Die Landwirtschaft ist im Bereich der heutigen Wirtschaft eine Art "chronisches Sorgenkind". Eine Wirtschaftswissenschaft kann gerade an dem naturnahen Pol der Wirtschaft beweisen, ob sie mit ihren Vorstellungen die besonderen Bedingungen der Landwirtschaft anerkennt und zu integrieren weiß.
Für die Dreigliederung muß die Frage nach gerechten Preisen in den Mittelpunkt der wirtschaftlichen Betrachtung treten. Nach marktwirtschaftlichem Verständnis ergeben sich die Preise aus dem Verhältnis von Angebot und Nachfrage. Dabei soll es unerheblich sein, ob es sich um Waren aus einer naturnahen oder naturfernen Erzeugung handelt. Dagegen ergeben sich in der Dreigliederung wichtige Unterschiede je nach dem Maß möglicher Produktivitätssteigerung: Die naturnahe Erzeugung (Land- und Forstwirtschaft, Bergbau, Fischerei u.a.) ist in der Rationalisierbarkeit stark eingeschränkt, viel stärker jedenfalls als die Branchen der naturfernen Erzeugung. Dies ist die Wirkung des menschlichen Geistes, der beim leblosen, materiellen Pol der Wirtschaft durch Maschinen und Erfindungen immer größere Produktivität hervorruft. Die Auswirkungen des menschlichen Geistes auf den Bereich der Lebensprozesse ist heute noch sehr begrenzt.
Was ergibt sich daraus für die Preisfrage?
Ein Beispiel: Eine ältere Stanze hat in einer Stunde 240 Stücke bearbeitet. Eine neuere Stanze bearbeitet 1000 Stück/h. Der Unternehmer setzt die neuere Maschine bereits 5 Jahre ein, wodurch sich die Maschine amortisiert hat. Auch nach der Amortisation findet keine Preissenkung statt, da der Gewinnzuwachs gleich wieder investiert werden soll. Auf diese Art und Weise sammeln sich im naturfernen Wirtschaftsbereich Kapitalien an, die immer wieder "Anlage suchen" und letztlich zu einer Überkapitalisierung (sprich zu einer Geldwirtschaft losgelöst von realen Bedürfnissen) führen.
Die Dreigliederung unterscheidet zwei Werteströmungen (W1=Arbeit auf Natur angewandt, W2=Geist auf Arbeit angewandt), die in den Preisbildungen durch die Assoziationen bewußt miteinander ausbalanciert werden sollen. Es muß also zu einem ständigen Ausgleich zwischen Urerzeugern und Industrie kommen.
Bei der Landwirtschaft sollten zudem Fragen der Ernährungshygiene (Wieviel Gesundheit vermitteln die Erzeugnisse?) und der Ernährungsökologie (Wieviel Schadstoffe hängen an einer Erzeugung? s.
) mitbedacht werden, was eher wissenschaftlich-geistige Fragen sind. Die Fragen der Wirtschaft lassen sich im Zeichen der immer deutlicheren Weltwirtschaft nur aus Gemeinsinn, aus der Liebe zur Menschheit, adäquat beantworten. Die geistigen Fragen etwa der Produktqualität, der Umwelteinflüsse, Gesundheit, sie erfordern ein tiefergehendes Interesse an den Dingen, mehr als nur ein geldliches Gewinninteresse, einfach gesagt eine Liebe zur Sache, hier der Landwirtschaft.
Einmal waren Mensch und Erde so miteinander verbunden, daß jede Feldarbeit ein "Gottesdienst" war, jede Frucht eine Gabe Gottes. Dies war bis in das vergangene Jahrhundert hinein für viele Landwirte eine Realität. Die Religion der Arbeit und die neuere wissenschaftliche, allein das äußere anerkennende Weltanschauung ließen und lassen sich immer weniger unter einen Hut bringen, wovon auch die Geldwirtschaft, die Ökonomie erfaßt wurde. Glaube und Arbeit wurden mehr und mehr getrennt; Landwirtschaft ist immer weniger Berufung, immer mehr ein "Job" wie jeder andere.
Dennoch haben sich einige Landwirte Berufsstolz, Gewissen und Ehrfurcht vor dem Leben bewahren können, wenn sie nicht jede "Neuerung" mitmachen. Hier meine ich vor allem die Biolandwirte, die ja bekanntlich auf den Einsatz von chemischen Düngern und Pestiziden verzichten. Die Ernährungshygiene, die Frage nach gesunden Lebensmitteln, hat Landwirte und Verbraucher aufgeweckt und neue Wege, die zum Teil alte Wege in neuem Bewußtsein waren, gehen lassen. Damit meine ich z.B. die Düngung, die Fütterung in betrieblich geschlossenen Kreisläufen, die Verhältnismäßigkeit zwischen Landfläche und Viehbesatz.
