Dreigliederung und Sozialwissenschaft



Übersicht:


1. Danksagung
2. Aufgabenstellung
3. Die fünf Gesetzmäßigkeiten
4. Die Stellung der anthroposophischen Sozialwissenschaft
5. Der Zusammenklang der fünf Sozialgesetzmäßigkeiten
   5.1 Über-/Unterordnung
   5.2 Mesodreigliederung
   5.3 Verflechtung/Vernetzung/Sozialgesetzorganismus
6. Das Soziologische Grundgesetz
7. Das Soziale Hauptgesetz
   7.1 Gemeinschaftsgröße
   7.2 Polarität
   7.3 Mission
   7.4 Schon verwirklicht?
   7.5 Aspekt: Sprachliche Wandlungen des Hauptgesetzes
8. Das Soziale Urphänomen
   8.1 Der Egoismus - Antisoziales im Willen
   8.2 Denken und Fühlen
9. Das Soziale Kausalitätsgesetz
10. Nachtrag: Diskussion zwischen Sylvain Coiplet und mir






1. Danksagung



Ein Teil dieses Beitrages fußt auf den Ausführungen Josef Buschs in der Broschüre "Die fünf grundlegenden Gesetzmäßigkeiten der anthroposophischen Sozialwissenschaft und Sozialkunst" aus dem Jahre 1999. Diese kann direkt von Herrn Busch bezogen werden. Die Adresse finden Sie, wenn Sie auf seinen Namen klicken.

Natürlich soll auch der umfangreichen Arbeiten Hans-Georg Schweppenhäusers und Dieter Brülls zu diesem Thema gedankt sein, ohne deren Vorleistungen die sozialwissenschaftliche Arbeit innerhalb der anthroposophischen Bewegung weit weniger voran gebracht wäre. Vor allem möchte ich Sie auf das Buch Brülls "Der Anthroposophische Sozialimpuls" (Novalis Verlag, 1984) hinweisen, worin Brüll einerseits zwar die problematische Mesodreigliederung entwickelt, doch wo er auch als einer der wenigen sozialwissenschaftlichen Autoren die Bedeutung des Sozialen Urphänomens beschreibt.



2. Aufgabenstellung


Zweck dieses Beitrages ist es die Stellung der grundlegenden sozialwissenschaftlichen anthroposophischen Gesetzmäßigkeiten innerhalb des "Gesamtgebäudes" der Anthroposophie skizzenhaft zu beleuchten. Außerdem soll die Frage des Zusammenklangs der Sozialgesetze untereinander und ihre Anwendbarkeit auf verschiedene Gemeinschaftsgrößen (Stichwort: Mesodreigliederung) behandelt werden. Ich hoffe damit die Übersicht zu dem sozialen Gesamtgebiet zu erleichtern. Wie immer freue ich mich auch über Kritik und Diskussion.





3. Die fünf grundlegenden Gesetzmäßigkeiten der anthroposophischen Sozialwissenschaft und Sozialkunst


Das jeweils unterstrichene Gesetz ist gleichzeitig ein interner Verweis auf ältere Beiträge auf dieser Internetseite, die das jeweilige Gesetz erklären.
Wer weitergehende Erklärungen sucht, dem empfehle ich einen Blick auf die Zusammenstellung von Sylvain Coiplet unter www.dreigliederung.de/sammlungen/s08.html zu werfen.

Das Soziologische Grundgesetz

"Die Menschheit strebt im Anfange der Kulturzustände nach Entstehung sozialer Verbände; dem Interesse dieser Verbände wird zunächst das Interesse des Individuums geopfert; die weitere Entwicklung führt zur Befreiung des Individuums von dem Interesse der Verbände und zur freien Entfaltung der Bedürfnisse und Kräfte des Einzelnen."

Das Soziale Hauptgesetz

"Das Heil einer Gesamtheit von zusammenarbeitenden Menschen ist um so größer, je weniger der einzelne die Erträgnisse seiner Leistungen für sich beansprucht, das heißt, je mehr er von diesen Erträgnissen an seine Mitarbeiter abgibt, und je mehr seine eigenen Bedürfnisse nicht aus seinen Leistungen, sondern aus den Leistungen der anderen befriedigt werden.
Alle Einrichtungen innerhalb einer Gesamtheit von Menschen, welche diesem Gesetz widersprechen, müssen bei längerer Dauer Elend und Not erzeugen."

Das soziale Urphänomen

"Die Leute fürchten sich davor, machen sich Binden vor die Augen, stecken, wie der Vogel Strauß, den Kopf in den Sand vor solchen allerdings sehr realen, bedeutungsvollen Dingen: daß wenn Mensch dem Menschen gegenübersteht, der eine Mensch immer einzuschläfern bemüht ist, und der andere Mensch sich immerfort aufrecht erhalten will. Das ist aber, um im Goetheschen Sinne zu sprechen, das Urphänomen der Sozialwissenschaft."

Das Soziale Kausalitäts- oder Korrelationsgesetz bzw. das Gesetz der Wechselwirkung zwischen "Sein und Bewußtsein"

"Sind die Verhältnisse, das Milieu die Ursache, daß die Menschen so und so sind? Oder sind es die Menschen, die das Milieu, die Verhältnisse gemacht haben? Wir müssen uns klar sein, daß jedes Ursache und Wirkung ist, daß alles ineinanderwirkt, und daß wir vor allen Dingen heute die Frage aufwerfen müssen: Was für Einrichtungen müssen da sein, damit die Menschen die richtigen Gedanken haben können in sozialer Beziehung? Und was für Gedanken müssen da sein, damit im Denken auch diese richtigen sozialen Einrichtungen entstehen?"

Das Gesetz der Dreigliederung des sozialen Organismus bzw. das Soziale Strukturgesetz

Damit ist die Gliederung des sozialen Organismus in die drei selbständigen Bereiche Kultur- und Geistesleben, Rechtsleben und Wirtschaftsleben gemeint wie es Rudolf Steiner in seinem Buch "Die Kernpunkte der sozialen Frage..." beschrieben hat und wie es als Hauptaufgabe auf dieser Internetseite unter den drei besonders farblich hervorgehobenen Menüpunkten Kultur (dunkelblau), Recht (rot) und Wirtschaft (grün) beschrieben wird.

Die Ideen der sozialen Dreigliederung werden hier als Gesetz bezeichnet. Ich kann die Aussagen Steiners nur mit meinem gesunden Menschenverstand prüfen und wählte die Bezeichnung Ideen im Sinne einer Arbeitshypothese. Der Wahrheitsgehalt der sozialen Dreigliederung (wie auch der übrigen Sozialgesetze) läßt sich nicht direkt sinnlich beweisen, wohl aber die Wirkungen (vor allem in der Negativform z.B. die des Einheitsstaates). Diese realen Wirkungen sind für mich mit den Ideen im Einklang, weshalb ich nach 20jähriger Beschäftigung mit der Dreigliederung auch von einem Gesetz sprechen kann.
Das Gesetz der Dreigliederung des sozialen Organismus ist auch von vornherein mit einem "Tod" bedacht (), was ich im Gegensatz zu vielen heutigen Rechtsvorschriften viel lebensgemäßer finde.




4. Die Stellung der anthroposophischen Sozialwissenschaft innerhalb der Anthroposophie





"Sieht man die Anthroposophische Erkenntniswissenschaft als die Wurzel an, dann kann man die Anthroposophische Christologie als das zentrale Herzstück ansehen, und die Anthroposophische Sozialwissenschaft wäre demgemäss dann die Blüte an diesem Baum der geisteswissenschaftlichen Erkenntnis. Das heißt: Die Anthroposophische Erkenntniswissenschaft (Erkenntnistheorie) trägt, die Anthroposophische Christologie durchdringt, und die Anthroposophische Sozialwissenschaft umgreift den Gestalt-Leib der Anthroposophischen Geisteswissenschaft als solchem."
aus: Die fünf grundlegenden Gesetzmäßigkeiten der anthroposophischen Sozialwissenschaft und Sozialkunst von Josef Busch, S. 3

Diese Darstellung Buschs finde ich einleuchtend. Ich will das anhand der sozialen Dreigliederung erläutern:
Was ist das Ziel der Dreigliederung der Gesellschaft? In der Wirtschaft: Soll es um Wohlstandsteigerung oder materielle Effizienzsteigerung gehen? Im Kultur- und Geistesleben: Soll es um bloße Selbstverwirklichung oder um Fähigkeitenbildung für eine schönere "Freizeit" gehen? Kann es um Gleichheit um jeden Preis ohne ein liebevolles Ansehen der Individualität/Minderheit gehen? Dies kann nicht sein. Dazu ist aber notwendig die Dreigliederung auf allen Gebieten von dem Christus-Impuls durchströmen zu lassen. Ohne diese Impulsierung müßte die Dreigliederung nach und nach zu einem blutleeren Schema verkommen.

