Dreigliederung und Gemeinschaften



Übersicht:


1 Makro - Meso - Mikro
2 Begriff Gemeinschaft
3 Verschiedene Gemeinschaftstypen
   3.1 Klöster/religiös-spirituelle Gemeinschaften
   3.2 Pazifistische Gemeinschaften
   3.3 Ökodörfer / Ecovillages
   3.4 Kommunen
   3.5 Kibbutzim
   3.6 Co-Housing Gemeinschaften
   3.7 Heilpädagogische Gemeinschaften
4 Korrelation Gemeinschaft - Gesellschaft
5 Gemeinschaften - ein Weg zur Dreigliederung?





1 Makro - Meso - Mikro


Mit diesem Beitrag will ich der Frage nachgehen, ob Gemeinschaften durch ihre Erfahrungen und ihr Vorbild positive Veränderungen in der Gesellschaft auslösen können. Oder handelt es sich vielmehr bei Betonung von Selbstversorgung, Autarkie, freier Liebe, Naturgenuß und gesunder Ernährung, um eine Bewegung auf einem individualistischen Egotrip?



Das Verhältnis von Gemeinschaften zur Dreigliederung habe ich ja schon hier behandelt. Die Dreigliederung ist nach meiner Meinung ein makrosoziales Strukturgesetz, das nicht auf meso- und mikrosoziale Zusammenhänge (Einrichtungen, Unternehmen, Vereine, Lebensgemeinschaften etc.) angewandt werden kann. Dort habe ich auch beschrieben, daß andere soziale Grundgesetze als die soziale Dreigliederung unmittelbar auf die kleinen und mittleren menschlichen Verbindungen einwirken (Soziales Hauptgesetz, Soziales Urphänomen u.a.).

Eine Gliederung mesosozialer Verbände von Menschen nach der sozialen Dreigliederung macht wenig Sinn, da dies hieße, die Augen vor der Realität zu schließen. Gemeinschaften, Unternehmen und sonstige Verbände mesosozialer Art sind heute "eingebettet" in größere Zusammenhänge: Rechtlich in das Staats- und Völkerrecht; wirtschaftlich in globale (mindestens überregionale) Ver- und Entsorgungsströme; kulturell in den Lebensraum ihrer Umgebung. Wenn auch viele Gemeinschaften nach Unabhängigkeit streben (vor allem wirtschaftlich als Selbstversorgung), so macht die fehlende rechtliche Unabhängigkeit die Anwendung der Dreigliederung unmöglich.

Die kleinen und mittleren menschlichen Verbindungen können für das "große" Strukturgesetz Dreigliederung jedoch "Zuarbeit" leisten. Sie können die Aufgabe übernehmen, Übungs-, Experimentier- und Freiräume für die menschliche Entwicklung im Sinne von Zukunftswerkstätten zu bieten. Sobald dann bestimmte soziale Fähigkeiten und Erkenntnisse allgemeine Anerkennung finden, können diese die makrosoziale Entwicklung befruchten und als Allgemeingut der Menschheit dazu beitragen, daß die soziale Dreigliederung (oder ein anderes Strukturgesetz) Verwirklichung findet.
Die Übungsphase betrifft nicht die Hauptsache der Dreigliederung, nämlich die Selbstverwaltung der drei Lebensfelder, da die gesamte Mesoebene wie gesagt von der Makroebene abhängt. Vielmehr sollten die grundlegenden Fähigkeiten erübt werden. Das sind in den drei Lebensgebieten Kultur-Recht-Wirtschaft:

Kultur:
friedliche Kommunikation, Toleranz, Religionsfreiheit, Gastfreundschaft, Gesprächsoffenheit, Gesprächskultur, Wissensvermittlung/Seminare, Wissensaustausch...

Recht:
Gleichheit aller Menschen ohne Rücksicht auf Geschlecht, Hautfarbe, Bildung u.a. anerkennen und praktizieren, eine basisdemokratische oder auf Konsensfindung beruhende Entscheidungsfindung erüben

Wirtschaft:
die Arbeit für andere und die Versorgung aller bzw. eine gerechte Einkommensverteilung zum Kernpunkt machen

Die Erfahrungen und gewonnenen Fähigkeiten durch neue soziale und ökologische Ideen innerhalb einzelner Gemeinschaften dürfen nicht in ihrem Wert verkannt werden, obwohl eine Gestaltung der Lebensfelder sich an den Makrorahmen orientieren muß. Zu dieser Veränderung von "unten" folgendes Zitat:

"Heutzutage fallen zwei programmatische Leitthemen auf, die nahezu alle der von uns untersuchten deutschen Gemeinschaftsprojekte als für sie wichtige Orientierungen genannt haben. Beide gehen auf diagnostizierbare Krisen zurück, die durch die Entwicklungsprozesse von Industriegesellschaften in den letzten Jahren forciert worden sind: Prozesse der Individualisierung, Entsolidarisierung und Anonymisierung in der Gesellschaft haben zu einer sozialen Krise geführt, die Bedürfnisse der Eingebundenheit unbefriedigt lassen bzw. wecken. Und Prozesse der Industrialisierung, Kommerzialisierung und Technisierung, welche die soziale Krise zum Teil verstärken, haben eine Krise unserer natürlichen Mitwelt hervorgerufen und eine weitere Verschärfung in der Entwicklungskrise der sogenannten Entwicklungsländer erzeugt. Es sind diese Krisen, die zu der Ansicht geführt haben, dass Leitsätze für neuartige Lebensweisen sinnvoll und notwendig sind. Durchgehend haben Gemeinschaftsprojekte deshalb ökologische und soziale Leitideen (jeweils 19 von 19) formuliert.