Doch die Ablehnung des Materialismus allein kann keinen liebevollen Impuls begründen. Dieser ergibt sich erst mit dem bewußten Ergreifen geistiger Erkenntnisse, die die Landwirtschaft wieder in einen lebendigen Zusammenhang hineinwebt. Dies versucht die biologisch-dynamische Anbauweise. Sie zeigt die Abhängigkeit der Landwirtschaft von kosmischen Einflüssen (z.B. vom Mond) und von Kräftewirkungen, die die heutige Naturwissenschaft außer acht läßt. Ein biologisch-dynamischer Landwirt muß z.B. nicht nur ein guter Bodenkundler sein, er muß auch die wichtigsten Einflüsse aus dem Kosmos berücksichtigen. Die materiell begründbare Kreislaufwirtschaft der Biohöfe erfährt durch das Bild der Hofindividualität eine geistige Erweiterung. Bei der Düngung geht es dem Demeterlandwirt nicht mehr um Stoffeersatz, sondern um Bodenverlebendigung. Bei der Pflanzenpflege nicht um Unkrautvernichtung, sondern um Wildkräuterregulierung um nur wenige Bilder anzusprechen.
Weitere Fragen sind, welchen Einfluß die Art der Erzeugung direkt und indirekt auf die Gesundheit der Menschen ausübt. Der ernährungshygienische Aspekt (direkter Einfluß) spricht eindeutig für die Biolandwirtschaft, denn sowohl geschmacklich, von den Pestizidrückständen als auch von der Haltbarkeit haben Biolebensmittel die Nase vorn. Qualität erstreckt sich nicht allein auf die äußere Gesundheit, sondern auch auf eine zunehmende seelische und geistige Wirksamkeit für den Menschen, die hier nur angesprochen werden soll.
Natürlich spielt bei der Ernährung nicht allein die Erzeugung, sondern auch die Erziehung und Bildung hinein, denn viele Menschen essen noch immer zu viel Fleisch oder Zucker. Dies wirkt auch auf die Erzeugung zurück, denn noch immer landen 80 % der pflanzlichen Erzeugnisse in Tiermägen zur Erzeugung von Milch und Fleisch. 20 % des Primärenergieverbrauchs für Nahrung gehen auf das Konto der Zucker- und Süßwarenindustrie. Auf das Verbraucherverhalten kann die Biolandwirtschaft nicht unmittelbar einwirken, das ist wohl mehr die Aufgabe von Eltern und Schulen (wie es ja zunehmend geschieht).
Zudem kann eine noch relativ junge Wissenschaft, die Ernährungsökologie, mit ganz anderen Fakten Liebe für die Biolandwirtschaft entfachen. Ökobilanzen zeigen, daß die Biolandwirtschaft im Vergleich zur konventionellen Landwirtschaft 50 % weniger Primärenergie verbraucht, weniger Bodenerosion, weniger Artensterben und weniger Nitratbelastung beim Grundwasser verursacht. Hier wird zunehmend aufgedeckt, wie zerstörerisch eine allein materiell orientierte Landwirtschaft auf Gesundheit und Umwelt wirkt. Da ist die Gentechnik noch gar nicht bilanziert.
Wer sich auch nur ganz oberflächlich ein Urteil bildet, nur ganz beiläufig Interesse zeigt, muß eigentlich Liebe zur Biolandwirtschaft entwickeln. Und doch liegt der Anteil der biologisch bewirtschafteten Fläche hierzulande im einstelligen Prozentbereich:

Wir sollten das Verursacherprinzip für den Agrarsektor einfordern.
Es ist doch nicht von der Hand zu weisen, daß ich als Bio-Konsument nicht nur meine gesünderen Kartoffeln zahle, sondern über die Steuern für Trinkwasserzubereitung auch die konventionellen Kartoffeln der anderen. Der Biokonsument, stellen Sie sich ein gerupftes Huhn vor, das da den Bioladen verläßt, dann haben Sie ein wahres Bild vor sich. Das doppelte Bezahlen der einen (Ladenpreis und Steuern für Agrarsubventionen) ermöglicht die Dumping-Preise der anderen. Die staatliche Subventionspolitik gleicht dies etwa nicht aus, sondern sie verstärkt diese unwahren Preise.
Bio ist erst "in", wenn Monokultur, Massentierhaltung über wahre Preise "out" ist. Die gesamtwirtschaftliche Rechnung muß Grundlage für die betriebswirtschaftliche Rechnung werden.