"Und der Christus wird erscheinen niemand anderen als denjenigen, die verlassen all das, was Verlogenheit über das irdische Leben ausbreitet. Und keine soziale Frage wird gelöst werden, die nicht verbunden gedacht wird mit diesem geisteswissenschaftlichen Streben, das den Menschen in Wahrheit wieder als ein überirdisches Wesen erscheinen läßt. Unsere sozialen Lösungen werden in demselben Maße sich ergeben, als die Menschen den Christus-Impuls in ihrer Seele werden empfinden können. Alle anderen sozialen Lösungen werden nur in Zerstörung, in Chaos hineinführen. Denn alle anderen Lösungen gehen darauf aus, den Menschen als ein irdisches Wesen zu beschreiben. Aber der Mensch wächst heraus - gerade in unserem Zeitalter wächst er heraus - aus jener Seelenverfassung, die ihn in seinem Bewußtsein für sich selber ein bloß irdisch-physisches Wesen sein läßt. Aus der Gestimmtheit der Menschenseele und aus der Not heraus wird sich das neue Christus-Erlebnis bilden."
200.134


Wer die Anthroposophie eingehend studiert oder wer den Schulungsweg geht, um selbst geistig zu forschen, dem wird sich nach und nach der Christus-Impuls erschließen. Mit dem Gefühl für diese grundsätzliche "Durchströmtheit" der Sozialwissenschaft sollten die weiteren Aussagen verstanden werden.





5. Der Zusammenklang der fünf Sozialgesetzmäßigkeiten



5.1 Über-/Unterordnung

Wie stehen nun die 5 Gesetzmäßigkeiten innerhalb der Sozialwissenschaft?
Ist die soziale Dreigliederung etwa das oberste Gesetz und sind die sonstigen Gesetze "Untergesetze" bzw. "Elemente" der Dreigliederung (vgl. dazu auch den Beitrag von Sylvain Coiplet unter
www.dreigliederung.de/steiner/untergesetze.html )?

Wären die Verhältnisse dann so darzustellen?


Soweit könnte ich das nachvollziehen. Es gelingt mir jedoch nicht eines der verbleibenden beiden Gesetze (Urphänomen, Kausalitätsgesetz) mit dem verbleibenden Rechtsleben zu verbinden. Wenn ich auch bei D. Brüll lesen kann:

"Ist das soziale Urphänomen Richtlinie des Rechtslebens? Ja und Nein.
Wir bejahen die Frage, wenn wir im sozialen Urphänomen die Grundlage alles Sozialen, des Ich und Du, erfassen. Recht ist ja nichts anderes als Antwort auf die Frage: Was gebührt mir im Verhältnis zum anderen? Wir verneinen sie hingegen, indem das soziale Urphänomen die treibende Kraft auch im Wirtschafts- und Geistesleben... darstellt... Nur als Ausdruck des individuellen Rechts(er)lebens aber ist es treibende Kraft und Verwirklichung zugleich. Im intuitiven Rechtsempfinden prägt das Gewahrwerden des anderen unmittelbar die Antwort auf die Frage, was ihm gebührt... "
Der..., S. 161


Rudolf Steiner hat das Soziale Urphänomen allerdings als ein Phänomen der Sozialwissenschaft, nicht der Dreigliederung bezeichnet. Aus dem Zitat Brülls geht hervor, daß auch er das Urphänomen nicht allein auf die Dreigliederung beschränkt wissen will, weshalb es wohl falsch wäre, hierin eine Unterstützung des Unterordnungsgedankens zu sehen.

So kommen mir Zweifel, ob der Sozialimpuls bzw. die Sozialwissenschaft sich im wesentlichen aus der sozialen Dreigliederung als Obergesetz bildet und die restlichen Gesetze der Dreigliederung untergeordnet sind.


5.2 Mesodreigliederung

Dieter Brüll hat die Anwendung der Dreigliederung für die institutionelle bzw. mesosoziale Ebene entwickelt, da er darin eine sinnvolle Ausgestaltung des Ordnungssystems (sprich: Dreigliederung) sieht, bei der "die anderen drei Prinzipien des anthroposophischen Sozialimpulses (das Kausalitätsgesetz hat er nicht einbezogen) zu ihrem Recht kommen" Der..., S. 189. Hierfür hat er die Begriffe der Meso- und Makrodreigliederung entwickelt, die eine kontroverse Diskussion ausgelöst haben (s. www.dreigliederung.de/essays/2003-03-001.html). Steiner hat die Dreigliederung von Unternehmen oder Einrichtungen des Geisteslebens strikt abgelehnt, da es ihnen an einem unabhängigen Rechtsleben mangele. Dies wußte Brüll, zumindest hat er eine Mikrodreigliederung abgelehnt ("weil es kein innermenschliches Rechtsleben gibt") und auch bei den Organen im Mesobereich keine volle Selbständigkeit erkannt.

Weshalb tauchen immer wieder Impulse für soziale Neuerungen im Mesobereich auf und weshalb wird vor allem im anthroposophischen Einrichtungen der Begriff der sozialen Dreigliederung dafür "strapaziert"? Ich denke, daß Menschen in ihren Kräften stehendes im nahen Umkreis "zum Guten hin" verändern wollen, ohne darauf Warten zu wollen, bis dies als Allgemeingut im Makrosozialen erscheint. Es geht hier also um den Gedanken soziale Neuerungen aus kleinen Gemeinschaften heraus wachsen zu lassen und so die Gesellschaft nach und nach zu verändern (der Begriff der "Graswurzelrevolution" dürfte hier im weitesten Sinne passen).

Die soziale Dreigliederung war ja von Steiner im Aufruf und in den Kernpunkten als makrosoziale Veränderung für die einmalige Nachkriegssituation konzipiert. Schon wenige Jahre nach dem Ende des 1. Weltkrieges hielt er eine staatspolitische "Einführung" für nicht mehr möglich. Heutige Dreigliederer stehen also vor der Frage: Wie soll die Dreigliederung verwirklicht werden? Darauf möchte ich antworten: Natürlich bei den makrosozialen Problemen, allerdings nicht durch eine große "Einführung", sondern durch konstruktive, demokratische Beteiligung an zahlreichen Sachproblemen.

Was aber ist mit der Graswurzelrevolution? Kann das Gute, das Kulturkreative, nicht auch "von unten" wachsen? Ja, es kann, doch nicht als soziale Dreigliederung! Mit diesem Beitrag soll ja deutlich werden, daß Sozialwissenschaft mehr als Dreigliederung ist und weitere Ansätze für eine Arbeit "von unten" bietet. Es geht sowohl um makrosoziale als auch um mesosoziale Veränderungen, die sich aus den relativ selbständigen Sozialgesetzen und letztlich aus dem Gesamtgebiet der Anthroposophie entwickeln lassen.

Ebenso wie die Dreigliederung nicht zu einem mesosozialen Ordnungsprinzip herabgezogen werden darf, so sollte es auch vermieden werden, die Dreigliederung auf den "Thron" eines Obergesetzes zu heben, das die anthroposophische Sozialwissenschaft umfassend ausfüllen soll. Vielmehr lassen sich in jedem der Sozialgesetze jeweils Metamorphosen der übrigen Sozialgesetze wiederfinden. Dazu im nächsten Abschnitt.


5.3 Verflechtung/Vernetzung/Sozialgesetzorganismus

Welches neue Bild ergibt sich für den Zusammenklang der fünf Sozialgesetze: Die Sozialwissenschaft beschreibt (bisher) vier Sozialgesetze und die soziale Dreigliederung stellt für diese Gesetze aktuell die denkbar beste Ordnung dar. Ein Strukturgesetz als Ergebnis der vier Gesetze über soziale Abläufe bzw. Verhältnisse. Ein Ordnungsprinzip/Strukturgesetz als Kristallisation für vier sich wandelnde "Organe" des sozialen Organismus:

Nicht die Dreigliederung ist auf verschiedene Verbände der Menschen (Familie - Schule - Unternehmen - Staat etc.) anzuwenden. Diese bleibt immer eine Art aktuelle, makrosoziale Quintessenz aus den sozialen Abläufen und Verhältnissen auf allen Ebenen menschlicher Verbände.
Es ist jedoch Aufgabe mithilfe der sozialen Gesetzmäßigkeiten das Geschehen zu erfassen und mit den daraus gewonnenen Erkenntnissen auf allen Ebenen des sozialen Lebens entsprechende Einrichtungen zu gestalten. Die Dreigliederung fordert makrosoziale Einrichtungen, die sonstigen Sozialgesetze fordern weitere Einrichtungen auf den kleineren Ebenen. Ein Beispiel: Der freie Vertrag zwischen Arbeitsleiter und Arbeitsleister über die Verteilung des gemeinsam erwirtschafteten kann zwar makrosozial - ähnlich heute dem Koalitionsrecht im Tarifwesen - rahmengesetzlich vorgeschrieben werden, als mesosoziale Einrichtung wird er erst wirksam, wenn die Parteien ihn tatsächlich abschließen. Über die letztliche Gestaltung entscheidet dann nicht die Strukturvorgabe der Dreigliederung, sondern die Lebendigkeit sozialer oder antisozialer Impulse (Hauptgesetz, Urphänomen, Christus-Impuls etc.) in den Menschen.



