Wiederverkörperung des Geistes -
Die Grundidee der Zukunft und ihr Zusammenhang mit der sozialen Frage



Übersicht:


1. Widmung
2. Einleitung - Was ist Wiederverkörperung?
3. Eckpunkte der Wiederverkörperung
4. Entwicklung des Menschen und der Welt
5. Die Grundidee der Wiederverkörperung in verschiedenen Lebensgebieten
6. Die Bedeutung der Wiederverkörperung für die soziale Frage






1. Widmung



Diesen Beitrag widme ich Herbert Witzenmann.
Seine Vorträge aus den 80zigern, veröffentlicht in dem Buch Sozialorganik (), insbesondere der Vortrag "Die soziale Grundidee unserer Zeit" (s. S. 48ff), gaben mir die nötige Hilfe und den letztlichen Anstoß, dem Bereich der Dreigliederungsgrundlagen diesen Beitrag über die Wiederverkörperung einzufügen. Für mich persönlich ist diese Grundidee auch eine "Brücke" zwischen der "Mutter" Anthroposophie und der "Tochter" soziale Dreigliederung.

Auch bedanke ich mich bei Benediktus Hardorp für die Veröffentlichung seines Vortrages "Was meint sozialer Organismus?", auf den ich am Schluß kurz eingehen werde.



2. Einleitung - Was ist Wiederverkörperung?


Wiederverkörperung und Reinkarnation sind gleichbedeutend. Reinkarnation ist lateinisch und heißt: Wiederfleischwerdung. Im anthroposophischen Verständnis ist damit die Wiederverkörperung des Geistes einer menschlichen Individualität gemeint.
Für ein erstes Interesse empfehle ich das Kapitel "WIEDERVERKÖRPERUNG DES GEISTES UND SCHICKSAL" aus der Theosophie Rudolf Steiners zu lesen, das Sie von der Internetseite der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft in Dornach als PDF-Datei herunterladen können.

Das Verständnis von Reinkarnation und Karma gehört zu den zentralen Gebieten der anthroposophischen Geisteswissenschaft. Diese Gebiete sind sehr vielschichtig und bieten zahlreiche Gelegenheiten zu Irrtümern und Mißverständnissen. Das fundamental Neue dieser Geistesrichtung ist es, den christlichen Glauben mit Reinkarnation und Karma zu versöhnen und fortzuentwickeln.

Das hier gemeinte Verständnis von Wiederverkörperung des Geistes unterscheidet sich von dem Begriff der Seelenwanderung des Hinduismus, von der Befreiung von wiederholten Erdenleben des Buddhismus und von dem Auferstehungsglauben der traditionell christlichen Kirchen. Zu letzteren ein Zitat:

"In der katholischen Kirche wird die Unsterblichkeit der Seele gelehrt, die sich im Tod vom Körper löst und durch das Fegefeuer hindurch zu Gott geht. In der evangelischen Kirche wird immer noch die "Ganztod-Hypothese" vertreten. Nach dieser bleibt im Sterben und im Tod nichts vom Menschen übrig, was fortdauert. Der Mensch ist also ganz tot, nichts bleibt übrig, was fortdauert. Und bei der allgemeinen Totenauferstehung am Ende der Zeiten wird der Mensch mit einem neuen Leib bei und durch Gott neu erschaffen, das heißt dann 'Verewigung des gelebten Lebens'."
Quelle: http://bs.cyty.com/menschen/e-etzold/archiv/papers/reinkarn.htm


Stellvertretend für viele andere Irrtümer und Mißverständnisse möchte ich einen Einwand herausgreifen (s. auch "Reinkarnation - von wievielen?" bei www.confessio.de):
Die Bevölkerungsentwicklung auf der Erde, zeige eine stetige Zunahme der Menschen. Dies mache schon rein rechnerisch Wiederverkörperung unmöglich, da ja die wenigen Seelen von früher sich nicht in immer mehr Menschen verkörpern können („Jeder zweite ist neu hier.“).

Worauf beruht aber die Annahme, daß die Zahl der Menschen früher viel geringer war als heute? Gab es früher exakte Volkszählungen?


"Aber, meine Herren, dies ist zugleich in vollem Widerspruch mit den Tatsachen, die wir sonst kennen. Ich mache Sie nur auf folgendes aufmerksam. Sehen Sie, wenn wir hinter Christi Geburt zurückgehen, sagen wir also vielleicht zweitausend Jahre, da sind in der Nilgegend in Afrika, in Ägypten, die riesigsten Pyramiden gebaut worden; der ganze Nil ist reguliert worden. Und wenn Sie nachdenken darüber, welche Menschenmassen notwendig waren, um diese riesigen Gebäude aufzuführen, zum Beispiel nur die Sphingen, die eine Riesengröße haben, in so großer Anzahl herzustellen, wie sie hergestellt worden sind, da bekommen Sie die Ansicht: Das ist ganz unrichtig, daß dazumal in Ägypten eine dünne Bevölkerung war, sondern es muß eine dichte Bevölkerung gewesen sein in Ägypten, viel dichter, als zum Beispiel heute in Sachsen oder in Belgien die Bevölkerung ist. Also dem, daß man zurückgeht in der Erdenentwickelung und auf immer weniger und weniger Menschen trifft, widersprechen ganz entschieden die Tatsachen der Geschichte.

Außerdem, wenn wir viel weiter nach Asien hinüberkommen, finden wir riesige Kanalbauten angelegt. Nicht wahr, wenn wir Europa hier haben (es wird gezeichnet) - ich habe es Ihnen schon einmal aufgezeichnet -, so haben wir da Afrika. Da wäre der Nil und Ägypten gewesen, und hier drüben haben wir dann Asien. Das ist ein riesiger Kontinent, der geht da dann weiter. Und hier haben wir diese wimmelnde Bevölkerung, die die Pyramiden aufgebaut hat und so weiter. Da drüben haben wir das alte chaldäische Land in Asien. Sie wissen ja, daß in der Bibel von Abraham gesagt wird, er kam aus Ur in Chaldäa. Dieses chaldäische Land, das gab es damals. Und in diesem Lande wurden in alten Zeiten - davon sind auch heute noch die Reste vorhanden - riesige Kanalbauten angelegt, wozu auch wiederum riesige Menschenmassen notwendig waren. Sie müssen sich also vorstellen, daß, einfach durch die Tatsachen bewiesen, einige tausend und noch tausend Jahre vor Christi Geburt in Afrika und Asien riesige Menschenmassen vorhanden waren.

Ferner müssen Sie bedenken: Als die Europäer nach Amerika gekommen sind, haben sie sich dort angesiedelt. Aber Amerika war dazumal nicht leer von Bevölkerung. Jene alte Indianerbevölkerung, von der ich Ihnen erzählt habe, die so kupferfarben war, ist ja ganz ausgestorben. Wenn man da die Überreste anschaut, die zum Teil verschüttet sind, so kommt man darauf, daß da eine riesige Bevölkerung war, mit der die Europäer nicht zusammengekommen sind.

Also dies ist einfach etwas, das nicht stimmt, daß früher viel weniger Menschen da waren auf der Erde. Denken Sie doch nur einmal, selbst über die gegenwärtige Bevölkerung gibt es ja keine genauen Angaben, sondern nur über einen gewissen Raum kann man Angaben machen. Was weiß heute der europäische Statistiker, wie es mit der chinesischen Bevölkerung heute ist und vor tausend Jahren war! Alles dasjenige, was da wiederum Reisende darüber erzählen, das weist darauf hin, daß die Bevölkerung durchaus nicht immer so abnimmt, wenn man zurückgeht, wie man es gewöhnlich annimmt, sondern daß es durchaus Zeiten gegeben hat, wo die Erde außerordentlich stark bevölkert war. Es hat dann allerdings Zeiten gegeben, wo namentlich gewisse Gegenden schwächer bevölkert worden sind, aber wir werden gleich sehen, daß das nichts Besonderes ausmacht. So daß also im allgemeinen auch gegenüber dem, was man durch die äußere Wissenschaft kennen kann, der Einwand durchaus beseitigt werden kann, daß zuviele Menschen heute da wären als Wiederinkarnationen aus früheren Zeiten.


Aber es kommt noch etwas anderes in Betracht. Sehen Sie, wenn man die heutigen Menschen betrachtet, kommt man darauf, daß der eine, sagen wir, zwischen dem Tod und der jetzigen Geburt die tausend Jahre, der andere vielleicht nur fünfhundert Jahre durchgemacht hat, der andere vielleicht tausendfünfhundert Jahre in der geistigen Welt lebte, bevor er wieder heruntergekommen ist. So daß also die Menschen, die heute leben, durchaus nicht alle zu gleicher Zeit da waren, sondern zu verschiedenen Zeiten. Wenn einmal weniger Bevölkerung war auf der Erde, dann haben eben die Seelen oben gewartet, bis wieder mehr Bevölkerung da war.

Es stimmt also, was man über die Inkarnation und Reinkarnation, die Wiederinkarnation sagen kann, mit den Tatsachen durchaus überein. Ich habe oftmals gesagt - das ist ja ein Einwand, der im Laufe der vielen Jahre, in denen ich vorgetragen habe, immer wieder gemacht wird -: Das ist ja nur ein Rechenexempel. - Nehmen wir einmal an, im Jahre 800 nach Christus wäre ein Mensch dagewesen, irgendwo; jetzt im Jahre 1000 nach Christus wäre ein anderer Mensch dagewesen (es wird gezeichnet). Nun haben wir 1923. Jetzt kann es ganz gut sein, daß der von da mit dem zusammenkommt, der da ist, weil der einen kürzeren Weg durchmacht. Jetzt haben Sie hier [1923] schon zweie, und hier [800 und 1000 n. Chr.] haben Sie zu diesen verschiedenen Zeiten immer einen. Also es brauchen nicht alle zu gleicher Zeit da zu sein und wieder zu gleicher Zeit zu kommen. So daß also auch für diejenigen Zeiten, wo die Erde dünner bevölkert ist, durchaus das gilt, daß eben da weniger Seelen herunterkommen auf die Erde.

