Soziale Dreigliederung aus verschiedenen Blickwinkeln

Zur Gültigkeit im Rahmen der Menschheitsentwicklung
Zur inhaltlichen Gültigkeit
Zur Gültigkeit in Wechselwirkung zwischen "Sein und Bewußtsein"
Zur zeitlichen Gültigkeit
Zur zeitlichen Auswirkung
Zur geographischen Gültigkeit
Zur Gültigkeit für eine bestimmte Gemeinschaftsgröße
Zur Gültigkeit als Neungliederung
Soziale Dreigliederung und soziales Urphänomen
Soziale Dreigliederung und Weltbild
Soziale Dreigliederung und Christentum






Zur Gültigkeit im Rahmen der Menschheitsentwicklung


Ist die Dreigliederung überhaupt eine für die Zukunft angemessene Gesellschaftsform? Dazu müßte man eine allgemeine Beschreibung der Menschheitsentwicklung feststellen. Bereits 1898 formulierte Steiner diese im soziologischen Grundgesetz:

"Die Menschheit strebt im Anfange der Kulturzustände nach Entstehung sozialer Verbände; dem Interesse dieser Verbände wird zunächst das Interesse des Individuums geopfert; die weitere Entwicklung führt zur Befreiung des Individuums von dem Interesse der Verbände und zur freien Entfaltung der Bedürfnisse und Kräfte des Einzelnen."31.255f

Es geht also um die bewußte Frage, wie Staat und Gesellschaft gestaltet sein müssen, damit sich die menschliche Individualisierung vollziehen kann:

"Der Staat und die Gesellschaft, die sich als Selbstzweck ansehen, müssen die Herrschaft über das Individuum anstreben, gleichgültig wie diese Herrschaft ausgeübt wird, ob auf absolutistische, konstitutionelle oder republikanische Weise. Sieht sich der Staat nicht mehr als Selbstzweck an, sondern als Mittel, so wird er sein Herrschaftsprinzip auch nicht mehr betonen. Er wird sich so einrichten, daß der Einzelne in größtmöglicher Weise zur Geltung kommt. "a.a.O.



Überdauern Gesellschaftsformen zu lange, können alte Einrichtungen zum Schaden, zum Hemmschuh der Entwicklung werden. Soziale Dreigliederung will in diesem Sinne die zeitgemäße Gesellschaftsform sein, damit der einzelmenschliche Individualisierungsprozess seinen gesunden Fortgang findet.


Zur inhaltlichen Gültigkeit


Die soziale Dreigliederung ist Bestandteil der anthroposophischen Weltanschauung. Diese beruht auf den geisteswissenschaftlichen Forschungsergebnissen Rudolf Steiners. Es handelt sich um Ergebnisse, die Steiner als Eingeweihter beim Blick in die geistige Welt übermittelt hat.

Hier ergibt sich nun die Frage wie man die Gültigkeit, den Wahrheitsgehalt dieser Ergebnisse überprüfen kann. Dazu lassen sich zwei Wege weisen:
Einerseits indem man den langwierigen Weg geht und selbst versucht Einblick in die geistige Welt zu erhalten. Steiner hat den Weg hierzu in seinem Buch: "Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?" beschrieben.
Andererseits hat er an zahlreichen Stellen darauf hingewiesen, daß man alle Ergebnisse des Geistesforschers mit gesundem Menschenverstand nachprüfen kann. Dies ist für viele ein gangbarer Weg. In diesem Zusammenhang ist eine weitere Tatsache wichtig: Steiner führt immer wieder an, daß heilsame soziale Ideen nicht aus einer Betrachtung der äußeren Welt kommen können. Hierzu folgende Zitate:

