Mikrokredite - neuer Stern der Finanzwelt?


1 Graphische Einleitung
2 "microfinance revolution"
3 Die Kreditgenossenschaften
4 Existenzsicherung - Aufgabe für MFIs?
5 Personalkredit oder Realkredit
6 Eine Vision
7 Kredit und Dreigliederung





1 Grafische Einleitung





2 "microfinance revolution"



Mit diesem Beitrag will ich versuchen die Finanzdienstleistung der Kleinstkredite zu beschreiben, die auch noch als Mikrokredite oder Mikrolending bezeichnet werden. Mikrofinanz umfasst neben den Krediten auch die Sparmöglichkeit. Bis zu welcher Summe von einem Kleinstkredit gesprochen werden kann, hängt wohl vom jeweiligen Land und dessen Wirtschaftskraft ab (in Entwicklungsländern wohl bis 500 Euro, bei uns bis 15000 Euro). Schwerpunktmäßig handelt es sich um ein Gebiet des Wirtschaftslebens. Doch es wird sich zeigen, daß Kleinstkredite sowohl mit der Rechtssphäre als auch mit der Kultur- und Geistessphäre zu tun haben.

Die Rechts- und Geistesqualität auszublenden führt zu Fehlentwicklungen und unheilvollen Verflechtungen. Entflechtung und Gliederung kann dort ansetzen wo heute noch z.B. freiheitliche Impulse und Gleichheitsimpulse im Wirtschaftsleben oder egoistische wirtschaftliche Impulse ins Rechtsleben eingreifen. Mit der Grafik, die vielleicht im Laufe des Beitrages verständlich wird, wollte ich auf diese Aufgabenstellung hindeuten.

Doch schauen wir zunächst, wie es begonnen hat? Nach Angaben der niederländischen Oikocredit war die Grameen-Bank nicht die erste, aber heute wohl das bekannteste Mikrofinanzinstitut (MFI).

Prof. Muhammad Yunus begründete in den 70igern ein experimentelles Kreditprogramm, in dem Kleinstkredite an die Armen vor allem in ländlichen Regionen in Bangladesch vergeben wurden. Die Pilotphase war ein Erfolg. Dennoch weigerten sich die beteiligten Banken am Schluß das Projekt weiterzuführen. 1983 kam es mit internationaler Unterstützung zur Gründung der Grameen-Bank. Wenig später entwickelte sich hierfür die Bezeichnung Mikrokredit. Mittlerweile hat sich herausgestellt, daß die Kleinstkredite ein wirksames Mittel der Armutsbekämpfung sind. So hatte die UN das Jahr 2005 zum Jahr der Mikrofinanz erklärt. Vereinzelt wird schon von einer "microfinance revolution" gesprochen. Die MFIs werden inzwischen von internationalen NROs und staatlichen Institutionen betrieben. Die GTZ (eine deutsche Entwicklungshilfeorganisation) verbucht zunehmend Erfolge mit der Einrichtung von MFIs.

Es gibt unter den MFIs verschiedene Typen (Quelle):



Eine andere Typisierung der MFIs sieht so aus (Quelle):



Die kommerziellen Banken könnten bald viel stärker als bisher Geschmack an Kleinstkrediten finden, wenn sie Möglichkeiten sehen z.B. mittels Kreditfabriken auch bei kleinen Beträgen noch Rendite zu machen. Momentan stehen hiesige Banken dieser Entwicklung abwartend bis träge gegenüber. Noch finden in Downscaling-Programmen mit staatlichen Provisionen herkömmliche Kreditvergabekriterien Anwendung. Daher stellte sich bisher nur ein geringer Erfolg bei den Existenzgründungen aus der Arbeitslosigkeit ein.

Die Kreditsachbearbeiter hiesiger Geschäftsbanken können wohl schwer mit zweierlei Maß messen (nämlich Kredite im Kleinstkreditbereich und die sonstigen Kredite). Denn die Kreditvergabe in Deutschland wird derzeit durch eine für Kleinstkredite gegensätzliche Entwicklung bestimmt, die auf die hohe Zahl von privaten wie geschäftlichen Insolvenzen zurückzuführen ist. Das Bundeskabinett hat jüngst die Umsetzung internationaler Kreditrichtlinien (Eigenkapitalvereinbarung Basel II) für Banken beschlossen, die nun schon versuchsweise Anwendung finden. Bei der Kreditvergabe wird ab dem 1. Januar 2007 die Kreditwürdigkeit von Geschäftskunden stärker als bisher berücksichtigt. Der Mittelstand darf nur leicht aufatmen, denn für Massenkredite bis 1 Million Euro (sogen. "Retail-Portofolio") werden diese strengen Vorschriften wieder etwas "aufgeweicht". Es bleibt aber für europäische Verhältnisse festzuhalten, daß neue Finanzkredite für klein- und mittelständische Unternehmen (KMU) schwieriger zu bekommen sind. Ziel der Banken ist es, die Kosten für höhere Eigenkapitalrücklagen, die zur Pflicht werden je nach Ergebnis der Risikoprüfung, an die Kunden mittels verschieden hoher Zinssätze weiterzureichen. In dieser Prüfung (auch Rating genannt) geht es relativ abstrakt um die Überlebensfähigkeit eines Unternehmens. Weniger mit Blick auf die Unternehmensaufgabe, sondern vorrangig wegen der Zins- und Erwerbsinteressen der Bank.

Das hiesige Bankwesen hat also eine Entwicklung genommen, die wohl mehr als Fehlentwicklung zu charakterisieren ist. Doch selbst bei einem wirklichen Wirtschaftsinteresse müßte das Kreditwesen in Entwicklungsländern und in Industrieländern verschiedene Gestaltungen annehmen.
Denn in vielen Produktsparten hat sich z.B. in Deutschland bei gestiegener Produktivität Marktsättigung ergeben. Viele Investitionen sind unsicher, da trotz aufwendiger Marktbeobachtung nicht absehbar ist, ob die Nachfrage ausreichende Erträge zuläßt. In vielen Entwicklungs- und Schwellenländern geht es dagegen um den grundlegenden Aufbau von Gewerbe, Infrastruktur und Handwerk. Die Nachfrage dort ist riesig. Auch ist der Investitionsbedarf bei geringer Technisierung kleiner, da die Gründer und Investoren nicht in Wettbewerb zu einer "Hochtechnologie" treten müssen. So zeigt sich heute in Deutschland eine andere Ausgangsituation für Kleinstkredite als in den Entwicklungsländern, die sich zum Teil auf einer Stufe befinden wie Deutschland zur Gründerzeit der Genossenschaften im 19. Jahrhundert. Im folgenden Abschnitt möchte ich hierauf zurückblicken.