Nicht wahr, man muß durchaus, wenn man nicht phantastisch, sondern richtig denkt, sich klar sein darüber, daß das nicht einfach so war, daß einmal zwei Leute da waren, nachher vier, nachher sechs und so weiter, sondern je weiter man zurückgeht in der Erdenbevölkerung, kommt man eben darauf, daß das ganz rhythmisch abläuft. Es gibt Zeiten, wo viele Leute auf der Erde sind, und Zeiten, wo wieder weniger Leute auf der Erde sind. Und wir kommen niemals zurück zu einem einzigen Paar, wie es die Bibel angibt. Das ist nicht so gemeint. Von "einem Paar" kann in der Weise, wie es da steht, nicht die Rede sein. So daß man also sagen müßte, nimmt man nur an, daß einmal zwei Leute vorhanden waren, so müßten da immer nur zwei dasein und in der Zwischenzeit gar keine. Aber das ist nicht so. Da widerspricht die wirkliche Wissenschaft dem, was die phantastische Wissenschaft heute glaubt.

Nun aber noch etwas anderes. Sehen Sie, man muß sich klar sein darüber, daß eine gewisse Zeit eben vergehen muß, bis der Mensch wieder herunterkommt auf die Erde. Und da können Sie fragen: Ja, wann kommt er herunter? Da bekommt man dann, wenn man wirklich diese Sache zu Ende forscht, das heraus: Der eine hat sich sehr viel auf der Erde hier mit der geistigen Welt beschäftigt, der wächst leichter hinein in die geistige Welt nach dem Tode. Er braucht dann verhältnismäßig, weil er sich viel mit der geistigen Welt beschäftigt hat, lange Zeit zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Sie werden vielleicht überrascht sein, daß ich sage: lange. Er kann sich lange aufhalten in der geistigen Welt, weil er hier schon viel gelernt hat von der geistigen Welt. Solche Leute, die sich hier viel mit der geistigen Welt beschäftigt haben, können sich dort besser entwickeln, bleiben dort länger und kommen später wieder zurück. Dagegen derjenige, der sich nur mit der materiellen Welt beschäftigt, der kommt verhältnismäßig wiederum bald. Und so verschieben sich auch die Dinge. "
350.17ff


Also auch der Zeitabstand zwischen zwei Verkörperungen ist eine Quelle des Irrtums.

Häufig wird Wiederverkörperung und Schicksal (bzw. Reinkarnation und Karma) in einem Zuge genannt. Karma kommt aus dem Sanskrit und heißt soviel wie "Weg der Tat". Jede menschliche Tat fordert nach dem Karmagesetz seinen Ausgleich. Dieses geistige Gesetz ist aber keine unüberwindliche Ausgleichsautomatik oder -mechanik, wodurch menschliche Freiheit unmöglich würde. Sicher nimmt mir niemand mein Karma ab, doch heißt das gleichzeitig, daß ich nur aus der Vergangenheit leben muß und nicht auch "neues" Schicksal schaffen darf (s. auch unte Eckpunkte Freiheit)? Viele weitere Aspekte lassen dieses Gesetz (um es juristisch auszudrücken) als solches mit Ermessensspielraum und weniger als "eiserne Regel" erscheinen:

"Das Karma und der Christus sind der Inbegriff der ganzen Evolution. Das Karma ist das Gesetz von Ursache und Wirkung in der geistigen Welt; es ist die Spirale der Entwickelung. Die Christus-Kraft schaltet sich in die Entwickelung dieser karmischen Linie als richtunggebende Achse ein. Diese Kraft findet sich seit der Ankunft des Christus auf der Erde im Grunde jeder menschlichen Seele. Aber wenn man im Karma nichts anderes sieht als eine dem Menschen auferlegte Notwendigkeit, sein Unrecht wieder gutzumachen und seine Irrtümer abzubüßen durch eine unversöhnliche Gerechtigkeit, die von einer Verkörperung zur anderen wirkt, so unterstützt man den gelegentlichen Einwand, daß das Karmagesetz die Erlöserrolle des Christus aufhebe. In Wirklichkeit ist das Karma auf der einen Seite eine Erlösung des Menschen durch sich selbst, durch sein eigenes Bemühen, durch seinen stufenweisen Aufstieg zur Freiheit im Laufe der Wiederverkörperungen, und anderseits dasjenige, was den Menschen dem Christus annähert. Denn die Christus-Kraft ist der Grundimpuls, der den Menschen in Freiheit zur Umwandlung des unversöhnlichen Gesetzes führt, und die Quelle dieses Impulses ist die Person und das Beispiel des Christus Jesus. Nicht mehr ist es nötig, im Karma ein Verhängnis zu sehen; vielmehr ist es als das notwendige Mittel zu verstehen, um die höchste Freiheit, das Leben in Christus, zu erreichen - eine Freiheit, die man nicht erreicht, indem man der Ordnung der Dinge mißtraut, sondern indem man sie begreift. Das Karma hebt weder die Gnade noch den Christus auf, es findet sie im Gegenteil der ganzen Evolution zugeordnet. " 94.116





3. Eckpunkte der Wiederverkörperung


Um eine grobe Kontur dieser Idee zu verdeutlichen, erlaube ich mir hier einige Zitate wiederzugeben. Dies kann kein systematisches Studium der geisteswissenschaftlichen Wiederverkörperungsidee ersetzen, das nach meinem Empfinden bei entsprechendem Interesse eine Lebensarbeit ist.
Vielmehr halte ich es für nötig, eine anfängliche Vorstellung von der Grundidee Wiederverkörperung zu bekommen, bevor sich die soziale Relevanz ermessen läßt, auf die ich in den weiteren Abschnitten eingehen werde. Hier also einige "Eckpunkte":


Wiederverkörperung und ...
...Anfang und Ende
...Begabungen
...Blutsverwandtschaft
...Buddhismus
...Christus
...Denken
...Egoismus
...Freiheit
...Gattung
...Hoffnung
...Liebe
...Mann/Frau
...Materialismus
...Rassen/Völker
...Religionen
...Spirit. Grundgesetz
...Storchenmärchen
...Überzeugung
...Verantwortung
...Vererbung
...Wein
...Wille
...Zufall
...Anfang und Ende:
Es ist eine falsche Vorstellung, wenn die Theosophen glauben, daß die Reinkarnation keinen Anfang und kein Ende habe. Die Reinkarnation hat in der lemurischen Zeit angefangen und wird im Beginne der 6. Rasse (bzw. des 6. Hauptzeitraumes, ca. ab 22000 n.Chr., wb) auch wieder aufhören. Es ist nur eine gewisse Zeitspanne in der irdischen Entwickelung, innerhalb welcher der Mensch sich wiederverkörpert. Vorausgegangen war ein überaus geistiger Zustand, der keine Wiederverkörperung nötig machte, und folgen wird wiederum ein geistiger Zustand, der auch keine Wiederverkörperung bedingt. 93.25

 
...Begabungen:
Wenn wir dies uns vor die Seele führen, werden wir bald gewahr werden, wie irrtümlich die meisten Vorstellungen sind, die man sich gewöhnlich über Reinkarnation und Karma bildet. Sie werden es selbst schon gehört haben: wenn einem irgendwo ein Mensch im Leben entgegentritt, der zum Beispiel ein guter Rechner ist, und wenn man dann zugleich Anthroposoph ist, dann wird man sich leicht die Vorstellung bilden: In der vorhergehenden Inkarnation ist dieser Mensch ein guter Rechner gewesen. Viele Reinkarnationsketten werden leider von unausgebildeten Anthroposophen in der Weise aufgestellt, daß man einfach glaubt, die vorhergehende Inkarnation dadurch zu finden, daß man die Fähigkeiten, die in der gegenwärtigen auftreten, auch in der vorhergehenden oder womöglich in mehreren vorhergehenden Inkarnationen wird finden müssen. Das ist die schlechteste Art, zu spekulieren. Man trifft gewöhnlich damit das Falsche. Denn die wirklichen Beobachtungen mit den Mitteln der Geisteswissenschaft zeigen zumeist das genaue Gegenteil. Leute zum Beispiel, die in der vorhergehenden Inkarnation gute Rechner, gute Mathematiker waren, treten in der gegenwärtigen Inkarnation so auf, daß sie gar keine Begabung für Mathematik zeigen, daß ihnen die mathematische Begabung fehlt. Und will man wissen, welche Begabungen man höchstwahrscheinlich in der vorigen Inkarnation hatte - ich mache darauf aufmerksam, daß wir jetzt also auf dem Boden der Wahrscheinlichkeit stehen -, will man wissen, welche Fähigkeiten in dieser Richtung an Intelligenz, künstlerischen Dingen und so weiter man in der vorigen Inkarnation gehabt hat, so tut man gut, wenn man nachdenkt, wozu man in dieser Inkarnation am allerwenigsten Fähigkeiten hat, wozu man in dieser Inkarnation sich am allerwenigsten eignet. Wenn man das herausbekommen hat, dann wird man finden, worin man wahrscheinlich in der vorhergehenden Inkarnation brilliert hat, wofür man ganz besonders begabt war. Ich sage "wahrscheinlich" aus dem Grunde, weil diese Dinge auf der einen Seite wahr sind, aber auf der anderen Seite vielfach durchkreuzt werden von anderen Tatsachen. 135.14f