"...Auf dem Gebiete, das ich nun schon seit Wochen besprochen habe, auf dem Gebiete der sozialen Struktur der menschlichen Gesellschaft, da ergeben sich gar viele Forderungen, einfach aus den Voraussetzungen, die ich Ihnen vorgetragen habe über die dreifache Gliederung der Gesellschaft, die notwendig wird für die Zukunft. Es ergibt sich daraus zum Beispiel ein ganz bestimmtes Steuersystem. Aber dieses Steuersystem kann man eben wiederum nur finden, wenn man die Anschauungslogik zu Hilfe ruft. Mit einer bloßen Gedankenlogik kommt man da nicht zu Rande. Das ist es, was notwendig macht, daß man diejenigen höre, die über diese Dinge etwas wissen; denn wenn die Sache gesagt ist, dann kann der gesunde Menschenverstand, wenn er alle Seiten berücksichtigt, die Sache entscheiden. Der gesunde Menschenverstand, meine lieben Freunde, wird immer ausreichen; der kann immer nachkontrollieren, was der Geistesforscher sagt. Aber der gesunde Menschenverstand ist etwas anderes als die Gedankenlogik, die - namentlich durch die naturwissenschaftliche Denkweise der Gegenwart - heraufgezogen ist. ..."186.214
"...Notwendig wird es sein, damit die allgemeine Menschheitserziehung so vorwärtskomme, daß die Menschen in die geistige Welt hineinwachsen, notwendig wird es sein, daß denjenigen, die von der Wissenschaft der Initiation (= Einweihung,W.B.) mit Recht reden dürfen, Vertrauen entgegengebracht werde, nicht aus blindem Autoritätsglauben heraus, sondern aus gesundem Menschenverstand. Denn man kann immer einsehen, was als Kunde gebracht wird von jenseits der Schwelle, wenn man nur den gesunden Menschenverstand wirklich anwenden will." 194.185
"Aus der äußeren Beobachtung des Lebens gewinnen Sie nicht die Einsicht in das Fundamentale der Dreigliederung, geradesowenig wie Ihnen, wenn Sie noch so viele rechtwinkelige Dreiecke (bloß) betrachten, der pythagoreische Lehrsatz aufgeht. Aber wenn Sie ihn einmal haben, ist er überall anwendbar, wo ein rechtwinkeliges Dreieck ist. So ist es auch mit den fundamentalen Gesetzen des sozialen Organismus: sie sind überall anwendbar, wenn man sie einmal in der richtigen Weise wirklichkeitsgemäß erfaßt hat." 189.Seite?

Die Ideen oder Gesetze der Dreigliederung beweisen sich dem gesunden Menschenverstand heute in ihrer Richtigkeit häufig durch eine Umkehrung der Aussage als Negativvariante. Hierfür ein Beispiel aus dem Geistesleben (ausführlicher bei Christof Lindenau )

positiv Je stärker das Geistesleben seinen eigenen Impulsen frei folgen kann, desto vielgestaltiger und effizienter können sich individuelle Fähigkeiten entwickeln und es wird das Geistesleben insgesamt flexibler, motivierter und fruchtbarer.
negativ Je mehr staatlich-demokratische Eingriffe in den Bereich des Geisteslebens erfolgen, desto stärker werden individuelle Fähigkeiten normiert, nivelliert und es wird das Geistesleben insgesamt bürokratischer, schwerfälliger und unfruchtbarer.

Weiter betrachtete Steiner die sozialen Ideen nicht als starr und unveränderbar:

"Wie oft wurde von dem Schreiber dieses Aufsatzes betont, daß die Anmaßung nicht besteht, mit den vor die Welt hingestellten Ideen der Dreigliederung sei etwas gemeint, das der Verbesserung nicht bedürfe. Je mehr erfahrene Menschen an dieser Verbesserung mitarbeiten, desto Besseres wird daraus werden...." 24.151

Schließlich sei darauf hingewiesen, daß Steiner zur Illustration der sozialen Ideen Beispiele gegeben hat. Diese Beispiele wurden dann in der Folgezeit häufig an Stelle der eigentlichen Idee als Hauptsache der Dreigliederung angesehen. Nicht alle Einzelheiten in Schriften und Vorträgen müssen sich also so verwirklichen. Sie stellen eben Lösungsmöglichkeiten, Vorschläge dar, die in Wort oder Schrift der Anschaulichkeit der grundlegenden Idee dienen sollten.
"Kern und Schale" lassen sich hin und wieder schwer auseinanderhalten bzw. abgrenzen. Wo dies klar ist, bietet der Kern der sozialen Ideen einen Rahmen für eine von den Betroffenen zu gestaltende Lösung.