3 Die Kreditgenossenschaften


Eigentlich müssten die hiesigen Banken die Kleinstkredite nicht neu entdecken, sondern nur wieder entdecken. Die Betonung liegt auf eigentlich, denn mit der Wiederentdeckung müßte auch eine Umgestaltung des Kreditwesens erfolgen. Doch schauen wir zunächst auf das Werk der zwei Pioniere, die untrennbar mit dem Genossenschaftsgedanken verbunden werden:

Der Richter Hermann Schulze-Delitzsch (1808-1883) aus Sachsen gründete 1849 die erste "Rohstoffassoziation" und rief 1850 den ersten "Vorschußverein" ins Leben, der 1852 durch Einführung der unbeschränkten Haftung seiner Mitglieder selbst kreditfähig wurde. Dies war der Prototyp der "Volksbanken" für Handwerker und gewerblichen Mittelstand.

Der Bürgermeister Friedrich Wilhelm Raiffeisen (1818-1888) aus dem Westerwald gründete 1862 seine erste ländliche Kreditgenossenschaft, den Darlehenskassenverein Anhausen. Auf ihn gehen die "Raiffeisenbanken" und Warengenossenschaften im ländlichen Raum zurück.

Hier nur wenige Verweise zu Leben und Werk der zwei Gründer:

Zu Raiffeisen:
www.iru.de...
www.vgflammersfeld.de...

Zu Schulze-Delitzsch:
www.bautz.de...
de.wikipedia.org...

Die Gründer haben die genossenschaftlichen Grundprinzipien Selbsthilfe, Selbstverantwortung und Selbstverwaltung entwickelt:

"Einer für alle - alle für einen." (Raiffeisen)
"Was dem einzelnen nicht möglich ist, das vermögen viele." (Raiffeisen)
"Der Geist der freien Genossenschaft ist der Geist der modernen Gesellschaft." (Schulze-Delitzsch)

Weshalb lassen sich die Impulse dieser Genossenschafts-Gründer als Vorläufer der heutigen Mikrofinanzbewegung verstehen?
Die Situation der einfachen Menschen in Deutschland des 19. Jahrhunderts, vor allem der Landwirte und Handwerker, war gekennzeichnet von großer Armut. Die Befreiung der Bauern aus dem mittelalterlichen Lehnswesen und der Übergang der Handwerker von den sozial eingebundenen Gilden und Zünften zur Befreiung der Gewerbe und dem Aufkommen großer Industrien führten zu einer nie gekannten Freiheit und Eigenständigkeit der Menschen, der sie mit Unerfahrenheit und Gutgläubigkeit gegenüberstanden. So wurden manche Landwirte und Handwerker in Notlagen das Opfer von unseriösen Geldverleihern oder skrupellosen Unternehmern. Die industrielle Revolution zog eine soziale Revolution nach sich. Viele Menschen versuchten die Umstände aus ihrem christlichen oder politischen Verständnis heraus zu bessern. Marx und Engels mit sozialistischen Ideen und Raiffeisen und Schulze-Delitzsch mit genossenschaftlichen Ideen, die sie ja unabhängig voneinander hervorbrachten. Erst zwischen 1883 und 1889 erläßt Bismarck eine Reihe von Gesetzen, um eine Verstärkung der sozialistischen Bewegung zu verhindern (Kranken-, Unfall-, Invaliditäts- und Altersversicherung).

Diese Zeit ist von der Versorgungslage und vom Grad der Arbeitsteilung her vergleichbar mit der Situation in den heutigen Entwicklungsländern, wo die Mikrokredite auch Erfolge in der Bewältigung der Armut bewirken. Nun ist die Entwicklung in Deutschland ja nicht stehen geblieben und die heutige Bevölkerung genießt aufbauend auf einer unvergleichlich gestiegenen Wirtschaftskraft viel weitergehenden sozialen Schutz als damals. Der Genossenschaftsgedanke hat heute weit weniger die Funktion der gemeinsamen Existenzsicherung als viel mehr der gemeinschaftlichen Erzielung von Gewinnen.

Damals hat der Staat seine Aufgabe vernachlässigt, indem er die Menschen nicht vor der ausbeutenden Wirtschaft geschützt hat. Die Existenzsicherung der Genossenschaften durch Selbsthilfe, Selbstverwaltung, durch Marktmacht ist daher ein richtiger Ansatz gewesen, der auch heute in der Bewegung für Mikrofinanz enthalten ist. Das Recht auf ein menschenwürdiges Leben reicht soweit in die Wirtschaft hinein, wie die Wirtschaft als Gesamtheit eine solidarische Verpflichtung hat, für das Leben aller Menschen zu sorgen und ihr soweit die Verfügung über den Gewinn nicht zusteht. Es ist zu hoffen, daß mit einer Neugestaltung der Sozialsysteme z.B. mithilfe eines bedingungslosen Grundeinkommens dies verbessert wird.

Wo der Staat also seine Schutzaufgabe vernachlässigt, ist es nur gerecht, wenn die Menschen eine Art demokratische Notwehr ergreifen und mithilfe von selbst aufgebauten Unternehmen und Einrichtungen für den Erhalt ihrer Existenz sorgen. Es bleibt jedoch immer nur eine Notlösung, was sich daran zeigt, daß dem Genossenschaftswesen eine Art Schwerfälligkeit, Unbeweglichkeit und vor allem ein bekanntes Gewinnstreben anhaftet, daß entgegen dem Grundsatz "einer für alle - alle für einen" ein mitmenschliches Interesse häufig nur auf den Kreis der Genossinnen und Genossen beschränkt. Mit allen Genossenschaften lebt ein politisches Prinzip in der Wirtschaftssphäre.

