Die Sprache

Am 12.04.2004 (Ostermontag) gab es einen interessanten Beitrag im Deutschlandfunk: "Zwischen Denglisch und Altfränkisch".
Es ging um die zunehmende Anglisierung der deutschen Sprache, insbesondere in der Werbung und in der IT-Branche (IT auch so eine Abkürzung = Informationstechnologie).

Einerseits gibt es Menschen in Deutschland, die darin eine Gefahr für die deutsche Sprache sehen. Zum Beispiel der 18.000 Mitglieder zählenden Verein Deutsche Sprache (), der sich 1997 "aus Überdruß vor der Vermanschung des Deutschen mit dem Englischen zu Denglisch" gebildet hat.
Andere Deutsche bleiben dagegen gelassen; sie sehen in der Sprache kein starres Gebilde oder einen "Tiefencode", der durch die englischen Vokabeln beschädigt wird, sondern finden, "dass das Deutsche mit den Anglizismen sehr gut fertig wird, strukturell. "

Problematisch wird diese Schutz- oder Behütungstendenz allerdings, wenn wieder mal der Staat zu Hilfe gerufen werden soll und Gesetze gefordert werden, die generell den Gebrauch der Sprache regeln sollen. Hierzu ein Zitat aus den Kernpunkten:

"INTERNATIONALE BEZIEHUNGEN DER SOZIALEN ORGANISMEN

Die innere Gliederung des gesunden sozialen Organismus macht auch die internationalen Beziehungen dreigliedrig. Jedes der drei Gebiete wird sein selbständiges Verhältnis zu den entsprechenden Gebieten der andern sozialen Organismen haben...
Die geistigen Organisationen der einzelnen Landesgebiete werden zueinander in Beziehungen treten können, die nur aus dem gemeinsamen Geistesleben der Menschheit selbst sich ergeben. Das vom Staate unabhängige, auf sich gestellte Geistesleben wird Verhältnisse ausbilden, die dann unmöglich sind, wenn die Anerkennung der geistigen Leistungen nicht von der Verwaltung eines geistigen Organismus, sondern vom Rechtsstaate abhängt. In dieser Beziehung herrscht auch kein Unterschied zwischen den Leistungen der ganz offenbar internationalen Wissenschaft und denjenigen anderer geistiger Gebiete. Ein geistiges Gebiet stellt ja auch die einem Volke eigene Sprache dar und alles, was sich in unmittelbarem Zusammenhange mit der Sprache ergibt. Das Volksbewußtsein selbst gehört in dieses Gebiet. Die Menschen eines Sprachgebietes kommen mit denen eines andern nicht in unnatürliche Konflikte, wenn sie sich nicht zur Geltendmachung ihrer Volkskultur der staatlichen Organisation oder der wirtschaftlichen Gewalt bedienen wollen (Hervorhebung wb). Hat eine Volkskultur gegenüber einer andern eine größere Ausbreitungsfähigkeit und geistige Fruchtbarkeit, so wird die Ausbreitung eine gerechtfertigte sein, und sie wird sich friedlich vollziehen, wenn sie nur durch die Einrichtungen zustande kommt, die von den geistigen Organismen abhängig sind. "
23.112f

Der Gebrauch der deutschen Sprache sollte also nicht durch staatlichen Zwang, sondern allein durch die in ihr liegende geistige Fruchtbarkeit "reaktiviert" werden. Hier liegt also eine Aufgabe für die Schulen, für Eltern, für Universitäten, also für das gesamte Geistesleben. Wer hier Gesetze fordert gleicht einem Landwirt, der seinen Acker allein durch ständige Beobachtung fruchtbar machen will.

Wie ließe sich die jüngere deutsche Entwicklung aus diesem Blickwinkel deuten (insbesondere ab 1970 bis heute)? Radio und Fernsehen hatten/haben auf viele Kinder der Nachkriegsgenerationen starken Einfluß. Viele amerikanische Unterhaltungssendungen, englischsprachige Musik, Informationstechnik und die Globalisierung der gesamten Berufswelt prägen das heutige Leben und tragen dazu bei, daß Englisch immer mehr zur Weltsprache wird.

Verbote aus Sorge vor "Überfremdung" der Sprache sind sinnlos, wie es sinnlos wäre, "schlechte Kunst" verbieten zu wollen. Dahinter steht die Angst, daß die deutsche "Leitkultur" einmal ebenso untergehen könnte, wie das deutsche Volk selbst, weil es nicht mehr ausreichend fruchtbar ist. Die Benutzung der Sprache, die Wahl der Worte, gehört im Rahmen der Gesetze zur individuellen Freiheit des Menschen.

Wie sich die Völker in der Welt der Musik durchmischen, so sollten sie sich auch im Bereich der Sprachen gegenseitig befruchten. Denn es gibt in jeder Sprache sehr wohl klingende, eine Sache treffend bezeichnende Worte, die in anderen Sprachen nicht exsistieren.

Eine neue Sprachkultur muß aus dem Bewußtsein entstehen, daß der Mensch nicht allein Angehöriger eines Volkes ist, sondern daß er zu einer Weltgemeinschaft gehört. So könnte auch eine neue deutsche Sprachkultur aufleben, sobald sich die Menschen in den Deutsch sprechenden Gebieten aus innerer Entwicklung vom westlich geprägten Materialismus wegbewegen und spirituelle Einsicht nach neuer "Ausformung" der Muttersprache ruft.

"Sprache ist ein lebendiger Organismus, der in der Lage ist, auch mit offensichtlichen Fehlentwicklungen umzugehen, glaubt Rudolf Hohberg, der Vorsitzende der 'Gesellschaft für Deutsche Sprache'. Denn dabei gelte eine ganz einfache Regel:

Sprache entwickelt sich dadurch, dass Menschen etwas falsch machen und ihnen immer mehr Menschen folgen und dann wird's auf einmal richtig...Das ist das Grundprinzip der Sprachgeschichte" -Schlußaussage des oben genannten Deutschlandfunk-Beitrages-


"Die Sprache ist wirklich gescheiter als die Menschen. Die Menschen ruinieren ja viel an der Sprache, aber es läßt sich doch nicht alles ruinieren. Die Sprache ist korrekter und vernünftiger als der einzelne Mensch. Daher ist die Sprache auch so, daß sie in den Reizen und Eindrücken, die sie auf die menschliche Seele ausübt, zuweilen recht richtig wirkt, während der Mensch, wenn er mit seinen Urteilen dazukommt, Fehler macht. "
115.146