Diese Krisen bzw. Herausforderungen erklären, warum wir Gemeinschaftsprojekte brauchen: Jede von ihnen fordert von Industrienationen wie der Bundesrepublik Deutschland umfassende, tiefgreifende und aufeinander abgestimmte Änderungen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Es bedarf einer grundlegenden öko-sozialen Neuausrichtung unserer gegenwärtigen Verhaltensmuster und Systemstrukturen, die getragen wird von einem individuellen und kollektiven Werte- und Erlebenswandel. Ein zukunftsfähiges Deutschland bedarf schlicht einer Transformation unserer bestehenden Gesellschaft in eine neue Lebenskultur. Kulturen lassen sich aber nur bedingt „von oben" verordnen, nur begleitend und unterstützend, indem als „top-down policy" Rahmenbedingungen geschaffen werden. Wachsen und Gedeihen, ihr volles Potential entfalten, können Kulturen, auch Gesellschaftskulturen, nur „von unten". Gerade Erfahrungen in der internationalen Entwicklungshilfe belegen dies signifikant. Es sind die unzähligen Experimentierversuche, die vielen kleinen Schritte, ja Schrittversuche, die uns dem Erreichen einer Vision näherbringen."
http://www.prometheusonline.de/...
Matthias Donath und Silke Fortmann: Zukunft durch Gemeinschaft. 1999


Will ich damit die Dreigliederung mangels staatspolitischer Wirksamkeit allein auf eine "Übungsphase" im Mesosozialen, in Gemeinschaften u.a. verweisen? Nein! Nach meiner Meinung steht die Arbeit auf verschiedenen Ebenen gleichwertig nebeneinander und sollte auch zeitlich parallel betrieben werden. Jeder muß für sich eine Entscheidung treffen, wo er sich einbringen will und für Dreigliederung wirken kann: Politisch in großen Zusammenhängen oder vorbereitend mit anderen in mittleren oder kleinen Zusammenhängen. Sicher wirkt selbst ein selbsterzieherischer, kontemplativer Schulungsweg eines Menschen für die Dreigliederung vorbereitend, soweit dieser seine sozialen Fähigkeiten stärkt. Doch halte ich ein paralleles Mitarbeiten an den Gegenwartsfragen für zeitgemäß. Nachfolgend dazu eine Perspektive auf die Wiederverkörperung:

"Wir möchten gern die Stimmung des Meditierens auf unser gesamtes Leben ausdehnen. Das geht aber nicht, weil wir dann unbrauchbar für das physische Leben werden. Nimmt ein Mensch sich das Privilegium heraus, sein jetziges Leben ganz der Meditation zu weihen, also ein Kloster- oder Mönchsleben zu führen, so wird er im nächsten Leben um so mehr vor die Aufgabe gestellt, im praktischen Leben trotz vielleicht verstärkter geistiger Kräfte tätig zu sein."
266b.312





2 Begriff Gemeinschaft


Mit Gemeinschaft soll hier vorwiegend ein auf freier Wahl beruhender Zusammenhang bzw. Verband von Menschen verstanden werden (s. grün hinterlegter Begriff in Skizze Sozialebenen im 1. Abschnitt). Dem kommt wohl auch der englische Begriff "intentional community" nahe, was wohl mit Zweckgemeinschaft oder noch direkter mit beabsichtigter Gemeinschaft übersetzt werden darf. Übereinstimmend mit der heutigen Sozialwissenschaft sei hier weiter zwischen Gesellschaft als Makroebene und Gemeinschaft als Mesoebene unterschieden ohne darauf näher einzugehen.

Weiter ist von dieser Wahlgemeinschaft die Familie zu unterscheiden als typische Gemeinschaft unter Blutsverwandten. In der Realität gibt es häufig Mischformen aus Wahlgemeinschaften und Familien. Viele neue Gemeinschaften entstehen ja heute vor allem aus dem Bedürfnis der mangelnden Tragfähigkeit der "Blutsbande" in der modernen Form der Kleinfamilie und versuchen daher das Familienleben sinnvoll in einen überschaubaren, menschlichen Zusammenhang zu integrieren.

Auch sind von den hier angesprochenen Gemeinschaften noch solche zu trennen, die sich nur kurzfristig oder/und allein aus Politik-, Wirtschafts-, Berufs- oder Freizeitinteressen bilden (Parteien, Berufsverbände, Unternehmen, Vereine etc.). Diese Einengung soll keinesfalls bedeuten, daß letztere für die soziale Frage unbedeutend sind. Doch sie haben nicht den ganzheitlichen, mehrere oder alle Lebensfelder umschließenden Charakter. Sie sind eher einseitig rechtlich, wirtschaftlich oder kulturell orientiert. Die soziale Bedeutung dieser Einrichtungen ist noch einmal ein eigenes großes Themengebiet, wenn auch bestimmte Phänomene der Lebensgemeinschaften sich z.B. auf Unternehmen übertragen lassen und umgekehrt (wie das Konzept der dynamischen Unternehmensentwicklung Lievegoeds/Glasl's mit den Phasen Aufbau, Differenzierung, Integration, Assoziation).

Daher sollen hier vorwiegend Lebensgemeinschaften betrachtet werden, die sich ganz bewußt von der sonstigen Gesellschaft (mainstream) abgesondert haben. Die Gründe für die Bildung solcher Lebensgemeinschaften sind eine abweichende Religion, eine Weltanschauung, ein anderes ökologisches, soziales, politisches und/oder ökonomisches Verständnis. Die Größe solcher Gemeinschaften schwankt zwischen Familien- und Kleinstadtgröße (2 - 1000). Ein sehr großer Teil dürfte aber nicht mehr als 100 Menschen umfassen, von Ausnahmen abgesehen (Auroville, The Farm, Damanhur, Findhorn u.a.). Aus Gründen der Überschaubarkeit, individueller Freiheit und dezentraler Entscheidungsfindung tendieren große Gemeinschaften zur Untergliederung (Hausgemeinschaften, Nachbarschaften wie im Ökodorf "Sieben Linden" oder gar Siedlungen wie im 20 km² großen "Auroville"). Weltweit werden die Zahlen solcher Gemeinschaften auf 5000 geschätzt, davon allein in Nordamerika über 500, in Europa 2000, in Deutschland 130, ohne Klöster und fast 270 israelische Kibbuzim (Quelle: ). Vergleichen Sie auch die Liste der Gemeinschaften der "Fellowship for Intentional Community".





3 Verschiedene Gemeinschaftstypen


Hier seien einige Typen von Lebensgemeinschaften näher betrachtet, wobei dank der großen Zahl die Aufzählung nicht vollständig sein kann.
Gemeinschaften der Hippie-Kultur habe ich nicht als eigenen Typ aufgenommen, da diese Kultur wohl inzwischen in viele andere Alternativbewegungen eingeflossen sein düfte, als Reinform der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts aber nicht mehr exsistiert (vgl. auch maraba). Wer dabei z.B. auf "The Farm" und andere Gemeinschaften im Zentrum der nordamerikanischen Hippie-Bewegung verweist, dem sei gesagt, daß diese Gemeinschaften wohl aus dieser Zeit stammen, aber der "Geist" von damals dort eine Verwandlung erfahren hat (vgl. auch Farmgeschichte). Vor allem das Jahr 1983 zeigt am Beispiel der Farm, daß die "alten" Hippies mit ihrem Kollektiveigentum einen Wechsel zu mehr Struktur und kooperativen Eigentumsformen mit monatlichen Abgaben nicht mitmachen wollten. Die Menschen, die danach die Farm bevölkerten, sind andere. Deshalb zähle ich diese Gemeinschaften heute eher zu den Kommunen und Ökodörfern (z.B. auch das dänische Christiania).