Woran liegt das? Sehen Sie auf die beiden Hauptgründer und es fällt auf, daß beide ihre Lebenserfahrungen beim Militär und in staatlicher bzw. kommunaler Verwaltung gewonnen haben. Für beide lag es also nahe, die demokratischen Staatsprinzipien unmittelbar auf ihre wirtschaftlichen Einrichtungen zu übertragen (z.B. je Mitglied eine Stimme, Mehrheit entscheidet, Rechenschaftspflicht der Leitung). Was war daran neu? Im Grunde genommen nichts, denn damit stand der Gewinn nicht einem Menschen, sondern einer größeren Zahl von Menschen zu:

"Die Menschen, die heute von wirtschaftlichen Programmen sprechen, haben zum großen Teil ihre Schule durchgemacht im rein politischen Leben. Sie haben teilgenommen an alledem, was sich abspielt bei Wahlkämpfen, was sich abspielt, wenn man gewählt wird und dann in irgendeiner Volksvertretung diejenigen zu vertreten hat, von denen man gewählt ist. Sie haben durchgemacht, in welche Beziehungen man dann zu Amtsstellen, die politische Stellen sind, tritt und so weiter. Sie haben gewissermaßen die ganze Schablone der politischen Verwaltung kennengelernt, und sie wollen diese Schablone der politischen Verwaltung stülpen über den ganzen Kreislauf des Wirtschaftslebens."
332a.42f


Neben den Genossenschaften gibt es ja die Gewerkschaften, wenn auch letztere zeitlich später entstanden. Sie sind beide aus dem gleichen Gerechtigkeitsempfinden, beide aus kapitalistischer Notwehr gewachsen, doch dieses Notwehr-Prinzip darf nicht zum allgemeinen wirtschaftlichen Prinzip werden. Die Verbindung von gleichen Interessen, das demokratische Gleichheitsprinzip ist staatskonform, die Verbindung von verschiedenen Interessen hingegen wirtschaftskonform. Die Regelung einer menschenwürdigen Existenzsicherung gehört deshalb zu den demokratischen Grundaufgaben des Staates und nicht der Wirtschaft:


"Diese gewerkschaftliche Bewegung der Proletarier, meine sehr verehrten Anwesenden, die ist das letzte maßgebende Produkt des Kapitalismus, denn da schließen sich Menschen zusammen rein aus dem Prinzip, rein aus den Impulsen des Kapitalismus heraus, wenn es auch angeblich die Bekämpfung des Kapitalismus ist. Es schließen sich Menschen zusammen ohne Rücksicht auf irgendwelche konkrete Gestaltung des Wirtschaftslebens; sie tun sich zu Branchen zusammen, Metallarbeiterverband, Buchdruckerverband und so weiter, lediglich um Tarifgemeinschaften und Lohnkämpfe herbeizuführen.

Was tun denn solche Verbände? Sie spielen Staat auf dem Wirtschaftsgebiete. Sie bringen das Staatsprinzip in das Wirtschaftsgebiet vollständig hinein. Ebenso wie die Produktionsgenossenschaften - die Verbände, die gebildet werden von den Produzenten untereinander - entgegenstehen dem Assoziationsprinzip, so stehen entgegen dem Assoziationsprinzip diese Gewerkschaften. Und wer wirklich unbefangen die Entwicklung der so sterilen, so unfruchtbaren, so korrupten Revolutionen der Gegenwart studieren wollte, der müßte ein wenig hineinschauen in das Gewerkschaftsleben und in seinen Zusammenhang mit dem Kapitalismus. Ich meine damit nicht bloß die kapitalistischen Allüren, die in das Gewerkschaftsleben auch schon hineingezogen sind, sondern ich meine das ganze Verwachsensein des Gewerkschaftsprinzipes mit dem Kapitalismus.

Sehen Sie, da komme ich auf dasjenige, was nun gewiß in einem gewissen Sinne auch notwendig ist. Ich habe Ihnen vorgestern charakterisiert: Die Assoziationen, sie gehen von Branche zu Branche, sie gehen vom Konsumenten zum Produzenten hinüber. Dadurch entstehen nämlich schon die Verbindungen zwischen den einzelnen Branchen, denn es ist immer derjenige, der Konsument ist von irgend etwas, zu gleicher Zeit auch Produzent; das geht schon ineinander. Es kommt nur darauf an, daß man überhaupt mit dem Assoziieren anfängt. Anfangen kann man, das habe ich schon vorgestern erwähnt, zunächst allerdings am besten, indem man Konsumenten und Produzenten zusammenführt auf den verschiedensten Gebieten und dann beginnt, wie wir heute gesehen haben, Assoziationen zu bilden vor allen Dingen zusammen mit dem, was der Landwirtschaft nahesteht und was reine Industrie ist. Ich meine damit nicht eine Industrie, die selber noch ihre Rohstoffe gewinnt, die steht der Landwirtschaft näher als die Industrie, die schon ein ganzer Parasit ist und nur mit lauter Industrieprodukten und Halbfabrikaten und so weiter arbeitet. Man kann da ganz ins Praktische hineinkommen. Wenn man nur will und wenn man genügend Initiative hat, kann man auf Bildung dieser Assoziationen schon losgehen.

Aber vor allen Dingen haben wir nötig, daß wir einsehen, daß das assoziative Prinzip das eigentlich wirtschaftliche Prinzip ist, denn das assoziative Prinzip arbeitet auf die Preise hin und ist in der Preisbestimmung unabhängig von außen. Wenn die Assoziationen nur über ein genügend großes Territorium und über die verwandten Wirtschaftsgebiete, über die mit irgendeinem wirtschaftlichen Zweige zusammenhängenden Gebiete sich ausdehnen, da kann man schon sehr viel leisten. Sehen Sie, wodurch die Sache stockt, das ist immer nur das, daß man, wenn man heute anfängt mit der Bildung eines assoziativen Lebens, ja sogleich in der Außenwelt an den Unwillen der Menschen über assoziative Bildungen stößt; man kann das auf den verschiedensten Gebieten bemerken. Nur bemerken die Leute nicht, worauf eigentlich die Sachen beruhen. Deshalb gestatten Sie mir, daß ich noch einmal auf ein Beispiel zurückkomme, das wir schon selbst praktiziert haben. Es ist allerdings ein Beispiel, wo man gewissermaßen mit geistigen Produkten wirtschaftlich zu arbeiten hat, aber auf anderen Gebieten ließ man uns eben nicht arbeiten.

