Fragenbeantwortung durch
Herrn Dr. Rehn, Geschäftsführer der Bio-Handelskette Alnatura




Fragen

Herr Dr. Rehn, die folgenden Fragen sollen sich auf Ihr Verständnis einer assoziativen Wirtschaftsweise im Sinne der sozialen Dreigliederung richten. Auch möchte ich danach einige Fragen zur sozialwissenschaftlichen Arbeit Herbert Witzenmanns folgen lassen.

1. Darf ich Sie zunächst bitten, sich vorzustellen? Welcher Weg hat Sie zu Ihrer heutigen Aufgabe geführt?

Nach Waldorfschulbesuch und einem volkswirtschaftlichen Studium sowie einer Promotion zu einem sozialorganischem Thema habe ich zunächst sieben Jahre bei Firma Nestlé das Handwerk des Managements im Bereich Lebensmittelwirtschaft gelernt und habe dann zum Ende des Jahres 1984 den Schritt in die Selbstständigkeit getan. Ich habe das Unternehmen Alnatura gegründet und führe es bis heute.

2. Welche assoziativen Aspekte versuchen Sie im Rahmen von Alnatura zu verwirklichen?

Alnatura nimmt den Gedanken der Kooperation bei seinen wirtschaftlichen Aktivitäten sehr ernst. Das Unternehmen arbeitet langfristig, partnerschaftlich, fair und in stetem Dialog mit seinen Hersteller- und Handelspartnern zusammen. Wir versuchen die Idee zu leben, dass Wirtschaften heißt, für den anderen tätig zu sein.

3. Der Kunde möchte heute umfassend über die Produkte und Produktionsweise informiert werden. Sehen Sie darin eine assoziative Vorstufe und könnten Sie eine weitere Stufe darin sehen auch eine "Feedback-Schiene", d.h. die bewusste Einbeziehung von Erfahrungen und (Geschmacks-)Urteilen von Verbrauchern zu ermöglichen?

Die Fragen unserer Kunden zu den Produkten und Produktionsweisen versuchen wir, so klar und transparent als möglich zu beantworten. Wichtiger noch für die assoziative Zusammenarbeit sehe ich jedoch den engen Kontakt mit den Hersteller- und Erzeugerpartnern auf der einen Seite und den Handelspartnern auf der anderen Seite. Wir arbeiten gemeinsam daran, den Kunden möglichst gute Produkte und Leistungen anbieten zu können. Verbraucherwünsche und -erwartungen fließen in die Gestaltung unserer Arbeit, soweit das leistbar ist, ein.

4. Es gibt bald 20 Alnatura-Märkte in Deutschland und den Verkauf eigener Produkte in etwa 1500 Geschäften von Handelspartnern (z.B. dm-Drogeriemärkte, tegut). Welche Bedeutung hat Wachstum im Naturkostbereich? Wie verträgt sich das mit assoziativer Arbeit, ist Größe Voraussetzung für gerechte Preise?

Ich glaube, ich kann sagen, Alnatura wächst unter anderem deshalb stärker als der Markt, weil wir den Gedanken der Kooperation sehr ernst nehmen und ihn mit unseren Partnern im Bereich Erzeugung und Verarbeitung ebenso umsetzen wie mit den Partnern im Bereich Handel.
Ich sehe, dass Im-Gespräch-Sein als wichtige Voraussetzung dafür an, dass man faire Preise vereinbaren kann.


5. Gibt es Ansätze den Wettbewerb unter den Mitanbietern (Spanrunft, Radau, Hinz u.a.) assoziativ anzugehen? Wenn ja, könnten Sie diese erläutern?

10 Unternehmen in Deutschland, die jeweils mehrere Bio-Supermärkte betreiben, haben sich im Februar zum Verband der Bio-Supermärkte e.V. zusammengeschlossen. Anliegen, die die verschiedenen Unternehmen gemeinsam betreffen, wollen wir gemeinsam besprechen. Vielleicht ergibt sich eine intensivere Zusammenarbeit.

6. Alnatura bietet 100 % Biowaren an. Zunehmend wird Bio auch für konventionelle Handelsketten interessant (Aldi, Rewe u.a.), wodurch der Grundsatz "alles Bio oder gar nichts" nicht mehr eine (Gewissens-)Entscheidung des Ladeninhabers, sondern der Verbraucher wird. Wie sehen Sie diese Entwicklung aus assoziativem Blickwinkel?