Ich erkenne die gegenseitige Verflechtung aller fünf Gesetze im Sinne eines Organismus, wodurch jedes Gesetz in Nuancen im anderen auftaucht. Vergleichbares gibt es ja auch beim menschlichen Organismus, wo sich in jedem kleinen Organ Teilorgane der Hauptglieder des Stoffwechselsystems, des Nerven-/Sinnessystems und des Rhythmussystems wiederfinden. Ich halte es auch für möglich, daß dieser gesetzmäßige Sozialorganismus durch zukünftige Forschungsergebnisse vielleicht noch vielgestaltiger wird. So könnten weitere oder verwandelte Gesetzmäßigkeiten, z.B. die sozialen Dreigliederung als ein verwandeltes, der fortschreitenden menschlichen Entwicklung gemäßeres Strukturgesetz, erkannt werden. Der Gedanke "alles fließt" und die Bildung beweglicher Begriffe ist für die Sozialwissenschaft eine Grundvoraussetzung.

Wesentlich erscheint mir auch, den goetheschen Gedanken der Polarität und Steigerung (s.) als gemeinsam verbindendes Element aller Sozialgesetze zu erkennen: Zwei entgegengesetzte Pole finden durch einen dritten Aspekt einen Ausgleich, wodurch eine höhere Stufe (die Steigerung) möglich ist. Wie zu Beginn des 4. Abschnitts geschildert durchströmt dabei der Christus-Impuls alle Sozialgesetze, alle Sozialwissenschaft. Die jeweilige ausgleichende Kraft zwischen den Polaritäten ist die christlich impulsierte Liebe.

In den folgenden Abschnitten will ich die einzelnen Sozialgesetze aus dem Blickwinkel der bisherigen Darstellungen betrachten.



6. Das Soziologische Grundgesetz



Hier stehen die Individualität und die Gemeinschaft in einem polaren Spannungsfeld. Früher hat der einzelne Mensch seine Freiheit, seine Interessen, den alten Blutszusammenhängen (Familie, Sippe, Volk etc.) geopfert. Im Zuge der Individualisierung, d.h. dem zunehmend schwächer Werden der Blutszusammenhänge, verlangt der Einzelne solche Gemeinschaftsformen, die seiner Entfaltung nicht im Wege stehen.
Alle Einrichtungen und Bestimmungen der verschiedensten Gemeinschaften dürfen nicht Selbstzweck sein, sondern dienen der Entwicklung der Individualität. Dies gilt von den Familien bis zur gesamten Menschheit.

Nebenbemerkung: Das Soziologische Grundgesetz bezieht sich auf alle Gemeinschaften und nicht allein auf die - zugegebenerweise - wichtige Staatsebene. Erziehung zur Freiheit in Familie und Schule - als Beispiel für die mikro- und mesosoziale Ebene - berührt nicht unmittelbar die Gliederungsfrage im Makrosozialen und damit die Hauptsache der sozialen Dreigliederung.

Kann aber die Individualisierung ihrerseits Selbstzweck sein? Würde damit nicht der Willkür, bedingungsloser Freiheit das Wort geredet? Da hätten die Anhänger alter Blutsverwandtschaften ein schönes Gegenargument in der Hand. Die Grundmaxime freier Menschen aus Steiners "Philosophie der Freiheit" (Leben in der Liebe zum Handeln und Lebenlassen im Verständnisse des fremden Wollens) löst in vielen traditionell lebenden Menschen Angst aus oder sie behaupten schlicht, daß eine solche Freiheit nur für Engel sein kann. Die gleiche Angst vor einer großen individuellen Freiheit läßt die Menschen behaupten, daß dann überhaupt keine soziale Gemeinschaft mehr Bestand haben kann, weil die Menschheit in den Krieg aller gegen alle übergeht. Erst wenn wir eine gemeinsame (göttliche) Geistwelt anerkennen, aus der wir gemeinsam unsere Ideen nehmen, kann ein Teil dieser Angst verfliegen.

Die Individualisierung kann und darf nicht Selbstzweck sein: Der Christus-Impuls wird die Kraft sein, wodurch sich die Pole Individuum und Gemeinschaft in einer weiteren Entwicklungsstufe miteinander verbinden:

"Nur weil die Weisheit dem Aufbau der Welt zugrunde liegt, kann sie darin von unserem Verstande gesucht und gefunden werden. Aber die Weisheit ist nicht plötzlich in die Welt gekommen, das Hineingießen ist nur langsam und allmählich erfolgt, und ebenso langsam und allmählich wird das Durchdringen der Erde mit der Liebe stattfinden. Dieses Durchdringen der Erde mit der Liebe ist der Sinn der Erdenentwickelung. Die Liebe hat auf der Erde im kleinsten Ausmaß begonnen, sie verbreitet sich aber immer mehr und mehr, und am Ende der Erdphase wird alles ebenso von Liebe durchtränkt sein, wie es am Ende des Mondenzustandes von Weisheit durchtränkt war.
Als der Mond aus der Erde heraustrat, war die Kraft der Liebe erst im Keim vorhanden. Es liebten sich zuerst nur die Blutsverwandten untereinander. Dies hat eine lange Zeit gedauert, allmählich erweiterte sich der Wirkungskreis der Liebe. Zum Empfinden und Betätigen der Liebe ist eine gewisse Selbständigkeit der Wesen notwendig. In der menschlichen Entwickelung waren von vornherein zweierlei Kräfte tätig gewesen: eine zusammenführende und eine trennende Kraft, Sonnen- und Mondenkraft...

Im Blute wirkte er als der Gott der Blutsliebe. Anders war die Wirkung der Feuergeister; sie waren es, die dem Menschen Kunst und Wissenschaft brachten. Man nennt diese Geister auch die luziferischen Geister. Die weitere Menschheitsentwickelung geht unter dem Einfluß des Luzifer vor sich, der dem Menschen Freiheit und Weisheit bringt. Unter der Führung des Jahvegottes sollten die Menschen durch das Prinzip der Blutsbrüderschaft zusammengeführt werden. Daß der Mensch ein freier Bürger der Erde geworden ist, das verdankt er dem Luzifer. Jahve versetzte die Menschen in das Paradies der Liebe. Da erscheint der Feuergeist, die Schlange, in der Gestalt, die der Mensch einmal gehabt hat, als er noch Feuer atmete, und öffnete den Menschen die Augen für das, was noch vom Mond übriggeblieben war. Diesen luziferischen Einfluß empfand man als Verführung. Die in Geheimschulen Auferzogenen sahen jedoch diese Aufklärung nicht als Verführung an. Die großen Eingeweihten haben die Schlange nicht erniedrigt, sondern erhöht wie Moses in der Wüste. (4. Moses, 21, 8-9.)

Was sich in der Menschheit offenbaren sollte, hat sich lange Zeit durch Jahve als Blutsliebe offenbart. Daneben wirkte der Geist der Weisheit, ein Prinzip, das etwas anderes vorzubereiten hatte. Allmählich breitete sich die Liebe von kleineren zu größeren Menschengruppen aus, von Familien zu Volksstämmen. Ein charakteristisches Beispiel dafür ist das jüdische Volk, das sich als zusammengehörige Gruppe fühlte und alle andern als Galiläer bezeichnete, das heißt als solche, die nicht zum Blut gehörten. Der Menschheit sollte nicht bloß die Blutsliebe gegeben werden, sondern die geistige Liebe, welche die ganze Erde mit einem Bruderbunde umspannen wird. Die Zeit, in welcher die Menschheit nur durch die Verwandtenliebe zusammengehalten wurde, ist nur als Lehrzeit zu betrachten für das, was später kommen sollte. Auch die Wirkung des Luzifer, welche im Auseinandertreiben der einengenden Bande bestand, ist nur die Vorbereitung für die Wirkung eines Höheren, der kommen sollte. Diesen Höheren nannte man in der christlichen Geheimschule den wahren Lichtträger, den wahren Luzifer, den Christus...

Dann wurde Jahve durch Christus abgelöst, der eine höhere Liebe in die Welt brachte und die Menschen unabhängig machte von Stammesgenossen und Blutsverwandten. Diese universelle Liebe ist erst in ihrem Anfangsstadium. Wenn aber die Erde einmal ihre Wesen an den Jupiter abgegeben haben wird, dann werden sie von dieser geistigen Liebe ganz durchdrungen sein. Auf diese universelle Liebe weist der Ausspruch Christi hin: "So jemand zu mir kommt und hasset nicht seinen Vater, Mutter, Weib, Kinder, Brüder, Schwestern, dazu auch sein eigen Leben, der kann nicht mein Jünger sein" (Lukas 14, Vers 26). Der Geist, der diese universelle Liebe mehr und mehr über die Erde ausgießt, ist der Christus-Geist. Die Erdenentwickelung ist durch das Erscheinen des Christus Jesus in zwei Teile geteilt. Jenes Blut, das auf Golgatha geflossen ist, bedeutet die Ablösung der Verwandtenliebe durch die geistige Liebe. Dies ist der Zusammenhang zwischen Jahve, Luzifer und Christus. "
100.215ff.