Auch sind viele Gemeinschaften sehr individuell und lassen sich nicht leicht einordnen bzw. müssen als Mischtypen bezeichnet werden. Dennoch versuche ich hier mal eine Einteilung vorzunehmen und bitte das Ganze nicht dogmatisch zu verstehen, sondern als Diskussionsgrundlage:


3.1 Klöster/religiös-spirituelle Gemeinschaften

Für bestimmte Menschen ist es noch immer eine wichtiges Ziel, sich von der Welt und ihren "Versuchungen" abzusondern und in Stille und Abgeschiedenheit durch Gebet und beschauliches Leben Gott nahe zu kommen. Das Kloster stellt den Urtyp einer Zukunftswerkstatt dar, wenn auch ohne Zweifel die Zahl klösterlicher Ordensgemeinschaften im traditionellen Sinne mehr und mehr abnimmt (so gab es lt. katholischer Ordensstatistik per 31.12.04 nur noch 4 Novizen und 130 Novizinnen im gesamten Bundesgebiet - Quelle: ). Vielleicht sind die hierarchische Struktur (Abt, Mönch, Novize), die strengen Ordensregeln (Armut, Keuschheit und Gehorsam) und das karge, anstrengende Klosterleben (beten und arbeiten) heute nicht mehr zeitgemäß.
Es darf aber nicht übersehen werden, daß viele Menschen auf neuen Wegen ein gemeinschaftliches, religiöses Leben und damit eine Verwandlung des absterbenden Klosterlebens suchen. Diese neueren, weniger hierarchisch, weniger getrenntgeschlechtlich und weniger streng dogmatisch aufgebauten Gemeinschaften gibt es auf allen Kontinenten.

Ich meine damit auch Gemeinschaften aus der Täuferbewegung, die sich nach der lutherischen Reformation aus der römisch-katholischen Kirche herauslösten. Ähnliches geschah in Russland in der orthodox-christlichen Kirche durch die Abspaltung der Duchoborzen, die 1899 größtenteils nach Kanada auswanderten.
Es ließe sich einwenden, daß diese Gruppen nicht zu den neueren Gemeinschaften zählen und durch ihre zum Teil "rückständigen" Eigenheiten wenig zeitgemäß sind. Dem kann ich mich nicht anschließen, weil ich vor allem einige soziale Kernpunkte bei ihnen aufgegriffen finde (z.B. Teilung von Eigentum und Einkommen), die diese Gruppen in eine zukünftige Richtung weiterentwickeln. Auch die äußerlich materielle Seite ihres Lebens muß vor dem Hintergrund eines zeitgemäßen Strebens nach ökologischer Nachhaltigkeit eine faire Beurteilung erfahren.

Von all diesen religiös impulsierten Gemeinschaften seien einige zur eigenen Information herausgegriffen :

Ökumenische Kommunität Taizé
Hutterer Brüder (weitere Täufergruppen: Mennoniten, Amishe, Baptisten)
Bruderhof Gemeinschaften
Quäker oder Gemeinschaft der Freunde
Gemeinschaften der Zwölf Stämme, USA/Europa
Amaravati - europäisches, buddhistisches Waldkloster, UK
Schloß Glarisegg, Schweiz


3.2 Pazifistische Gemeinschaften

"Der wimmernde Pazifismus ist dem Frieden tödlich: er ist eine Feigheit und Mangel an Glauben. Diejenigen, die nicht glauben können, oder die sich fürchten, mögen sich zurückziehen! Der Weg des Friedens ist die Aufopferung seiner selbst."
Quelle: Romain Rolland, Mahatma Gandhi. Rotapfel-Verlag, Erlenbach-Zürich, 1924, S. 145f.

Mit dieser vielleicht unbedeutend erscheinenden Gruppierung möchte ich den gemeinschaftsbildenden Einsatz eines berühmten Mannes und seiner Schüler würdigen: Mahatma Gandhi.

Die Bezeichnung dieses Gemeinschaftstyps ist nicht leicht abzugrenzen, da die von Gandhi gegründeten Dorfgemeinschaften, die Ashrams, auch Merkmale anderer Typen aufweisen, vor allem auch religiöse. Doch halte ich den Ursprungsimpuls dieser Gemeinschaften für so eigenständig, daß ich es Wert finde, von einem besonderen Gemeinschaftstyp zu sprechen.

Die ländlichen Dörfer dienten gleichzeitig der Schulung der Menschen in gewaltfreiem Widerstand und der Schaffung einer ökonomischen Grundlage, um sich von der damaligen englischen Besatzung zu befreien. Gandhi praktizierte gegen die Unterdrückung der Inder eine besondere Art des zivilen Widerstandes, die er auf die Kraft der Wahrheit und die Kraft der Liebe gründete. Dafür entstand die Sanskrit-Bezeichnung Satyagraha. Satyagraha beruhte auf verschiedenen Prinzipien und Praktiken. Eines der wichtigsten Prinzipien war die Gewaltfreiheit (Non-Violenz), die im indischen Sanskrit Ahimsa heißt. Weitere Mittel waren zivilier Ungehorsam (Zivil-Disobedienz) gegenüber unsittlichen Gesetzen und die Verweigerung von Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen gegenüber staatlicher Korruption (Non-Kooperation).
Interessant dürfte sein, daß sich Gandhi u.a. durch den zivilen Ungehorsam des amerikanischen Schriftstellers Thoreau (1817-1862) beeinflussen ließ.
Zu dem ersten Ashram, dem Satyagraha-Ashram, können Sie unter der folgenden Adresse weiterlesen:
Satyagraha-Ashram

Ein bedeutsamer Schüler Gandhis und späterer Gründer französischer Gemeinschaften war Lanza del Vasto. Die von ihm gegründeten Gemeinschaften heißen Archen und befinden sich in Frankreich (vgl. www.lanzadelvasto.org/). Diese sollten von den Arche Gemeinschaften, die auf den Heilpädagogen Varnier zurückgehen und weiter unten beschrieben werden, unterschieden werden.
Ich muß zugeben, daß ich nicht darüber orientiert bin, wieweit die indischen Ashrams heute noch eine lebendige Bewegung sind. Gandhis gesamtgesellschaftlicher Einfluß ist im wachsenden Kapitalismus in Indien nur noch schwer erkennbar.


