Gottlieb und Adele Duttweiler - ein Leben für das Allgemeinwohl


Gottlieb und Adele Duttweiler gehörten zu den großen Schweizern des 20. Jahrhunderts. Wo in der Schweiz wird mit diesen Namen nicht eine der größten Lebensmittelketten des Landes - die Migros - in Verbindung gebracht. Bei näherem Hinsehen kann jedoch deutlich werden, daß hinter dem Werk dieser beiden noch viel mehr steckt als die Gründung und der Aufbau der Migros.

Dies ist der Grund, weshalb ich hier näher darüber berichten will, denn die Duttweilers haben aus einem praktisch-christlichen Verständnis heraus vieles bewirkt, das auf der Linie der Dreigliederung und insbesondere einer assoziativen Wirtschaft liegt. Jens Martignoni bezeichnet das auch als ein Beispiel für ethischen Individualismus. Auf seinen Online-Beitrag , der auch biografische Ausführungen zum Leben von Gottlieb und Adele Duttweiler enthält, darf ich an dieser Stelle verweisen. Eine Stelle daraus möchte ich hier hervorheben:

"Gottlieb Duttweiler scheint die Werke Rudolf Steiners nicht gekannt zu haben, nirgends nimmt er unseres Wissens Bezug darauf. Er hatte aber dieselben Zusammenhänge alleine durch die praktische Wahrheit seines Wirkens ganz innerlich erkannt und wollte sie umsetzen. Die Migros sollte als Ganzes in eine Genossenschaft umgewandelt und die Anteile an die Kundinnen und Kunden, also an das ganze Schweizervolk, verschenkt werden. Dann sollten alle Genossenschaftsmitglieder ihre Delegierten wählen, die dann „diejenigen mit den nötigen Fähigkeiten” in die Geschäftsführung wählen sollten. Die Geschäftsführung blieb soweit sehr unabhängig, hatte aber immer der Genossenschaftsversammlung Rechenschaft abzulegen, und so sollte das Werk jeweils „in der vernünftigsten Weise” übergehen an neue Hände und für die Zukunft bewahrt werden.

Als er mit dieser Idee 1940 in die Geschäftsleitung und den Verwaltungsrat der Migros AG kam, war der Protest gross. Das Verschenken war schwieriger, als er es sich vorgestellt hat. Freunde und Mitarbeiter versuchten ihn davon abzubringen und wendeten sich schliesslich an Adele Duttweiler, denn die Umwandlung der Migros bedeutete ja auch nicht mehr und nicht weniger als ihre Enterbung: Sie müsse sich gegen die Schenkung wenden und ihren Mann davon überzeugen, dass er so etwas nicht tun dürfe. Adele hätte das mit Leichtigkeit vermocht, Duttweiler hätte seinen Plan auch nur gegen ein mildes Veto von ihr niemals durchgeführt. Aber sie sagt das entscheidende Wort nicht. Im Gegenteil, sie war ganz auf der Seite ihres Mannes und bereit, die Folgen des Entscheides mit ihm zu tragen. Sie machte nur eine kleine Einschränkung und bestand darauf, dass er nicht ganz alles verschenke, sondern einen kleinen Teil für sich behalte. So wurde alles ausser einer einzigen Fabrik in Basel in die Schenkung eingegeben.

Doch kein Dank wurde ihm dafür. Es wurden ihm im Gegenteil unlautere Motive unterstellt, und viele Migros-Kunden und -Kundinnen wollten den Gratis-Anteilschein gar nicht annehmen aus Angst, dass da etwas anderes dahinterstecke. Aber Gottlieb Duttweiler machte unbeirrt weiter gemäss seinem Motto: „Die Angriffe der Gegner und ungerechtfertigte Verdächtigungen sind es, die einem Werk den Stempel der Echtheit aufdrücken.“ Die Migros, fast sein gesamtes Vermögen und auch seine eigene Machtstellung also, wurde von diesem „reichen Kapitalisten” freiwillig weggegeben, umgewandelt und verschenkt. Ein Akt von wahrer Einsicht, eine Befreiungs-Tat getreu Duttweilers eigenem Wahlspruch: „Freiwilligkeit ist der Preis für Freiheit.” Ein einmaliges Ereignis, das bis heute in der Schweiz in seiner Grösse nicht wirklich gewürdigt wird.