 
...Blutsverwandtschaft:
Wir haben da gerade heute noch immer etwas, was sich hereinstellt in unsere Welt als ein Überbleibsel jener alten Blutsverwandtschaft, was uns das nationale Prinzip gibt, was in ihm zum Vorschein kommt. Weswegen sich der eine einen Engländer, der andere einen Franzosen, der andere einen Polen nennt, das rührt her von alledem, wovon von jeher hergerührt haben diejenigen Zusammenhänge unter den Menschen, die auf Blutsverwandtschaft gebaut sind. Diese Blutsverwandtschaft hatte durch die Jahrtausende der Menschheitsentwickelung ihre gute Berechtigung, denn durch diese Blutsverwandtschaft stieg dasjenige herauf in die Menschheit, was die Menschen zusammenbrachte, was Menschheitsgemeinschaften begründete. Und die Menschen waren im Ausgange der Erdenentwickelung, wie Sie sich aus meiner Geheimwissenschaft überzeugen können, durchaus nicht so einheitlich. Die Menschenseelen waren von den verschiedensten Orten, wie Sie wissen, auf die Erde gekommen, haben sich wahrhaftig nicht geliebt, lernten sich lieben nur dadurch, daß sie als Seelen hineingeboren wurden in blutsverwandte Leiber. Ich habe in früheren Vorträgen wiederholt gezeigt, wie das Wohltätige dieser Blutsverwandtschaft, Blutsgemeinschaft von den den Menschen gegnerischen Mächten bekämpft worden ist, von den luziferisch-ahrimanischen Mächten. Das war in alten Zeiten. Da waren gerade die Menschen darauf angewiesen, Menschengemeinschaften aus der Blutsverwandtschaft heraus begründen zu lassen. Heute zu glauben, daß man nur zu übersetzen braucht das alte Blutsverwandtschaftsprinzip in die abstrakte Sprache und daß man sagen kann, indem man die Abstraktheit in Vierzehn Punkte kleidet: Jedem einzelnen, auch dem kleinsten Volke sein Selbstbestimmungsrecht! - man muß Woodrow Wilson in seiner Weltfremdheit, in seiner Abstraktheit sein, wenn man so etwas tun kann. Heute muß man einsehen: das war einmal. Blutsverwandtschaften begründeten einmal menschliche Gemeinschaften. Heute ist bei den der Menschheit gegnerischen ahrimanischen und luziferischen Mächten anderes bestimmend, heute sollen die Menschen verführt werden durch die Blutsverwandtschaft. Geradesowenig wie der Christus in die Welt gekommen ist, um das Gesetz abzuschaffen, sondern in sich aufzunehmen, ebensowenig soll die Blutsverwandtschaft aus der Welt geschafft werden, im Gegenteil muß man die Blutsverwandtschaft erst in die richtigen Wege leiten. Aber während in alten Zeiten in Menschenherzen die ahrimanischen und luziferischen Wesenheiten gegen die Blutsverwandtschaft aufgetreten sind und die Menschen in egoistische Individuen zerspalten wollten gegen die Blutsverwandtschaft, handelt es sich heute darum, daß die Menschen durch ahrimanische und luziferische Mächte verführt werden sollen, nur auf die Blutsverwandtschaft aufzubauen, während heute die Zeit reif ist, einzusehen, jeder Mensch, der wirklich Leib, Seele und Geist hat und vor uns dasteht, der kommt aus der geistigen Welt herunter, der kommt aus der geistigen Welt so herunter, daß er ein vorirdisches Leben durchgemacht hat. Er sucht sich selber das Blut, durch das er auf der Erde sich verkörpern will. Und ein Gefühl muß nach und nach entstehen für diese geistige Gemeinschaft. In vorchristlichen Zeiten ist die Reinkarnation als Gefühl vorhanden gewesen, denn eine Erkenntnis war sie nur vor dem Jahre 1860 vor dem Christentum; nach dem Jahre 1860 war sie im ganzen Ägypten, in vorderasiatischen, römischen Zeiten nur ein instinktives Gefühl. Jetzt aber kommt die Zeit, wo die Anschauung von dem Menschen als einem geistigen Wesen, das eine Entwickelung durchmacht zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, ein lebendiges Gefühl, eine lebendige Empfindung wird, wo man in der Vorstellung leben muß von der überirdischen Bedeutung der Menschenseelen. Denn ohne diese Vorstellung wird die Kultur der Erde ertötet. Man wird nicht eine praktische Tätigkeit entfalten können in der Zukunft, ohne daß man aufblicken kann zu der geistigen Bedeutung der Tatsache, daß jeder Mensch ein geistiges Wesen ist. Und man wird hinzufügen müssen, so paradox das dem heutigen Menschen noch erscheint - paradox weniger der Theorie nach, denn ich will nicht theoretisieren, aber parallelisieren, dem Gefühle nach, es ist aber doch so -, daß man wird lernen müssen, nicht nur sich zu sagen: Wir freuen uns als Eltern, daß uns ein Kind geboren wird, wir freuen uns über diesen Zuwachs unserer Familie, weil uns dieses Kind geboren wird -, sondern man wird sagen müssen: Nein, wir sind bloß das Werkzeug dafür, daß eine geistige Individualität, die wartet, auf der Erde ihr Dasein fortzusetzen, durch uns Gelegenheit dazu findet! - Zu den antiquierten Dingen wird gehören müssen zum Beispiel die Aristokratenvorstellung vom Stammhalter, die Aristokratenvorstellung von der bloßen Blutsfortsetzung der Familie, und ausdehnen wird sich müssen die Empfindung, das Gefühl auf die ganze Menschheit. Aristokraten haben heute noch die Gesinnung, es sei vor allen Dingen ihre Aufgabe, ihr Geschlecht fortzusetzen, so daß der physische Mensch Nachkommen hat mit demselben Namen. Die Empfindung wird sich umkehren müssen dahingehend, daß man diese Nachfolger wird haben müssen im Dienste der ganzen Menschheit, damit gewisse Individualitäten, die herunter wollen auf die Welt, hier auf dieser Erde ihr Dasein fortsetzen können. Die alten Empfindungen ragen im Aristokratentum, im Familienaristokratentum in unsere jetzige Zeit herein. Dem muß sich entgegenstellen die Empfindung jener allgemeinen Menschenkenntnis; dann werden wir auch den Christus neu begreifen können. Denn er ist nicht um des Familienegoismus willen auf der Erde erschienen, sondern um der ganzen Menschheit willen. Er ist auch nicht um irgendeiner Nationalität willen auf der Erde erschienen, sondern um der ganzen Menschheit willen. Er ist nicht erschienen, damit diejenigen, die sich die Sieger nennen, die Nationalstaaten aufrichten können, sondern daß das Allgemeinmenschliche durch den Rahmen des Nationalen auf der Erde gepflegt werde. 196.160

 
...Buddhismus:
Alles Streben, auf das der Buddhismus abzielt, ist darauf gerichtet, diese ihm ja allerdings als ganz gewiß erscheinenden wiederholten Erdenleben, ihrer Zahl nach soviel wie möglich abzukürzen. Befreiung, Erlösung von den wiederholten Erdenleben ist sein Wesen. 60.377

 
...Christus-Frage/-Impuls:
Und wir brauchen nicht sehr weit zu gehen, um zu charakterisieren, worin eigentlich das Neue der anthroposophischen Bewegung liegt. Es liegt darin, daß die zwei Wahrheiten, die sozusagen zu unseren fundamentalsten Dingen gehören, an die Menschenseele in einer immer überzeugenderen Weise herantreten - die beiden Wahrheiten von Reinkarnation und Karma...Selbst wenn wir über das sprechen, was in bezug auf die Evolution fundamental ist; wenn wir zum Beispiel sprechen über die Christus-Frage: in bezug auf die anthroposophische Bewegung als solche ist sie nicht das Fundamentalste; sondern das Fundamentalste ist die Gestalt, welche die Christus-Frage dadurch erhält, daß Reinkarnation und Karma in die Herzen der Menschen als Wahrheiten aufgenommen werden. Die Beleuchtung, welche die Christus-Frage erhält unter der Voraussetzung der Wahrheiten von Reinkarnation und Karma, das ist das Wesentliche...Fundamental, wesentlich wird die (Christus-)Frage für die abendländischen Gemüter, für die Erkenntnis und religiösen Bedürfnisse nur durch die Wahrheiten von Reinkarnation und Karma, so daß der, welcher eine Erweiterung seines Gemütes erfährt durch die Erkenntnis von Reinkarnation und Karma, auch notwendigerweise fordert eine neue Erkenntnis alter Fragen. 135.48f

Wenn wir ein Kind vor uns haben, das uns anlügt, sagen wir uns: Dies Kind hat uns belogen. Wie können wir ihm helfen, daß es sein Karma umwandelt? - Wir fragen nicht danach, daß es uns schadet. Wir sehen auf den Wesenskern des Kindes, und damit bringen wir das Karma vorwärts. Tief menschliches Zusammenfühlen wird sich in solcher Art in der Welt immer mehr geltend machen. So ist dasjenige, was wir Geisteswissenschaft nennen, wenn wir darunter wirklich Verständnis der Lebensvorgänge im Sinne von Reinkarnation und Karma begreifen, die Vorbereitung zu einem wahren Erfassen des Christus-Impulses in der Welt. Es kommt nicht darauf an, wie der Mensch seine Worte setzt, sondern wer wirklich das Entwickelungsgesetz begreift, der kann gar nicht anders als Christ sein, sei er Hindu oder Mohammedaner oder Angehöriger eines anderen Religionssystems. Es kommt darauf an, daß man den Impuls aufnimmt in die Seele, welcher der Impuls zu dem gemeinsamen Ziel der Menschheit ist, wie einst in den alten Menschen der Impuls lebte, hinzuschauen auf den gemeinsamen Ursprung der Menschen. Daher führt Geisteswissenschaft immer zu dem Christus-Impuls. Sie kann gar nicht anders. Man könnte also einfach Geisteswissenschaft, wie sie heute auftritt, auch so auffassen, daß man sagt: Wenn auch derjenige, der sie kennenlernt, vielleicht nichts wissen wollte vom Christentum, wenn er Anthroposoph wird, so wird er schon in Wahrheit zu Christus geführt. In der Realität würde er schon dahin geführt werden, selbst wenn er mit Worten dagegen kämpfen wollte. 125.202