3.3 Ökodörfer / Ecovillages

Ökodörfer verbinden in einer dorfindividuellen Weise vier Lebensfelder zu einem Ganzen: Ökologie, Soziales, Kultur, Spiritualität. Aus diesem Grunde unterscheiden sie sich auch von Ökosiedlungen, die vor allem auf ökologische Nachhaltigkeit setzen. Zur eigenen Information gebe ich hier einige Internetseiten an:

Ökodörfer
Global Ecovillage Network
Wikipedia Ökodorf

Ökosiedlungen stellen im Vergleich zu Ökodörfern keine beabsichtigten Gemeinschaften dar (vgl. Verzeichnis Ökosiedlungen oder ein Beispiel Ökosiedlung Bamberg). Doch bei den Ökodörfern geht es eben um mehr als nachhaltiges Bauen und Wohnen, da steht auch die Entwicklung des einzelnen im Blickfeld. Deshalb will ich mit der Betrachtung auf Ökodörfer konzentrieren.
Sicher gibt es auch viele Ökosiedlungen mit fließendem Übergang zu der weiter unten genannten Gruppe der Cohausing-Gemeinschaften. Ohne Zweifel steht dieser Art des Wohnens noch eine große Zukunft bevor.

Zur eigenen Information seien hier Beispiele von Ökodörfern genannt:

Auroville in Indien
Findhorn in Schottland
EcoVillage Svanholm in Dänemark
Ecovillage Grishino in Russland
Damanhur in Italien

The Farm in den USA
EcoVillage Ithaca in den USA
Ecovillage Dancing Rabbit in den USA

ZEGG in Deutschland
Ökodorf Sieben Linden in Deutschland
Lebensgarten Steyerberg in Deutschland
Allmende Wulfsdorf in Deutschland
Kommune Niederkaufungen in Deutschland

Crystal Waters in Australien
Éourres in Frankreich



3.4 Kommunen

Obwohl ja der Kommunismus/Marxismus auf der realen "Weltbühne" seit 1989 mit Glasnost und Perestroika ein gewisses Ende gefunden hat wurde ein linkes Politikverständnis lange Zeit zum Teil aus diesen Quellen gespeist.

Ein anderer Teil floß aus den verschiedensten Strömungen des Anarchismus. Die heutige Kommunebewegung allein auf diese beiden Quellen reduzieren zu wollen käme aber der Realität nicht nahe. Weitere individuelle, spirituelle, pazifistische und ökologisch-nachhaltige Aspekte werden heute ebenso von Kommunen verfolgt. Ich gebe hier die sechs Grundsätze des Zusammenlebens der Kommune Niederkaufungen für eine Beschreibung was Kommune ist wieder, denn einige andere Kommunen orientieren sich daran:

1. gemeinsame Ökonomie
2. Entscheidungsfindung im Konsens
3. gemeinsam leben und kollektiv selbstbestimmt arbeiten
4. Abbau kleinfamiliärer Strukturen
5. Abbau geschlechtshierarchischer Strukturen
6. linkes Politikverständnis
Quelle:


Einen guten Überblick über die deutschen Kommunen erhalten Sie unter folgender Adresse: Contraste

Eine ausführliche Beschreibung zu der Frage: Was ist Kommune? finden Sie hier und bei Wikipedia

Schließlich möchte ich noch auf die Europäische Kooperative "Longo Maï" hinweisen, die ein Netzwerk von ca. 10 Höfen umfasst und schon seit 1972 existiert (mehr hier).




3.5 Kibbutzim

Die Kibbutzim sind die ländlichen Gemeinschaften in Israel, die einen großen Teil der Agrarerzeugnisse des Landes produzieren. Die Unterdrückung der Juden in christlich geprägten Ländern (Antisemitismus, Pogrome) führte schon 1909 zu einer Gründergeneration, die in Israel einen "jüdischen Arbeiterstaat" marxistischer Prägung aufbauen wollten. Daher waren die Kibbuzim ursprünglich basisdemokratisch und sozialistisch geprägt, allerdings auf freiwilliger, d.h. nicht staatlich verordneter Weise. Es besteht daher eine Nähe zur Kommunebewegung.
Inzwischen gibt es noch 267 Gemeinschaften. Die jüngere Entwicklung der Kibbuzim ist gekennzeichnet von Überalterung, d.h. die Kinder verlassen die Gemeinschaften. Auch wird die strenge sozialistische Linie "aufgeweicht" zu Gunsten von mehr Individualität und Kapitalismus (Kindererziehung, Mahlzeiten, Einkommensregelung).

Weitere Informationen:
Beschreibung bei Wikipedia
Kibbutzim
Israelische Netzwerkseite der Kommunen


3.6 Co-Housing Gemeinschaften

Dieser Typ hat sich etwa ab 1960 in Dänemark, Skandinavien und Holland und ab 1980 auch in den USA entwickelt. Inzwischen finden sich auch erste europäische Siedlungen und Gemeinschaften. Dabei handelt es sich um eine Form des gemeinsamen Wohnens, bei der durch die Bauweise der Wohneinheiten und durch Gemeinschaftseinrichtungen Begegnung, Kontakt und Gemeinschaftsleben gewünscht wird. Obwohl es viele Mischformen mit Elementen anderer Gemeinschaftstypen gibt, läßt sich sagen, daß dieser Typ in der reinen Form die geringsten sozialen Forderungen beinhaltet, die von dem heutigen "normalen" Gesellschaftsleben abweichen. Dies betrifft vor allem die kritischen Punkte Kleinfamilie, Privateigentum und Einkommensregelung. Vielleicht sollte aber nicht übersehen werden, daß viele "Co-Hauser" schon ein anderes Eigentumsverständnis mitbringen, weshalb zum Teil ausgeprägtes Gemeinschaftseigentum besteht.

Gern werden mit dieser Basis-Gemeinschaftsform weitere Elemente eines alternativen Lebens verbunden: altersübergreifendes und betreutes Wohnen, Nachbarschaftshilfe und gemeinsame Feste, gemeinsamer Kindergarten, nachhaltige Bauweise, Solarenergienutzung, BHKW oder Holzpellets-Heitzung und verkehrsberuhigte, autofreie Zonen etc.
Co-Housing läßt sich auch gut mit anderen Gemeinschaftstypen verbinden, so könnte sich z.B. unter dem "Dach" einer ökologisch oder spirituell orientierten Gemeinschaft eine Co-Housinggruppe einrichten, die zwar eine Bauweise mit Begegnung wünscht, die aber weitergehende soziale Aspekte (noch) nicht mitmachen will.