In Deutschland werden etwa gleiche Mengen an Bio-Produkte in reinen Naturkostfachgeschäften und in normalen Supermärkten verkauft, von denen erstere ausschließlich Bio-Lebensmittel und Naturwaren anbieten, letztere neben den Bio-Produkten auch ein großes Sortiment konventioneller Erzeugnisse bereit halten. Diese Handelsunternehmen bedienen den Wunsch der Kunden, möglichst schnell und einfach eine Grundversorgung mit Bio-Lebensmitteln leisten zu können.

7. Gottlieb Duttweiler hatte die Intention den Zwischenhandel auszuschalten und die Preisvorteile an seine Kundschaft weiter zu geben. Das zog den Zorn der kleinen etablierten Lebensmittelhändler in der Schweiz auf die Migros. Ist da heute eine ähnliche Opposition zu sehen zwischen großen Naturkostketten und den kleineren Naturkostläden?

Eine Naturkostkette - wir sind mit aktuell 16 Läden ja auch eher eine kleine Kette - kann manche Prozesse in der Wirtschaft effizienter leisten als der eine oder andere kleinere Naturkostladen. Ein kleiner Naturkostladen dagegen kennt seine Kunden besonders gut, kann sie exzellent beraten und kann Spezialitäten für sie bereithalten. Ich sehe die Vorteile bei der Filialisierung, ich sehe auch den einen oder anderen Bereich, den wir nicht so gut abdecken können wie ein Unternehmer, der noch selbst im Laden steht. Übrigens ist es bei den großen Handelsketten des konventionellen Marktes - z. B. Edeka oder Rewe - so, dass diese vor allem die Großhandelsleistung für die selbständigen Einzelhandelskaufleute organisieren, die die Produkte in den Märkten vertreiben. Ganz ähnlich ist es im Naturkostbereich; auch dort gibt es inzwischen leistungsfähige Großhandelsstrukturen, die die vielen selbständigen, häufig kleineren Läden, sehr effizient und zu vernünftigen Preisen versorgen.

8. Früher gab es Rabattmarken im Einzelhandel. Ist die Bindung der Kunden mittels Kundenkarten nach Ihrer Meinung ein sinnvoller Trend?

Wir versuchen, die Preise unserer Produkte so zu kalkulieren, dass wir allen Menschen die gleichen besonders günstigen Preise anbieten können. Übrigens zahlen bei uns auch die Mitarbeiter die gleichen Preise und erhalten keinen Rabatt beim Einkauf. Aktuell gibt es bei Alnatura keine Kundenkarte; wir überlegen auch noch nicht, etwas in dieser Richtung zu unternehmen. Nach meiner Auffassung macht das erst Sinn, wenn man mit einer wirklich sehr großen Kundenanzahl dann auch entsprechende Mengen an Daten und Informationen zusammentragen kann, die dabei helfen, die Kunden noch besser zu verstehen und auf ihre Wünsche besser eingehen zu können.

9. In welcher Weise versuchen Sie auch in den einzelnen Märkten - z. B. bei der Mitarbeiterführung - neue Wege zu gehen, die auf dreigliedrigen bzw. anthroposophischen Aspekten beruhen?

Wir versuchen bei Alnatura nach dem Prinzip der Selbstverantwortung zu arbeiten. Wer immer die Fähigkeiten dazu hat, und bereit ist, kann rasch große Verantwortung übernehmen und seinen Arbeitsbereich in großer Freiheit im Sinne des Gesamtunternehmens gestalten. Unsere Leitlinien halten des weiteren dazu an, ganzheitlich zu denken und kundenorientiert zu handeln, wobei die Kunden nicht nur die Verbraucher sind, sondern ebenso die Kollegen und die Hersteller- oder Handelspartner.

10. Alnatura erhielt Anfang 2005 durch eine Bankengruppe den Förderpreis "Nachhaltiger Mittelstand". Ist nachhaltiges und assoziatives Wirtschaften für Sie deckungsgleich oder wie würden Sie beide Begriffe in ein Verhältnis bringen?