Die betriebswirtschaftlich erzwungene Einrechnung von Schadwirkungen durch das Verursacherprinzip kann langfristig auch nur eine Zwischenetappe, ein vorläufiger Kompromiss sein. Sobald sich die Erhaltung wirtschaftlicher Kontinuität im Agrarsektor mit einem schlichten Verbot umweltschädlicher Erzeugung in Einklang bringen läßt, darf die schädlichere landwirtschaftliche Praxis nicht mehr geduldet werden. Anders gesagt: Eine Stickstoffsteuer, die ähnlich der Kerosinsteuer schon jahrelang durch die Wirtschaftslobby verhindert wird, kennzeichnet nur eine Übergangsphase. Ein notwendiges Verbot von "Blaukorn" muß unweigerlich gesetzliche Konsequenz sein, wenn selbst der letzte Universitätsprofessor nicht mehr behaupten kann, nur mit Mineraldüngung ließe sich die zunehmende Bevölkerung noch ausreichend ernähren, ohne sich dabei ganz gehörig zu blamieren.
Ist ein Verbot von Kunstdünger nicht heute schon verantwortbar?
Ich meine prinzipiell schon, auch wenn viele Landwirte von einer guten, den Boden verlebendigenden, hofeigenen Düngerwirtschaft nicht mehr viel verstehen. Der bequeme Griff in den Düngersack hat solche Fähigkeiten verkümmern lassen. Das wieder zu lernen braucht aber keine Jahrzehnte.
Im ägyptischen Baumwollanbau wurde nach dem Beweis eines biologischen Anbauverfahrens durch die biologisch-dynamische Arbeit in Sekem (
) kein Verursacherprinzip zwischengeschaltet. Da mußten die konventionellen Anbauer eben innerhalb von 5 Jahren lernen, was pestizidfreier Baumwollanbau heißt. So schnell kanns gehen! Der Staat sah es als verantwortbar an, die Gifte dann völlig zu verbieten. Ein mutiger Schritt, der zeigt, was die eigentliche Aufgabe des Staates ist und was nicht: Er muß Schadwirkungen von seinen Bürgern fernhalten und Subventionspolitik auf ein Minimum reduzieren und schließlich ganz unterlassen.
Erst gleiche rechtliche Ausgangsbedingungen für alle Anbaurichtungen bilden die Grundlage für gerechte Preise. Was aber kann geschehen, wenn Bioanbau dann nicht nur 3 %, sondern 30, 80 oder mehr % vom gesamten Anbau ausmacht? Dann kann die Biobranche mitsamt ihren Konsumenten weltwirtschaftlichen Gemeinsinn beweisen. Dann fängt die Arbeit um gerechte Preise erst richtig an.
Die Demeter-Bewegung wird zeigen können, ob sie mit Bravour von der Pionierphase der ersten 80 Jahre in eine Differenzierungsphase hineinwachsen will. In der Pionierphase wurde die soziale Gestaltung, die assoziative Gestaltung, gegenüber dem naturwissenschaftlich-biologischen Fragen stiefmütterlich (will sagen konservativ marktwirtschaftlich) behandelt. Dies muß anders werden. Auf den "Landwirtschaftlichen Kurs" muß jetzt der "Weltwirtschafliche Kurs" folgen.
Was heißt denn assoziative Landwirtschaft? Sind die neueren Bio-Supermärkte etwa assoziativ? Oder Direktvermarktung, Abokisten, runde Tische in der Naturkostbranche? Da gibt es assoziative "Keime", kleine "Einzelpflänzchen" oder mal ein anfängliches "Orgänchen", die jetzt weiter entwickelt werden müssen. Wie könnte es weitergehen?
Betrachten wir die einzelnen Sozialformen im Landwirtschaftsbereich bzw. der Naturkostbranche:
Wie kann also einer nachhaltigen, biologischen Landwirtschaft geholfen werden?
Wie erreichen wir, daß die stärkere Kapitalbildung am naturfernen Pol einer begrenzten Kapitalbildung am naturnahen Pol der Wirtschaft zugute kommt?
Erreichen wir das indem wir die Landwirtschaft z.B. im Rahmen landschaftspflegerischer Arbeit gemeinnützig erklären?
Oder indem wir ihr Direktzahlungen, Subventionen und Steuervergünstigungen zukommen lassen? Das verursacht doch noch mehr Bürokratie, von der die Landwirte jetzt schon genug haben.
Auch sind das doch noch recht pauschale Verbesserungen. Die Assoziationen würden aber die Lebenslagen recht konkret in ein ausgewogeneres Verhältnis zueinander bringen können.
Es würde mich freuen, wenn ich einige Beispiele für neue Sozialformen in der Landwirtschaft hier veröffentlichen könnte. Sind Sie Landwirt/In oder Kunde/In eines Biohofes und würden gern ihre soziale Gestaltung im Rahmen einer nachhaltigen Landwirtschaft vorstellen wollen, so lassen Sier mir einfach eine kurze Beschreibung zukommen.