Amerikanischer Co-Housing Verband
Co-Housing in Österreich


3.7 Heilpädagogische und sozialtherapeutische Gemeinschaften

Diese Gemeinschaften habe sich die Aufgabe gesetzt, behinderte oder therapiebedürftige Kinder, Jugendliche und Erwachsene in ihrer Mitte aufzunehmen und langfristig zu betreuen. Vielleicht könnte hier eingewendet werden, es handele sich doch um Heime oder "Anstalten", die nicht zu den Lebensgemeinschaften zählen, sondern eher zu Privatunternehmen oder öffentlichen Einrichtungen. Dies wäre ein falsches Verständnis. Ich füge sie hier ein, da durch die Integration der betreuten Menschen in Hausgemeinschaften familiärer Art bzw. in Kleingruppen mit gesunden Menschen, das Prinzip der Separierung und "Abschottung" in anstaltsmäßigen Gettos durchbrochen wird. Eines der heilbringenden Prinzipien ist ja gerade nicht die Trennung, sondern das Leben von Behinderten und Nichtbehinderten in einer Art familiärer Lebensgemeinschaft. In vielen dieser Gemeinschaften gründet das menschliche Engagement auf einen tiefen christlichen Glauben. Man könnte daher auch von einer religiösen Gemeinschaft mit einer besonderen Heilaufgabe sprechen.
Ich nenne hier exemplarisch für ggf. weitere Gemeinschaften zwei Hauptgruppen:



Arche Camphill
Gründer

Jean Vanier
*1928
Biografie
Gründer

Dr. Karl König
1902 - 1966
Biografie
Leitlinien
christlich orientiert


Leitsatz (Beispiel)
christlich und
anthroposophisch
orientiert
Zahlen:
121 Gemeinschaften
in 30 Ländern
3000 Betreute
Zahlen:
100 Gemeinschaften
in 20 Ländern
? Betreute
Verweise:
larche.org
arche-deutschland.de/
Verweise:
Camphill England
Camphill Deutschland


Interessanter Vergleich zwischen Arche und Camphill




4 Korrelation Gemeinschaft - Gesellschaft


Zunächst möchte ich die Gemeinschaften mit den Dörfern vergleichen, die sich ja mindestens in der Größe ähneln. Allerdings ist eine Gemeinschaft wohl erst ab 50 Menschen von seinen sozialen Möglichkeiten mit einem Dorf vergleichbar.

Das historische Dorf ist eine ländliche Lebensform, bei der Menschen aus dem Kreis mehrerer Familien häufig mit vielfältigen Verwandtschaftsbeziehungen ohne ein weltliches Oberhaupt eine Gemeinschaft bildeten (vgl. Dorf-Beitrag und wikipedia). Das Dorf ist historisch aus dem Verhältnis zwischen Priester und Bauer entstanden, eine Art Theokratie im kleinen. Die göttliche Welt wurde durch den Priester vermittelt und bestimmte das innere und äußere Leben. Die Dorfstruktur, der Jahres- und Lebensrhythmus der Menschen wurde mit göttlicher Weisheit geordnet. Die Stadt und die Fabrik als nachfolgende Sozialgebilde haben ihre Entstehungsursachen vorwiegend materiellen Gründen zu verdanken (aufkommender Handel, Wirtschaftsmacht etc.), d.h. göttliche Weisheit wurde durch ökonomische Vernunft ersetzt. Die Kirche trat in ihrer Bedeutung nach und nach zurück, weltliche Machthaber setzten sich an ihre Stelle.

Was bedeutet dies vor dem Hintergrund des Soziologischen Grundgesetzes?
Der einzelne Mensch mußte sich nicht mehr völlig wie in der Theokratie, wie auch noch im Dorf ein- und unterordnen. Mit der Stadt kam langsam die Freiheit, natürlich auch die Möglichkeit größerer Irrtümer. Der Mensch wurde damit aus der weisheitsvoll-göttlichen Führung von "oben" entlassen. Dagegen hat dann der Staat Führungsanspruch als Monarchie oder später als Demokratie erhoben. Da die gesamte Welt- und Menschheitsentwicklung dahin geht, daß der Mensch aus eigener Kraft den Weg zu Gott, jeder einzelne Mensch göttliche Weisheit finden soll, kann die Aufgabe des Staates nur die sein, den Menschen die freie Entwicklung dahin zu ermöglichen. Spirituelle Weisheit soll nicht mehr von "oben" die Verhältnisse ordnen, sondern von "unten" durch die einzelnen Menschen in Selbstverwaltung wirken. Die weisheitsvollste Einrichtung eines Staates (auch im Humboldtschen Sinne) ist also die, die den Menschen einen "Schutzraum" zur Entwicklung und Selbstverwaltung bietet.
Heutige Staaten sind allerdings oft zu Allmachts-Gewalten herangewachsen, die Macht um ihrer selbst willen beanspruchen und auch dort von Menschen Unterordnung verlangen, wo ein modernes Staatsverständnis Zurücknahme staatlicher Bevormundung verlangt. Die jüngste globale Entwicklung zeigt aber, daß die Staatsmacht durch die Marktmacht der Konzerne ausgehöhlt wird, was das Problem der Bevormundung nicht behebt, sondern nur zum Teil verlagert bzw. verschärft.

In dieser Situation ist es in den letzten Jahrhunderten und vor allem ab den 68zigern des letzten Jahrhunderts zu einer Absonderung von Menschen gekommen, die sich der Bevormundung und Unterdrückung durch Kirche, Staat und Wirtschaft widersetzen. Es sind viele Bürgerinitiativen, Friedensgruppen, Umweltschutzgruppen u.a. entstanden. Gelegentlich werden diese Menschen unter dem Begriff der Kulturkreativen zusammengefasst. Ein kleiner Teil dieser Menschen bildet die Gruppe derjenigen, die sich in den hier besprochenen Gemeinschaften zusammenschließen, um ihr ganzes Leben so zu gestalten, wie sie es für richtig halten. Häufig ziehen diese Menschen aufs Land, aber es gibt auch städtische Gemeinschaften. In diesen verschiedenen Bewegungen sehe ich ein neues Dorfbewußtsein entstehen. Was könnte dies für die Zukunft bedeuten?