Nun, sehen Sie, das ist die Besonderheit unseres Philosophischen-Anthroposophischen Verlags, ich habe das schon erwähnt, der durchaus im Einklange mit dem assoziativen Prinzip arbeitet - zunächst wenigstens, er muß ja nach hinten natürlich sich anschließen vielfach an Druckereien und so weiter und kommt da wiederum hinein in andere Wirtschaftsgebiete; dadurch ist es schwer, Durchgreifendes zu erreichen, aber er kann als ein Musterbeispiel dastehen. Es brauchte sich ja das, was in ihm ausgeführt wird, nur weiter auszudehnen über andere Branchen, es brauchte das assoziative Prinzip nur weiter ausgedehnt zu werden. Und da handelt es sich darum, zunächst die Interessenten zu sammeln, so zum Beispiel, wenn irgend jemand sich daran machen und tausend Leute zusammensammeln würde - ich will eine bestimmte Zahl angeben -, die sich bereit erklären würden, bei irgendeinem bestimmten Bäcker ihr Brot zu kaufen. So fanden sich in der Anthroposophischen Gesellschaft - die ja natürlich nicht bloß zu diesem Zweck begründet war, aber alles hat auch seine wirtschaftliche Seite -, so fanden sich in der Anthroposophischen Gesellschaft die Leute zusammen, die die Konsumenten waren für diese Bücher, und so hatten wir niemals auf Konkurrenz hin zu produzieren, sondern wir produzierten nur diejenigen Bücher, von denen wir ganz genau wußten, daß sie verkauft wurden. Wir beschäftigten also nicht unnütz Drucker und Papiermacher und so weiter, sondern wir beschäftigten nur so viel Arbeiter, als nötig waren für die Herstellung der Büchermenge, von der wir wußten, daß sie verbraucht wird. Also es wurden nicht unnötig Waren auf den Markt hinausgeworfen. Dadurch ist innerhalb der Grenze des Büchererzeugens und Bücherverkaufens ein Wirtschaftlich-Rationelles wirklich begründet, denn es ist unnötige Arbeit eben vermieden. Ich habe schon darauf aufmerksam gemacht: Sonst druckt man Auflagen, wirft sie auf den Markt hinaus, und dann kommen sie wiederum zurück - soviel unnötige Papierproduktionsarbeit wird geleistet, soundso viel unnötige Setzer werden beschäftigt und so weiter. Daß soviel an unnötiger Arbeit geleistet wird, das ist dasjenige, was unser Wirtschaftsleben zugrunderichtet, weil eben nicht der Sinn dafür vorhanden ist, rationell durch Assoziationen zusammenzuarbeiten, so daß die Produktion tatsächlich weiß, wo sie ihre Produkte absetzt.

Nun, wissen Sie, was verschwindet dann? Sie müssen das durchdenken: Was verschwindet, das ist die Konkurrenz. Wenn man in dieser Weise den Preis bestimmen kann, wenn man wirklich auf dem Wege der Zusammenschließung der Branchen den Preis bestimmen kann, da hört die Konkurrenz nämlich auf. Es ist nur nötig, dieses Aufhören der Konkurrenz in einer gewissen Weise zu unterstützen. Und man kann es dadurch unterstützen, [daß sich die verschiedenen Branchen zu Assoziationen zusammenschließen]. Allerdings war ja auch schon immer ein Bedürfnis dazu vorhanden, daß sich die Leute gleicher Branchen zusammenschließen; aber dieses Zusammenschließen der Leute gleicher Branche, das verliert tatsächlich seinen wirtschaftlichen Wert, weil man dadurch, daß man nicht zu konkurrieren braucht auf dem freien Markt, es nicht mehr nötig hat, den Preis zu unterbieten und dergleichen.

Dann werden allerdings durchzogen sein die Assoziationen, die sich im wesentlichen von Branche zu Branche begründen, die werden durchzogen sein von jenen Vereinigungen, die wir dann wieder Genossenschaften nennen könnten. Diese brauchen aber keine eigentlich wirtschaftliche Bedeutung mehr zu haben, diese werden mehr herausfallen aus dem eigentlich wirtschaftlichen Leben. Wenn sich diejenigen, die ein gleiches Produkt fabrizieren, verbinden, so wird das ganz gut sein, aber es wird eine gute Gelegenheit sein, wenn sich mehr geistige Interessen da entfalten, wenn da vorzugsweise die Leute, die aus gemeinsamen Denkrichtungen heraus arbeiten, sich kennenlernen, wenn die einen gewissen moralischen Zusammenhang haben. Derjenige, der real denkt, der kann sehen, wie schnell sich das machen ließe, daß man die Verbände der gleichen Branche entlasten würde von der Sorge für die Preisbestimmung, indem die Preise lediglich bestimmt würden von den Verbänden der ungleichen Branchen. Es würde dadurch - indem, ich möchte sagen, das Moralische einziehen würde in die Verbände gleicher Waren -, es würde dadurch am besten die Brücke hinüber zu der geistigen Organisation des dreigliedrigen sozialen Organismus sich schaffen lassen. Solche Verbindungen aber, die rein aus der kapitalistischen Wirtschaftsordnung heraus entstanden sind wie die Gewerkschaften, die müssen vor allen Dingen so schnell als möglich verschwinden. "


In diesem Zusammenhang darf ich wohl behaupten, daß die MFIs ohne eine assoziative Aufgabenorientierung mal dort ankommen werden, wo die Kreditgenossenschaften heute schon sind: Nach der Überwindung der größten Not ihrer Mitglieder arbeiteten die "gemeinwirtschaftlich" orientierten Darlehnskassen und Volksbanken in gleicher Weise weiter, d.h. sie wollen Gewinne machen wie alle Banken. Gemeinwirtschaft bedeutet heute im Genossenschaftsbereich Gruppenegoismus statt Einzelegoismus. Dies wird auch von der Bundesjustizministerin Zypries im Rahmen einer Festrede präzisiert, indem sie das nach ihrer Meinung sinnvolle Verständnis des Ausspruchs "einer für alle - alle für einen" erläutert:

" 'Alle' umfasst natürlich nicht 'alle Menschen' - denn wirklich für alle kann wohl kein einzelner Mensch da sein. Aber ein Mensch kann für 'alle' da sein in dem Sinne, dass man vorher definiert, welche Gruppe von Menschen dieses 'alle' umfasst. Auch das genossenschaftliche Motto meint nichts anderes - 'alle' sind in diesem Zusammenhang alle Mitglieder der Genossenschaft."
Quelle


Vielleicht hat Raiffeisen sein Genossenschaftsprinzip so eng gemeint. Als engagierter Christ könnte er aber auch ein allgemeines Prinzip der Nächstenliebe gemeint haben. Dies zu entscheiden, halte ich für sekundär. Ist es nicht vielmehr eine Frage, ob Genossenschaften innerhalb weltwirtschaftlicher Arbeitsteilung heute noch ein zeitgemäßes Verständnis von "Gemeinwirtschaft" haben oder ob es nicht besser wäre das Verständnis und die globale Aufgabenstellung von Genossenschaften (wie auch von Gewerkschaften) neu zu definieren. Wenig sinnvoll ist es nach meiner Meinung das alte Genossenschaftsrecht mit der neuen Europäischen Genossenschaft innerhalb der EU zu standardisieren oder zu "verwässern", wenn dies zu einer bloßen Annäherung an Kapitalgesellschaften - oder anders gesagt - zum Abrücken von dem allein modernen Prinzip einer globalen Gemeinwirtschaft führt.

