Dreigliederung und Geschichte



Mit dieser Darstellung möchte ich versuchen, die Dreigliederung in einen historischen Kontext zu stellen. Dies soll ein ganz anfänglicher Versuch sein, einen sozialwissenschaftlichen (nicht allein politischen) Goetheanismus zu entwickeln. Ich verstehe darunter eine historische Betrachtung über die Entwicklung des sozialen Lebens, die sich nicht allein mit äußeren, physischen Geschichtsdaten befasst. Vielmehr soll damit versucht werden, aufzuzeigen, wie allen äußeren Geschehnissen als eigentliche Ursache geistige Wandlungen (im goetheschen Sprachgebrauch: Metamorphosen) zugrunde liegen:

"Die Geisteswissenschaft deutet auf wirkliche geistige Kräfte hin, die hinter den sinnlich-physischen Tatsachen sind, und in solchen wirklichen geistigen Kräften liegen die Motoren des Geschichtlichen, wenn auch diese geistigen Kräfte für den Menschen dann eben durch Ideen ausgedrückt werden müssen.

Aber über all diese Dinge kommen wir nur zur Klarheit, wenn wir einen tieferen Blick eben gerade vom geisteswissenschaftlichen Standpunkte aus in das geschichtliche Werden der Menschheit werfen, und wir wollen es heute einmal so tun, daß durch unsere Betrachtungen einige Tatsachen uns erfließen, die gerade für die Beurteilung der gegenwärtigen Menschheitssituation wichtig sein können. Ich habe schon öfter erwähnt, daß die Geisteswissenschaft, wenn sie geschichtliche Betrachtungen anstellt, dann eigentlich eine Symptomatologie betreiben müsse, eine Symptomatologie, die darin besteht, daß man sich bewußt ist: Hinter dem, was als physisch-sinnlicher Tatsachenstrom abläuft, liegen die treibenden geistigen Kräfte. Aber es gibt überall in dem geschichtlichen Werden Punkte, wo das eigentlich Wesenhafte symptomatisch an die Oberfläche tritt und wo man es beurteilen kann aus den Erscheinungen heraus, wenn man nur die Möglichkeit hat, in seiner Erkenntnis von diesen Erscheinungen aus mehr hineinzudringen in die Tiefen des geschichtlichen Werdens.

Ich möchte das durch eine einfache versinnlichende Zeichnung klar machen. Nehmen wir einmal an, dies wäre ein Strom von geschichtlichen Tatsachen (siehe Zeichnung). Dasjenige, was treibende Kräfte sind, liegt eigentlich für die gewöhnliche Beobachtung unter dem Strom dieser Tatsachen. Wenn etwa ein Seelenauge diesen Strom der Tatsachen so beobachtet, dann würde unter dem Strom der Tatsachen das eigentliche Wirken der treibenden Kräfte liegen (rot). Aber es gibt bedeutsame Punkte innerhalb des Tatsachenstromes. Und diese bedeutsamen Punkte zeichnen sich eben dadurch aus, daß bei ihnen das sonst sich Verbergende an die Oberfläche tritt. So daß wir sagen können: Hier würde an einer besonderen Erscheinung, die man nur richtig abschätzen muß, klarwerden können, was auch sonst überall wirkt, was sich aber nicht an so prägnanten Erscheinungen zeigt. - Nehmen wir an, das (siehe Zeichnung) wäre in irgendeinem Jahre der Weltgeschichte, was sich hier abspielt etwa 800 nach Christi Geburt.



