung, bei den vielfältigsten Gemeinschaftsdienstleistungen, bei der weltumgreifenden Infrastruktur und Arbeitsteilung noch eine direkte Zuordnung der Leistung des Individuums und des jeweiligen Leistungsempfängers möglich?
Begründet das nicht allein eine Veränderung des Tauschbildes?
Erbringt nicht die Menschheit eine immer größere "Vorleistung" durch Bildung und Kultur, so daß die individuellen Leistungen der Menschen immer weniger Gegenleistungen inform von Privilegien, von eigentumsgleichen Schutzrechten rechtfertigen?

Wir brauchen ein neues Bild, das die beiden Lebensfelder Geist und Ökonomie miteinander versöhnen kann, so daß sich Freiheit und Solidarität miteinander vertragen.
Bei dem alten Tauschbild ringen immer zwei gegensätzliche Eigeninteressen um den Vorteil. Der Tausch ist nur das fortentwickelte Stadium des Urbildes des Kampfes, des Beutezuges. Dessen Grundgeste ist die Zurückdrängung des fremden Lebens, das Raum nehmen, vorstoßen, zugunsten des eigenen Lebens. Das klassisch-römische Eigentum ist nur der materielle Ausdruck dieser Lebensart, dem heute all die verfeinerten Formen des alten Sklaventums anhaften.

Ist nicht ein neues Bild im Werden, das die Gesellschaft als einen Organismus beschreibt und das Individuum als einen Teil davon? Kann ein Teil eines Organismus ein Eigeninteresse verfolgen ohne dem Ganzen zu schaden? In der Medizin zeigt uns die Krebszelle, daß ein Wachstum im Eigeninteresse zum Tod des Organismus führen kann. Vergleichen wir also den Menschen mit einer gesunden Zelle, einem Organ in einem Organismus, so kann es zwischen Mensch und Gesellschaft keine gegensätzlichen Interessen mehr geben. Diesem Bild fehlen noch menschliche Qualitäten, es legt Vergleiche mit dem mechanischen "Rädchen im Getriebe" nahe.

Daher möchte ich das Bild von Zelle und Organismus auf das Verhältnis zwischen Mutter und Kind überführen. Kann neues Leben werden, wenn die Mutter nicht dem Kind Entwicklungs- und Lebensraum spendet, ihr Eigeninteresse zurückstellt, sich zurücknimmt und dem werdenden Kind Liebe und Zuwendung schenkt? Das fängt bei der beruflichen Freistellung an, geht über das Teilen der Nahrung, Kleidung, Wohnung, bis hin zur seelischen Wärme. In einem gesunden sozialen Organismus gibt es dann einen faktischen "Generationenvertrag", indem Kinder die Sorge und Versorgung der Eltern bzw. der älteren Generation, durch Zurücknahme von Eigeninteressen, durch Teilung der Wertschöpfung ermöglichen. Die wirkliche Bedeutung des neuen Bildes liegt aber in dem freien Fähigkeitenmanagement, wodurch sich Wissen, Fähigkeit und Kapital ungehindert assoziieren und das Ganze auf eine neue Stufe heben können. Das alte Eigentumsmanagement verhindert dies.

Stellen wir die Bilder nebeneinander so können wir sehen, daß bei dem alten Tausch neues Leben durch die Geste des Raum Nehmens, beim neuen Bild durch die Geste des Raum Gebens sich entfaltet. Beim alten Bild stößt Eigeninteresse vor, beim neuen Bild nimmt sich Eigeninteresse zurück. Mit dem Bild von Mutter und Kind wollte ich verdeutlichen, daß dabei Liebe als typisch menschliche Qualität mitschwingt. Dadurch erst erhält dieses Bild Züge von Kraft, Ausdauer, Zielausrichtung, die wir an dem Bild des Tausches/Kampfes auch bewundern, sofern uns als Unterlegene der Hass nicht den Blick dafür verstellt.

Selbst ein frei schaffender Künstler, der ja u.U. nicht wie der Ingenieur auf direkt erkennbaren, wissenschaftlichen Vorleistungen der Menschheit aufbaut, braucht ja mindestens den kreativen Freiraum. Dieser besteht ja darin, daß ihm andere die Arbeit zum materiellen Lebensunterhalt ersparen.