Auch die MFIs könnten ohne ein klares Bild assoziativer Kreditgewährung nach und nach auf das Alibi-Ziel verstärkter Renditeorientierung zusteuern. So muß ich wohl die folgende Aussage des Leiters des Deutschen Mikrofinanzinstituts, Bochum (DMI), Falk Zients, verstehen:

"Und in hundert Jahren wird dann vielleicht über das DMI gesagt: Was? Dieser Großkonzern hat mal als Grassroot-Bewegung angefangen? Die sind jetzt doch auch nicht anders als die anderen globalen Player. Aber früher, die ersten dreißig / vierzig Jahre, da haben die wirklich gute Arbeit gemacht. Vorher war Mikrofinanzierung in Deutschland ja ganz unbekannt. Die haben das dann erst aufgebaut. Das war eine richtige Bewegung. Das müssten wir uns eigentlich nochmals genauer anschauen, wie das damals gelaufen ist, denn irgend so etwas brauchen wir heute wieder."
Quelle




4 Existenzgründung - Aufgabe für MFIs?


Es ist durchaus verständlich, wenn sich die MFIs aus ethischen Impulsen auf dem Gebiet der Existenzgründung betätigen. Kann es jedoch darum gehen, möglichst vielen (arbeitslosen) Menschen "Lohn und Brot" zu verschaffen? Es wäre wichtig, daß die MFIs klar Stellung bezögen, ob sie sich als Einrichtung der Wirtschaft oder als Einrichtung des Staates begreifen. Verstehen sich die MFIs als eine Art besondere Arbeitsagentur mit staatlicher Förderung? Existenzgründung über Mikrokredite ist doch eine besondere Art Arbeitsvermittlung.

Ließe sich die Aufgabe der MFIs so umreißen: Wer nicht mehr in einem Unternehmen unterkommt, dem muß hierzulande mit der Gründung eines eigenen Unternehmens Arbeit verschafft werden. Dies unterstützen die MFIs sowohl sachlich (Kredite) als auch persönlich (Beratung). Also eine öffentlich-rechtliche (sprich: staatliche) Aufgabe, denn Existenzgründung, erspart dem Staat ja Grundsicherung und erleichtert den Arbeitsagenturen den Vermittlungsaufwand. Dafür zahlt der Staat ja auch Fördergelder.

Wäre diese Charakterisierung zutreffend, so wäre dies eine problematische Verflechtung von Aufgaben aus allen drei Lebensbereichen, die deutlich voneinander getrennt werden sollten. Ich will dies nach einem Beispiel erläutern.

Beispiel: Der Arbeitslose A erhält einen Kleinstkredit über 200 Euro. Er will Snacks und Früchte im selbst gebastelten Bauchladen in den städtischen Parkanlagen und auf Schulhöfen verkaufen. Der Verkauf geht gut. A kann die erste Rate des Kredites leicht zurückzahlen. Er will aber zwei weitere Mitarbeiter einstellen, da er weiteren Bedarf vermutet. Der Kredit wird auf 500 Euro ausgeweitet. A findet Mitarbeiter B und C und stattet sie mit Bauchläden und Pausengebäck aus. Wieder läuft der Verkauf gut. So konnte das MFI einen Erfolg verbuchen, denn A,B und C sind nicht mehr arbeitslos.

Zugegeben, etwas vereinfacht, aber so könnte eine kleine "Erfolgsstory" aussehen. Doch wir leben in Mitteleuropa in relativ gesättigten Märkten. Daher möchte ich diese kleine Story um eine Episode ergänzen, die leider nicht im Blickfeld des MFI liegt:

D und E sind zwei typische kioskgroße Einzelhändler, die mit dem Erscheinen von A, B und C nur noch wenige Früchte und Pausengebäck bei den Schülern der jeweils nahen Schulen verkaufen. Da sie schon an der Grenze der Rentabilität arbeiteten (und vor allem die Mieterhöhungen auf die Preise schlagen müssen), schließen beide ihr Geschäft.

Leicht ließe sich sagen: Typischer Fall von Verdrängungswettbewerb, also geht das marktwirtschaftlich ganz in Ordnung, denn nun können die Schüler und Parkbesucher ihre "Kleinigkeiten" direkt am Bauchladen und dazu noch billiger kaufen. Lassen wir mal die tatsächliche Rechtslage (bezgl. Lebensmittelhygiene u.a.) außen vor, die dieses Beispiel evtl. wenig real erscheinen läßt. So sind aber drei neue Arbeitsplätze gegen zwei alte aufzurechnen. Außerdem wären noch weitere Auswirkungen abzuwägen (keine Lebensmittelkühlung im Sommer beim Bauchladen, geringere Sortimente, weniger Bewegung für die Schüler in den Pausen, etc.).

Die Kreditvergabe ist - gleichgültig in welcher Höhe - eine Aufgabe, die nur aus dem Gesamtüberblick der Wirtschaft Sinn macht. Die Gesamtsicht kann natürlich kein einzelner Kreditsachbearbeiter eines MFI, auch kein einzelner Existenzgründer entwickeln. Einzelurteile sind da wenig sinnvoll. Da sollte sich das jeweilige MFI als Wegbereiter einer assoziativen Struktur verstehen. Runde Tische an denen assoziative Gespräche laufen sind eine Bewegung weg vom reinen abstrakten Geldmarkt- und Arbeitsplätze-Denken.
Es sollte darum gehen, wahrzunehmen, ob wir gemeinsam wollen, daß D und E ihre Läden dicht machen müssen, weil drei Bauchlädenverkäufer "auf den Markt" stoßen. Da fängt reale Wirtschaft an, nicht die "wilde" Schaffung von Arbeitsplätzen, sondern eine Wahrnehmung von Bedarf und die gezielte Hinleitung und Herüberleitung von arbeitswilligen Menschen nach dem jeweiligen Bedarf.