 
...Denken:
Man kann gegen das hier gesagte einwenden: das seien reine Gedankenausführungen; und man kann äußere Beweise verlangen, wie man sie von der äußeren Naturwissenschaft her gewohnt ist. Dagegen muß gesagt werden, daß die Wiederverkörperung des geistigen Menschen doch ein Vorgang ist, der nicht dem Felde äußerer physischer Tatsachen angehört, sondern ein solcher, der sich ganz im geistigen Felde abspielt. Und zu diesem Felde hat keine andere unserer gewöhnlichen Geisteskräfte Zutritt als allein das Denken. Wer der Kraft des Denkens nicht vertrauen will, der kann sich über höhere geistige Tatsachen eben nicht aufklären. 9.74

 
...Egoismus:
Wenn die Ideen von Reinkarnation und Karma nur ein Antrieb zum Egoismus werden, dann heben sie unsere Kultur nicht, dann drängen sie unsere Kultur erst recht hinunter. Aus diesem Antrieb, ein guter Mensch zu werden, damit man in der nächsten Inkarnation möglichst Sympathisches erlebt, aus diesem Antrieb handeln ist Doppel-Egoismus, ist nicht bloß einfacher Egoismus. Aber dieser Doppel- Egoismus, der kam für viele Menschen aus den Ideen von Reinkarnation und Karma. So daß man sagen kann: Unsere Zivilisation hat so wenig altruistisch-religiösen Impuls, daß es ihr unmöglich ist, selbst solche Ideen wie Reinkarnation und Karma in dem Sinne aufzufassen, daß sie Antriebe werden zu altruistischem und nicht zu egoistischem Handeln und Empfinden. 191.72

 
...Freiheit:
Ebensowenig wie es meine Freiheit ausschließt, wenn ich mir dieses Jahr ein Haus baue, in dem ich nach zwei Jahren wohnen werde – ich werde darinnen ein freier Mensch sein, trotzdem ich dieses Haus für mich gebaut habe –, so bestimmen die einen Erdenleben die anderen, die folgenden vor. Aber nur mißverstandene Auffassung könnte das als eine Beeinträchtigung des menschlichen Freiheitsgedankens hinstellen. 178.32

 
...Gattung:
So wie also die physische Menschengestalt immer wieder und wieder eine Wiederholung, eine Wiederverkörperung der menschlichen Gattungswesenheit ist, so muß der geistige Mensch eine Wiederverkörperung desselben geistigen Menschen sein. Denn als geistiger Mensch ist eben jeder eine eigene Gattung. 9.74

 
...Hoffnung:
Nichts kann geschehen auf dem äußeren physischen Plan ohne die Hoffnung. Daher hängen auch die Hoffnungskräfte mit der letzten Hülle unseres menschlichen Wesens zusammen, mit unserem physischen Leib. Was die Glaubenskräfte für den Astralleib, die Liebekräfte für den Ätherleib sind, das sind die Hoffnungskräfte für den physischen Leib. Daher (ist) ein Mensch, der nicht hoffen könnte, ein Mensch, der verzweifeln müßte an demjenigen, was er voraussetzen muß für die Zukunft, er würde so durch die Welt gehen, daß das an seinem physischen Leibe wohl bemerkbar ist. Die Hoffnung baut unseren physischen Leib auf. Wenn die Geisteswissenschaft in der gegenwärtigen Zeit von den Menschen zurückgewiesen würde, so würden die Menschen in den Wiederverkörperungen allmählich ein am ganzen Leib runzliges und welkes Geschlecht, ein Geschlecht, das zuletzt so lahme Leiber hätte auf dieser Erde, daß die Menschen nichts mehr verrichten könnten. Kurz ein Absterben und Abdorren würde über die Menschheit kommen in den künftigen Inkarnationen, wenn nicht beleben würde das Bewußtsein – und von da aus die verborgensten Tiefen des menschlichen Wesens bis zum physischen Leib – jene starke Hoffnung, welche uns kommt durch die Sicherheit des Wissens, das wir erlangen aus dem Karmagesetz heraus und aus dem Gesetz der (Reinkarnation). 130.176ff

 
...Liebe:
Wer die Liebe so kennt, daß er weiß, Liebe ist da um Schulden zu zahlen und bringt keinen Vorteil für die Zukunft, der ist ein Christ. Das Begreifen der Natur der Liebe - heißt Christ sein! Durch bloße Theosophie mit "Karma" und "Reinkarnation" kann man ein großer Egoist werden, wenn man nicht hinzunimmt den Liebesimpuls, den Christus-Impuls; denn dann erst erreicht man das, was den Egoismus der Theosophie überbrückt. Man erreicht den Ausgleich durch ein Verständnis des Christus-Impulses. Weil Theosophie der Menschheit nötig ist, wird sie ihr heute gegeben. Aber es liegt die starke Gefahr darinnen, daß, wenn bloß Theosophie getrieben wird ohne den Christus-Impuls, den Impuls der Liebe, daß dann die Menschen durch Theosophie den Egoismus in sich nur größer machen, daß sie ihn züchten, sogar über den Tod hinaus. Wir dürfen daraus nicht den Schluß ziehen, daß man keine Theosophie treiben soll, sondern wir müssen einsehen lernen, daß das Verständnis der Substanz der Liebe zur Theosophie hinzugehört.143.210

 
...Mann/Frau:
Jedesmal wenn die Sonne von einem Tierkreisbild in ein anderes vorrückt, gehen einschneidende Veränderungen in der Kultur vor sich. Dazwischen vergeht ein Zeitraum von ungefähr zweitausendsechshundert Jahren. Nehmen wir den Zeitpunkt, als die Sonne in das Zeichen des Widders oder Lammes trat, um 800 vor Christus und 1800 nach Christus, so sind es zweitausendsechshundert Jahre. Ungefähr um 1800 traten wir in das Zeichen der Fische ein. Damit kam die materielle Kultur auf die Höhe. Sie bereitete sich vor im Mittelalter, jetzt hat sie begonnen wieder abzufluten. Um das Jahr 4400 tritt die Menschheit in das Zeichen der spirituellen Kultur, des Wassermannes. Das bereitet sich aber auch schon früher vor. Mit der Konstellation verändern sich also auch die Verhältnisse. Mit dem Vorrücken von einem Sternbild zum anderen treten auch neue Verhältnisse ein, so daß das Wiedergeborenwerden einen Sinn hat. Ungefähr alle zweitausendsechshundert Jahre wird der Mensch wiedergeboren. Aber die Erfahrungen, die er als Mann und als Frau macht, sind so grundverschieden, daß man zwei solcher Inkarnationen, als Mann und als Frau, als eine zählt. Es vergehen ungefähr eintausenddreihundert Jahre zwischen zwei Inkarnationen als Mann oder als Frau, und ungefähr zweitausendsechshundert Jahre zwischen solchen doppelten Inkarnationen, wenn man beide als eine rechnet. Der Mensch ist eigentlich nur dem physischen Leibe nach Mann oder Frau. Während der physische Körper männlich ist, ist der Atherkörper weiblich und umgekehrt, während der physische Körper weiblich ist, ist der Ätherkörper männlich. Erst der Astralkörper ist männlich und weiblich zugleich. Der Mensch trägt das entgegengesetzte Geschlecht als Ätherkörper in sich. Also ist der Mann ätherisch weiblich, die Frau ist ätherisch männlich. Die physische Frau hat daher auch viele verborgene Männereigenschaften, die physische Inkarnation ist nur exoterisch vorhanden. So macht der Mensch jedesmal ein Sternbild durch als Mann und als Frau. Daher sagte der Meister auch zu Sinnett, daß der Mensch in einer Unterrasse ungefähr zweimal inkarniert wird. Okkult werden die beiden Inkarnationen als eine zusammen gerechnet. Es muß eine Zeit kommen, in der die Frau sich tatsächlich der Manneskultur annähert. In der jetzigen Frauenbewegung ist die Vorbereitung zu einer ganz anderen späteren Frauenbewegung zu erkennen. Die Zweigeschlechtlichkeit wird in Zukunft einmal ganz überwunden werden.93a.60

 
...Materialismus:
Es wird merkwürdigerweise gerade die Tatsache, daß die Menschen heute am allerwenigsten geneigt sind, an Reinkarnation und Karma zu glauben, verbunden mit dem, was die Menschen heute treiben und lernen, insofern dies in bezug auf intellektuelle Fähigkeiten eine Bedeutung hat – diese Tatsachen werden bewirken, daß bei diesen Menschen der Gegenwart in der nächsten Inkarnation das Gegenteil eintreten wird. Sie werden – gleichgültig, ob sie spirituell oder materialistisch streben – starke Anlagen haben, ihre vorhergehende Inkarnation zu empfinden. Ganz gleichgültig, was die Menschen der Gegenwart treiben: dadurch, daß sie Menschen der Jetztzeit sind, werden sie wiedergeboren werden mit einer starken Anlage und einer starken Sehnsucht, von der vorhergehenden Inkarnation etwas zu erfahren, etwas zu wissen. Und die Menschen, welche jetzt am allermeisten schimpfen über Reinkarnation und Karma, sie werden sich geradezu winden unter der Qual des nächsten Lebens, weil sie sich nicht erklären können, wie das Leben so hat werden können. So wird sich sozusagen karmisch der Materialismus ausleben. Sinnvoll wird die nächste Inkarnation bei denjenigen Menschen sein, welche sich die Überzeugung verschafft haben, daß ihr Leben, wie es jetzt ist, eben nicht nur in sich erfüllt ist, sondern Ursachen enthält für das nächste. Unsinnig, leer und öde wird das Leben derer sein, die durch den Gedanken der Unsinnigkeit der Reinkarnation sich selber das Leben öde und nichtig gemacht haben. 135.20f

