Was ist der soziale Organismus?

Wiederholt findet sich in den Beiträgen und Schriften zur sozialen Dreigliederung der Begriff des sozialen Organismus. Weshalb wird nicht einfach vom Staat oder von der Gesellschaft gesprochen? Nähern wir uns der Antwort schrittweise und schauen zunächst auf den Begriff des Organismus:

Was ist ein Organismus?

Es kommt aber noch etwas hinzu, das in der Aussage steckt, daß ein Organismus mehr ist als die Summe seiner Teile. Dieses mehr ist die jedem Organismus lebenspendende, geistige Wesenheit. Ein bloßes Zusammenfügen von Teilen führt nicht zum Leben. Auch bei einem Bienenvolk ergibt sich nicht aus der Summe der Bienen das Bienenvolk (Der Imker spricht auch vom "Bien" für Volk; mehr dazu unter www.mellifera.de, Was ist wesensgemäße Bienenhaltung?)

Ein Organismus ist also eine funktionelle, räumliche und zeitliche Gesamtheit. Die soziale Dreigliederung bezieht ihre Aussagen auf die soziale Gesamtheit, wie ein Arzt bei seiner Diagnose den ganzen Menschen anschaut. Würde er nur das Herz bei einer Lungenentzündung anschauen, so wäre seine Diagnose wohl falsch. Der Staat wirkt nur in einem sozialen Teilbereich und der Begriff Gesellschaft faßt eine beliebige Zahl von Menschen zusammen. Beide Begriffe stellen sozial keine Gesamtheit dar.

Der soziale Organismus weist folgenden wesentlichen Unterschied zum menschlichen Organismus auf:

"Der soziale Organismus stirbt zwar nicht...aber er wandelt sich, und aufsteigende und absteigende Kräfte sind ihm naturgemäß. Nur der begreift den sozialen Organismus, der weiß: wenn man die besten Absichten verwirklicht und irgend etwas auf irgendeinem Gebiet des sozialen Lebens herstellt, was aus den Verhältnissen heraus gewonnen ist, wird es nach einiger Zeit dadurch, daß Menschen mit ihren Individualitäten drinnen arbeiten, Absterbekräfte, Niedergangskräfte zeigen. Was für das Jahr zwanzig eines Jahrhunderts das Richtige ist, das hat sich bis zum Jahre vierzig desselben Jahrhunderts so verwandelt, daß es bereits seine Niedergangskräfte in sich enthält...83.284
Vgl. hierzu auch Grundlagenthema 6: Zeitliche Gültigkeit

Der soziale Organismus wird aus allen Menschen, allen Völkern und allen Rassen auf der gesamten Erde gebildet. Bei zunehmender Weltwirtschaft wird die Tendenz stärker, daß jeder Mensch mit seinem Fähigkeitspotential, jedes Volk mit besonderen Fähigkeiten eine Bereicherung für die Kultur und Wirtschaft der Erde ist.

"Seit Mitte des 19. Jahrhunderts ist die Erde ein Gesamtorganismus in sozialer Beziehung. Mit dieser Wirklichkeit muß eben einfach gerechnet werden, sonst kommt man auf keine Weise irgendwie weiter."188.191
"All die Nationalökonomen, von Adam Smith angefangen bis herauf zu den neuesten, rechnen eigentlich mit kleinen Gebieten als sozialen Organismen. Das, womit sie die einzelnen Staaten vergleichen können, sind höchstens die Zellen des Organismus und sie können nur die ganze Erde als Wirtschaftskörper mit einem Organismus vergleichen. Die ganze Erde, als Wirtschaftsorganismus gedacht, das ist der soziale Organismus."340.22

Muß der soziale Organismus in geistiger Hinsicht nicht weiter gedacht werden? Haben die Menschen, die schon gestorben sind, nicht Auswirkungen auf unser geistiges Leben? Sofern wir die Wiederverkörperung menschlichen Lebens unserem Weltbild zu Grunde legen, sollten wir die "Gesamtmenge Mensch" um die Menschen in der geistigen Welt erweitern. Wirtschaftlich und rechtlich sind sie zu vernachlässigen.

"Ob sie auch sonst vernachlässigt werden können oder vielleicht sehr wesentlich berücksichtigt werden müssen, wenn wir eine sachgerechte Anschauung des sozialen Organismus erstreben, wollen wir zunächst einmal offen lassen. Wir bemerken zumindest, daß wir die Gesamtmenge aller Menschen unterteilen müssen in diejenige Teilmenge der Menschheit, die auf der Erde ... lebt, und in die andere, größere Teilmenge, die - wenigstens derzeit - nicht inkarniert ist." (Benediktus Hardorp, Was meint sozialer Organismus, Nachschrift eines Vortrages v. 23.4.89, Herdecke)