Damit ergibt sich die paradoxe Perspektive, daß die Menschen in Zukunft trotz Individualisierung wieder stärker zueinander kommen werden, wenn sie die universelle Liebe durch Christus finden.



7. Das Soziale Hauptgesetz





Zunächst seien einzelne Aspekte und unterschiedliche Meinungen zu diesem Gesetz nebeneinandergestellt. Dabei gebe ich vorwiegend Standpunkte aus den Büchern "Das Soziale Hauptgesetz" und "Der Anthroposophische Sozialimpuls" von Dieter Brüll wieder.
Ich empfehle zunächst die Erläuterungen zum Sozialen Hauptgesetz, die Steiner dem Gesetz unmittelbar folgen ließ, zu lesen, da sie für die folgenden Darstellungen vorausgesetzt werden.


7.1 Aspekt: Gemeinschaftsgröße

Dieter Brüll:

"Und nirgends hat Steiner so auf das Mesosoziale hingewiesen als gerade bei der Behandlung des sozialen Hauptgesetzes. Welche 'Gesamtheit' hat denn schon in unserer Zeit eine 'geistige Mission', zu deren Erfüllung 'jeder einzelne' beitragen will, wenn man über die institutionelle Ebene hinaus und in das Anonyme hineingeht? Und wenn man bei der Verwirklichung des Gesetzes darauf angewiesen ist, 'daß man es mit Menschen zu tun habe, die den Weg aus dem Egoismus heraus finden', so wird man doch heute nur an kleine Gemeinschaften denken dürfen, für die 'diese Gesamtheit etwas ganz anderes ist als eine mehr oder weniger unbestimmte Summe von einzelnen Menschen.' "
Der..., S.133


Walter Kugler:

"Ein Schlüssel zum Verständnis des Sozialen Hauptgesetzes findet sich in Rudolf Steiners Vortrag vom 9. April 1919...
'Sobald man in das gewöhnliche wirtschaftliche Leben, in denjenigen sozialen Organismus hineinschaut, in welchen im modernen Sinne an die Stelle der alten primitiven Wirtschaft jene Wirtschaft getreten ist, die auf Arbeitsteilung beruht, ist das (eine) Tatsache, daß, je weiter die Arbeitsteilung fortgeschritten ist, desto weniger der einzelne Mensch jedenfalls volkswirtschaftlich für sich arbeiten kann. Ich spreche damit ein volkswirtschaftliches Prinzip aus, das ich mich seit dem Jahre 1904 bemühe, populär zu machen.'
329.170f.

Daß es sich bei dem Sozialen Hauptgesetz um ein volkswirtschaftliches Prinzip handelt, ergibt sich ja bereits aus dem ihm in der Aufsatzfolge1905/06 vorangehenden Inhalt, der sich ja hauptsächlich mit dem Problem der Arbeitsteilung beschäftigt und sich des weiteren mit der Frage der Ausbeutung auseinandersetzt... Es ist auffallend, daß Rudolf Steiner während seines Wirkens für den Dreigliederungsimpuls expressis verbis das Soziale Hauptgesetz nie anführt, sondern lediglich in bestimmten Zusammenhängen auf dieses Gesetz verweist. Zieht man zum Beispiel den wohl letzten 'Dreigliederungsvortrag' vom 29. August 1922, gehalten unter dem Titel 'Der Mensch in der sozialen Ordnung' in Oxford (GA 305, wb), zu Rate, so wird man erkennen, warum Rudolf Steiner so vorgeht. Die Trennung von Arbeit und Einkommen taucht nämlich innerhalb des Dreigliederungsgedankens in metamorphosierter oder, man könnte auch sagen: in präzisierter Form wieder auf. Sie wird vollzogen dadurch, daß die Bewertung der Arbeit zum Gegenstand des Rechtslebens wird, also dem Wirtschaftsleben entzogen wird. Und darin liegt eigentlich das Neue in Steiners Gedankengebäude... "
Das..., S. 68f.



Karl Buchleitner:

"Die Dreigliederung als eine ordnungspolitische Idee wird in das falsche Licht gebracht, wenn sie mit einem mißverstandenen Sozialen Hauptgesetz in Verbindung gebracht wird. Was man heute lesen kann von einem 'Anthroposophischen Sozialimpuls' (ein Wort, das bei Rudolf Steiner nirgends vorkommt). Die dort vorgebrachten Vorstellungen führen dazu, daß die Grundidee der Dreigliederung verstellt wird, daß die Freiheitsidee verloren geht und die großen politischen Aufgaben nicht gesehen werden... Zu der Gefahr, die durch die Bildung kleiner Grüppchen entstehen kann, hat Rudolf Steiner 1918 Stellung genommen... Die Konsequenz der Gruppenbildung liegt auf der Hand: Das Interesse am Weltgeschehen nimmt ab, man fühlt sich in den Gruppen wohl, man kann sogar vordergründig gegen Auswüchse unserer kranken politischen Situation protestieren ohne den Willen aufzubringen, die großen Weltzusammenhänge zu duchschauen und bis zu den Ursachen vorzustoßen, wo nur Besinnung auf die Grundlagen und ein 'energisches Denken' weiterhelfen soll."
Das..., S. 76f.


Gerhard von Beckenrath:

"Nachdem Rudolf Steiner die Haupteinrichtungen zur Verwirklichung des Sozialen Hauptgesetzes beschrieben hat, fährt er fort: 'Dazu ist aber eine Voraussetzung notwendig. Wenn ein Mensch für den anderen arbeitet, dann muß er in diesem anderen den Grund zu seiner Arbeit finden... Die Gesamtheit muß eine geistige Mission haben; und jeder einzelne muß dazu beitragen wollen, daß diese Mission erfüllt werde.' An dieser Stelle ist deutlich zu sehen, welcher Art die 'Gesamtheiten' im Sinne des Sozialen Hauptgesetzes - wie sie an vielen Stellen des Aufsatzes erwähnt werden - sein müssen, damit Schritte in Richtung auf eine Verwirklichung möglich sind: Sie müssen überschaubar sein, die Menschen müssen sich kennen und schätzen; dafür aber ist das Bewußtsein einer gemeinsamen geistigen Mission notwendig, die 'bis in den einzelnen hinunter' wirksam ist... Nur von solchen überschaubaren Gesamtheiten, nicht von makrosozialen Zusammenhängen (weltwirtschaftliche Arbeitsteilung, Rechtssphäre des Staates) ist in dem begleitenden Text die Rede!... Die Einkommensregelungen, an die in den Kernpunkten der sozialen Frage gedacht ist, konnten nicht als aus der geistigen Mission überschaubarer Gesamtheiten hervorgehend dargestellt werden. Es wird dort zwar auch von der Notwendigkeit der Trennung von Arbeit und Einkommen gesprochen. Nur beziehen sich die vorgeschlagenen Wege - entsprechend den allgemeinen (makrosozialen) Verhältnissen, für die die Kernpunkte geschrieben sind - auf staatliche Rechtsordnungen bzw. Übereinkünfte zwischen den in sich selbständigen drei Gliedern des sozialen Organismus bzw. deren Organisationen. Man könnte sie als Rahmenbedingungen verstehen, z.B. für ein Mindesteinkommen, gestaffelt nach Familienstand. Innerhalb dieses Rahmens könnte nach Rudolf Steiner ein 'wirklich freies Vertragsverhältnis' zwischen 'Arbeitsleiter und Arbeitsleister' die Aufteilung des gemeinsam erwirtschafteten Ertrages in jedem Unternehmen regeln;...
Rudolf Steiner war Realist. Seine Vorschläge für generell gangbare Wege der Einkommensfindung lassen das (in den Kernpunkten nicht erwähnte) Soziale Hauptgesetz zwar durchscheinen, aber eben doch abgestuft."
Das..., S. 80ff.


Mein Verständnis: Da ich - wie gesagt - die Sozialgesetze miteinander verflochten und keines einem anderen untergeordnet sehe, ergibt sich mir daraus, daß das Hauptgesetz für mikro- bis makrosoziale Gemeinschaften gilt, von der Familie bis zur Menschheit. Das Gesetz enthält das Wort "Mitarbeiter", doch hierin sehe ich kein Hindernis selbst für eine familiäre Gültigkeit. Gerade die Erziehung und Sorge, die gesamte Hausarbeit sollte von einem Nehmen und Geben, von einem nicht auf unmittelbare Gegenleistung bedachten Einsatz geprägt sein, was für mich eine Mit-Arbeit im erweiterten Sinne ist.

Nun noch einige Worte zu den Standpunkten, die ja recht unterschiedlich sind. Brüll und v. Beckenrath unterstützen die Anwendbarkeit auf kleineren Verbandsebenen. Damit stimme ich überein, nicht aber mit einer Mesodreigliederung wie sie Brüll entwickelt (s. Abschnitt 5.2).