Zur Gültigkeit der Wechselwirkung zwischen "Sein und Bewußtsein" bzw. zum sozialen Kausalitäts- oder Korrelationsgesetz


Die Sozialwissenschaft unterscheidet sich grundsätzlich von der Naturwissenschaft, weil der Mensch nicht Zuschauer, nicht außenstehender Beobachter ist, sondern sich mit in dem wahrzunehmenden Vorgang "in der Retorte" befindet. Diese Wechselwirkung besteht in Theorie und Praxis und sollte bei dem Wunsch nach strengen sozialen Begriffen und Lösungen stets bedacht werden. Häufiger sollte man sich auf den Weg machen, ohne ganz exakt die Lösung, sondern nur eine grobe Marschroute, zu kennen und unterwegs auf seine guten Impulse vertrauen.

"Die Leute haben gesagt: Der Mensch ist das Produkt der Verhältnisse; wie die sozialen Verhältnisse, die sozialen Einrichtungen ringsherum sind, so ist der Mensch. Andere haben gesagt: Die sozialen Verhältnisse sind so, wie die Menschen sie sich gemacht haben.

- Alle diese Lehren sind ungefähr so klug, als wenn jemand sagt oder frägt: Ist der physische Mensch das Produkt seines Kopfes oder das Produkt seines Magens? Der physische Mensch ist eben weder das Produkt seines Kopfes noch das Produkt seines Magens, sondern das Produkt der fortwährenden Wechselwirkung zwischen Kopf und Magen. Die müssen immer zusammenwirken...

So müssen wir nicht fragen: Sind die Verhältnisse, das Milieu die Ursache, daß die Menschen so und so sind? Oder sind es die Menschen, die das Milieu, die Verhältnisse gemacht haben? Wir müssen uns klar sein, daß jedes Ursache und Wirkung ist, daß alles ineinanderwirkt, und daß wir vor allen Dingen heute die Frage aufwerfen müssen: Was für Einrichtungen müssen da sein, damit die Menschen die richtigen Gedanken haben können in sozialer Beziehung? Und was für Gedanken müssen da sein, damit im Denken auch diese richtigen sozialen Einrichtungen entstehen?

Die Menschen haben nämlich gerade, wenn es auf das äußere praktische Leben ankommt, die Ansicht: Erst kommt dieses, dann kommt dieses. Damit kommt man in der Welt nicht vorwärts. Man kommt nur vorwärts, wenn man im Kreise denkt. Da denken aber die meisten Menschen: Da geht einem ein Mühlrad im Kopfe herum. Das können sie nicht. Man muß im Kreise denken; man muß sich denken, wenn man die äußeren Verhältnisse anschaut, sie sind vom Menschen gemacht, aber sie machen auch die Menschen; oder wenn man die menschlichen Handlungen anschaut, sie machen die äußeren Verhältnisse, aber werden auch wiederum getragen von den äußeren Verhältnissen. Und so müssen wir fortwährend mit unseren Gedanken hin- und hertanzen, wenn wir die Wirklichkeit haben wollen. Und das wollen die Menschen nicht...

Und so hat mein Buch: " Die Kernpunkte der sozialen Frage " aus den sozialen Verhältnissen heraus Leser voraussetzen müssen, welche mit ihren Gedanken sich umkehren können. Aber das wollen die Menschen nicht, sie wollen vom Anfang bis Ende lesen und dann wissen: Jetzt haben sie das Ende erreicht. Daß das Ende der Anfang ist, darauf wollen sie nicht eingehen. Und so war das das ärgste Mißverständnis dieses sozial gemeinten Buches, daß man es falsch gelesen hat. Und man fährt fort, es falsch zu lesen. Man will sich nicht mit den Gedanken dem Leben anpassen, sondern man will, daß das Leben sich dem Denken anpasse... "GA 305 (Der Mensch in der sozialen Ordnung), S. 228ff




Zur zeitlichen Gültigkeit


"Die soziale Frage ist ein Bestandteil des ganzen neueren Zivilisationslebens und wird es, da sie einmal entstanden ist, bleiben. Sie wird für jeden Augenblick der weltgeschichtlichen Entwicklung neu gelöst werden müssen....Wie ein Organismus einige Zeit nach der Sättigung immer wieder in den Zustand des Hungers eintritt, so der soziale Organismus aus einer Ordnung der Verhältnisse in eine Unordnung. Eine Universalarznei zur Ordnung der sozialen Verhältnisse gibt es sowenig, wie ein Nahrungsmittel, das für alle Zeiten sättigt." 23.14

Hieraus ergibt sich allgemein, daß die Ideen zur Dreigliederung auch keine "Universalarznei für alle Zeiten" darstellt.