MFIs sollten sich nicht allein als "Ableger" eines ethischen Bankwesens verstehen. Das ist zwar vor allem bei fehlender staatlicher Grundsicherung in Entwicklungsländern als ethisch-christliche Notlösung verständlich. Bei fortschreitender Arbeitsteilung wie hierzulande kann die Kreditgewährung jedoch nicht auf ein Gemeinschaftsurteil über den Bedarf und den Preis für die Leistung verzichten. Es wäre sinnvoll, die MFIs würden ihre lokale Präsenz auch als Förderer einer assoziativen Struktur begreifen. Dies kann natürlich noch keine "Anleitung" sein, wie's geht, doch eine Anregung für zukünftige "runde Tische". Zu diesem Gedanken später mehr, denn ein weiterer Aspekt der Kreditsphäre ist noch zu erarbeiten.


5 Personalkredit oder Realkredit


Eine Zahl in der Mikrofinanzwelt ist ein "Traum", wie sie sich vor allem aus den Entwicklungsländern als ein Erfahrungswert ergeben hat: Die Zahl der "geplatzten" Kredite oder anders, der Kreditausfälle. Diese Zahl ist wirklich eine Sensation und liegt zwischen 0 und 3 %. Klaus Tischhauser (Geschäftsführer von Responsability in Zürich) nennt sogar einen Wert von 1 %:

"Die Realität in Entwicklungsländern zeigt eine geringe Ausfallquote bei den Mikrokrediten. Sie beträgt rund ein Prozent. Die KreditnehmerInnen sind also hervorragende KundInnen der MFI. Übertragen auf die Verhältnisse hierzulande (Schweiz) heisst das, die Klein- und KleinstunternehmerInnen wären vielleicht die interessanteren und besseren Risiken für die Banken als grössere Betriebe. Dieses Segment gilt es also durchaus auch hier für die Banken neu zu entdecken - was für die ganze Volkswirtschaft ein Gewinn wäre."
Quelle


Nach einer anderen Übersicht , in der MFIs aus Industrie- und Transferländern gemeinsam berücksichtigt werden, ergibt sich ein höherer Ausfall von ca. 4,6 %. Zum Vergleich der in den letzten Jahren gestiegene deutscher Wert: "Die Ausfallquote ist aber nach wie vor niedrig und liegt meist deutlich unter 2,8 %", erklärte Schufa-Chef Rainer Neumann.
Es ist doch paradox: Die Kleinstkredite an die armen Menschen, die fast kein Eigenkapital, keine Kreditversicherungen und keine Immobilien haben, sind genauso sicher wie die Kredite der Geschäftsbanken in Industrieländern. Es ließe sich einwenden, daß die Kleinbeträge, viel leichter zurückzuzahlen sind, als die großen Summen. So kann aber nur der argumentieren, der völlig abstrakt über den Lebensverhältnissen steht. Fast biblisch möchte ich antworten und sagen, wer fast sein letztes Hemd hergibt, der gibt mir mehr her als der Reiche, der ein Hemd leicht verschmerzen kann. In der Hand des einen sind 10 Euro ein Vermögen, in der Hand des anderen ein Trinkgeld.

Anerkennen wir die Relativität der Kreditbeträge, dann können wir über die niedrigen Ausfallquoten nur staunen. Diese Zahl ist geradezu eine Ohrfeige ins Gesicht der finanzwissenschaftlichen Theoretiker, die zur Risikominimierung bei Krediten Eigenkapital, Immobilien und sonstige Sachwerte als Sicherheit verlangen.

Was ist denn Grundlage eines Kredits?
Das kann doch nur das Vertrauen in die Fähigkeiten einer Unternehmerin, eines Unternehmers sein. Völlig wirtschaftsfremd (aber systemkonform für die abstrakte Geldwirtschaft) ist es, beim Kredit auf sachliche Absicherung, also auf den sogenannten Realkredit (Beleihung von Grundstücken und Immobilien), zu setzen. Falk Zients vom DMI hat die wesentlichen Aspekte der Mikrokredite so dargestellt:

1. Personalkredit
Bei der Kreditentscheidung steht die Persönlichkeit des Kreditnehmers ganz im Vordergrund, weniger die schriftlichen Ausarbeitungen.

2. Innovative Sicherheitskonzepte
Es werden Sicherheiten vereinbart, die auch von vermögenslosen Kleinstunternehmern erbracht werden können, etwa in Form von Gruppenkrediten und Verantwortungsbürgschaften.

3. Stufenkredite
Beginnend mit Kleinstbeträgen kann sich der Kreditnehmer stufenweise die Kreditwürdigkeit für größere Beträge erarbeiten.

4. Neue Formen der Krisenintervention
Der langfristige Erhalt der geförderten Unternehmen ist vorrangiges Ziel des Kreditgebers. (Quelle, S. 4)


Die Personenzentrierung des Mikrokredits ist im Punkt 1 ausdrücklich genannt, sie steckt aber auch in den anderen Punkten:
Punkt 2 umfaßt die Solidarhaftung, die ja für die Kreditsicherung auf die Fähigkeit einer Gruppe setzt. Damit wird der Kreis der Personen für die Absicherung ausgedehnt, gleichgültig ob die finanzielle Bürgschaft oder die gemeinsame unternehmerische Leistung (und damit die Fähigkeiten weiterer Menschen) gemeint sind. Mindestens ist eine gegenseitige soziale Kontrolle für die Absicherung der Kredite ein persönliches Prinzip, das nicht zu unterschätzen ist.
Punkt 3 setzt sowohl auf eine Art Fähigkeitsbeweis als auch (bei fehlender assoziativer Struktur) auf die tatsächliche Erkundung des Bedarfs. Auch das ist eine sehr sachliche Kreditabsicherung, bei der mit zunehmenden Bedarf auch die Fähigkeiten wachsen können. Eine assoziative Struktur könnte zukünftig durch gemeinsame Urteile die Unsicherheit hinsichtlich des Bedarfs verringern und damit die Gefahr von personellen Überbesetzungen vermindern.
Punkt 4: Damit ist wohl die langfristige Beratung und Begleitung der Unternehmen gemeint. Eine Kreditabsicherung dieser Art zeigt nach meiner Meinung auch wieder, daß der Mensch im Mittelpunkt stehen sollte. Dazu fällt mir ein Ziel japanischer Unternehmen ein: Besser einen Kunden halten als zehn neue gewinnen. Dieses Ziel gilt hier auf zwei Ebenen: Sowohl zwischen UnternehmerIn und seinen Kunden als auch zwischen MFI und UnternehmerIn. Das MFI selbst begreift das beliehene Unternehmen als Fähigkeitenpotenzial, nicht als "Renditeobjekt".