 
...Rassen/Völker:
Textauszug GA54, S.132-133+153-154 bei www.dreigliederung.de

Das ist die wirklich verstandene Lehre von dem Karma und der Reinkarnation. Sie bietet uns ja einen Ausblick darauf, daß wir mit dem innersten Kern unseres Wesens in den aufeinanderfolgenden Zeiten in den verschiedensten Rassen, in den verschiedensten Völkern inkarniert werden. So können wir also gewiß sein, wenn wir auf diesen Kern unseres Wesens schauen, daß wir mit ihm teilnehmen werden nicht nur an den Sonnen- oder vielleicht auch Schattenseiten aller Rassen, aller Volkstümer, sondern wir können gewiß sein, daß wir in unserem innersten Wesen aufnehmen Beitrag auf Beitrag der Segnungen aller Rassen und Volkstümer, indem wir einmal da, einmal dort inkarniert werden. Es wird unser Bewußtsein, unser Horizont weiter, umfassender durch diese Ideen von Karma und Reinkarnation. Deshalb lernen wir erst durch sie dasjenige ertragen, was in unserer Gegenwart über die Geheimnisse der Rassen- und Volkszusammenhänge vor unser geistiges Auge treten muß. So wird denn gerade durch das in dieser Betrachtung Abgehandelte, wenn es richtig erkannt wird, ein Unbefriedigtsein über das Inkarniertwerden in diesem Volke oder jener Rasse nicht in uns hineingebracht werden können. Es wird aber trotzdem ebenso in die Menschheit durch ein solches objektives Anschauen der menschlichen Volks- und Rassencharaktere Unfrieden und Disharmonie hereingebracht werden können, wenn es nicht mit den angedeuteten Voraussetzungen aufgenommen wird. Der geistig Strebende wird durch die Lehre von Karma und Reinkarnation lernen, wie jedes -und sei es auch das kleinste Volk - seinen Beitrag zu liefern hat zu der Gesamtentwickelung der Menschheit. Das wird gerade das Bedeutungsvolle sein, daß in dem zweiten Teile dieser Vorträge gezeigt werden wird, wie die einzelnen Einflüsse der Völkermissionen in die Gesamt-Menschheit einfließen, und wie sogar einzelne Volkssplitter, die da und dort in die großen Volksmassen zerstreut sind, ihre Bedeutung haben in der Gesamtharmonie der Menschheitsevolution. Das aber wird nur allmählich vor unser geistiges Auge hintreten können. 121.86

 
...Religionen:
Soweit die Geisteswissenschaft sich wirklich ausbreiten wird und eine Wiedergabe okkulter Erkenntnisse sein wird, wird sie sich zunächst bemühen, die großen Wahrheiten von Reinkarnation und Karma über die ganze Erde hin zu verbreiten. Denn diese Wahrheiten werden zunächst das Schicksal haben, daß auch die religiösen Vorurteile welche über die Erde hin verbreitet sind, sozusagen die Segel vor ihnen streichen. 137.27

 
...Spirituelles Grundgesetz:
Das sind die drei Grundgesetze der spirituellen Weltanschauung:
  • Geburt und Tod herrscht nur in der Welt der Formen.
  • Wiederverkörperung (Reinkarnation) herrscht in der Welt des Lebens.
  • Karma, oder die sich ewig gestaltende und steigernde Tätigkeit, die herrscht im Reiche des Geistes.
Die Gestalt, die Form ist vergänglich, das Leben gebiert sich immer wieder, der Geist ist aber ewig. 52.350

 
...Storchenmärchen der Kinder:
Die Kinder werden nicht angelogen durch das Storchenmärchen. Es ist da nur ein Bild gebraucht, das wahrer ist als das, was die heutigen Menschen den Kindern beibringen wollen, daß nämlich das Kind nur von Vater und Mutter stammt. Das Storchenbild – oder irgendein anderes – weist darauf hin, daß im Kinde etwas ist, was aus Wolkenhöhen herabkommt. Das Kind schaut da in Regionen, die jenseits der Trivialität sind, und baut sich das auf, woraus künftig erst das herauswachsen soll, was spätere Wahrheit ist. Das Storchenbild für etwas Unwahres zu halten, ist nur eine Phantasielosigkeit, eine Ohnmacht, für den Vorgang, der als Reinkarnation den Kindern nicht zu schildern ist, ein passendes Bild zu finden, diesen Vorgang in ein entsprechendes Bild zu kleiden. Aber – wird eingewendet – die Kinder glauben heute nicht daran. – Das kommt daher, weil die Menschen, die den Kindern so etwas sagen, selbst nicht daran glauben. Ist es uns selber aber ein Bild für das Reale, Wahre, was dahintersteht, wenn wir Phantasie genug haben, die Wahrheit umzusetzen in ein Bild, so werden die Kinder es auch glauben. Und es ist eigentlich schön, dem Kinde zu sagen: Da wird gegeben ein Teil vom Vater und ein Teil von der Mutter, ein Drittes aber tragen aus Himmelshöhen andere Wesenheiten herunter, die in ihren Schwingen es tragen, es Vater und Mutter zutragend. Wenn wir das sagen, so ist das Bild sehr zutreffend, und wir reden von einer Wahrheit. 127.40f

 
...Überzeugung:
Aber das ist es ja, was wir uns immer mehr und mehr ins Gedächtnis rufen sollten, daß es mit einem solchen "Abriß-Wissen" in der Geistesforschung nicht getan ist - daß es überhaupt im Grunde nicht auf das Wissen ankommt, obwohl Geistesforschung in einem Wissen, in einer Erkenntnis besteht -, daß es nicht genügt, in allgemeinen Phrasen das Wesen der Geistesforschung zu sehen, sondern in ganz bestimmten Erkenntnissen. Aber wiederum genügt es doch nicht, sich diese Erkenntnisse etwa im Sinne der heutigen Zeit als eine allgemeine Überzeugung an geeignet zu haben und dann damit zufrieden zu sein. Denn nicht darum handelt es sich, eine solche Überzeugung einmal zu haben, zu wissen: Der Mensch lebt nicht nur einmal, es gibt Ursachenverhältnisse, welche von einem Leben in das andere hinübergehen, es gibt Reinkarnation und Karma. Das ist nicht das eigentlich Heilsame der Geistesforschung, diese Lehren zu verbreiten, sondern sich eingehend und intim mit diesen Lehren, namentlich in bezug auf ihre Einzelheiten immer wieder und wieder zu beschäftigen, sie unausgesetzt auf seine Seele wirken zu lassen. Denn man hat im Grunde von der Überzeugung gar nichts, die uns einfach glauben läßt: Ja, der Mensch lebt nicht nur einmal zwischen Geburt und Tod, er lebt öfter; es gibt eine Reinkarnation, ein Karma und so weiter. Von dem Glauben an diese Dinge hat man im Grunde nicht viel. Und es ist im Grunde zwischen der Seele eines Menschen, der nicht weiß, daß es eine Reinkarnation und ein Karma gibt, und zwischen der Seele eines solchen Menschen, der das weiß, kein sehr großer Unterschied in bezug auf die wirklichen Tiefen des Lebens. 116.36

 
...Verantwortungsgefühl:
Wenn der Mensch nun übergeht zur Erkenntnis von Reinkarnation und Karma, so müssen wir uns klar sein, daß das, was für einen solchen Menschen in seiner Seele lebt, nicht bloß, wenn er durch die Pforte des Todes geschritten ist, eine Bedeutung hat für eine erdentrückte Sphäre, sondern daß von dem, was er erlebt zwischen Geburt und Tod, die Zukunft der Erdengestaltung abhängt. Die Erde wird sozusagen die äußere Konfiguration haben, welche die Menschen ihr geben, die vorher da waren. Der ganze Planet in seiner Zukunftkonfiguration, das Zusammenleben der Menschen in der Zukunft, hängt davon ab, wie die Menschen früher gelebt haben in ihren früheren Verleiblichungen. Das ist das Gemüthaft-Moralische, das sich an diese Ideen anknüpft; so daß ein Mensch, der dies angenommen hat, weiß: Wie ich war im dem Leben, so werde ich wirken auf alles, was in der Zukunft geschieht, auf die ganze Kultur der Zukunft ! – Da erweitert sich etwas mit dem Wissen von Reinkarnation und Karma über die Grenzen von Geburt und Tod hinaus, was der Mensch bisher nur in engsten Grenzen kennengelernt hat: das Verantwortlichkeitsgefühl. Da sehen wir herauswachsen ein gesteigertes Verantwortlichkeitsgefühl. Darin prägt sich aus, was als eine tief bedeutsame moralische Folge auftritt von Ideen, wie es Reinkarnation und Karma sind. 135.53

 
...Vererbung:
Die musikalische Veranlagung zum Beispiel kann sich durch Generationen hindurch vererben. In der Familie Bach gab es etwa 28 Musiker im Laufe von 250 Jahren, wenn auch nur einen ganz berühmten darunter, und in der Mathematikerfamilie Bernoulli 8 bedeutende Mathematiker. Es gibt viele Beispiele, wo die Vererbung eine große Rolle spielt. Man muß aber im wahren Sinn die Bedeutung von Karma und Reinkarnation verstehen, dann erst begreift man richtig die Vererbung, denn die Vererbungstheorie der materialistischen Wissenschaft ist nur zum Teil wahr und manches dabei verzerrt gesehen. Zum bedeutenden Musiker zum Beispiel gehört nicht nur die musikalische Anlage in der Seele. Diese allein könnte sich nicht auswirken, wenn sich diese Seele nicht verkörpern könnte in einem Leib, der mit einem musikalisch konstruierten Ohre versehen ist. Was nun in einer solchen Musikerfamilie physisch ist, diese guten und fein konstruierten Gehörorgane, die vererben sich von Eltern auf Kinder, und ein Menschenkeim, der aus dem Devachan kommt und einer neuen Verkörperung entgegeneilt, wird sich hingezogen fühlen zu einer solchen Familie, in der seine musikalische Seele sich in gutgebildeten musikalischen Organen ausleben kann (das gleiche gilt für die Mathematiker). 97.256f