Ich bezweifele nicht, daß es Steiner 1919 mit der Dreigliederung u.a. um eine makrosoziale (volkswirtschaftliche) Trennung von Arbeit und Einkommen ging und das "ältere" Soziale Hauptgesetz dahingehend eine Fortentwicklung und Verwandlung erfuhr. 1905/06 schrieb er das Soziale Hauptgesetz vor einem anderen zeitgenössischen Hintergrund, wobei sich der Gedankenkreis mehr um kleinere Gemeinschaften - vor allem um die Mißstände in Unternehmen - drehte. Also eher ein betriebswirtschaftliches Prinzip. Ansonsten hätte die Beschreibung der Versuche Robert Owens nicht so breiten Raum eingenommen. Ansonsten hätte Steiner wohl den Passus mit der Mission und den einer "Gesamtheit", die "noch etwas ganz anderes ist als eine mehr oder weniger unbestimmte Summe von einzelnen Menschen", nicht erwähnt.


7.2 Aspekt: Polarität

Die Polarität des Gesetzes kann je nach dem zu betonenden Aspekt verschieden benannt werden, worin ich auch wieder eine Übung in beweglicher Begriffsbildung sehe. Die genannten Begriffe stellen eine Reihenfolge von einfachen zu fortentwickelten Entwicklungsstufen dar:
Selbstbehauptung - Selbstversorgung - Egoismus (Eigennutz) - Eigenliebe (krankhaft: Ich-Sucht) - Gruppenegoismus (unter Blutsverwandten) - Fremdversorgung - Geschwisterlichkeit/Liebe im engeren Sinne (Blutsverwandtenliebe) - Altruismus (Selbstlosigkeit) - Geschwisterlichkeit/Liebe (zukünftig: universelle Liebe zu allen Menschen)

Manche Begriffe sind als Polbezeichnungen nicht zweckdienlich.
Viel Fremdversorgung inform hoher Arbeitsteilung bedeutet nicht zwingend das "Heil der Gesamtheit", denn die Quantität sagt wenig über die Qualität aus, ob die Arbeit wirklich die Bedürfnisse der anderen erfüllt oder ob damit eher ein hoher Verdienst verfolgt wird.

Egoismus und Altruismus sind auch unbefriedigend. Ein geistiger Egoismus muß nicht unbedingt wirtschaftlich schädlich sein, vor allem wenn dahinter geniale Fähigkeiten stecken. Der Egoismus ist schädlich, indem der einzelne mehr Kapital sammelt, als es für seine persönlichen Bedürfnisse notwendig ist. Altruismus als Selbstlosigkeit übersetzt, ist mir zu "blass". Was heißt schon selbstlos? Ich arbeite nicht zu meinem Eigennutz, zu meinem Egoismus. Ist dann aber schon gleich die Arbeit für andere in meinem Blickfeld?


7.3 Aspekt: Mission

"Wenn ein Mensch für einen anderen arbeitet, dann muß er in diesem anderen den Grund zu seiner Arbeit finden; und wenn jemand für die Gesamtheit arbeiten soll, dann muß er den Wert, die Wesenheit und Bedeutung dieser Gesamtheit empfinden und fühlen. Das kann er nur dann, wenn die Gesamtheit noch etwas ganz anderes ist als eine mehr oder weniger unbestimmte Summe von einzelnen Menschen. Sie muß von einem wirklichen Geiste erfüllt sein, an dem ein jeder Anteil nimmt. Sie muß so sein, daß ein jeder sich sagt: sie ist richtig, und ich will, daß sie so ist. Die Gesamtheit muß eine geistige Mission haben; und jeder einzelne muß beitragen wollen, daß diese Mission erfüllt werde."
34.34 (Einzelausgabe)


Wer die soziale Frage gleich mit einer makrosozialen Veränderung vorwärtsbringen will, dem mag diese Aussage wenig sinnvoll erscheinen (s. z.B. oben unter 7.1 Karl Buchleitner). Müssen aber nicht manche Aufgaben und Ideen erst in Gruppen und Grüppchen erübt und "abgeschliffen" werden bevor sie z.B. innerhalb eines Volkes angenommen werden. Die soziale Dreigliederung per Volksentscheid einzuführen halte ich gegenwärtig für utopisch. Doch in Gruppen Erfahrungen mit dem "arbeiten für andere" zu sammeln, das ist für mein Verständnis ganz zeitnah. Dann kommen die Fragen: Was will der andere, was kann ich für ihn tun? Ich finde es spannend, wenn Menschen über Lösungen nachdenken, wie sie ihrem innersten Impuls nachgehen und nicht primär auf den Verdienst schauen. Sicher ist der gesellschaftliche Rahmen dafür nicht ideal, doch innerhalb von Gruppen können wir Lösungen realisieren, die sonst nie möglich wären. Da kann nicht Dreigliederung, aber doch ein wenig das soziale Hauptgesetz in positiver Art erlebt werden. Dreigliederung braucht viel Zuarbeit von vielen Gruppen und Menschen, die kulturkreative und unternehmerische Vorarbeit leisten. Dreigliederung ist die markrosoziale "Frucht" mikro- und mesosozialer Initiativen.

Was könnte eine geistige Mission sein?
Wo gibt es das, daß eine Gesamtheit von Menschen an der Erfüllung einer geistigen Mission arbeitet ?
Denken Sie da nicht auch gleich an ein Kloster? Ich habe da spontan das Bild einer amerikanischen Unternehmens aus der IT-Branche im Kopf, bei der die Mitarbeiter bei bestimmten Erfolgen auf das Dach Ihres Firmengebäudes stiegen und gemeinsam einen bestimmten "Erfolgsschrei" von sich gaben (apple? Nein, da schrie der Firmengründer allein, vorwiegend gen Windows).
Mission hat auch mit religiöser Sendungsaufgabe zu tun, der Verbreitung eines "Heilsversprechens" unter Heiden und Andersgläubigen, denen das Himmelreich und Sündenerlaß versprochen wird, wenn sie an Gott, an den einen Gott glauben. Mission im Sinne einer Vision.

Welche Vision bietet die Anthroposophie, die zwar kein religiöser Glaube sein will, die aber doch eine Erneuerung religiöser Erkenntnisse anbietet? Hans J. Windelberg weist auf den Vortag Steiners "Was tut der Engel in unserem Astralleib?" hin (Das..., S. 107), aus dem ich folgenden Auszug (mit eigenen Hervorhebungen) wiedergebe:


"Was tun die Engel in unserem astralischen Leibe? Wir können nur dann uns überzeugen, was sie da tun, wenn wir bis zu einem gewissen Grade hellsichtiger Beobachtung aufsteigen, so daß wir sehen, was in unserem astralischen Leibe drinnen sich abspielt. Also bis zu einem gewissen Grade wenigstens der imaginativen Erkenntnis muß aufgestiegen werden, wenn die angedeutete Frage beantwortet werden soll. Dann zeigt sich, daß diese Wesenheiten aus der Hierarchie der Angeloi - und in gewisser Weise jeder einzelne der Angeloi, der für jeden Menschen gewissermaßen seine Aufgabe hat, aber auch namentlich durch ihr Zusammenwirken - Bilder im menschlichen astralischen Leibe formen. Unter der Anleitung der Geister der Form formen sie Bilder. Wenn man nicht aufsteigt zur imaginativen Erkenntnis, so weiß man nicht, daß fortwährend in unserem Astralleib Bilder geformt werden. Sie entstehen und vergehen, diese Bilder. Würden diese Bilder nicht geformt, so gäbe es keine Entwickelung der Menschheit in die Zukunft hinein, die den Absichten der Geister der Form entspricht. Was die Geister der Form mit uns bis zum Ende der Erdenentwickelung weiter erreichen wollen, das müssen sie zuerst in Bildern entwickeln, und aus diesen Bildern wird dann später die umgestaltete Menschheit, die Wirklichkeit. Und diese Bilder in unserem astralischen Leibe formen heute schon die Geister der Form durch die Engel. Die Engel formen im menschlichen astralischen Leib Bilder, Bilder, die man mit dem zur Hellsichtigkeit entwickelten Denken erreichen kann. Und man kann diese Bilder, welche die Engel in unserem astralischen Leibe formen, verfolgen. Dann zeigt sich, daß diese Bilder nach ganz bestimmten Impulsen, nach ganz bestimmten Prinzipien geformt werden. Und zwar so werden sie geformt, daß in der Art, wie diese Bilder entstehen, gewissermaßen Kräfte für die zukünftige Entwickelung der Menschheit liegen. Wenn man - so sonderbar es klingt, man muß das so ausdrücken - die Engel bei dieser ihrer Arbeit betrachtet, so haben diese Engel bei dieser ihrer Arbeit eine ganz bestimmte Absicht für die künftige soziale Gestaltung des Menschenlebens auf Erden; und sie wollen solche Bilder in den menschlichen astralischen Leibern erzeugen, welche ganz bestimmte soziale Zustände im menschlichen Zusammenleben der Zukunft herbeiführen.