Dasjenige, was für Europa, sagen wir, für Westeuropa bedeutsam war, wirkte natürlich auch vorher, wirkte auch nachher; aber nicht in einer so prägnanten Art zeigte es sich in der vorhergehenden Zeit und in der nachfolgenden Zeit, wie gerade da. Wenn man auf eine solche Geschichtsbetrachtung weist, die hinschaut auf prägnante Punkte, so liegt eine solche durchaus im Sinne des Goetheanismus. Denn Goethe wollte überhaupt alle Weltbetrachtung so einrichten, daß auf gewisse prägnante Punkte hingeschaut werde und aus dem, was in solchen prägnanten Punkten erschaut werden kann, dann der übrige Gehalt des Weltgeschehens erkannt werden sollte. Goethe sagt geradezu, innerhalb der Fülle der Tatsachen komme es darauf an, überall einen prägnanten Punkt zu finden, von dem aus sich die Nachbargebiete überschauen lassen, von dem aus sich viel enträtseln läßt. "
200.10f

Für eine Geschichtsbetrachtung dieser Art sind prägnante Punkte wichtig, die einen Bewußtseinswandel in der Menschheit erkennen lassen. Für diese Wandlungen ist das bereits genannte Soziologische Grundgesetz richtungsweisend.

Diese Betrachtung umfasst nur die jüngere Geschichte, einen Teil des 5. Hauptzeitraumes der Menschheits- und Weltentwicklung, der nach dem Untergang von Atlantis ca. 7200 Jahre vor Christi Geburt beginnt. Innerhalb dieses Hauptzeitraumes von ca. 15100 Jahren unterscheidet die anthroposophische Geisteswissenschaft 7 Kulturepochen mit jeweils einer Dauer von 2160 Jahren. 4 Kulturepochen sind bereits verstrichen:


Wir leben jetzt in der 5. Nachatlantischen Kulturepoche, die noch ca. bis 3500 dauert. Dieser Überblick soll uns für die Einordnung der prägnanten Phänomene den Hintergrund bilden.

Hier soll nicht allein die Geschichte der Staatsgebilde, sondern auch die Entwicklung von Kultur- und Geistesleben und Wirtschaftsleben betrachtet werden, was die folgende Grafik darstellen soll:


Die Bedeutung der Farben:
gelb = Kultur- und Geistesleben (K)
rot   = Rechtsleben (R)
grün = Wirtschaftsleben (W)


Das finstere Zeitalter


Zunächst ist in der Grafik mit dem hell-dunkelen Farbverlauf und dem Halbkreis die Wirkung des finsteren Zeitalters ("Kali Yuga" von 3101 v.Chr. - 1899 n.Chr.) charakterisiert. Dies war die Zeit, in der es für die Entwicklung der Menschheit nötig war, daß sie die Erinnerung an die göttlich-geistige Welt (heller Bereich der Grafik) verloren und sich immer stärker mit der Materie (dunkeler Bereich) verbunden hat. Nach dessen Ablauf wird es nach und nach wieder möglich, die geistige Welt zu erkennen. Dieses Erkennen ist aber ein anderes, als es den Menschen noch vor dem finsteren Zeitalter möglich war, in der sie ein Wissen der geistigen Welt noch ohne eigene Aktivität erlangen konnten.


Die Theokratie


Auf einer ersten frühen, sozialen Stufe entstand unter den Menschen die sogenannte Theokratie ("Gottesherrschaft"). Dort befand sich ein König, der zugleich Priester war, an der Spitze eines Volkes oder Stammes. Diese Persönlichkeit legitimierte sich nicht allein durch seine Fähigkeiten, sondern war "Werkzeug" höherer Mächte. Er stellte das "Bindeglied" zwischen einer auf dem Kopf stehenden "Pyramide" geistiger Hirarchien und einer umgekehrt hierarchisch geordneten Gemeinschaft auf der Erde dar. In diesen ersten Gemeinschaften zählte der Einzelmensch wenig, er war ganz dem Verband untergeordnet. Die vom "Himmel" durch das Oberhaupt gegebene irdische Ordnung erstreckte sich auf alle Lebensbereiche: Das religiös-kultischen Leben umfasste zugleich alles rechtliche und wirtschaftliche Leben. Vornehmlich in Asien lebten Theokratien in vollster Blüte, als Europa noch völlig unzivilisiert war.
Mit dem Beginn des finsteren Zeitalters erloschen nach und nach die Quellen der instinkthaften Spiritualität. Die vollgültige Theokratie fand mit dem Ablauf der ägyptischen Kulturepoche ihr Ende.