Die Betonung des Personalkredit-Prinzips ist ein Schritt auf dem richtigen Weg, damit Geldinteresse und Wirtschaftsinteresse wieder näher zusammenkommen. Doch heute, wo es das Privatrecht ermöglicht Boden wie jede Ware kaufen und verkaufen zu können, wo es dieses "Recht" zuläßt Kredite als Grundschulden, als Hypotheken auf Immobilien (= Realkredite) abzusichern, da kann der Personalkredit nur eine völlig verzerrte Anerkennung erfahren.
Das Beispiel der Rückzahlungsquote bei Kleinstkrediten in den armen Ländern des Südens deutet darauf hin, daß die Absicherung durch Realkredite im Norden eine große Illusion ist. Die Armen müssen in der Not zeigen, was die Reichen in ihrer Sattheit nicht lernen wollen: Nur der Mensch mit seinen Fähigkeiten verdient produktives Vertrauen, nicht die leblose Natur (= Boden, Immobilien und im erweiterten Sinne die Produktionsmittel).




6 Eine Vision


Erlauben Sie mir hier statt eines kleinen evolutionären Schrittes einen großen Sprung in die Zukunft im Rahmen des Beispiels der Bauchläden-Unternehmer:

Der mobile Pausendienst von A hat sich über den Zeitraum von Jahren von einer anfänglichen "Marktlücke" zu einem einträglichen Geschäft entwickelt. Die Gesellschaftssituation und die Aufgaben der lokalen MFIs haben sich inzwischen völlig verändert. Vor allem ist dies zurückzuführen auf die Einführung eines mehrwertsteuerfinanzierten Grundeinkommens, das sich über den erst wenige Jahre zuvor ermöglichten Volksentscheid durchsetzen konnte.

Nun haben viele Menschen kein Interesse mehr daran "Lückenbüßer" zu sein. Einige leben auf bescheidenem Fuß im "Dauerurlaub". Andere können von der Arbeit nicht lassen, weil sie einfach Freude daran haben oder weil sie mehr Geld wollen, um ein anspruchvolles Leben zu führen. Vom Staat war jedenfalls keine Hilfe mehr zu erwarten, seine Kassen waren bis auf die notwendigsten Einkommen leer, denn seitdem mit Basel III auch der Staat selbst ins Visier der Banken geriet, war weitere Neuverschuldung nicht mehr durchsetzbar (die Verteilung der Grundeinkommen wurde bald nach der Einführung wegen der Gefahr der Zweckentfremdung der Mittel von den staatlichen Zahlstellen auf die Spitzenorganisation der Wirtschaft - dem unter staatlicher Rechtsaufsicht stehenden Assoziationsrat - übergeleitet). Als jüngste Entwicklung hatte sich der Staat aus Kostengründen auch aus Bildung und Wissenschaft zurückgezogen.

In dieser Situation formierte sich Selbsthilfe und Selbstverwaltung in der Wirtschaft und im gesamten Kulturleben. In der Wirtschaft kam es diesmal nicht zu kleinen genossenschaftlichen Einrichtungen, sondern zu branchenübergreifenden Regionalassoziationen um Aufgaben wie Arbeitsvermittlung, Existenzgründungen, Geld- und Kreditwesen an sich zu ziehen, damit wichtiger Bedarf erfüllt werden konnte. Trotzdem blieben anfangs einige Arbeiten liegen, doch mit gezielten Preisanhebungen fanden sich auch hierfür Menschen.

Das MFI wurde in das Fachgebiet Existenzgründungen in die Regionalassoziation integriert. Die Trennung zwischen Kleinstkrediten und sonstigen Krediten wurde nach und nach zugunsten einer gebietlichen Aufteilung aufgegeben. Die Mitarbeiter des MFI wurden durchweg in verantwortliche Positionen gebracht, wo sie ihre guten Erfahrungen mit dem Personalkredit einbringen konnten.

Die Stadt, in der A arbeitete war inzwischen gewachsen und hatte genug Einwohner für weitere mobile Pausendienste. Die Arbeitslosen F und G hatten von der Geschäftsidee erfahren und "bewerben" sich um Kleinstkredite für eine Startausrüstung bei der lokalen Stelle für Existenzgründung. Gleichzeitig fragt A um einen weiteren Kredit an, da er zwei weitere Mitarbeiter einstellen will. Dies ist nun schon fast ein Routinevorgang, der so ablief:

Die Existenzgründung gibt Mitteilung an die Arbeitsgruppe Bedarfsermittlung bei der Regionalassoziation. Sie macht eine elektronische Umfrage bei den Mitgliedern der Assoziation, zu der nahezu 80 % der Haushalte gehören. Es kam heraus, daß ca. 25 % Eltern und Kinder einen mobilen Pausenimbiss wollen. Viele drängen aber auf möglichst wenig "Süßkram", dafür mehr Früchte und Milchprodukte. Für die Versorgung in Parks liegt kein Bedarf mehr vor (A hatte hier schon alles "abgegrast"). Der Kiosk "Tante Emma" fürchtet um seine Existenz. So entscheidet die Assoziationsleitung nur zwei neue Bauchläden mit Kredit auszustatten.

Die Existenzgründung erhält die Entscheidung der Leitung und lädt wie vor jeder Kreditvergabe durch die Assoziation den "Unternehmerrat" ein. Dieses Organ umfaßt erfahrene Unternehmer aus der jeweiligen Branche. Es werden fünf langjährige Lebensmitteleinzelhändler aus der Landesassoziation und A, F und G eingeladen. Die drei potentiellen Kreditnehmer stellen ihren Geschäftsplan vor und der Rat faßt anschließend seine Entscheidung, dem A und dem G jeweils einen Kredit für die Grundausstattung zu geben. Da G noch relativ unerfahren in der Unternehmensführung ist, wird er von der Existenzgründung längere Zeit beratend begleitet.