Die Menschen können sich sträuben, anzuerkennen, daß Engel in ihnen Zukunftsideale auslösen wollen, aber es ist doch so. Und zwar wirkt ein ganz bestimmter Grundsatz bei dieser Bilderformung der Angeloi. Es wirkt der Grundsatz, daß in der Zukunft kein Mensch Ruhe haben soll im Genusse von Glück, wenn andere neben ihm unglücklich sind. Es herrscht ein gewisser Impuls absolutester Brüderlichkeit, absolutester Vereinheitlichung des Menschengeschlechtes, richtig verstandener Brüderlichkeit mit Bezug auf die sozialen Zustände im physischen Leben. Das ist das eine, der eine Gesichtspunkt, nach dem wir sehen, daß die Angeloi die Bilder im menschlichen astralischen Leibe formen.

Aber es gibt noch einen zweiten Impuls, unter dessen Gesichtspunkt diese Angeloi formen; das ist: sie verfolgen nicht nur gewisse Absichten mit Bezug auf das äußere soziale Leben, sondern sie verfolgen auch gewisse Absichten mit Bezug auf die menschliche Seele, auf das seelische Leben der Menschen. Mit Bezug auf das seelische Leben der Menschen, da verfolgen sie durch ihre Bilder, die sie dem astralischen Leibe einprägen, das Ziel, daß in der Zukunft jeder Mensch in jedem Menschen ein verborgenes Göttliches sehen soll.

Also wohlgemerkt: Anders soll es werden nach der Absicht, die in der Arbeit der Angeloi liegt. Es soll werden so, daß wir nicht den Menschen gewissermaßen wie ein höherentwickeltes Tier nur seinen physischen Qualitäten nach betrachten, weder in der Theorie noch in der Praxis, sondern daß wir jedem Menschen entgegentreten mit dem voll ausgebildeten Gefühl: In dem Menschen erscheint etwas, was aus den göttlichen Weltengründen heraus sich offenbart, durch Fleisch und Blut sich offenbart. - Den Menschen zu erfassen als Bild, das sich aus der geistigen Welt heraus offenbart, so ernst als möglich, so stark als möglich, so verständnisvoll als möglich, das wird in die Bilder durch die Angeloi gelegt.

Das wird einmal, wenn es verwirklicht wird, eine ganz bestimmte Folge haben. Alle freie Religiosität, die sich in der Zukunft innerhalb der Menschheit entwickeln wird, wird darauf beruhen, daß in jedem Menschen das Ebenbild der Gottheit wirklich in unmittelbarer Lebenspraxis, nicht bloß in der Theorie, anerkannt werde. Dann wird es keinen Religionszwang geben können, dann wird es keinen Religionszwang zu geben brauchen, denn dann wird die Begegnung jedes Menschen mit jedem Menschen von vornherein eine religiöse Handlung, ein Sakrament sein, und niemand wird durch eine besondere Kirche, die äußere Einrichtungen auf dem physischen Plan hat, nötig haben, das religiöse Leben aufrechtzuerhalten. Die Kirche kann, wenn sie sich selber richtig versteht, nur die eine Absicht haben, sich unnötig zu machen auf dem physischen Plane, indem das ganze Leben zum Ausdruck des Übersinnlichen gemacht wird. Das liegt wenigstens den Impulsen der Arbeit der Engel zugrunde: vollständige Freiheit des religiösen Lebens über die Menschen hin auszugießen. Und ein drittes liegt zugrunde: den Menschen die Möglichkeit zu geben, durch das Denken zum Geist zu gelangen, durch das Denken über den Abgrund hinweg zum Erleben im Geistigen zu kommen. Geisteswissenschaft für den Geist, Religionsfreiheit für die Seele, Brüderlichkeit für die Leiber, das tönt wie eine Weltenmusik durch die Arbeit der Engel in den menschlichen astralischen Leibern. Man braucht, möchte ich sagen, nur sein Bewußtsein bis zu einer gewissen anderen Schichte hinaufzuheben, dann fühlt man sich hineinversetzt in diese wunderbare Arbeitsstätte der Angeloi in dem menschlichen astralischen Leibe.

Nun ist es so, daß wir im Zeitalter der Bewußtseinsseele leben, und in diesem Zeitalter der Bewußtseinsseele tun die Angeloi im menschlichen astralischen Leibe das, was ich eben erzählt habe. Die Menschen sollen nach und nach bewußt zum Erfassen dessen kommen, was ich eben erzählt habe. Das gehört in die menschliche Entwickelung hinein. "
182.143ff.



7.4 Aspekt: Schon verwirklicht?

Sind der Soldat und der Beamte Beispiele, wo das Soziale Hauptgesetz verwirklicht ist? Hier ist zwar nicht das im Angestellten- und Arbeiterrecht geltende Leistungsprinzip außer Kraft gesetzt, doch der Gesetzgeber richtet den Sold bzw. die Besoldung nicht unmittelbar daran aus, sondern nach dem sogenannten Alimentationsprinzip. Danach muß der Dienstherr den Lebensunterhalt sichern, erwartet dem gegenüber eine erhöhte Treue seiner "Untergebenen" (z.B. gibt es kein Streikrecht).

"Nun könnte leicht jemand sagen: Wenn du forderst, daß des Menschen Existenz unabhängig sein soll von seiner Leistung, dann ist das Ideal am schönsten erfüllt beim Beamten. Der heutige Beamte ist unabhängig. Das Maß seiner Existenz ist nicht abhängig von dem Produkte, das er hervorbringt, sondern von dem, was man für seine Existenz für notwendig hält. - Gewiß, nur hat ein solcher Einwand wirklich seinen sehr großen Fehler. Es kommt darauf an, daß jeder einzelne in voller Freiheit imstande ist, dieses Prinzip zu respektieren und in das Leben umzusetzen. Nicht kommt es darauf an, daß dieses Prinzip durch allgemeine Gewalt durchgeführt wird. Es muß sich dieses Prinzip, das persönlich Erworbene und zu Erwerbende unabhängig zu machen von dem, was man für die Gesamtheit arbeitet, bis ins einzelne Menschenleben durchsetzen. "
54.100


"Die Arbeit gehört der Menschheit, und die Existenzmittel müssen den Menschen auf anderem Wege geschaffen werden als durch Bezahlung seiner Arbeit. Ich möchte sagen, wie ich es schon in- jener Abhandlung getan habe: Wenn gerade das Prinzip des Militarismus, aber ohne Staat, übertragen werden würde auf einen gewissen Teil - ich will gleich von diesem Teil sprechen - der sozialen Ordnung, dann würde ungeheuer viel gewonnen werden. - Aber zugrunde liegen muß eben die Einsicht, daß gleich Unheil da ist auf sozialem Boden, wenn der Mensch so in der Sozietät drinnensteht, daß er für seine Arbeit, je nachdem er viel oder wenig tut, also nach seiner Arbeit eben, bezahlt wird. Der Mensch muß aus anderer sozialer Struktur heraus seine Existenz haben. Der Soldat bekommt seine Existenzmittel, dann muß er arbeiten; aber er wird nicht unmittelbar für seine Arbeit entlohnt, sondern dafür, daß er als Mensch an einer bestimmten Stelle steht. Darum handelt es sich. Das ist es, was das notwendigste soziale Prinzip ist, daß das Erträgnis der Arbeit von der Beschaffung der Existenzmittel völlig getrennt wird, wenigstens auf einem gewissen Gebiete des sozialen Zusammenhangs. Solange nicht diese Dinge klar durchschaut werden, solange kommen wir zu nichts Sozialem, solange werden Dilettanten, die manchmal aber Professoren sind, wie Menger, von " vollem Arbeitsertrag " und dergleichen sprechen, was alles Wischiwaschi ist. Denn gerade der Arbeitsertrag muß von der Beschaffung der Existenzmittel in einer gesunden sozialen Ordnung völlig getrennt werden. Der Beamte, wenn er nicht durch den Mangel an Ideen Bureaukrat würde, der Soldat, wenn er nicht durch den Mangel an Ideen Militarist würde, ist in gewisser Beziehung - in gewisser Beziehung, mißverstehen Sie mich nicht - das Ideal des sozialen Zusammenhanges. 185a.213f



Ist das Soziale Hauptgesetz in den heilpädagogischen Camphill-Einrichtungen verwirklicht?

"Ich fragte - es war im Jahre 1956 - Karl König, wie er so zahlreiche Menschen als Mitarbeiter gewinnen könne, die nichts verdienen. Ja, verdienen täten sie tatsächlich keinen Penny, aber wenn ich meinte, sie hätten kein Einkommen, dann hätte ich einen grundfalschen Eindruck. Hier bei ihnen bekämen alle Mitarbeiter ein qualitativ hochwertiges Essen... wohnten in wirklich schönen Häusern mit geschmackvoller Einrichtung -..., können beinahe allabendlich an hochstehenden kulturellen Veranstaltungen teilnehmen... es ist trozdem noch genug Geld da, jedem... schöne Ferien zu ermöglichen und außerdem... Kinder in eine Pensionats-Waldorfschule schicken zu können. So lernte ich den Einkommensbegriff auf einmal als Realeinkommen kennen.
Grundsätzlich verdient in Camphill niemand. Jeder befriedigt seine Bedürfnisse aus dem, was die Gesamtheit erwirtschaftet... In den meisten Camphillniederlassungen ist das soziale Hauptgesetz weitgehend verwirklicht. Die Voraussetzungen, die Steiner nennt, sind in sofern gegeben, als tatsächlich solche Einrichtungen geschaffen worden sind, daß niemals jemand die Früchte seiner Arbeit für sich in Anspruch nehmen kann und daß jedes der sich existentiell mit Camphill verbindenden Mitglieder in in den Dienst der 'geistigen Mission' der Gesamtheit stellt."
Der..., S. 135f.