Dazu möchte ich einen anthroposophischen Zukunftsautoren, Dr. Johann Wolfgang Ernst (1914-1986?), aus seinem Buch "Das Schicksal unserer Zivilisation und die kommende Kultur des 21. Jahrhunderts", Novalis Verlag 1987, zitieren. Vorausschicken möchte ich, daß Ernst von einer Teilung der Menschheit in einen degenerierenden und einen weiter entwicklungsfähigen Teil der Menschheit ausgeht. Auch sieht er eine Zerstörung weiter Erdgebiete voraus, so daß die Menschen in öde "Wüsteneien" fliehen müssen, um zu überleben und dort eine neue Kultur begründen. Die kargen Länder und Einöden seien noch nicht auf der Landkarte sichtbar und auch nicht allein in den heutigen sogenannten "Dritte-Welt-Ländern" zu sehen, denn sie seien erst nach einer Übergangsschwelle ins 21. Jahrhundert erkennbar, die von Natur- und Zivilisationskatastrophen geprägt sei. Auf die Bemerkung einer Leserin, daß der Staat doch die Rückzugsgebiete mit Beschlag belegen und "alles verbieten" werde, bemerkte Ernst in einem Zusatz zur 2. Auflage des Buches, daß sich hierin zwei Dinge offenbarten: Zum einen tiefe Staatsverdrossenheit und

"zum anderen den Ewigkeitsglauben vieler an eben diesen innerlich so schwachen, versklavten Staat...
Die kommende Kultur des 21. Jahrhunderts wird sich entwickeln, nachdem das heute permanent mißbrauchte Rechtswahrungsinstrument, der Staat, so schwach geworden sein wird, daß er nichts mehr verhindern kann, Böses nicht und also auch Gutes nicht...
Besteht Hoffnung auf verbesserte Rechtswahrung in der kommenden Zeit? - Ganz gewiß nur dort, wo Sinn für das Lebende, Kommende, und eben dadurch Gemeinsinn, sich entwickelt."
a.a.O. S. 54f.

"Die Flüchtlinge bilden nicht Staaten, und sie wünschen nicht, solche zu bilden. Sie bilden nicht einmal Gemeinden im alten Sinne, ausgenommen Familien- und Hausgemeinschaften. Das Zusammenleben des Dorfes wird als rein äußerliches, nicht Gemeinschaft begründetes Nebeneinander aufgefaßt, wie es heute bereits an den meisten Orten in Stadt und Land geschieht. Dagegen bilden sich Produktions- und Konsumtions-Genossenschaften, und allein durch diese bilden sich Gemeinsamkeiten. Interessen-Gemeinschaften. ..
Ebenso ergeben sich Zweckvereinigungen aus anderen gegebenen Aufgaben und aus der zweckbestimmten Vernunft und Logik. Im wesentlichen sind es drei Arten von Vereinigungen, die sich in dieser Weise bilden; nämlich solche zum Zwecke materieller Wertebildung, solche zum Zwecke geistiger Wertschöpfung und solche zum Zwecke der Bewahrung der Werte: Rechts-Wahrung. "
Quelle: a.a.O., S. 93f.


Ernst sieht das Aufbrechen der Menschheit in eine aufsteigende und eine absteigenden Linie. Für die aufsteigende Linie (die Flüchtlinge) bezweifelt er, daß das Dorf dann noch gemeinschaftsbildend sein wird. Allein die Mitarbeit in Einrichtungen der drei Lebensgebiete sollen Interessen-Gemeinsamkeiten bilden.

Ich möchte hier keine Wertungen dieser Perspektiven anfügen, sondern mit einer Aufforderung Rudolf Steiners abschließen, die dieser im Anschluß an den Landwirtschaftlichen Kurs an junge Menschen gerichtet haben soll:

"Er wies vor langer Zeit in Breslau im Anschluß an die Koberwitzer Tagung junge Menschen darauf hin, daß sie eine den Forderungen der Zeit gerecht werdende Aufgabe in der Bildung von Stätten wahrhaft freien Geisteslebens auf der Grundlage biologisch-dynamisch bewirtschafteter landwirtschaftlicher Betriebe finden könnten. Er hat später auf die Überlebenschance solcher Inseln innerhalb bevorstehender Katastrophen hingewiesen. Der naheliegende Vorwurf des Gruppenegoismus, der gegen solche Inselbildungen erhoben wird, läßt sich durch den Hinweis auf das Durchsetzbare und die mit solcher Sonderbildung übernommene Exemplifikations- und Publikationsverpflichtung entkräften."
Sozialorganik, S. 72


Diese Aussage Witzenmanns konnte ich nicht in der Gesamtausgabe Steiners finden. Eine Anfrage beim Archiv am Goetheanum ergab jedoch, daß die Gräfin von Keyserlink in den dort vorliegenden Tagebüchern ähnlich lautende Aussagen Steiners über die Zukunft Deutschlands erwähnte.

Im Vergleich Dorf und Gemeinschaft hat sich mir ergeben, daß beiden das Urbedürfnis nach einer sozialen Hülle zugrunde liegt. Im historischen Dorf lebten Menschen, die sich mehr oder weniger wegen verwandtschaftlicher Blutsbindungen gut vertrauten und für das Überleben der Familien zusammenhielten.
In einer heutigen Gemeinschaft leben Menschen, die eine Übereinstimmung in mindestens einem bestimmten Lebensaspekt haben und durch gemeinsames Leben diesen Aspekt bewahren und entwickeln wollen. Kooperatives, vertrauensvolles Handeln ist die Grundlage beider Gemeinschaftsformen, wodurch den Menschen aus einem Urbedürfnis eine Sozialhülle erwächst, die über die Familien als kleinste soziale Basis hinausgeht.

Im Zuge der weiter fortschreitenden Individualisierung läßt sich eine Parallelbewegung erkennen:



In dieser Parallelität der Absonderung, des Zurückziehens erkenne ich wieder die Hülle, ohne die neues Leben, neue Gedanken, neue Erfahrungen nicht entstehen können. Staat und kommerzielle Wirtschaft, die eine solche Schutzhülle nicht geben, rufen bei den Menschen das Bedürfnis nach Absonderung in einer Gemeinschaft hervor.
Ich vermute, daß eine dreigegliederte Gesellschaft weniger Absonderungsbedürfnisse hervorruft, da sich Staat und Wirtschaft viel weniger als Selbstzweck, viel mehr als Diener der Menschen verstehen werden. Dabei wird sich der Staat auf äußeren und inneren Schutz, die Wirtschaft auf die wirklichen Bedürfnisse reduzieren.



5 Gemeinschaften - ein Weg zur Dreigliederung?


In dieser Frage stecken mehrere Fragen: Sind Gemeinschaften nötig, um Veränderungen in der Gesellschaft zu bewirken? Können Gemeinschaften leichter Gott, Natur, Herrschaft/Macht, Eigentum/Geld, Geschlecht, Familie, Jugend/Alter, Krankheit/Behinderung, Stämme/Völker in menschliche Zusammenhänge integrieren als die Gesellschaft?