 
...Wein:
Damit der Mensch sich dachte, die eine Inkarnation sei die einzige, dazu war notwendig, daß etwas das Gehirn von der Erkenntnis von den höheren Prinzipien im Menschen, von Atma, Buddhi, Manas und von der Erkenntnis der Reinkarnation abschnitt. Dazu wurde dem Menschen der Wein gegeben. Früher war bei allem Tempelkultus nur das Wasser gebraucht worden. Dann wurde der Gebrauch des Weines eingeführt. Der tiefsteingeweihte Jünger, Johannes, enthüllt in seinem Evangelium, was der Wein für die innere Entwickelung bedeutet. Bei der Hochzeit von Kana in Galiläa wird das Wasser in Wein verwandelt. Durch den Wein wurde der Mensch so zubereitet, daß er die Reinkarnation nicht mehr verstand. Wer hinaufkommen will in die höheren Gebiete des Daseins, der muß sich jeden Tropfens Alkohol enthalten. 97.22
Seitdem die Menschheit Wein zu trinken begann, verdunkelte sich die Idee der Reinkarnation ganz schnell und verschwand schließlich aus dem allgemeinen Bewußtsein. Der Alkohol verschleiert das Gedächtnis, verdunkelt es in seinen inneren Tiefen; eine Verfinsterung der Gedächtniskraft im Ätherleib. 94.51

 
...Wille:
In unserem Haupte arbeiten ja gegenwärtig, vorzugsweise in dem Leben zwischen Geburt und Tod, die Gedanken. Diese Gedanken sind, wie wir auch gesehen haben, zugleich die Umgestaltung, die Metamorphose desjenigen, was in unseren Gliedmaßen in dem vorigen Erdenleben als Wille wirkte. Und dasjenige wiederum, was als Wille wirkt in unseren gegenwärtigen Gliedmaßen, das wird zu Gedanken umgebildet sein in dem nächsten Erdenleben.
Wenn Sie das überschauen, können Sie sich sagen: Der Gedanke, er erscheint eigentlich als dasjenige, was in der Menschheitsevolution fortdauernd als Metamorphose aus dem Willen hervorgeht. Der Wille erscheint eigentlich als dasjenige, was gewissermaßen der Keim des Gedankens ist. 202.72f

 
...Zufall:
In der physischen Welt von «Zufall» sprechen, ist gewiß nicht unberechtigt. Und so unbedingt der Satz gilt: «Es gibt keinen Zufall», wenn man alle Welten in Betracht zieht, so unberechtigt wäre es , das Wort «Zufall» auszumerzen, wenn bloß von der Verkettung der Dinge in der physischen Welt die Rede ist. Der Zufall in der physischen Welt wird nämlich dadurch herbeigeführt, daß sich in dieser Welt die Dinge im sinnlichen Raume abspielen. Sie müssen, insofern sie sich in diesem Raume abspielen, auch den Gesetzen dieses Raumes gehorchen. In diesem Raume aber können äußerlich Dinge zusammentreffen, die zunächst innerlich nichts miteinander zu tun haben.
TB 135.52

Vor allen Dingen folgt aus der Idee des Karma, daß wir nicht durch einen Zufall... uns hereingestellt fühlen sollen in die Weltordnung, nicht durch Zufall uns hingestellt fühlen sollen auf den Posten, auf dem wir uns befinden im Leben, sondern daß diesem Hingestelltsein gleichsam eine Art von unterbewußtem Willensentschluß zugrunde liegt; daß wir gewissermaßen, bevor wir in dieses irdische Dasein getreten sind, in das wir uns herausgearbeitet haben aus der geistigen Welt zwischen Tod und Geburt, als Ergebnis unserer früheren Inkarnationen in der geistigen Welt den Willensentschluß gefaßt haben - den wir nur wieder vergessen haben, als wir uns in den Körper einlebten -, uns hinzustellen an den Platz, an dem wir stehen. 135.88

 



4. Die Entwicklung des Menschen und der Welt



Wiederverkörperung ist eine umfassende Grundidee, die in der Entwicklung von Mensch und Welt ein Grundmuster wiederspiegelt, das in allem Leben entdeckt werden kann. Dies versuche ich in diesem Abschnitt darzustellen und betone hierbei die Vorläufigkeit meiner Einarbeitung.

Alles Leben im Großen wie im Kleinen verläuft in "Ent-Wickelung" (Evolution) und "Auf- oder Ein-Wickelung" (Involution). Diese Zweiheit oder Dualität der Entwicklung spiegelt sich im Leben in vielen Begriffspaaren, z.B. Ausdehnung/Zusammenziehung, Aufbau/Abbau, Einatmung/Ausatmung (Systole/Diastole), Licht/Schatten, Plus- und Minuspol in der Elektrizität, Nord- und Südpol im Magnetismus. Dies sei am Beispiel der Metamorphosenlehre Goethes von 1790 für das Leben der Pflanzen dargestellt, die sich wie folgt zusammenfassen ließe:


Goethe hat einen großen Teil seiner naturwissenschaftlichen Forschung darauf verwandt, dieses Grundmuster in allen Naturreichen nachzuweisen:
  

"Es mag nun die Pflanze sprossen, blühen oder Früchte bringen, so sind es doch immer nur dieselbigen Organe, welche in vielfältigen Bestimmungen und unter oft veränderten Gestalten, die Vorschrift der Natur erfüllen. Dasselbe Organ, welches am Stengel als Blatt sich ausdehnt und eine höchst mannigfaltige Gestalt angenommen hat, zieht sich nun im Kelche zusammen, dehnt sich Blumenblatte wieder aus, zieht sich in den Geschlechtswerkzeugen zusammen, um sich als Frucht zum letztenmal auszudehnen." - Art. 115, Versuch die Metamorphose der Pflanzen zu erklären, J. W. von Goethe, 1790


Goethe zeigt uns, wie das Blatt als pflanzliches Grundorgan die vielfältigsten Abwandlungen und Umgestaltungen erfährt und die Natur mit sparsamsten Einsatz der Mittel eine große Vielfalt und Mannigfaltigkeit hervorbringt. Evolution und Involution sind für sich doch keine Erklärung der Fülle und der Vielfalt der Erscheinungen. Dahinter steht verborgen ein Drittes: die Schöpfung aus dem Nichts. Dies mag seltsam erscheinen, doch der religiöse Begriff der Schöpfung aus dem Nichts verbindet die Welt des Offenbaren mit dem Göttlichen. Jede Goethesche Steigerung stellt also eine Stufe der Neuschöpfung, eine neue Idee oder auch einen neuen Einschlag dar, etwas was nicht aus den Vorstufen erklärbar ist, wenn auch diese verwandelt in jeder Steigerung erkennbar sind. Mit Evolution und Involution allein würden es nur ständige Wiederholung geben:


"So haben wir bei allem Werden dreierlei zu beachten: Zuerst die Entfaltung aus einem gleichsam eingewickelten Zustande heraus; wir nennen das Entwickelung oder Evolution. Dann muß, was im Keime liegt, entstehen durch den umgekehrten Prozeß, die Einwickelung oder Involution. Diese beiden Prozesse allein geben aber noch keinen Fortschritt. Einzig und allein dadurch, daß ein Wesen imstande ist, Einflüsse von außen aufzunehmen und zu inneren Erlebnissen zu verarbeiten, kann ein Neues, ein Fortschritt in der Welt entstehen. Das ist das Dritte; man nennt es Schöpfung aus dem Nichts. Fortwährend entwickeln Sie, was in Ihnen von früher her veranlagt ist, fortwährend nehmen Sie etwas aus Ihrer Umwelt auf, das Sie umgestalten zu Erlebnissen, und das tragen Sie dann in eine neue Verkörperung hinein. In allem Leben wirkt die Dreiheit von Evolution, Involution und Schöpfung aus dem Nichts. Beim Menschen haben wir diese Schöpfung aus dem Nichts in der Arbeit seines Bewußtseins. Er erlebt die Vorgänge in seiner Umwelt und verarbeitet sie zu Ideen, Gedanken und Begriffen. Veranlagungen stammen aus früheren Verkörperungen, aber aller Fortschritt im Leben beruht darauf, daß neue Gedanken und neue Ideen produziert werden. Die Verhältnisse der Umgebung werden "konsumiert", und die inneren Erlebnisse führen zu neuen Gedanken und Ideen. Daher ist Drei die Zahl des Lebens, man nennt sie die Zahl der Schöpfung oder des Wirkens. " 101.259f






5. Die Grundidee der Wiederverkörperung in verschiedenen Lebensgebieten



Witzenmann weist auf die Bedeutung der Wiederverkörperung in den drei Lebensgebieten Kultur- und Geistesleben, Rechtsleben und Wirtschaft hin. Er schildert wie diese Idee eine Grundidee für diese Gebiete ist: Für Erkenntniswissenschaft, Sozialwissenschaft (Sozialorganik), für biologisch-dynamische Landwirtschaft und für umweltgemäße Bedürfnisbefriedigung. Die Gedankengänge Witzenmanns in den einzelnen Lebensgebieten will ich nachfolgend skizzieren:



5.1 Erkenntniswissenschaft


Die vorherrschende Bewußtseinshaltung ist die von einem Aufbau der Welt aus kleinsten Teilchen. Baut die dem zugrunde liegende Erkenntniswissenschaft aber auf einer Realität auf, wenn dies ihre höchste Erkenntnis ist? Kann sie jemals etwas über das Wie und Warum von Materie wissen? Witzenmann verneint dies, denn sie unterläge dem Irrtum, daß für sie Zusammenhänge in der gleichen Weise vorhanden sind wie Einzelheiten und daß sie ohne unser Zutun vorhanden sind.

Diese vorherrschende Ansicht steht im Widerspruch zum erlebbaren persönlichen Tätigkeitsquell im Denken, Fühlen und Handeln. All das kann nicht ohne uns sein. Unser Ich-Bewußtsein ist für den Materialismus ohne besonderen Wert, denn alle Wirklichkeit erreicht unser Bewußtsein nicht direkt, sondern nur als Gefühlseindruck (Affektion). Weiter haben Begriffe demnach keinen eigenen Wesenscharakter, sondern werden aus den Einzelheiten (Beobachtungen/Wahrnehmungen) zusammengefügt. Das Einzelne/das Besondere wäre danach früher, der Begriff/das Allgemeine später.

