Wie soll das Kultur- und Geistesleben in der sozialen Dreigliederung finanziert werden?

Genauso wie heute. Gar nicht wie heute.
Ersteres bezieht sich auf die Geldquelle, letzteres auf den Geldfluß von der Quelle zum Kultur- und Geistesleben.

Alles Geld kann nur aus der Wirtschaft kommen. Der Staat ist keine Geldquelle, da er nur umverteilt. Auch in der sozialen Dreigliederung ist die Wirtschaft die Geldquelle aller Kulturleistungen.

Bleibt also der Geldfluß: Hier tritt die Änderung ein, daß wer ein kulturelles oder geistiges Bedürfnis hat, der soll es auch direkt finanziell (mit-)tragen. Dadurch ist sichergestellt, daß immer genau das existiert, wozu ein Interesse vorhanden ist.

Wer glaubt, daß es bei freier Finanzierung zu wenig Museen, Theater, Schulen Universitäten u.a. geben wird, der hat zu wenig Vertrauen in die gesunden Bedürfnisse seiner Mitmenschen. Vorausgesetzt wird hier allerdings, daß die rechtlichen Bedingungen der Dreigliederung bestehen, die die Wertschöpfung möglichst gerecht auf alle verteilt (s. später bei Wirtschaft). Was kann es dann sinnvolleres geben, wenn man satt ist und auch sonst materiell nichts mehr braucht, als das (restliche) Geld Menschen für geistig-kulturelle Zwecke zu schenken? Es ist genau das Geld, das indirekt produktiv wirkt, da es z.B. der Bildung der Kinder, der Wissenschaft und Kunst für eine lebenswerte Zukunft dient. Die Kultur wird dadurch anders als heute, vielgestaltiger, eben pluralistischer. Das liegt an der Dezentralität der vielen kleinen privaten Finanzetats. Vor diesem Hintergrund erscheint die heutige Finanzierung über Mehrheitsentscheidungen recht paradox: Erst zahlen viele Menschen Steuern, über die Verwendung stimmen wenige mehrheitlich ab. Das Ergebnis ist häufig so, wie sich ein "guter Durchschnitt" beschreiben läßt: Es ist von allem ein wenig, aber keiner ist mit dem Kulturangebot richtig zufrieden.

Schließlich möchte ich noch auf die Finanzierung solcher Bereiche des Kultur- und Geisteslebens eingehen, die verfassungsmäßige Grundrechte berühren und deren Finanzierung wahrscheinlich auch in der sozialen Dreigliederung nicht in die völlige Freiwilligkeit gestellt werden, z.B. das Recht auf Erziehung des Kindes:

"Kinder werden das Recht auf Erziehung haben; der Familienvater wird als Arbeiter ein höheres Einkommen haben können als der Einzelnstehende. Das "Mehr" wird ihm zufließen durch Einrichtungen, die durch Übereinkommen aller drei sozialen Organisationen begründet werden. Solche Einrichtungen können dem Rechte auf Erziehung dadurch entsprechen, daß nach den allgemeinen Wirtschaftsverhältnissen die Verwaltung der wirtschaftlichen Organisationen die mögliche Höhe der Erziehungseinkommen bemißt und der Rechtsstaat die Rechte des einzelnen festsetzt nach dem Gutachten der geistigen Organisation...Die in einem Wirtschaftsorganismus Arbeitenden werden von dem durch ihre Arbeit Geleisteten um so weniger haben, je mehr für die nicht Verdienenden abfließen muß. Aber dieses 'Weniger' wird von allen am sozialen Organismus Beteiligten gleichmäßig getragen..." (Die Kernpunkte...S.127f.)

Steiner wollte damit nur eine Richtung andeuten, die nach eigener Aussage nicht zwingend eingeschlagen werden muß. Jedoch würde sich das "Richtige" nur durch das Zusammenwirken der drei selbständigen Glieder finden lassen. In der Darstellung unter Grenzgebiete ist damit der innere hellblaue Kreis gemeint. Es gibt also nicht nur zweiseitige, sondern auch dreiseitige Grenzgebiete.

Als eine Übergangslösung im Nebeneinander von staatlich und privat finanzierten Schulen könnte der Bildungsgutschein eine Lösung sein. Hier hat der Schüler (bzw. seine Eltern) die freie Wahl einer Schule. Diese erhält je Gutschein (=je Schüler) einen rechtlich festgelegten Betrag für die Kostendeckung. Der Bildungsgutschein wäre eine denkbare Möglichkeit, die heutige Doppelbelastung (Steuer+Schulgeld) für Eltern mit Kindern auf privaten Schulen zu beseitigen und einen gesunden Wettbewerb der Schulen untereinander auszulösen. Sobald der Staat die Finanzierung der Schulen abgegeben hat, können die drei Glieder des sozialen Organismus über ihre Spitzenorgane ein sinnvolles Zusammenwirken vereinbaren.