Manfred Kannenberg-Rentschler:

"Zweifellos haben wir es hier mit Einrichtungen zu tun, wo innerhalb der Gemeinschaft der Zwang, für sich zu arbeiten, zunächst aufgehoben ist, etwa in Camphill, wo niemand etwas 'verdient', sondern seine Bedürfnisse aus dem befriedigt, was die Gesamtheit erwirtschaftet. - Aber wie erwirtschaftet die Gemeinschaft ihre Einnahmen? Mit welchem Recht sprechen wir bei einem solchen heilpädagogischen Dorf überhaupt von einer 'Gesamtheit' zusammenarbeitender Menschen, wenn wir uns schon an den Wortlaut des Hautgesetzes von 1905 anlehnen? Heißt es nicht den volkswirtschaftlichen Prozeß anhalten, wenn wir die Wirklichkeit dieses Gesetzes ausschließlich in dieser Sphäre der persönlichen Bedürfnisse und Arbeitsantriebe in kleinen Weltanschauungsgemeinschaften suchen?"
Das..., S. 42f.



7.5 Aspekt: Sprachliche Wandlungen des Sozialen Hauptgesetzes

Zwei Wandlungen bzw. Metamorphosen des Hauptgesetzes füge ich hier an, die ich anfangs nicht gleich als solche erkannte. Sicher gibt es noch mehr im riesigen Werk Steiners. Die erste steht in dem Kontext, wo Steiner beschreibt, daß uns in der Zukunft keine Freude mehr bei der Erzeugung eines Produktes entstehen kann und daß diese durch die Liebe von Mensch zu Mensch ersetzt werden muß. Diese Tatsache kann jeder leicht wahrnehmen, der einen ungetrübten Blick in unsere öde, spezialisierte Arbeitswelt von heute wirft. Diese Tatsache scheint mir daher auch ganz wesentlich zu sein für ein Verständnis der im Abschnitt 7.3 erwähnten Mission. Daher füge ich einen längeren Auszug dieses Vortrages bei. Am Schluß dieses Zitats finden Sie dann das verwandelte Soziale Hauptgesetz.



"Dasjenige, was uns umgibt, was wir in Beruf und Erwerb in der Welt hervorbringen können, wir können es nicht anders hervorbringen als in einem arbeitsfrohen Leben. Denken Sie sich, was es ausmacht, wenn die Arbeiter wie in dem Gedicht bei dem arbeitsfrohen Lied ihre Arbeit vollbringen können. Der einzelne Hammerschmied konnte das. Er kannte die Arbeit von ihrem Anfang bis zum fertigen Produkt. Die Arbeit kann nicht aus dem Erwerb erwachsen, keinerlei Arbeit ist aus dem Erwerb erwachsen. Versuchen Sie den Blick auf die einfache Arbeit zurückzuwerfen: Im Rhythmus vollzog sie sich, der Hammer des Schmiedes schlug im Rhythmus, und das Lied begleitete den Rhythmus. Die Impulse, die zu vergleichen sind mit Lust und Liebe, die waren es, die zur Arbeit trieben. Je weiter Sie zurückgehen, desto mehr finden Sie, daß Erwerb und Beruf zwei ganz und gar verschiedene Dinge sind.

Dasjenige, was der Mensch als Arbeit leistet, tut er aus einem Impuls gegenüber der Sache heraus. Etwas anderes ist es, sich einen Erwerb zu verschaffen. Das ist aber der Grund unseres modernen Elends, daß Erwerb und Beruf, daß Lohn und Arbeit eins geworden sind, zusammengefallen sind. Das ist dasjenige, worin unsere Betrachtung einmal gipfeln muß. Ein Mensch, der ein kleines Glied in der Fabrik verarbeitet in der heutigen Art und Weise, wird nimmermehr die Hingabe haben können für das Produkt, das den früheren Handwerker kennzeichnete; das ist unwiederbringlich dahin. Niemals wird es bei unseren komplizierten Verhältnissen in der Zukunft möglich sein, daß das Arbeitsfeld durchflutet wird von einem arbeitsfrohen Liede. Das ist verklungen, das Lied, das an das Produkt sich anschließt!

Wir fragen: Gibt es einen anderen Impuls, der als Ersatz hinzutreten kann? Wenn wir den Blick auf die Reihe der Jahre werfen, wo immer mehr Fabriken geschaffen wurden und immer mehr Menschen in die Stätten des modernen Elends zu Betrieben und Erwerb zusammengetrieben worden sind, wenn wir das alles an uns vorüberziehen lassen, dann sehen wir - mag auch vieles anders geworden sein -, daß man meint, die künftige Entwickelung an die Vergangenheit, als Lust und Liebe noch die Impulse der Arbeit waren, einfach anstücken zu können. Die Menschheit hat aber nicht einen Ersatz schaffen können, der den Menschen wieder anschließt an das Produkt. Das kann auch nicht wiedergebracht werden. Aber etwas anderes kann gemacht werden. Was kann an die Stelle treten? Wie können wieder Lust und Liebe Impulse werden, die Fittiche werden für die Tagesarbeit? Wie können sie geschaffen werden?

Ja, wird mancher einwenden, schaffe einmal Impulse für eine Arbeit, welche schmutzig, schlecht und abscheulich ist! - Es gibt solche Impulse. Man versuche nur daran zu denken, was Mütter tun, wenn sie die Arbeit aus Liebe zum Kinde tun. Denken Sie daran, wozu der Mensch imstande ist, wenn er aus Liebe zu anderen Menschen etwas tut. Da braucht es keine Liebe zum Produkt der Arbeit, da braucht es ein Band zwischen Mensch und Mensch. Die Liebe zum Produkt können Sie bei der Menschheit nicht zurückbringen, denn die war an primitive, einfache Verhältnisse gebunden. Dasjenige aber, was die Zukunft bringen muß, das ist die große, allumfassende Verständigung und Liebe von Mensch zu Mensch. Ehe nicht ein jeder Mensch aus den tiefsten Impulsen, die nur eine geistige Weltbewegung zu geben vermag, den Antrieb für seine Tätigkeit finden kann, ehe er nicht imstande ist, die Arbeit aus Liebe für seine Mitmenschen zu tun, eher ist es nicht möglich, echte Impulse für eine Zukunftsentwickelung im Sinne des Menschenheils zu schaffen.

So haben wir als Impuls hingestellt, was alle Geheimwissenschaft seit urvordenklichen Zeiten weiß. Es gibt nämlich ein Geistesgesetz, das lautet: Im sozialen Leben ist nur dasjenige für das Heil der Menschen ersprießlich, was die Menschen nicht für sich, sondern für die Gesamtheit der Menschen tun. Alle Arbeit muß zum Unheil gereichen, die die Menschen nur für sich tun. Das ist scheinbar ein harter Grundsatz, aber dieser harte Grundsatz ist das Ergebnis wahrer Erkenntnis. "
56.244ff.


Bei dem nächsten Zitat sollte ich erwähnen, daß es sowohl als eine Wandlung des Sozialen Hauptgesetzes verstanden werden kann, als auch als eine Wandlung des Sozialen Kausalitätsgesetzes. Wenn auch nicht beide in vollem Umfang in der nachfolgenden Formulierung enthalten sind:

"Was ist denn eigentlich die Grundtatsache, gleichsam das Grundphänomen, von dem alles Elend, alles soziale Leid überhaupt in der Welt abhängen kann? - Diese Grundtatsache kann uns die Geist-Erkenntnis zeigen, indem sie uns vor eine, heute von der größten Zahl der Menschen gar nicht verstandene und gar nicht anerkannte Tatsache stellt. Diese Tatsache hängt zusammen mit einer Grunderscheinung aller Entwickelung. Man möchte sagen, trocken ausgesprochen, sie zeigt uns durch eine tiefere Lebensbetrachtung, daß Not, Leid und Elend nicht allein -- und am allerwenigsten, wenn man auf den Grund geht - abhängt von äußeren Verhältnissen, sondern von einer gewissen Seelenverfassung und im Zusammenhang damit mit deren äußeren Wirkungen.
Der Praktiker, der sich viel gescheiter dünkt, wird das lächerlich finden. Aber es ist das Praktischste im Leben, was man nur betonen kann. Es ist der Satz, von dem Sie sich mehr und mehr überzeugen werden, daß Not, Elend und Leid nichts anderes sind als eine Folge des Egoismus. Wie ein Naturgesetz haben wir diesen Satz aufzufassen, nicht so, daß etwa bei einem einzelnen Menschen, wenn er egoistisch ist, immer Not und Leid eintreten müssen, sondern daß das Leid - vielleicht an einem ganz andern Orte - doch mit diesem Egoismus zusammenhängt. Wie Ursache und Wirkung, hängt der Egoismus mit Not und Leid zusammen. Der Egoismus führt im Menschenleben, in der sozialen Menschenordnung, zum Kampf ums Dasein. Der Kampf ums Dasein ist der eigentliche Ausgangspunkt für Not und Leid, sofern sie sozial sind. "
54.96