Witzenmann erläutert, daß dies nicht sein kann, denn selbst eine Vielzahl von Wahrnehmungen z.B. einer Kugel kann uns nicht ohne denkerische Tätigkeit zu dem Begriff "Kugel" hinführen. Daher ist der Begriff kein Ergebnis bloßer Einzelheiten, er wird jedoch an ihnen fortlaufend angepaßt, individualisiert. Der Begriff, das Allgemeine, ist früher als die Einzelheit.

Begriffe, hier im Sinne von Zusammenhängen, müssen ganz anders vorgestellt werden wie die Einzelheiten. Erst dann können wir auch das Wesen und die Bedeutung von Materie verstehen:

"Materie ist dadurch gekennzeichnet, daß sich Einzelnes (Ungetanes) und Zusammenhang (Getanes), Fremdes und Eigenes zunächst getrennt gegenüberstehen. Im Erkennen wird die Trennung aufgehoben...Das Auftreten von Materie ist durch einen Bewußtseinszustand bedingt, eben den materiellen Bewußtseinszustand. Dieser und mit ihm der ihn bedingende Einfluß unserer Organisation wird im Erkennen überwunden."
Sozialorganik, S. 53


Zur Entstehung von Materie führt Witzenmann aus, daß sie ein Bewußtseinszustand ist, der unter dem Einfluß des Menschen entsteht. Ohne Materie keine Individuation, keine Freiheit. Freiheit bedeutet Selbstgestaltung durch Umwandlung von (geistiger) Konzentration und Expansion ineinander. Hier haben wir wieder das Grundmuster aller Entwicklung als Wiederverkörperung des Geistes. Die Welt ist die Veranlagung der Freiheit, der Mensch die Verwirklichung dieser Freiheit. Damit ergibt sich auch der Sinn der Materie und des materiellen Erdendaseins. Die Wiederverkörperung ist nach Witzenmann der Grundbegriff der Erkenntniswissenschaft.



5.2 Sozialorganik


Witzenmann weist auf die große Bedeutung der Gerechtigkeit für das soziale Leben und auf die Gleichheit hin, letztere als Maßstab für die Gerechtigkeit (z.B. Rechtsgleichheit, Chancengleichheit).

Weiter weist er auf den Begriff des produktiven Rechtes hin, wie es Steiner im Nationalökonomischen Kurs beschreibt, statt des heute stärker im Bewußtsein vorhandenen regulativen Rechtes (Verbot, Gebot, Erlaubnis): Die Gerechtigkeit entsteht beim produktiven Recht nicht als äußere Regelung, sondern ergibt sich aus der planmäßigen Abstimmung der menschlichen Leistungen aufeinander. Recht kommt nicht von außen zu den Leistungen hinzu, sondern wirkt in ihnen.

Die zwei Hauptarten der menschlichen Arbeit sind:


Durch das Zusammenwirken beider Wertbildungsvorgänge entsteht der spezifische Wert eines Produktes. Es kommt darauf an die beiden Hauptarten von Arbeit bzw. deren Wertbildungen nicht einem marktwirtschaftlich unbewußten "Verteilungsmechanismus" zu überlassen, sondern sie durch ständige Absprachen und Verträge für die einzelnen Erzeugnisse so in ein Verhältnis zu setzen, daß ein gerechter Preis entsteht, womit ein Beispiel für produktives Recht gegeben wäre.

Was aber soll das Ziel der menschlichen Arbeit sein? Ist es Gewinnmaximierung, Vermögensbildung, Erhöhung der Arbeitseffizienz, ein möglichst bequemes Leben mit viel "Freizeit"? Hierzu Witzenmann selbst:


"Der Sinn dieser Gerechtigkeit und damit des sozialen Lebens ist nicht eine möglichst behagliche Einrichtung unserer leiblich-irdischen Existenz. Schöpferische Gerechtigkeit hat vielmehr eine Gesinnung zum Ziel, die ein Leben unter den Toten und ein Leben der Toten unter uns anstrebt.
Gerecht ist nicht die Fesselung an den Leib, sondern die Erhebung zu den Toten und das Herbeirufen der Toten. Wiederum ist also auch für das soziale Leben die Reinkarnation der alles bedingende Grundbegriff. Denn es handelt sich auch im sozialen Leben darum, möglichst viel individuelle Geisteskraft in unser irdisches Leben hereinzutragen, wodurch wir uns der Toten würdig machen und sie herbeirufen. Dies ist das eine. Das andere ist, uns durch Veredelung unserer Bedürfnisse zu den Toten zu erheben. Dadurch aber werden auch im sozialen Leben die beiden Grundkräfte des Inkarnations- und Reinkarnationsvorgangs, Kontraktion und Expansion, wirksam. In der individuellen Schöpferkraft zeigt sich die Konzentration des allgemeinen Geistes.
In der Veredelung der Bedürfnisse und Erzeugnisse die Expansion dieser konzentrierten Geisteskraft in das uns umgebende irdische Dasein und darüber hinaus durch die Veredelungsgesinnung die Expansion der Erhebung zu den Toten, wodurch neue individuelle Konzentrationsimpulse in der geistigen Welt veranlagt werden. "
Sozialorganik, S. 56f

Eine Gesinnung, die ein Leben unter den Toten und ein Leben der Toten unter uns anstrebt: Dies mag für viele zunächst lebensablehnend klingen, denn mit den Toten verbinden wir allgemein das abgestorbene Physische. Doch mit die Toten sind hier die Menschen gemeint, die sich zwischen Tod und einer neuen Geburt in der geistigen Welt oder auch anders ausgedrückt im Geistesland befinden. Es ließe sich daher auch von "Geistländern" statt von Toten reden, wie z.B. von Holländern (von "Holt" kommend und Menschen aus dem "Baumland" meint). Eine Kultur der Zukunft richtet sich darauf, die Trennung zwischen den auf der Erde und den in der geistigen Welt lebenden Menschen immer kleiner werden zu lassen.



5.3 Veredelungsarbeit/Organisationsarbeit


Zuletzt wendet sich Witzenmann der Landwirtschaft als dem ursprünglichen Wirtschaftsgebiet zu, einem Gebiet, das eine Erneuerung des Bewußtseins für die Erdenpflege im umfassendsten Sinne erforderlich macht. War die ursprüngliche Bestimmung der Erde dem Menschen materielles Bewußtsein zu ermöglichen, um im weiteren den Menschen die Entwicklung zur Freiheit zu bieten, so fragt sich, was ist die zukünftige Aufgabe der Erde?

Wir sollen Erkennen: Erde und Mensch gehören zusammen. Die Erde bot dem Menschen, der menschlichen Entwicklung Raum zur Entfaltung zur Freiheit. Die Erde gab/gibt den Menschenleben so einen Sinn. Nun muß der Mensch der Erde einen neuen Sinn geben. Dazu Witzenmann:

"Die Landwirtschaft hat also nicht in erster Linie eine Bestimmung für den Menschen, indem ihre richtige Anwendung ihm ein gesünderes und längeres Leben verspricht, vielmehr hat sie in erster Linie eine Bestimmung für die Erde: Sie muß ein Dank an die Erde sein. Worin kann dieser Dank bestehen? Er kann ebenso in der Bewußtseinshaltung wie in dem aus ihr folgenden praktischen Verhalten bestehen. Wenn wir den Bedürfnissen und Gewohnheiten folgen, die aus unserem Unterbewußten in uns aufsteigen, dann folgen wir dem alten, vergehenden Sinn der Erde, ohne zu dessen Umwandlung, zu neuer irdischer Sinnstiftung, zur Erlösung der Erde etwas beizutragen. Wenn wir aber volles Erkenntnisbewußtsein dafür entwickeln, daß Erde, Weltall und Mensch eine geistige Einheit sind, und aus diesem erkennenden Bewußtsein handeln, dann statten wir der Erde den Dank ab, den wir ihr schulden. Denn wir ergreifen, dann in unserer Erdenpflege (Landwirtschaft) solche Maßnahmen, durch die wir die Erde in Zusammenhang mit den kosmischen Kräften bringen, aus denen sie mit ihrem alten Sinn hervorgegangen ist und die, nachdem ihr alter Sinn erfüllt ist, nunmehr daran wirken, ihr eine neue Gestalt, einen neuen Sinn zu geben...

Verderblich ist es, Landwirtschaft um der menschlichen Gesundheit willen zu betreiben. Dieser hygienische Erfolg kann und darf nur ein Nebenerfolg sein. Vielmehr muß Landwirtschaft ein dankender Erdendienst sein, ein religiös gottesdienstliches Begehen. Sie muß also Festcharakter haben, wie dies in alten Zeiten der Fall war, was aber nunmehr aus einer mehr instinktiven Verhaltensweise in die volle Bewußtheit erhoben werden muß. So muß sie die Pflegestätte des intensivsten Geisteslebens bilden. Sie muß in die festlich-forscherische Aura der Erdenverwandlung Geistgemeinschaften denkerisch arbeitender Menschen aufnehmen, die in dem von ihnen gebildeten freien Gemeinschaftsbewußtsein den künftigen Erdensinn darstellen, also den einzigen Sinn, den Landwirtschaft haben kann. Landwirtschaft ist nur dann sinnvoll, wenn alle ihre Maßnahmen getragen sind und selbst Träger sind von der Gesinnungsdreiheit der künstlerisch-religiösen Festlichkeit, der Erforschung des kosmischen Erdensinns und der Bildung denkender Geistgemeinschaften, welche das geistige Wesen von Welt und Mensch erfassen. Hierin tritt wiederum die Reinkarnationsidee als Grundidee auf. Der Mensch muß in seinem Erkennen kosmische Impulse erfassen, welche die Erde verwandeln, also kontrahieren, und sie auf die Erde übertragen, ausströmen, also expandieren lassen. Dadurch veranlagt er in der geistigen Welt neue Inkarnations-, also Kontraktionsimpulse."
Sozialorganik, S. 60f


Hieraus ergeben sich nicht allein neue Perspektiven für die Landwirtschaft als dem ursprünglichen Veredelungsbereich der Wirtschaft, auch die naturferneren Wirtschaftsgebiete (Industrie, Dienstleistungen) erhalten dadurch weitgehende Impulse an einer bewußten Auflösung des materiellen Erdenzustands mitzuwirken. Witzenmann bezeichnet es als schwerwiegenden Irrtum Umweltschutz zu betreiben mit dem Ziel die materielle Gebrauchsdauer der Erde möglichst lange auszudehnen. Der unabänderliche materielle Aufbrauch der Erde über Jahrtausende hin berechtigt aber nicht zu einer vermeidbaren Zerstörung etwa in Jahrzehnten.