Der Staat, der dem alten Tauschbild in der Rechtsgestaltung anhängt, kann leicht zum Handlanger, zum Büttel der Wirtschaft werden, je mehr er die Zeichen der Zeit "verschläft" und nicht wahrhaben will, daß die Ära der Tauschwirtschaft hinter uns liegt. Heutige Innovationen erfordern immer stärkeren Bildungs-, Technik- und Kapitaleinsatz, eine immer größere Arbeitsteilung. In der Gestaltung des Urheber- und Patentrechtes muß die Sozialbindung integrativer Bestandteil werden, je weniger sich ein künstlerisches oder wissenschaftliches Werk innerhalb einer hoch entwickelten Gesellschaft auf die Fähigkeitsentwicklung des Einzelnen stützen kann. Es ist Aufgabe des Staates ein aus alten Impulsen stammendes Urheber- und Patentrecht weiterzuentwickeln, d.h. die soziale Anbindung geistigen Eigentums an das Gemeinwohl rechtlich zu konkretisieren.

Eine Stärkung des Einzelrechte bietet immer deutlicheren Konfliktstoff, wird immer stärker als unsozial empfunden. Vor allem, wenn diese von großen Konzernen monopolartig genutzt und von dem bloßen Geldinteresse der Kapitalgeber (shareholder value) begleitet werden.

Die kuriosen Erscheinungen des heutigen Lebens, wie eine Zunahme von AIDS-Infizierungen trotz wirksamer Medikamente, die aber so teuer verkauft werden wollen (Investitionsschutz), daß sich arme Länder diese nicht leisten können, sind nur die Spitze des "sozialen Eisberges" mit der sich unverfrorener Geschäftssinn legalisiert mit Hilfe des internationalen TRIPS-Abkommens offenbart.

Die Sozialbindung des geistigen Eigentums wird auch eine Verminderung von Forschungshindernissen und einen Abbau von Bürokratie bewirken. Zwei Tendenzen werden sich gut mit einer Sozialbindung vertragen statt durch lange Schutzfristen gestört zu werden:
Die eine Tendenz der Loslösung des geistigen Eigentums von der Materie und eine damit verbundene leichtere Reproduzierbarkeit, leichterer Transport etc.
Die andere Tendenz der immer kürzeren "Verfallszeit" von Informationen und Innovation, die ja ein wichtiges Teilgebiet des geistigen Eigentums darstellen.

Hier könnte mancher einwenden, daß ein nach dem Tode an die Menschheit fallendes, geistiges Eigentumsrecht keinen großen Anreiz mehr für Wissenschaftler, Autoren und Künstler darstellt, auch keinen Anreiz mehr für Firmen in forschungsaufwendige Produkte zu investieren. Das glaube ich einfach ebensowenig wie der Einwand beim Sachkapital fasst, daß wir beim Wegfall von unbegrenzten und leistungslosen Unternehmensgewinnen alle zu Däumchendrehern und Müßiggängern werden. Es geht nicht darum den Menschen Moral zu predigen, sondern darauf zu vertrauen, daß ein von staatlicher Gängelung befreites Bildungswesen schon dafür sorgen wird, daß die Menschen völlig neue Antriebe finden werden, sich geistig wie unternehmerisch zu betätigen.
Auch ein noch unbedachteres Argument, daß alle Künstler und Autoren beispielsweise dann am Hungertuch nagen, wie in der Zeit Schillers, die noch kein Urheberrecht kannte, trifft nicht die Problematik. Zu Schillers Zeiten lebte es sich in einer Tauschgesellschaft mit starken selbstversorgerischen Zügen. Wir leben in einer Dienstleistungsgesellschaft mit hoher Arbeitsproduktivität, die jetzt 5 Millionen Arbeitslose und weiß ich wie viele Kinder und Alte mitversorgt. Da kann doch nur das sozial erwünschte geschehen, daß sich "geistiges und materielles Kapital" gerecht verteilt und zum Wohle der Menschheit verwaltet wird.

Es ist schon klar, daß der alte "Goldgräber" und "Kämpfer" sehr schwer freiwillig seine Unternehmerbrille absetzt und sich auf den Perspektivwechsel einläßt. Diesen Typus Mensch muß ich außerhalb der Kampfbahn ansprechen (meinetwegen am "Feierabend"). Ich muß seine zivile "Ader", seine allgemeinmenschliche Schicht erreichen, damit er sich aus seiner Sichtverengung löst und eine Diskussion über sein scheinbar für alle Zeiten festbetoniertes Weltbild des nach Marktmacht schielenden Globalplayers zuläßt.

Mit jedem Menschen der Zivilgesellschaft, der für ein solches Eigentumsrecht gewonnen wird, kann eine neue, dem Leben zugewandte Geste rechtliche Gestalt gewinnen. Ihre Unterstützung würde mich freuen.