Im Grunde zielen die Fragen darauf, sich ein Bild zu machen, wohin die zunehmende Individualisierung hinführen soll. Wie soll sich der einzelne im Verhältnis zu seinen Mitmenschen entwickeln? Nach dem soziologischen Grundgesetz führt die weitere Entwicklung zur Befreiung des Individuums von dem Interesse der Verbände und zur freien Entfaltung der Bedürfnisse und Kräfte des Einzelnen.

Heißt das aber nicht Chaos, Anarchie, Kampf aller gegen alle? Diese Skepsis treffen wir häufig bei Menschen, die in einem "zügellosen" Individualismus nichts anderes als den Untergang des Abendlandes sehen. Nun möchte ich diese Menschen als Anhänger eines bestimmten Glaubens bezeichnen. Nennen wir sie die "direkten Weltverbesserer". Sie stimmen darin überein, daß sie glauben, eine äußere harmonische Weltordnung (oder was sie sonst noch für wünschenswert halten, wie einen soliden Rechtsstaat, ein funktionierendes Unternehmen, die Gesellschaft etc.) sei nur möglich durch direkte Unterordnung unter den menschliche Willen (eines einzelnen oder einer Gruppe). Für sie geht eine führerlose Gemeinschaft ins Chaos, weil die vielen Meinungen nie "unter einen Hut" zu bringen sind. "Viele Köche verderben den Brei" und ähnliches. Das sind all die Demokraten, die im Innern nur an das Königsprinzip glauben. Sie unterliegen dem Materialismus und halten den Menschen allein für ein Produkt äußerer Verhältnisse; selbst seelisch-denkerische Vorgänge im Menschen sind ihnen nur Ergebnis materiell-physischer Prozesse.

Auf der anderen Seite da stehen dann die "indirekten Weltverbesserer", denen die Unterordnung nicht gefällt, die nicht "Rädchen im großen Getriebe" sein wollen, die zu "Aussteigern" werden, indem sie "ihren" individuellen Weg und sich selbst suchen. Nicht alle Aussteiger steigen in Gemeinschaften ein, das ist unerheblich, Hauptsache keine (völlige) Unterordnung.
Was glauben die indirekten Weltverbesserer? Sie glauben, daß eine harmonische Weltordnung (oder Gemeinschaft) nicht durch direkte Unterordnung unter einen menschlichen Willen möglich ist. Diese Glaubensgemeinschaft teilt sich dann in die verschiedensten Strömungen. Ein Teilstrom hat sich trotz seines Widerstandes gegen direkte Unterordnung im Materialismus "festgebissen". Ja, ich drücke dies bewußt so drastisch aus, denn vertiefen sie sich in den Gedanken z.B. des Anarchismus so werden sie nirgends darin die Anerkennung einer über die Materie hinausgehenden Geisteswelt finden. Sie fordern zwar die Freiheit von Herrschaft, beschränken aber diese Freiheit von vornherein auf die materielle Welt. Ebenso wie für den Sozialismus ist für sie Religion und Gott eine Verirrung des menschlichen Geistes. Solange die Anarchisten diese Festgefahrenheit, Verbissenheit nicht überwinden und sie in diesem Punkt ihre Vordenker (Proudhon, Bankunin, Kropotkin, Stirner, Mackay) nicht überwinden, solange wird der Anarchismus Kompromisse mit Gewalt, Staat und Kapitalismus schließen und ein "trübes Wässerchen" bleiben.

Dennoch können die Gedanken der Anarchisten zum Staat, zur Kirche, zum Recht und anderen sozialen Fragen sehr fruchtbar sein, um ein bewußtes Verhältnis zur Gesellschaft von heute einzunehmen. Vor allem zur Frage der Freiheit. Dies zeigt die Aufgabe des Materialismus: Bewußtsein schaffen für die irdischen Verhältnisse. An dieser Stelle möchte ich Sylvain Coiplet für seine ausführliche und nach meiner Meinung ausgezeichnete Ausarbeitung eines Vergleichs zwischen Anarchismus und Dreigliederung danken, deren Adresse ich hier nenne:

Vergleich
Essays und Texte zum Anarchismus

Dann gibt es einen weiteren Teilstrom von Menschen, die zu der Anerkenntnis einer geistigen Welt kommen. Sie haben allerdings eine besondere Auffassung von Gott bzw. der nicht-materiellen Welt und können sich schwer unterordnen (weltlich oder kirchlich). Aus ihrem Glauben ziehen sie andere Konsequenzen als viele der größeren Bekenntnisse. Sie haben gewisse Wahrheiten, individuelle Gewissensentscheidungen, die ihnen eine Unterordnung verbieten.

Nehmen Sie die Gruppen aus der Täuferbewegung (Hutterer u.a.): Greifen wir einen Aspekt heraus, z.B. die Ablehnung der Kindtaufe. Ist es nicht eine zeitgemäße Fortentwicklung der Religionsfreiheit, Menschen erst zu taufen, wenn sie so alt sind, daß sie darüber frei entscheiden können? Ob die äußeren Umstände eine solche freie Wahl z.B. bei den Hutterern zulassen, das ist schon wieder eine weitere Frage. Wenn aber das Menschenrecht der Religionsfreiheit gilt, sollte die Mitgliedschaft zu einer Kirche nicht Kindern verboten werden? Davon unberührt bleibt die Möglichkeit der Teilnahme der Kinder an der Religion ihrer Eltern oder der Religionsunterricht in der Schule, weil das Recht auf Erziehung nach meiner Meinung nicht unbedingt eine Pflicht zur "Vollmitgliedschaft" in einer Kirche begründet. Vielleicht wird ein solches Verständnis in nicht allzuferner Zukunft einmal allgemeines Menschenrecht, womit die "Befruchtung" zwischen Gemeinschaft und Gesellschaft deutlich würde.