Die 15 Thesen (Das Vermächtnis)

Ihr wertvollstes Eigentum, nämlich ihre Grundsätze und Ideen, behielten die Duttweilers aber noch bei sich. Sie gründeten gleichzeitig die G. und A. Duttweiler-Stiftung, die als Wächterin der Prinzipien und als Wahrerin des Ideengutes Duttweilers wirken sollte. Eine geistige Instanz also, die unabhängig für die weitere Kontinuität der Migros im Sinne einer dienenden Institution im Wirtschaftsleben sorgen sollte. Dazu schrieb er zusammen mit Adele „15 Thesen”, die zusammenfassen, was beide als dauerhafte gedankliche Grundlagen der weiteren Entwicklung erkannt haben (siehe Kapitel Links für einen Zugang zu den Thesen).

Die Konstruktion dieser ganzen Umwandlung kann ohne weiteres als Umsetzung der Dreigliederung innerhalb des Wirtschaftslebens erkannt werden. Das Geistesleben wirkt innerhalb der Stiftung, das Rechtsleben ist in der Genossenschaft verankert, und das eigentliche Wirtschaftsleben ist in den Betrieben der Migros zu finden. Alle sind allerdings noch innerhalb der existierenden im Sinne der Dreigliederung antiquierten Formen des Schweizerischen Rechtsstaates organisiert. Dies macht auch einen Teil ihrer Problematik aus, die sich später zu zeigen beginnt."


Über die Geschichte der Migros-Genossenschaft können Sie im Internet auf folgenden Seiten weiterlesen:



Einige der Unternehmungen und Initiativen, die auf Duttweilers Gründung bzw. Mitbegründung zurückgehen, seien hier ggf. mit Internetpräsenz aufgeführt:

1925 Migros Aktiengesellschaft
1928 Midor, vormals Alkoholfreie Weine AG in Meilen
1933 Mifa Reinigungsmittel
1935 Hotelplan (kurz: "Hopla")
1936 Partei "Landesring der Unabhängigen" (1999 aufgelöst)
1941 Migros Genossenschaft, vormals Migros Aktiengesellschaft
1942 Migros-Magazin, vormals bis 2004 "Wir Brückenbauer"
1944 Migros-Klubschulen
1948 Klubhauskonzerte
1949 Ex Libris Buchhandel
1954 Migrol Tankstellen
1958 Migrosbank
1962 Gottlieb Duttweiler Institut (GDI)

Das "Migros-System" wurde sowohl in Berlin (1932/1933) als auch in der Türkei (1957) eingeführt. Allerdings hat Hitler die Arbeit in Berlin gestoppt, weshalb Gottlieb Duttweiler sein großzügig begonnenes Engagement mit 85 Verkaufswagen dort aufgeben mußte. In der Türkei hat sich ein eigenständiger Konzern entwickelt.


Die Migros heute


Steht der Mensch heute noch immer im Mittelpunkt der Migros? Das ist auch eine Frage nach dem Menschenbild. Welches Menschenbild haben die "Migros-Macher"? Wer sind die Migros-Macher, sind es die Konsumenten der Migros? Das ist eine Frage nach den Entscheidungsstrukturen und der Organisation der Migros.

Ist die Ausschaltung des Zwischenhandels und die Weitergabe von Preisvorteilen an die Konsumenten heute noch ein sinnvolles System?
Unzweifelhaft hat sich in der Post-Duttweiler-Ära eine wichtige Aufgabe für die Wirtschaft ergeben, die von der Migros aufgegriffen wurde: der Umweltschutz, die Ökologisierung der Produktion, der Nachhaltigkeitsgedanke (s. die Migros-Engagementseite ). Dies macht die Produkte, z.B. die Bio-Produkt-Linie, die Max-Havelaar-Linie u.a. teurer. Es wird sich dann zeigen, ob die treue Migros-Kundschaft "bei der Stange" bleibt, wenn Aldi und Lidl, die in der Schweiz Geschäfte aufbauen wollen, die Preise um 20 - 30 % unterbieten.

Um eine Antwort auf die Frage mit der Ausschaltung des Zwischenhandels zu geben: Ein niedriger Preis ist in Zeiten der Globalisierung und großflächigen Umweltzerstörung kein Indiz mehr für eine gerechte und nachhaltige Produktion. Bohnenkaffe zu 8 Euro oder 6 Euro das Kilo sagt nichts über die dahintersteckende Umweltzerstörung oder das soziale Leid der Kaffeanbauer in Brasilien oder sonstwo. Der Handel hat daher immer mehr die Aufgabe diese Verhältnisse transparent zu machen. Er ist nicht mehr allein Warendrehscheibe, sondern auch Informationsdrehscheibe. Nicht umsonst war Gottlieb Duttweiler immer sein eigener Pressechef.