Steiner ist aber noch konkreter geworden; auf die Frage, ob die Dreigliederung die letzte, endgültige Lösung der sozialen Frage sei, antwortete er:

Das glaube ich ganz und gar nicht. Sondern im Laufe der Geschichtsentwicklung hat sich in den verflossenen Jahrhunderten ergeben, daß mehr der Einheitsstaat heraufkam. Jetzt ist notwendig geworden durch die Zeitforderung die Dreigliederung. Und es wird wiederum eine Zeit kommen, wo die Dreigliederung überwunden werden muß. Aber das ist nicht die jetzige Zeit, das ist die Zeit in drei bis vier Jahrhunderten. Da wird man wiederum denken müssen, wie man die Dreigliederung ablösen kann....Das heißt organisch denken im Gegensatz zum mechanischen Denken, das die Gegenwart beherrscht, wo man eigentlich meint, es gibt nun etwas ein für allemal absolut Richtiges. Das eine ist richtig für Stuttgart, das andere für New York, für Australien. Das eine ist richtig für 1919, das andere für 2530....Nein, so bequem macht es die Weltenentwicklung den Menschen nicht, daß irgend etwas absolut Richtiges da ist. Die Dinge sind immer richtig für bestimmte Orte und für bestimmte Zeiten.192.388 ?

Im Zusammenhang mit dem übrigen Vortragswerk wird deutlich, daß die Dreigliederung in einer gewissen Vorstufe also ca. 2300 überwunden werden muß, daß darauf aufbauend aber eine Weiterentwicklung stattfindet:

"Am schnellsten muß das selbständige Geistesleben vorwärtskommen, denn das muß, wenn die Menschheit nicht einem großen Unheil entgegengehen soll, fertig, das heißt selbständig sein am Ende des fünften nachatlantischen Zeitraumes [3573]. Am Ende des sechsten nachatlantischen Zeitraums [5733] muß fertig, selbständig sein eine neue spirituelle Theokratie, und am Ende des siebenten nachatlantischen Zeitraums [7893] muß vollständig ausgebildet sein ein wirklich soziales Gemeinwesen, in dem der einzelne sich unglücklich fühlen würde, wenn nicht alle ganz gleich glücklich wären wie er, wenn der einzelne sein Glück erkaufen müßte mit Entbehrungen von anderen....(190.55f.)




Zur zeitlichen Auswirkung



Die Sozialbereiche stehen jeweils in einem spezifischen Verhältnis zum Leben der Menschen. Das Kultur- und Geistesleben kann als ein "Nachklang" des vorgeburtlichen Lebens gesehen werden. Alle Talente, Begabungen, die Menschen in das soziale Leben hineinbringen, sind herübergenommen aus dem überirdischen Geistesleben.
Ganz anders ist es mit der Wirtschaft.

"Dasjenige was sich abspielt als wirtschaftliches Leben, das ist die Ursache, wie Menschen leben werden zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Wenn zum Beispiel eine wirtschaftliche Ordnung bloß auf Egoismus aufgebaut ist, so bedeutet das, daß die Menschen im hohen Grade Einsiedler werden zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, daß sie die größten Schwierigkeiten haben andere Menschenwesen zu finden..." 196.126f.

Zwischen diesen zwei überirdischen Sphären ist die Erdenzeit. Und nur für diese hat das Rechtsleben eine Bedeutung. Alle demokratischen Mehrheitsbeschlüsse dürfen sich nur auf die rein staatlichen, rein rechtlichen Fragen der Menschen hier auf der Erde beziehen. Ansonsten wird die menschliche Individualität oder die individuelle Kraft zur Humanität, zur Menschenliebe beeinträchtigt.


Zur geographischen Gültigkeit


Jedes Volk hat einen eigenen kulturellen Beitrag für die Entwicklung der Menschheit zu leisten. Auf Ebene der Erdteile ergibt sich ein Bild, das im Sinne der unter G3 beschriebenen Polaritätsidee zwei Pole und eine ausgleichende Mitte aufweist.


Diese bestehen in Asien und Amerika und als Mitte Europa. Steiner beschreibt an vielen Stellen die Unterschiede der Völker dieser Erdteile aufbauend auf den seelischen und bewußtheitlichen Verschiedenheiten der Menschen dort:Jedes Volk hat einen eigenen kulturellen Beitrag für die Entwicklung der Menschheit zu leisten. Auf Ebene der Erdteile ergibt sich ein Bild, das im Sinne der unter G3 beschriebenen Polaritätsidee zwei Pole und eine ausgleichende Mitte aufweist.