Der Begriff der Nachhaltigkeit kommt aus der Forstwirtschaft. Er bedeutet, dass nur soviel entnommen, konkret an Bäumen geschlagen werden darf, wie auch nachwächst, so dass immer ein ähnlicher Bestand da ist. In der Wirtschaft verstehe ich nachhaltiges Wirtschaften so, dass man die Grundlagen der eigenen Tätigkeit erhält und zum Beispiel seinen Partnern Preise zahlt, die es ihnen ermöglichen, auch morgen noch für uns tätig zu sein. Die Nachhaltigkeit beschreibt mehr das, was erreicht werden soll. Die Idee des assoziativen Wirtschaftens schaut dagegen eher auf den Weg, wie das erreicht werden kann, nämlich eine bestimmt Arte der Zusammenarbeit.

11. Ich würde gern noch einigen Fragen zur Arbeit Herbert Witzenmanns anknüpfen. Nach meiner Meinung wußte Witzenmann die sozialwissenschaftlichen Ideen aus weitesten Blickwinkeln mit der Anthroposophie zu verbinden. Er war eine Art "Brückenbauer". Wann haben Sie Witzenmann kennen gelernt und welche Wirkung hat er auf Sie gehabt?

Ich stimme ihrer Charakterisierung zu. Ich habe Herrn Witzenmann in den 70er Jahren kennen gelernt. Seine Art, wirtschaftliche und sozialorganische Fragestellungen anzugehen, hat mich begeistert. Sie hat auch wesentlich meine Berufswahl beeinflusst.

12. Was hat Sie zur Veröffentlichung seiner Vorträge (z.B. in "Der gerechte Preis", "Sozialorganik" und andere Schriften) bewogen?

Ich wollte einen Beitrag dazu leisten, dass Schriften von Herrn Witzenmann, die ich als wesentlich ansehe, einer breiteren Öffentlichkeit verfügbar sind.

13. Witzenmann lenkte die Aufmerksamkeit auf drei wirtschaftliche Urkräfte: "Das Organisierende des Geisteslebens, die Gerechtigkeit im Geben und Nehmen und das eigentlich Wirtschaftliche im Veredeln der Naturprodukte...("Der Gerechte Preis", S. 31)" Er beschreibt wie Steiner im Nationalökonomischen Kurs die Dreigliederung gegenüber der breiten Veröffentlichung 1919 neu formte, indem die Wirtschaft darin nicht mehr eine Komponente des dreigliedrigen Organismus sein konnte. Die Dreigliederung ab 1922 verlangte eine neue Darstellung, in der der dreigliedrige Organismus eine Komponente der Wirtschaft geworden war. Innerhalb dieser Wirtschaft handele es sich darum, die genannten Urkräfte zu erkennen, zu ergreifen und zu lenken, soll die Wirtschaft vor ihrem Untergang bewahrt werden. Dreigliederung als "innerwirtschaftlicher Kräftedreiklang".

Glauben Sie, dass die Darstellung der sozialen Dreigliederung heute eine weitere Metamorphose erfahren müsste oder gilt letzteres Bild von damals noch immer?

Einerseits gilt das Bild noch, andererseits gibt es natürlich Metamorphosen.

14. Heute besteht überhaupt kein Bewusstsein für eine preisreduzierende 2. Wertschöpfungsströmung, wie sie von Steiner als "Geist auf Arbeit angewandt" beschrieben wurde. Dies führt neben anderen Ursachen zur Verfälschung der Preise. Bleibt da nur auf eine Erneuerung der Wirtschaftswissenschaften zu warten?

Über die Qualität dessen, was man tut, entscheidet das Geistesleben; diese Frage ist außerhalb oder vor dem Bereich des Wirtschaftslebens zu stellen und zu beantworten. Im Wirtschaftsleben, im zweiten Schritt also, wird dann Geist auf Arbeit angewandt, um durch immer effizientere Prozesse zu einer steten Verbilligung der Waren beizutragen.

15. Ich möchte auf den Vortrag Witzenmanns "Die soziale Grundidee unserer Zeit" aus den 80iger Jahren eingehen ("Sozialorganik", S.48ff.). Er schildert darin wie die Reinkarnation für die Erkenntniswissenschaft, für die Sozialwissenschaft und für die Erdenpflege (wie in der biologisch-dynamischen Landwirtschaft) oder für die umweltgerechte Bedürfnisbefriedigung die gemeinsame Grundidee darstellt.