Doch zurück zum Thema: Es gibt also Menschen, die sich aufgrund ihres Glaubens staatlich und kirchlich nicht unterordnen wollen. Sehen wir auf ein Beispiel eines Menschen, der sich staatlich nicht unterordnen wollte: Gandhi. Sie können darin erkennen welche Kraft ein Mensch entwickelt, der sich aus der Anerkennung einer geistigen, einer göttlichen Welt und der Verpflichtung zur Wahrheit ergibt. Gandhis konsequentes Eintreten für Wahrheit und Gewaltlosigkeit in Verbindung mit einem tiefen hinduistischen Glauben lösten eine große gesellschaftliche Kraft der Veränderung aus. War aber seine Wirkung nicht auch zu einem großen Teil charismatische Führerschaft? Muß dies nicht unbeantwortet bleiben? Kann ich wissen, ob nicht ein großer Teil der Inder ihn aus individueller Erkenntnis der gleichen Wahrheit unterstützten? Ich glaube, daß es eine Mischung aus beidem war. Wäre es weniger Führerschaft gewesen und der ethische Fortschritt auf mehr Individuen verteilt gewesen, dann sähe Indien heute vielleicht weniger kapitalistisch aus. Dennoch steht Gandhi als ein Beispiel eines großen Menschen, der an ein harmonisches Zusammenleben glaubte, das auf Wahrheit und Gott baut.

Diese beiden Teilströme umfassen die gesamte Glaubensgemeinschaft der "indirekten Weltverbesserer": der materialistische und der geistanerkennende Teilstrom. Offen ist allerdings noch wie sich bei ihnen die harmonische Weltordnung einstellen soll, wenn nicht durch direkte Unterordnung. Schauen wir doch mal auf Luther. Er war einer der ersten, der konsequent auf sein Inneres (Gewissen) hörte und sich nicht der kirchlichen Hierarchie unterordnete. Er verbindet sein befreites Inneres mit dem Äußeren in der Welt über seine Worte und sein Handeln. Luther ist ein früher indirekter Weltverbesserer. Trotz aller negativen Nachwirkungen ist es sein Verdienst, daß er vielen Christen bis heute noch das Vertrauen in Kirche und Christentum zurückgegeben hat. Darin finden Sie den Schlüssel aller indirekten Weltverbesserer: Finde dich selbst, höre auf dein Inneres, sprich es aus und handele auch so. Das Beispiel Luthers, aber auch Gandhis zeigt, daß gerade die "Selbstverwaltung des inneren Menschen", geistanerkennender Individualismus, zu mehr Vertrauen unter den Menschen führt.

Wie ist das zu erklären? Es hängt mit dem Bild der Wahrheit zusammen: Es gibt viele Wahrheiten. Jeder Mensch hat eine eigene Sicht auf die Wahrheit, gerade von seinem Punkt des Weltganzen hat er einen ganz individuellen Blick auf die Wahrheit. Doch die Wahrheit an sich ist einheitlich. Mit einem anderen Wort: Die einzige (= ungeteilte) Wahrheit ist Gott. Jeder Mensch hat also einen "Tropfen" dieser Wahrheit aus dem großen göttlichen "Meer" in sich. Je mehr ich meinem Mitmenschen die Freiheit lasse "seine" Wahrheit zu finden und mitzuteilen, desto vertrauensvoller und harmonischer kann das Zusammenleben werden. Alle Menschen müssen sich aus ihrem Innern gegenseitig befruchten, denn niemand hat die alleinige Wahrheit.

"Auf der anderen Seite ist nun die Zeitaufgabe, daß vertraut wird auf - wenn ich es so nennen darf - die göttliche Harmonie. Und das, meine lieben Freunde, hat man absolut nicht verstanden in meiner "Philosophie der Freiheit". Aber es ist etwas, was im allereminentesten Sinne verstanden werden sollte in der Gegenwart. In meiner "Philosophie der Freiheit" baut auch das Rechtsleben auf den völlig aus sich heraus wirkenden individuellen Menschen. Einer der ersten, und zwar der geistvollsten Kritiker, die über meine "Philosophie der Freiheit" geschrieben haben - im englischen "Athenaeum" -, schrieb einfach, diese ganze Anschauung führe hinein in einen theoretischen Anarchismus. - Dieses ist selbstverständlich der Glaube der heutigen Menschen. Warum? Weil dem heutigen Menschen jedes wirkliche durchgöttlichte soziale Vertrauen eigentlich fehlt, weil die Menschen das Folgende, für unsere Zeit Allerwichtigste nicht begreifen können, und das ist das: Wenn man den Menschen wirklich dazu bringt, daß er aus seinem innersten heraus spricht, dann kommt nicht durch seinen Willen, sondern durch die göttliche Welteinrichtung die Harmonie unter die Menschen. Die Disharmonie rührt davon her, daß eben die Menschen nicht aus ihrem Inneren heraus sprechen. Man kann die Harmonie nicht erzeugen auf direkte Weise, sondern nur durch diese indirekte Weise, daß man die Menschen wirklich bis zu ihrem Innersten bringt. Dann tut der eine ganz von selber dasjenige, was dem anderen frommt, spricht auch dasjenige, was dem anderen frommt. Die Menschen reden und handeln nur aneinander vorbei, solange sie sich nicht selbst gefunden haben.

Begreift man das als ein Mysterium des Lebens, dann sagt man sich: Ich suche den Quell meines Handelns in mir selber und habe das Vertrauen, daß der Weg, der mich da ins Innere führt, auch in die göttliche Weltordnung im Äußeren mich einschaltet und ich dadurch in Harmonie mit den anderen wirke. - Dadurch wird erstens das Vertrauen in das menschliche Innere gebracht, zweitens aber auch das Vertrauen in die äußere soziale Harmonie. Einen anderen Weg als diesen gibt es nicht, um die Menschen zusammenzubringen. "
342.57f


Nun möchte ich noch auf die Ausgangsfrage zurückkommen, ob Gemeinschaften einen Weg zur Dreigliederung darstellen. Ich denke ja, aber nicht allein durch die Vorbereitung der Einzelfragen (Eigentum, Einkommen etc.), sondern viel mehr dadurch, daß das Prinzip Individualisierung, des "Sich-Findens" die Menschen wieder Vertrauen untereinander entwickeln läßt. Ich betone hier noch einmal, daß gesellschaftliche Veränderungen prinzipiell auch ohne Gemeinschaften möglich sind. Doch die Existenz dieser Bewegung zeigt, daß viele Menschen diesen Weg gehen wollen. Er ist ein nötiger und wichtiger Weg menschlicher Individualisierung. Ein Weg zur umfassenden Wahrheit.

Die Mission (vielleicht mehr im Sinne von gemeinsamer Vision) von der beim Sozialen Hauptgesetz die Rede war kann doch nicht von oben verordnet werden. Sie kann nur durch mehr Vertrauen unter den Menschen gemeinsam aufgegriffen werden. Dazu sind neue Bilder von Wahrheit und Gott notwendig. Und ein Vertrauen in den nächsten Menschen, daß wenn ich ihn freilasse, er auf dem Weg seiner Entwicklung früher oder später mit mir in Harmonie kommt. Individualisierung als indirekter Weg zur Harmonie.