Entsprechend dieser verschiedenen Seeleneigenschaften muß die Dreigliederung in den Erdregionen verschiedene Ausgestaltungen erfahren:

"Diese Dreigliederung die gibt Ihnen einzig und allein die Möglichkeit, nun wiederum mit der Differenzierung der Menschheit zu rechnen. ...Was nun ein einheitliches ist (der eingliedrige Staat - Ergänzung W.B.), das müssen Sie über die ganze Erde ausbreiten; was aber in sich dreigliederig ist, von dem können Sie sagen: Im Westen ist die Eins vorherrschend, in den Mittelländern ist die Zwei vorherrschend, und im Osten ist die Drei vorherrschend. Dadurch differenziert sich dasjenige, was Sie als Ideal der sozialen Struktur finden, über die ganze Erde hin...186.247

Aufgabe der europäischen Völker ist, das rechsstaatlich-politische Leben bewußt zu gestalten. Die westlichen Völker sind dazu veranlagt die Wirtschaft nach modernen Erfordernissen zu gestalten. Die Hauptaufgabe des Ostens ist die Ausbildung des Geisteslebens. Hiermit soll nicht gesagt werden, daß die jeweils beiden anderen Teile ganz vernachlässigt werden dürfen. Aber wie sich Geschwister in Ihrer Entwicklung beeinflussen, so auch die Völker indem sie beim jeweils anderen (für die Sozialbereiche, die eher ihre Nebenaufgaben sind) ein Vorbild haben:

"...Die Entfaltung des industriellen Wesens erfordert aus dem Wirtschaftsleben heraus gestaltete assoziative Verbindungen, in denen die Menschen ihre Bedürfnisse befriedigt wissen, soweit die Naturverhältnisse das ermöglichen. Das rechte assoziative Leben zu finden, ist die Aufgabe des Westens. Wird er sich ihm gewachsen bezeugen, so wird der Osten sagen: unser Leben verfloß einst in Brüderlichkeit; sie ist im Laufe der Zeiten geschwunden; der Fortschritt der Menschheit hat sie uns genommen. Der Westen läßt sie aus dem assoziativen Wirtschafsleben wieder erblühen. Das hingeschwundene Vertrauen in die wahre Menschlichkeit stellt er wieder her."

186.247


Zur Gültigkeit für eine bestimmte Gemeinschaftsgröße


Es gibt/gab einige Dreigliederer, die die Ansicht vertreten, daß die soziale Dreigliederung nicht nur auf der Ebene großer sozialer Verbände (Völker, Staaten, Menschheit) angewendet werden sollte. Auch auf der Ebene mittlerer Verbände wie etwa in Einrichtungen eines bestimmten Sozialbereichs (Wirtschaftsunternehmen, Institute des kulturellen und rechtlichen Lebens) und kleiner Verbände (Wohngemeinschaften, Partnerschaften, etc.) soll die soziale Dreigliederung angewendet werden. Dies wird mit den Worten makro-, meso- und mikrosoziale Dreigliederung bezeichnet.

Ich habe hierzu noch kein abschließendes Urteil. Mein Arbeitsschwerpunkt soll aber zunächst im makrosozialen Bereich liegen, da ich finde, daß hier der größte Bedarf für soziale Veränderung liegt.
In diesem Sinne sind folgende Äußerungen zu sehen:

"...man solle in der Gegenwart mit allerlei Gründungen im Kleinen anfangen; mit nicht umfassenden Gründungen müsse es sich zeigen ob irgend etwas sich auch im Großen bewähren könne. Das ist aber ein vollständiges Unding, denn sie begründen dann innerhalb der kranken gesellschaftlichen Ordnung irgend etwas, was vielleicht ganz musterhaft sein kann, aber gerade, wenn es gut ist und sich dadurch mächtig unterscheidet von all dem, in das es hineingestellt ist, so muß es sicher mißlingen. Sie können unmöglich, so wie sich die Dinge entwickelt haben, wo die Welt im Großen zeigt, wie sie sich ins Absurde geführt hat, auch nur im entferntesten daran denken, irgendwo mit kleinen Teilchen irgend etwas zu erreichen oder im kleinen Maßstab irgend etwas zu machen. Nur dasjenige kann irgendeine Bedeutung haben, welches das Umfassende heute ergreift..." 185a.150f.