7 Kredit und Dreigliederung


Das Bank- und Kreditwesen berührt alle Lebensbereiche, weshalb es vor allem zu einer engen Zusammenarbeit zwischen den Einrichtungen der Wirtschaft und des Kultur- und Geisteslebens kommen wird, um das Kreditwesen sinnvoll zu gestalten:

1. Ideal-realer Besitzanteil jedes Menschen am Boden und am Produktionskapital (Rechtssphäre)
2. Bedarf (Wirtschaftssphäre)
3. Fähigkeit (Geistessphäre)

Zu 1:
Überall dort wo den Menschen ihr rechtmäßiger Anteil am Boden und am Kapital in Form eines existenssichernden Minimums vorenthalten wird, bilden sich Einrichtungen und Organisationen (wie NROs und MFIs), die dies aus einem christlich-ethischen Bewußtsein heraus auszugleichen versuchen. Die Dreigliederung sieht hierin eine demokratische Aufgabe, die z.B. in Deutschland angefangen mit der Bismarckschen Sozialgesetzgebung bis zu den heutigen Harz IV - Bestimmungen ungenügend oder unzweckmäßig geregelt wurde. Es ist noch eine zukünftige Aufgabe, der großen Mehrheit begreiflich zu machen, daß jedem Menschen ein Anteil an der Produktivität der Erde zusteht. Entweder als ein Grundeinkommen oder als Kredit für eine Hilfe zur Selbsthilfe.
In einem Land wie Deutschland ist diese Qualität bei der Kreditgewährung nicht mehr leicht wahrnehmbar, da sie mehr schlecht als recht durch die soziale Grundsicherung ausgeglichen wird.

Zu 2:
In kleinen Sozialverbänden bei überwiegender Landarbeit war es noch leichter den Bedarf aller wahrzunehmen. Heute kann eine unternehmerische Fehlentscheidung jedoch die Arbeit von Tausenden von Menschen "in den Sand" setzen. Dies zu vermeiden erfordert eine gemeinschaftliche Wahrnehmung, ein gemeinsames Urteil vor allem der gegensätzlichen Interessen aus Produktion und Konsum, wofür die Dreigliederung den Aufbau von Assoziationen vorsieht. Die Kreditgewährung wird nach einer sorgfältigen Bedarfsfeststellung erfolgen.
Die Risikominimierung aus geldlichem Eigeninteresse hat mit der wirtschaftlichen Aufgabenerfüllung heute immer weniger zu tun. Daher schlägt die Dreigliederung vor, das Kreditwesen in die assoziative Selbstverwaltung der Wirtschaft zu geben, wodurch die Risikofrage hinter der Bedarfsfrage zurücktritt. Hierzu ein Zitat von Hakan Blomberg:

"Worauf es ankommt ist, daß die Assoziationen als Einrichtungen entwickelt werden, die eine Vertrauen erweckende Fähigkeit haben, indem sie die beschriebenen Wahrnehmungs- und Urteilsfunktionen ausbilden. Die Fähigkeit zur Wahrnehmung und zum Urteil muß in den Assoziationen liegen, der Wille mit diesen Einsichten zu arbeiten, dagegen in der Peripherie, d. h. in den Unternehmen und bei den Verbrauchern. Die Assoziationen müssen sich deshalb als Dienstleistungseinrichtungen betrachten, deren ganzes Vertrauenskapital darin liegt, keine Machtambitionen zu entwickeln... Führt ... eine Urteilsbildung, beispielsweise betreffs einer Investitionsfrage größeren Umfanges, in der sämtliche wesentliche Partner zu Gehör gekommen sind, zu einem ausgewogenen Bild, wie die Investition sich zum Branchenzusammenhang als Ganzem verhält, dann kann das Risiko wesentlich verringert werden, sowohl für das Unternehmen selbst als auch für dessen Kreditgeber. Je kleiner das Risiko, desto geringer ist auch der Bedarf an Risikokapital. Kann die Assoziation auch das Risiko übernehmen, welches ja immer in Entwicklungsprojekten vorhanden ist, beispielsweise indem ihre Mitglieder als Bürgen für die durch die Investition erforderlichen Kreditverpflichtungen stehen, dann fällt der Bedarf an einem speziellen Risikokapital ganz weg. Die riskierte Entscheidung ist durch eine Urteilsbildung gestützt und die Risikokapitalfunktion durch eine Verlustdeckungsgarantie seitens der Assoziationsmitglieder gezeichnet, d.h. letztlich durch den Kunden und die übrigen Assoziationen. "
Das soziale..., S. 247f


Zu 3:
Die Dreigliederung versucht zu erreichen, daß das Eigentum an den Produktionsmitteln von einem zum nächsten unternehmerisch Befähigten übergeleitet wird. Aus dieser Sicht wäre das unumschränkte Privateigentum in ein treuhänderisches Nutzungseigentum zu verändern. Jeder Unternehmer verwaltet das Nutzungseigentum nur für die Zeit seines Lebens, in der er tatsächlich eine gesamtwirtschaftlich sinnvolle Leistung erbringt.
Sowohl die Nachfolge in der Leitung von bestehenden Unternehmen als auch die Auswahl von Bewerbern für die Neugründung von Unternehmen sind Aufgaben eines Kollegialorgans des Kultur- und Geisteslebens. Steiner spricht von einer Korporation der Kapitalverwaltung; im Beispiel oben "Unternehmerrat" genannt. Es mag vielleicht mißverständlich klingen, doch das Geistesleben reicht ja u.a. durch die geistigen Leitungsaufgaben in den Unternehmen in das Wirtschaftsleben hinein. Erst durch eine solche Organisation in Verbindung mit einem neutralisierenden Bodenrecht wird die wirkliche Bedeutung des Personalkredits aufleben können und zu einer dauernden Auffrischung der Wirtschaftstätigkeit führen.
Es ist erfreulich zu sehen, wie die MFI versuchen, den Personalkredit in den Vordergrund zu rücken. Dies ist eine wichtige Tendenz gegen die abstrakte "Übersicherung" durch Realkredite und Eigenkapital.

Es wäre schön, die Mikrofinanzinstitute als einen Erneuerungsfaktor unseres verkrusteten Banken- und Finanzsektors erleben zu können.