Wie kann man soziale Dreigliederung verwirklichen?

1919 versuchte die Bewegung für soziale Dreigliederung in die politischen Ereignisse einzugreifen und wandte sich hierzu an eine große Öffentlichkeit (G7). Die Dreigliederung konnte sich aber noch nicht durchsetzen. Dieser Versuch wurde von Rudolf Steiner als eine Prüfung bezeichnet:

"Man möchte sagen, als von dem Dreigliederungsimpuls im sozialen Leben gesprochen worden ist, da war das gewissermaßen eine Prüfung, ob der Michael-Gedanke schon so stark ist, daß gefühlt werden kann, wie ein solcher Impuls unmittelbar aus den zeitgestaltenden Kräften herausquillt. Es war die Prüfung der Menschenseele, ob der Michael-Gedanke in einer Anzahl von Menschen stark genug ist. Nun die Prüfung hat ein negatives Resultat ergeben. Der Michael-Gedanke ist noch nicht stark genug in einer auch nur kleinen Anzahl von Menschen, um wirklich in seiner ganzen zeitgestaltenden Kraft und Kräftigkeit empfunden zu werden." 223.50

Wer ist Michael?
Michael ist einer der sieben Erzengel (Archangeloi) aus der Sonnenregion, der als Antlitz Gottes und als Drachentöter im Christentum schon lange bekannt ist. Als Zeitgeist hat er seit 1879 die Aufgabe übernommen, die Menschen in Ihrer Entwicklung für ca. 3 - 4 Jahrhunderte zu begleiten. Anders als in früheren Zeiten kann Michael seine Kraft den Menschen nicht ohne eigenes Zutun mitteilen. Dies liegt an der notwendigen Freiheitsentwicklung der Menschen. Er hält sich solange zurück, bis wir auch für das sinnlich nicht Wahrnehmbare ein Bewußtsein entwickeln wollen.

Was ist der Michael-Gedanke, der in den Menschen lebendig werden muß, bevor die Dreigliederung verwirklicht werden kann?

Nun, es ist die innere Gewißheit, daß sich die Welt nicht in der Materie, daß der Mensch sich nicht in einer mineralisch-chemischen Stoffeansammlung erschöpft. Alles ist Ausdruck eines Geistigen. So wie die stehende Welle im Fluß nur eine Kräfteauswirkung eines im Wasser liegenden Steines ist, so ist der eigentliche Mensch unsichtbar. Die Stoffteilchen, die wir von ihm sehen, werden von dem geistigen Wesensteil des Menschen (dem Ätherleib) zusammengehalten. Bei den Tieren und Pflanzen ist es ebenso.
Der eigentliche, der primäre Wesensteil des Menschen ist unsichtbar. Diese Unsichtbarkeit unterscheidet uns nicht von den Engeln und anderen Wesenheiten der göttlichen Welt.


Ein weiterer wichtiger Aspekt ist der Gedanke des Gleichgewichts, des Ausgleichs, des Wechselspiels zwischen Urdreiheiten und Einheit, der zum Michael-Gedanken dazugehört.
Typisch naturwissenschaftliche Gedanken sind solche, von linearen, gleichbleibenden Entwicklungen des Lebens. Dies ist aber nicht richtig. Real verlaufen alle Entwicklungen im Leben durch Aufbau und Abbau. Einer Evolution folgt Devolution und umgekehrt. Hier ergibt sich das Gleichgewicht in der Zeit.

Ein räumliches Gleichgewicht haben wir in dem Bild der Waage. Zu diesem Bild kommen wir jedoch nur über die Dreiheit, über die Vorstellung von drei Faktoren: Zwei sich polar gegenüberliegenden und einer Mitte, die ausgleicht. Es ist eine menschliche Träumerei, wenn man alles auf eine Einheit (Einheitsstaat, Leitkultur...) zurückführen will. Ebenso ist die Annahme ein Irrtum, daß sich das Leben, insbesondere das menschliche, in einer Zweiheit entfaltet.
Die Anthroposophie beschreibt zwei Wesenheiten mit gegensätzlichen Wirkungen: Ahriman und Luzifer. Ahriman will den Menschen zu stark an die Erde, an das Materielle binden, Luzifer will ihn dem entgegen durch zu starke Phantasie, Träumerei von der Erde wegziehen. Dazwischen muß der Mensch mit seiner Göttlichkeit sein Gleichgewicht finden:

"Diese zwei Kräftepole sind im Menschen, und zwischen denen darinnen steht das Menschenwesen, hat es das Gleichgewicht zu suchen. Auf wie viele Arten kann man denn das Gleichgewicht suchen? Sie können sich das wiederum durch das Bild der Waage vorstellen (es wird gezeichnet)...
Nicht wahr, wenn hier auf der einen Waagschale fünfzig Gramm oder fünfzig Kilogramm sind, und hier auch, so ist Gleichgewicht. Aber wenn hier auf der einen Waagschale ein Kilogramm ist, und hier auf der anderen Waagschale auch ein Kilogramm, so ist auch Gleichgewicht, und wenn hier tausend und hier tausend sind, so ist auch Gleichgewicht.
Auf unendlich viele Arten können Sie das Gleichgewicht suchen. Das entspricht den unendlich vielen Arten, individueller Mensch zu sein." Die Sendung...S.184f