Die Geburt des Staates


Die Priesterkönigdynastien wurden mehr und mehr von persönlich-egoistischen Machthabern abgelöst. Mit der Verdunkelung des alten Götterbewußtseins erwächst den Menschen die Möglichkeit des verstandesmäßigen Denkens und die Stärkung der Ich-Kräfte:


"Nun ging den Menschen allmählich verloren das Bewußtsein, das sie noch gedächtnismäßig, historisch gedächtnismäßig an die Zeit der alten Theokratie hatten, wo sie noch wußten, daß die irdischen Einrichtungen wirklich eine Folge der göttlichen Taten sind. Das ging den Menschen verloren. An die Stelle einer lebendigen Götterwelt, die man in alten Zeiten geschaut hatte, von der man dann noch wußte, traten abstrakte Begriffe. An die Stelle des Bewußtseins, daß da oben eine Welt von Götterindividualitäten ist, traten die abstrakten metaphysischen Begriffe. Und es kamen die Jahrhunderte, wo die Menschen an die Stelle individueller Götter - die Christen nannten sie Engel - abstrakte Begriffe, eine Metaphysik von abstrakten Begriffen setzten. Die Götterordnung, die ihr Abbild haben sollte in der Menschenordnung, gab etwas Theokratisches; die Anwendung von bloßen Begriffen auf die menschliche Gesellschaftsordnung gab etwas, ja, was bloß dazu bestimmt sein konnte, Ordnung zu halten im menschlichen Zusammensein. Hatte man früher ersonnen, in der menschlichen gesellschaftlichen Struktur, in der sozialen Struktur der Menschheit ein Abbild der göttlichen Welt zu schaffen, so sann man in der metaphysischen Zeit nur danach, Ordnung zu halten, die Bösen zu bestrafen, die Guten nicht zu bestrafen oder auch zu belohnen, je nachdem Ordnung zu schaffen, so daß die gesellschaftliche Ordnung bestehen kann. Als an die Stelle der lebendigen Götter abstrakte metaphysische Begriffe getreten waren, da handelte es sich nur noch darum, eine menschliche Ordnung zu schaffen, die gewissermaßen den Menschen so abstempelte, den einen zum Vorgesetzten des andern machte, nicht weil das Vorgesetztsein ein Abbild sein sollte des Verhältnisses des Erzengels zum Engel, sondern weil nur dadurch Ordnung sein kann, daß einer befiehlt, der andere gehorcht. Abstraktion trat an die Stelle des lebendigen Durchwirktseins der sozialen Ordnung.

Das ist im wesentlichen dann die Zeit der realen Metaphysik das Mittelalter hindurch. Das römische Bewußtsein hat im wesentlichen die Elemente zu dieser metaphysischen Ordnung gegeben, die sich überall ausgebreitet hat. "
184.43

Ein prägnanter Punkt in der Geschichte war dann 1309 die Versetzung des Papstes von Rom nach Avignon. Dies ist ein Zeichen für den Machtverlust der Kirche und für das wachsende nationale Gefühl der Menschen. Vor dieser Zeit hatte der römische Katholizismus alles Gemeinschaftsleben der Menschen geordnet. Ab dieser Zeit entdecken die Menschen neben der Religion in der Zugehörigkeit zu einem Volk etwas für sie sehr wesentliches, während vorher die Gemeinschaftsbildungen aus religiös-kultischen Impulsen allein hervorgingen.
Papsttum und Königtum entwickelten sich so zu zwei konkurrierenden Mächten, mit verschiedenen Gruppen von ihnen abhängiger Menschen. Wenn sich auch die Könige/Kaiser auf einen göttlichen Auftrag beriefen ("von Gottes Gnaden"), so war dies nur noch eine rechtliche Legitimation ihrer weltlicher Macht.