Auch den Plänen der damaligen Dornacher Anthroposophen mit der sozialen Dreigliederung um das Goetheanum herum anzufangen, erteilte Steiner eine rigorose Absage. Dies führe zu Wirtschaftsparasitismus. Er wolle auch sehen, was der Schweizer Staat zu einer eigenen Rechtssprechung sagen würde. Und schließlich strebe die Anthroposophie seit Beginn der Bewegung die Unabhängigkeit des Geisteslebens an. Hierfür sei so wenig Verständnis, daß man meine, dies auch noch (gesondert) einrichten zu müssen.192.143f.




Zur Gültigkeit als Neungliederung


Die drei Glieder haben ihrerseits jeweils wieder drei Glieder. So könnte man von einer Neungliederung sprechen, wenn man den sozialen Organismus feiner differenziert:



Es gibt aber auch Ansichten über eine Siebengliederung als weitere Differenzierung. Hierzu ein Artikel in der deutschen Abteilung der niederländischen Zeitschrift "Bruisvat" ().

Eine weitere Ansicht ist die Viergliederung des Sozialen von J. Heinrichs (www.viergliederung.de/Seiten/grundgedanke.html ) zu der Christoph Strawe im Rundbrief Dreigliederung des sozialen Organismus, Ausgabe 1/2002, Stellung genommen hat.




Soziale Dreigliederung und soziales Urphänomen

"Die Leute fürchten sich davor, machen sich Binden vor die Augen, stecken, wie der Vogel Strauß, den Kopf in den Sand vor solchen allerdings sehr realen, bedeutungsvollen Dingen: daß wenn Mensch dem Menschen gegenübersteht, der eine Mensch immer einzuschläfern bemüht ist, und der andere Mensch sich immerfort aufrecht erhalten will. Das ist aber, um im Goetheschen Sinne zu sprechen, das Urphänomen der Sozialwissenschaft"186.175

Das Soziale muß bewußt gepflegt werden: Für das Gespräch bedeutet das, den anderen wirklich verstehen zu wollen und nicht gleich kritische Gedanken dagegen zu setzen.

Das Antisoziale, das Aufrechterhalten des eigenen Bewußtseins, ist in unserem Zeitalter zum Normalfall geworden. Dies ist eine für das Innere des Menschen notwendige Entwicklung, die sich noch bis ins 3. Jahrtausend fortsetzen wird. Das ist die geistig-seelische Individualisierung, die mit dem soziologischen Grundgesetz gemeint ist. Es wäre falsch die antisozialen Triebe bekämpfen zu wollen. Das Leben geht vielmehr immer hin und her - wie bei einem Pendel: Einschlafen im Anderen - Aufwachen in mir...

Soziales erwacht erst durch ein wirkliches Interesse von Mensch zu Mensch. Dies kann einerseits durch bewußte innerlich-seelische Übungen und andererseits durch äußerliche, gesellschaftliche Einrichtungen unterstützt werden.

Eine Möglichkeit dies systematisch zu üben, ist die gelegentliche Lebensrückschau, wo wir auf Menschen in der Vergangenheit zurückblicken, die uns förderten, schützten oder schadeten:

"Wenn wir versuchen, Sinn dafür zu entwickeln, wieviel wir zu danken haben der einen oder der anderen Person, versuchen, in dieser Weise uns selber im Spiegel derjenigen zu sehen, die im Laufe der Zeit auf uns gewirkt haben und mit uns zusammen waren, dann löst sich allmählich - wir werden das erfahren können - ein Sinn von uns los, der im folgenden besteht: Weil wir uns geübt haben, Bilder von in der Vergangenheit mit uns zusammenhängenden Persönlichkeiten zu finden, so löst sich von unserer Seele ein Sinn los, nun auch dem Menschen gegenüber zu einem Bilde zu kommen, dem wir in der Gegenwart gegenübertreten, dem wir dann von Angesicht zu Angesicht in der Gegenwart gegenüberstehen. Und das ist das ungeheuer Wichtige, daß in uns der Trieb erwacht, nicht bloß den Menschen, wenn wir ihm gegenüberstehen, nach Sympathien und Antipathien zu empfinden, nicht bloß in uns den Trieb erwachen zu lassen, irgend etwas am Menschen zu lieben oder zu hassen, sondern ein liebe- und haßfreies Bild, wie der Mensch ist, in uns zu erwecken. Sie werden vielleicht nicht empfinden, daß das, was ich jetzt sage, etwas ungeheuer Wichtiges ist. Es ist etwas Wichtiges. "186.171f

