Goethes Idee von Polarität und Steigerung

In dieser Idee liegt ein Schlüsselgedanke der Goetheschen Erkenntnismethode. Sie gilt in allen Naturreichen (Mineral, Pflanze, Tier, Mensch) und erzeugt die vielfältigsten Formen. Goethe suchte bei seiner Forschung die polaren Erscheinungen auf, um aus ihnen ein Neues, Wesenhaftes sich entfalten zu sehen. Dieses geistige Urbild, gleichsam eine Synthese der Pole, nannte er "Steigerung".

Alles Leben besteht im Wandel. So entsteht aus einer Ureinheit, eine Dualität, die sich in der "Drei" versöhnt. Die Mineralwelt existiert zwischen den Polen Base und Säure. Die Pflanzenwelt lebt zwischen den Polen von Schwerkraft und Sonnenzugewandtheit. Die Pflanze entfaltet dazwischen das ihr typische Organ, das Blatt in verschiedenen Abwandlungen (Keimblatt, Sproßblatt, Kelchblatt, Blütenblatt usw.) als Steigerung. Die Tierwelt verinnerlicht die Polarität in Lust und Unlust. Jede Tierart hat eine ganz bestimmte Fähigkeit, eine spezifische Spezialisierung, die auch eine spezifische Synthese auf der Erlebnisskala zwischen Lust und Unlust als Seeleneigenschaft hervorruft.

Beim Menschen kommt nun eine neue Qualität hinzu, es ist die Möglichkeit aktiv mitzugestalten. Die anderen Reiche existieren instinktmäßig (Tier), kräftemäßig (Pflanze) oder stofflich (Mineral) passiv in der Natur. Der Mensch beginnt eine neue Reihe der Entwicklung, indem er nicht nur Geschöpf ist, sondern die Möglichkeit erhält einen eigenen Daseinsbereich, die menschliche Kultur, zu schöpfen. Durch den weitgehenden Verlust instinktmäßiger Kräfte erwirbt sich der Mensch die Befähigung zu geistiger Tätigkeit. Die Vielfalt auf der Ebene der Pflanzen- und Tierarten existiert beim Menschen auf der Ebene der Individualität. Sie ist das Ergebnis seiner Entwicklung des Bewußtseins. Bewußtsein erlangt er durch die Befähigung zum Denken. Er tritt somit vermittelnd zwischen die Pole Natur und Geist.

Es ließe sich nun einwenden, daß dies wohl eher für die Naturwissenschaft von Bedeutung ist, aber keine Grundlage für soziale Fragen sein kann. Hier möchte ich aber dem Verständnis Goethes folgen, der den Menschen selbst in seiner geistigsten Tätigkeit als ein Naturwesen betrachtete. Es läßt sich mit großer Wahrscheinlichkeit vermuten, daß auch sein Schaffen im kulturellen, im sozialen Bereich den gleichen Urgesetzen folgt wie in der Natur. Deshalb wird die soziale Dreigliederung als die konsequente Weiterentwicklung der Polaritätsidee über die Natur hinaus im sozialen Leben verstanden.

Zwei Schriften Goethes zur Polarität finden Sie unter G4.

Ein dem Thema nahestehenden Beitrag (als PDF) finden Sie hier.