Die Zweiheit gut und böse verschleiert also einen wichtigen Aspekt. Das Böse allein hat schon zwei Aspekte. Ebenso ist die Zweiheit des Menschenwesens von Leib und Seele, wie sie heute als Dogma der abendländischen Kirchen vertreten wird, eine Täuschung. Jedoch wußten viele Menschen bis ins Mittelalter hinein noch von der Wirklichkeit der drei Glieder des Menschen: Leib, Seele und Geist. Diese kurzeitige Bewußtseinsverdunkelung war für die Menschheitsentwicklung notwendig. Doch jetzt, im Michaelzeitalter, soll der Mensch die spirituellen Wahrheiten wiederfinden.
Michaelisch denken heißt also in allem Leben die Dreiheiten, die Dreigliederung zu suchen und dabei die geistige Welt so konkret miteinzubeziehen, wie heute jedes Kind Schwerkraft, Magnetismus, Wärme usw., also die physischen Gesetzmäßigkeiten einzubeziehen lernt.

Auf die Ausgangsfrage der Verwirklichung der sozialen Dreigliederung muß man wohl eine paradox erscheinende Antwort geben: Nicht Revolution ist angesagt, nicht Ärmel hochkrempeln und fest zupacken, nein, wir brauchen den geistigen Preßlufthammer mit dem wir die im Kopf festbetonierten Gedankenmumien zerbröseln. All die Diskussionen und Einrichtungen für veränderte Geld-, Kapital- und Bodenordnungen werden allein wenig bewirken, wenn sie nicht auch begleitet werden von einem "mächtigen Inspirationsgedanken, durch den der Zusammenhang von Moralisch-Geistigem und Natürlich-Sinnlichem wieder gefühlt wird". Dies ist der gekennzeichnete Michael-Gedanke.

Steiner soll gegenüber der Waldorflehrerin Clara Michels nach den gescheiterten Dreigliederungsaktionen gesagt haben, daß sich erst in 100 Jahren wieder die Möglichkeit zur Einführung der Dreigliederung eröffnen würde. Also um 2019-23 herum. Bis dahin könne man über diese Idee nur im stillen meditieren und sie im kleinen Kreis pflegen (Quelle: "Der geschichtliche Ort der Dreigliederungsinitiativen Rudolf Steiners", Aufsatz von Christoph Lindenberg in "die Drei" 9/85, S. 644). Vielleicht muß man diese Angabe auch im Zusammenhang mit der Aussage sehen, daß alle Dinge im geschichtlichen Werden nach 33 1/3 Jahren in verwandelter Gestalt wiederkommen (GA 180.21ff und 180.60).

Ich will mich nun nicht in weiteren Zukunftsspekulationen verlieren, doch glaube ich, daß die Zeit wirklich nicht "reif" ist, die soziale Dreigliederung als Volksbewegung in kurzer Zeit zu initiieren. Der Materialismus ist noch zu stark, der materialistische Egoismus hat die Menschen (noch) zu sehr im Griff. Allerdings soll die Zeit jetzt genutzt werden, die Menschen auf eine 2. Prüfung (ob 2019 oder zu einem anderen Zeitpunkt) vorzubereiten. Zu dieser längerfristigen Zielsetzung möchte ich beitragen.

Wichtig scheint mir auch noch einmal darauf hinzuweisen, daß es nicht darum geht, die Anthroposophie und die darauf aufbauende Dreigliederung als "neue Glaubensbotschaft zu verkünden". Sicher hat nicht jeder die Möglichkeit in die geistige Welt hineinzuschauen. Aber der gesunde Menschenverstand, gibt die Möglichkeit über den Wahrheitsgehalt der Aussagen zu entscheiden:

"Irgend jemand spricht von geistigen Welten: man muß nur alles zusammen nehmen, die Art, wie gesprochen wird, der Ernst, in dem die Dinge aufgefaßt werden, die Logik, die entfaltet wird und so weiter, dann wird man sich ein Urteil darüber aneignen können, ob dasjenige, was als Kunde von der geistigen Welt gebracht wird, Scharlatanismus ist, oder ob es einen Fond hat." Die Sendung...S.198f

Einige mutmachende Beispiele auf den weiteren Praxisseiten sollen zeigen, was man im Sinne der genannten Vorbereitung für eine neue Volksbewegung schon jetzt tun kann. Mit diesen Zeilen wollte ich nur dem Irrtum vorbeugen, daß dabei allein an den Aufbau von etwas Äußerlichen gedacht ist und jeder fröhlich innerhalb neuer Einrichtungen seinen alten (marktwirtschaftlichen, einheitsstaatlichen oder sonstwie materialistischen) Geist pflegen kann.