Vom Nationalen zum Allgemein-Menschlichen


Im 18./19. Jahrhundert entwickelten sich starke Tendenzen aus der nationalen Gemeinschaft die einzelne Persönlichkeit zu emanzipieren. Diese Tendenz zum Allgemein-Menschlichen hin war auch die Grundlage für den Liberalismus, der die Wirtschaft aus alten gesellschaftlichen Bindungen, aus den Zünften und Handwerksordnungen herauslöste und in gewerbliche und industrielle Fabrikationen überführte. Mit diesem Schritt verband sich der Mensch noch einmal tiefer mit der Materie, was zu vielen neuen Erfindungen, zu Wachstum, zur Produktivitätssteigerung, aber auch zu großen sozialen wie ökologischen Problemen führte. Die drei Lebensgebiete haben dadurch eine relative Unabhängigkeit voneinander entwickelt, vor allem bestand für die Menschen im Wirtschafts- und im Staatsleben kein deutlicher Zusammenhang mehr mit dem religiös-geistigen Leben.


Der Marxismus


1848 veröffentlichte Marx das Kommunistische Manifest. Er prangerte die Ausbeutung der Proletarier an und zeichnete das Bild einer sozialistischen Gesellschaft, in der die dann herrschende Arbeiterklasse Gemeineigentum an den Produktionsmitteln erwirbt und diese mit dem Ziel sozialer Gerechtigkeit verwaltet. Die Wirtschaft wird darin zum alles bestimmenden Lebensgebiet. Recht und Kultur sind darin sekundär, d.h. werden als unerhebliche Ideologien betrachtet und soweit nötig nach den Erfordernissen der Wirtschaft gestaltet. Dieser wirtschaftliche Materialismus bindet daher unzeitgemäß die Menschen weiter an Materie, statt soziale Gerechtigkeit aus einer spirituellen Neubelebung zu schöpfen.




Die soziale Dreigliederung


Bei einer fehlenden Ausbalancierung der drei Sozialfelder durch eine spirituelle Impulsierung zeigt sich die Tendenz des "Überschäumens", des Dominierens einzelner Sozialfelder über die anderen: Die Kultur will auswachsen zu einer Weltkultur, Leitkultur. Jede Minderheit versucht ihre Unabhängigkeit in einem Nationalstaat zu gewinnen. Die Wirtschaft verlangt ungehinderten Zugang zu allen Märkten der Erde. Vor allem eine überzogene Ausdehnung des Freiheitsideals führt heute zu einer Machballung im Wirtschaftsleben, die Kultur und Recht immer mehr zu "Anhängsel" werden läßt.

Für das Geistesleben ist es tragisch, wenn es nicht bald von staatlicher wie wirtschaftlicher Abhängigkeit befreit wird. Erst eine konsequente Selbstverwaltung wird neue Fruchtbarkeit ermöglichen, denn die Menschen werden nach dem Ablauf des finsteren Zeitalters immer mehr in die Lage kommen, neue Fähigkeiten aus spirituellen Impulsen zu entwickeln. Dies soll in der Grafik mit dem kleinen blaßgelben Dreieck über dem Kultur- und Geistesleben angedeutet werden. So kann die alte kosmische Weisheit nach langem Verborgensein wieder gestaltbildend für die irdischen Lebensverhältnisse werden. Allerdings in einer gewandelten Form: aus der instinkthaften, geoffenbarten Weisheit wird eine in Partnerschaft mit dem Kosmos zu entwickelnde Weisheit werden.

Danke
Dieser Beitrag beruht neben den Angaben Steiners und Dieter Brülls im Buch Der anthroposophische Sozialimpuls , ab S. 79 auch auf Ausarbeitungen von Dr. Christopher Houghton Budd aus dem Seminar "Farben den Geldes" (näheres hierzu auf der Internetseite des ae-Instituts), für die ich mich hier ausdrücklich bedanke.
Unternehmerinnen und Unternehmer, die sich in die Grundlagen der assoziativen Wirtschaftsweise einarbeiten wollen, kann ich die Teilnahme an dem am ae-Institut angebotenen Ausbildungs- und Schulungsweg nur empfehlen.