6. Die Bedeutung der Wiederverkörperung für die soziale Frage


Die Ideen der Wiederverkörperung erweitern den Blick in vielfacher Hinsicht. Sie legen uns eine Verantwortung über den eigenen Tod hinaus nahe. Ein Materialist ist wohl stärker begrenzt durch ein Verantwortungsgefühl für "sein" Volk, "seine" Kinder. Neben einer zeitlichen Erweiterung wächst auch der "Verantwortungsraum": Ein neuer Erdensinn und der Einbezug der nicht inkarnierten Menschen, den "Geistländern", stellen neue Aufgabengebiete dar. Der Begriff der Gesamtmenschheit als Menge aller Menschen bekommt eine neue Dimension, was auch B. Hardorp in dem Vortrag "Was meint sozialer Organismus?" aus dem Jahre 1989 feststellte und in einem kleinen Heft überarbeitet veröffentlicht hat. Seine dort gegebene Skizze erlaube ich mir hier verändert wiederzugeben:





Die Menschen der geistigen Welt haben keine wirtschaftlichen Bedürfnisse, doch für die Zukunft wird die Fähigkeitenbildung und Gestaltung der Erdenwelt immer deutlicher von einer Zusammenarbeit, einer Partnerschaft mit den Menschen in der geistigen Welt abhängen. Mit der Verbreitung der Wiederverkörperungsidee wird sich auch der Begriff des sozialen Organismus in der Zukunft auf die in der Geistwelt lebenden Toten ausdehnen müssen.
Doch bestimmte Ideen können nur gemeinsam aufleben wie Gruppen bestimmter Pflanzen nur in einem ihnen zusagenden, besonderen Lebensumfeld gedeihen. So ist es mit Arbeit und Wiederverkörperung: Nur mit neuen Ideen über das Wesen der Arbeit kann die Idee von Wiederverkörperung Verbreitung finden:



"...es gibt zum Beispiel nichts, was so sehr feindlich gesinnt ist einer wirklichen Überzeugung von Reinkarnation und Karma als der Grundsatz des Lebens, daß man für dasjenige, was man unmittelbar als Arbeit leistet, einen der Arbeit entsprechenden Lohn, der die Arbeit geradezu bezahlt, einheimsen müsse..."
135.148


Der Irrglaube Arbeit bezahlen zu können, ist also das größte Hindernis für die Wiederverbreitung dieser Idee. Ja, Wiederverbreitung, denn Wiederverkörperung war "Alltagsbewußtsein" früherer Menschen:

"Wenn wir zurückblicken auf die Zeit vor Christus, wo im alten Ägypten die gigantischen Pyramiden gebaut worden sind, da hat ein Heer von Sklaven Arbeiten verrichtet, von deren Schwierigkeiten und Mühen heute sich kein Mensch mehr eine richtige Vorstellung macht. Aber mit Selbstverständlichkeit und einem ungeheuren Frieden haben zu der weit aus größten Zeit diese Arbeiter gerade gebaut. Sie haben gebaut, weil in jener Zeit die Lehre von Reinkarnation und Karma eine Selbstverständlichkeit war. Das sagt Ihnen kein Buch, aber das wird Ihnen, wenn Sie in die Geisteswissenschaft eindringen, allmählich ganz klar. Jeder Sklave, der da seine Hände wundarbeitete und in Not und Elend war, der wußte für sich genau: Das ist ein Leben unter vielen, und ich habe das, was ich jetzt erleide, als Folge dessen zu tragen, was ich in den früheren Leben mir vorbereitet habe!
Wenn das aber nicht der Fall ist, so werde ich in einem künftigen Leben die Wirkung dieses meines jetzigen Lebens erfahren; der, welcher mir heute befiehlt, ist auf demselben Standpunkte gewesen, wie ich es heute bin, oder er wird es noch sein. "
54.50


Die Verbreitung der Ideen über die Wiederverkörperung hängen also - kurz gesagt - von dem allgemeinen Nachlassen des Egoismus ab. Dies ist aber gleichzeitig der grundlegende Heilfaktor für alle Gemeinschaften der Menschen wie bereits im Sozialen Hauptgesetz beschrieben. Hierzu folgende auszugsweisen Erläuterungen aus dem Aufsatz "Geisteswissenschaft und soziale Frage":

"Wer für sich arbeitet, muß allmählich dem Egoismus verfallen. Nur wer ganz für die anderen arbeitet, kann nach und nach ein unegoistischer Arbeiter werden. Dazu ist aber eine Voraussetzung notwendig. Wenn ein Mensch für einen anderen arbeitet, dann muß er in diesem anderen den Grund zu seiner Arbeit finden; und wenn jemand für die Gesamtheit arbeiten soll, dann muß er den Wert, die Wesenheit und Bedeutung dieser Gesamtheit empfinden und fühlen. Das kann er nur dann, wenn die Gesamtheit noch etwas ganz anderes ist als eine mehr oder weniger unbestimmte Summe von einzelnen Menschen. Sie muß von einem wirklichen Geiste erfüllt sein, an dem ein jeder Anteil nimmt. Sie muß so sein, daß ein jeder sich sagt: sie ist richtig, und ich will, daß sie so ist. Die Gesamtheit muß eine geistige Mission haben; und jeder einzelne muß beitragen wollen, daß diese Mission erfüllt werde...

Die Aufgabe der Gegenwart aber ist, die Menschen in eine solche Lage zu bringen, daß ein jeder aus seinem innersten Antriebe heraus die Arbeit für die Gesamtheit leistet...Es muß die Möglichkeit herbeigeführt werden, daß ein jeder freiwillig tut, wozu er berufen ist nach dem Maß seiner Fähigkeiten und Kräfte. Aber gerade deshalb kann es sich nie und nimmer darum handeln, daß im Sinne des oben angeführten Owenschen Bekenntnisses so auf die Menschen 'im theoretischen Sinne' einzuwirken sei, daß ihnen eine bloße Ansicht darüber vermittelt werde, wie sich die ökonomischen Verhältnisse am besten einrichten lassen. Eine nüchterne ökonomische Theorie kann niemals ein Antrieb gegen die egoistischen Mächte sein. Eine Zeitlang vermag eine solche ökonomische Theorie den Massen einen gewissen Schwung zu verleihen, der dem Scheine nach einem Idealismus ähnlich ist. Auf die Dauer aber kann eine solche Theorie niemandem nützen. Wer einer Menschenmasse eine solche Theorie einimpft, ohne ihr etwas anderes wirklich Geistiges zu geben, der versündigt sich an dem wahren Sinn der menschlichen Entwickelung.

Das, was allein helfen kann, ist eine geistige Weltanschauung, welche durch sich selbst, durch das, was sie zu bieten vermag, sich in die Gedanken, in die Gefühle, in den Willen, kurz in die ganze Seele des Menschen einlebt...

Das Wichtigste ist ja allerdings, daß ein jeglicher die Wege sucht zu einer Weltauffassung, die sich auf wahre Erkenntnis des Geistes richtet. Die anthroposophische Geistesrichtung kann sich zu einer solchen Auffassung für alle Menschen herausbilden, wenn sie sich immer mehr in der Art ausgestaltet, wie es ihrem Inhalte und den in ihr vorhandenen Anlagen entspricht. Durch sie kann der Mensch erfahren, daß er nicht zufällig an irgendeinem Orte und zu irgendeiner Zeit geboren ist, sondern daß er durch das geistige Ursachengesetz, das Karma, mit Notwendigkeit an den Ort hingestellt ist, an dem er sich befindet. Er kann einsehen, daß ihn sein wohlbegründetes Schicksal in die Menschengemeinschaft hineingestellt hat, innerhalb welcher er ist. Auch von seinen Fähigkeiten kann er gewahr werden, daß sie ihm nicht durch ein blindes Ohngefähr zugefallen sind, sondern daß sie einen Sinn haben innerhalb des Ursachengesetzes.

Und er kann das alles so einsehen, daß diese Einsicht nicht eine bloße nüchterne Vernunftsache bleibt, sondern daß sie allmählich seine ganze Seele mit innerem Leben erfüllt.

Es wird ihm das Gefühl davon aufgehen, daß er einen höheren Sinn erfüllt, wenn er im Sinne seines Platzes in der Welt und im Sinne seiner Fähigkeiten arbeitet. Kein schattenhafter Idealismus wird aus dieser Einsicht folgen, sondern ein mächtiger Impuls aller seiner Kräfte, und er wird dieses Handeln in solcher Richtung als etwas so Selbstverständliches ansehen, wie in einer anderen Beziehung Essen und Trinken. Und ferner wird er den Sinn erkennen, welcher mit der Menschengemeinschaft verbunden ist, welcher er angehört. Er wird die Verhältnisse begreifen, in denen seine Menschengemeinschaft sich zu anderen stellt; und so werden sich die Einzelgeister dieser Gemeinschaften zusammenfügen zu einem geistig zielvollen Bilde von der einheitlichen Mission des ganzen Menschengeschlechtes. Und von dem Menschengeschlecht wird seine Erkenntnis hinüberschweifen können zu dem Sinne des ganzen Erdendaseins." 34.35ff


Hier wird deutlich wie

zusammenhängen. Sie bedingen bzw. fördern sich gegenseitig inform eines umfassenden Ideenorganismus. Die Einzelideen können erst "keimen und wachsen", wenn wir ihnen gemeinsam den "Boden" bereiten.