Weiter schildert er - für den hier interessierenden Bereich der Erdenpflege und Bedürfnisbefriedigung - wie die Erde den ursprünglichen Sinn hatte der Menschheit die physische Grundlage zur Bildung eines materiellen Bewusstseins zu geben. Erst in dem irdischen Umfeld ist es dem individuellen Wesen "Mensch" möglich, Freiheit zu entwickeln. Soweit die Menschen ein Freiheitsbewusstsein erlangt haben, hat die Erde ihre Aufgabe erfüllt. Dem freien Menschen fällt die Aufgabe zu, der Erde einen neuen Sinn zu geben dadurch, dass die alte Trennung zwischen Natur und Kultur durch die neuen freien Geisteskräfte des Menschen aufgehoben wird und diese Kräfte unmittelbar naturwirksam werden.

In der Landwirtschaft bedeutet dies, dass diese nicht eine Bestimmung für den Menschen hat indem sie ihm ein längeres und gesünderes Leben verspricht. Vielmehr dient sie der neuen Sinngebung der Erde: Sie muss ein Dank an die Erde sein, wenn Menschen sie mit einem neuen Bewusstsein von der Einheit von Weltall und Mensch praktisch ausüben und damit beginnen die Erde in Zusammenhang mit den kosmischen Kräften zu bringen, die die Erde verwandeln werden.

Klingt es nicht an die heutigen Verbraucher schwer vermittelbar, wenn Witzenmann vor diesem Hintergrund ausführt, dass es verderblich ist, Landwirtschaft um der menschlichen Gesundheit willen zu betreiben, dies dürfe nur Nebenerfolg sein? Ist nicht gerade der Gesundheitswert der Naturkost ein wichtiger Verkaufsfaktor, der jedoch ein Festhalten am alten Erdensinn bedeutet?

Muss der Gesundheitswert und auch das ökologische Nachhaltigkeitsargument von Naturkost in einer sachgemäßen Werbung nicht nach und nach von der Dankesgeste an die Erde als neue Sinnstiftung abgelöst werden?

Die Menschen erleben als erstes die Gefährdungen der eigenen Gesundheit durch die moderne, technische und von vielen Emissionen bestimmte Wirtschafts- und Lebensweise der heutigen Zeit. Dort beginnen die Sorge und das Nachdenken, insbesondere dann, wenn Familien gegründet und Kinder geboren werden. Dies motiviert die Kunden zum Kauf der Produkte, bevor sie dann weiter über umfassendere Zusammenhänge nachdenken und vielleicht auch Aspekte des Natur- und Umweltschutzes, des Gesunderhaltens der Erde einbeziehen. Die Landwirte, die ökologisch oder biologisch-dynamisch wirtschaften, sind in viel stärkerem Maße dadurch motiviert, dass sie Dienst an der Erde leisten wollen. Sie denken bei ihrem Tun nicht ständig und nicht in erster Linie an den Gesundheitswert der Produkte für die späteren Konsumenten.

16. Ebenso weist Witzenmann auf ein anderes Missverständnis hin, die Ideen im nationalökonomischen Kurs zielten auf größere wirtschaftliche Effizienz. Er zeigt wie es richtig verstanden darum geht, den menschlichen Faktor wieder zu seinem Recht zu verhelfen, indem durch eine zeitgemäße Gliederung des sozialen Organismus in drei selbständige Gebiete die Einzelinteressen allgemeinwohlfördernd und die Kollektivinteressen individualisierend wirken können.

Dann könne jeder von zwei Seiten aus an dem höchsten "Produktionsziel" - der Hervorbringung des freien Menschen - mitarbeiten: Einerseits durch die "Veredelungsarbeit zur Befriedigung der leiblichen Bedürfnisse", d. h. durch die Konfrontation mit der materiellen Welt. So kann jeder eine vollwache Bewusstseinsselbständigkeit erlangen. Auf der anderen Seite kann jeder an der Entwicklung eines Auferstehungsbewusstseins mitwirken, indem er die Erde zu einem Ort des freien Geisteslebens macht.

Glauben Sie, dass die dreigliedrige Sozialorganik innerhalb des Wirtschaftslebens breites Verständnis finden wird, ehe die Menschen nicht die wirkliche Zielgebung (den freien Menschen) dahinter erkennen bzw. solange die Menschen darin eine Theorie unter vielen anderen zur Gewinnsteigerung verstehen?

Verständnis und Begeisterung für neue Ideen lässt sich stets nur bei einigen wenigen wecken. Diese bringen dann aber die gemeinsame Sache voran. Insofern bin ich letztlich optimistisch.

Herr Dr. Rehn, ich bedanke mich für die Beantwortung dieser Fragen.