Eine soziale Ordnung bildet ein äußeres Gegengewicht zu einer inneren Antisozialität und kann die persönliche, innere Anstrengung unterstützen. So wird verständlich, daß die soziale Dreigliederung fordert, daß es nicht sein darf, die menschliche Arbeitskraft zur Ware zu machen. Denn hier wird noch ein Rest des Menschen der sozialen Ordnung angehangen, der dann antisoziale "Machtspiele" (Lohnkämpfe, Aussperrungen, Lohndumping, Dienst nach Vorschrift etc.) ermöglicht. Der Mensch muß ganz heraus aus der Ordnung, damit sie rein sozial gestaltet werden kann.

Soziale Dreigliederung und Weltbild


Zwischen der Dreigliederung und einem trinitarischem Weltbild, wie es die Anthroposophie darstellt, lassen sich grundlegende Parallelen erkennen. Das Universalgesetz von Polarität und Steigerung gilt für alles Leben: für Erde, Mensch und Kosmos.

Zu dem Aspekt der Trinität im Gegensatz zur heutigen Dualität des Weltbildes verweise ich auf den externen Beitrag (PDF) von Hans Bonneval "Die neue Trinität" beim Perseus-Verlag, Basel (Schweiz).

Soziale Dreigliederung und Christentum


Die soziale Dreigliederung ist nach meinem Verständnis ein Schritt auf dem Weg zu einer Erneuerung des Christentums. Ein Christentum, das den Glauben mit den wichtigen Fragen des Lebens (wieder) zu verbinden versucht. In diesem Sinne zwei Zitate:

"...Das Christentum hat die Menschen entsklavt, das Christentum hat sie dazu geführt, wenigstens im Prinzip den Satz anzuerkennen: Die Menschen sind in bezug auf ihre Seele gleich vor Gott. Das aber hat auch die Sklaverei ausgeschlossen aus der sozialen Ordnung der Menschen. Aber wir wissen: Es hat eines gelassen, auf das wir von den verschiedensten Gesichtspunkten immer wieder hinweisen müssen, es hat bis in unsere Zeit herein die Auffassung gelassen, von der ich Ihnen gesagt habe, daß sie gerade das Punctum saliens ist in dem Bewußtsein des Proletariers: daß in unserer sozialen Ordnung ein Teil des Menschen, und noch dazu ein im Leib sich Abspielendes vom Menschen als Ware gekauft und von ihm selbst verkauft werden kann. Das ist ja das Aufreibende und das Aufregende. Das ist eigentlich das Punctum saliens (lat. für: der springende Punkt, wb) der sozialen Frage, daß Arbeitskraft bezahlt werden kann. Es ist auch das, was auf dem Grunde unserer ganzen sozialen Gemeinschaft läßt den Charakter des Egoismus; denn Egoismus muß herrschen in der sozialen Ordnung, wenn der Mensch für das, was er für sich braucht, sich seine Arbeit bezahlen lassen muß. Er muß erwerben für sich. Was als nächste Etappe nach der Überwindung der Sklaverei überwunden werden muß, das ist, daß eines Menschen Arbeit Ware sein kann! Das ist das wirkliche Punctum saliens der sozialen Frage, die das neue Christentum lösen wird. Und ich habe Ihnen einiges vorgetragen von den Lösungen der sozialen Frage, denn jene Dreigliederung der sozialen Ordnung, von der ich Ihnen gesprochen habe, die löst die Ware von der Arbeitskraft ab, so daß die Menschen in der Zukunft nur Ware, nur äußeres Erzeugnis, nur vom Menschen abgesondertes kaufen und verkaufen werden, daß aber der Mensch...aus Bruderliebe für den anderen Menschen arbeiten wird."186.311f.
"Diese Dinge, die heute auch in einer anderen Form durch das Programm der 'Dreigliederung des sozialen Organismus' verkündet werden, die sind heute das Christentum, die sind heute in äußerliche Formen gekleidete geistige Offenbarungen." 193.100