8. Das Soziale Urphänomen



"Der Ausdruck 'Urphänomen' stammt von Goethe - was Steiner selber ausdrücklich hervorhebt - und kommt aus seiner Farbenlehre. Anders als Newton führt Goethe die Farben nicht allein auf das Licht zurück, sondern auf ein Zusammenspiel von Licht und Finsternis. Dieses Zusammenspiel nennt er 'Urphänomen' und versucht zu zeigen, wie sich kompliziertere Phänomene, wie der Regenbogen, durch dieses Urphänomen erklären lassen. Steiner macht dasselbe mit der Sozialwissenschaft. Die Gesellschaft läßt sich für ihn nicht erklären, wenn man nur vom sozialen Menschen ausgeht. Sie besteht vielmehr aus einem Zusammenspiel von Sozialität und Antisozialität. Er versucht daher zu zeigen, daß sowohl im Denken, als im Fühlen und Wollen, der Mensch auch eine starke antisoziale Seite hat."
www.dreigliederung.de


Vielen Dank an Sylvain Coiplet, der die Begriffsentstehung erklärt hat.

8.1 Der Egoismus - Antisoziales im Willen

Nicht nur die Farbenlehre, auch die moderne Sozialwissenschaft führt also in eine einseitige Sichtweise, wenn dem Menschen nur antisoziales oder soziales Verhalten unterstellt wird. Hand in Hand geht damit ein verengtes Bild vom Egoismus einher, was soweit für das Urphänomen bedeutsam ist, als es sich ja nicht allein auf das Denken und Fühlen bezieht, sondern auch auf das Handeln.

Solange wir den Menschen mit dem Tier auf eine Stufe stellen und ihn nicht primär als ein Geistwesen betrachten, solange müssen wir in dem Gerede vom Selbsterhaltungstrieb auch eine Wahrheit empfinden. Auch die aus dem Darwinismus abgeleitete Nationalökonomie ist ja nichts besseres als eine Wirtschaft wilder Tiere. Kooperation und Interesse am anderen sollen als "Schmiermittel" für die Wirtschaft nicht taugen.
Der heutige Mensch nimmt diese Theorien als Verhaltensanweisung und fühlt sich darin recht wohl, denn egoistisch zu sein verlangt ihm ja keine innere Anstrengung ab, das geht wie von selbst.

Erst mit dem Aufkeimen eines Verständnisses für den Menschen als ein geistbegabtes Wesen, kann ein neues Verständnis für den Egoismus entstehen: Dann kann es mir einleuchten, daß die Verbesserung meiner Fähigkeiten und Kenntnisse durchaus ein "heiliger" Egoismus ist, soweit ich dabei Fairness und Toleranz an den Tag lege (wie ja auch der "Kampf" innerhalb der Wirtschaft auf den "Ideen- und Fähigkeitenwettbewerb" beschränkt sein sollte). Problematisch wird dieser Egoismus erst, wo der Mensch nicht den Übergang findet, seine Fähigkeiten für andere Menschen und für die Welt fruchtbar zu machen. Dann "vergräbt" er sich in sich selbst, verhärtet und schließt sich von der Welt ab.
Sie sehen daran, wie es Folge eines materiellen Weltbildes ist, von einem dauernden Egoismus im menschlichen Leben auszugehen. Alles Leben verläuft in Polaritäten, in Rhythmen: mal bin ich bei mir, sammle Kenntnisse, bilde meine Fähigkeiten aus, mal interessiere ich mich für andere und setze meine Fähigkeiten für sie ein. Egoismus auszumerzen kann nicht das Ziel sein. Egoismus über den Punkt zu führen, wo er fruchtbar wird für die Welt, das ist die Aufgabe.

Die Pflanze kann uns darin Vorbild sein. Zunächst ernährt sie sich aus der Umgebung von allem, was sie braucht, wächst und gedeiht. Dann an dem Punkt Ihrer höchsten Entwicklung, ihrer schönsten Ausstrahlung, da bildet sie die Frucht, verwelkt und stirbt. Die Pflanze hat keine Wahl, ihr "Egoismus" - im übertragenen Sinne - wird immer in Hingabe an ein neues Leben "geopfert". Der Mensch hat die Freiheit zu wählen, ob sein Ego nur der eigenen Befriedigung dienen oder ob es der Welt einen Dienst erweisen will.

"Suchst du das Höchste, das Größte, die Pflanze kann es dich lehren:
Was sie willenlos ist, sei du es wollend! - das ist's!"

Schiller



8.2 Denken und Fühlen

Das Soziale-Antisoziale lebt nicht nur auf dem Gebiet des eigennützigen oder selbstlosen Wollens, auch im Gespräch, im Zuhören, im Denken, finden wir immer zwei mögliche Ausprägungen.
Gehe ich auf den anderen ein, nehme seine Gedanken und Einwände auf, zeige Toleranz und Geduld, versuche ich mich in ihn hineinzufühlen und hineinzudenken, dann bin ich sozial.
Aus eigener Erfahrung zeigt sich, daß wir dazu eine gewisse Kraft aufbringen müssen, innerlich still zu sein, eigenes Bewußtsein, eigenes Denken "auszuschalten" um in den anderen "hineinzuhorchen". Wie jede Anstrengung müde macht, so auch dies. Deshalb scheuen sich viele Menschen das zu tun, sie weigern sich anderen zuzuhören, sie sind intolerant, fallen ins Wort etc.

Das Antisoziale ist dabei der Ausgangspunkt in der Entwicklung, der bequem ist und ohne Anstrengung erreichbar. Das Soziale braucht Übung und Pflege und ist ein Opfer unseres Bewußtseins zugunsten des Bewußtseins eines anderen Menschen. Gerade der mitteleuropäische Mensch braucht immer wieder Zeiten, in denen er sich von anderen Menschen in einer notwendigen antisozialen Weise zurückzieht, sich innerlich sammelt, nachdenkt oder auch meditiert. Ebenso wie es sinnlos wäre den Selbsterhaltungstrieb zu bekämpfen, ebenso wäre es sinnlos ständig gegen die in unserer Kultur notwendigen, antisozialen Bewußtseinskräfte vorzugehen. Damit aber Gemeinschaft und Zusammenleben möglich ist, ist die gleichzeitige Kultivierung sozialer Kräfte eine Grundbedingung. Daher ist - wie bei einem Pendel - der antisozialen "Schwingung" eine soziale Gegenbewegung, ein Ausgleich, gegenüberzustellen.

Aus zwei Richtungen kann die Antisozialität ausgeglichen werden: Durch eine innere-seelische Arbeit und durch äußere Einrichtungen aus der sozialwissenschaftlichen Erkenntnis, daß heute nichts mehr von dem Wesen des Menschen in der Sozialordnung verbleiben darf. So muß ein äußeres Gegengewicht geschaffen werden für die innere, menschlich notwendige Antisozialität. Dieses äußere Gegengewicht können die makrosozialen Einrichtungen, die sich nach der sozialen Dreigliederung ergeben, sein: eine neue Eigentumsordnung, eine neue Geldordnung usw. Diese und weitere Einrichtungen sollten vor allem dafür sorgen, daß die menschliche Arbeitskraft nicht mehr bezahlbar ist, sondern nur noch die Leistungen der Menschen. Bleibt Arbeit weiterhin käufliche "Ware", so bleibt ein Teil des Menschen in der Sozialordnung als "Arbeit-gegen-Lohn-Verfügungsrecht" enthalten, wie früher im Sklaventum noch der ganze Mensch darin war. Dies ist eine Einrichtung, die genau entgegen einer Kultivierung sozialer Kräfte wirkt, weil sie den notwendigen Ausgleich der Antisozialität hemmt.

Zusammenfassend möchte ich feststellen, daß wir in dem Sozialen Urphänomen ein Gesetz haben, daß nicht von der Illusion ausgeht die Antisozialität abzuschaffen oder darin den einzig möglichen Arbeitsantrieb zur allgemeinen Wohlstandsteigerung sieht, sondern das zeigt, daß menschliche Entwicklung aus dem freien Zusammenspiel von Polaritäten stattfindet und erst in dem Ausgleich zwischen dem Antisozialen und dem Sozialen eine fortschreitende Kultur unter den Menschen möglich ist.


9. Das Soziale Kausalitätsgesetz


Robert Owen (1771 - 1858), britischer Unternehmer und Sozialreformer, hat sich sein ganzes Leben für die Verbesserung der Lebensverhältnisse einfacher Menschen eingesetzt. Die längste Zeit seines Lebens hat er daran geglaubt, daß der Mensch immer das Ergebnis seiner Umstände ist. Nach seiner Vorstellung ist der Mensch bei seiner Geburt weder gut noch böse und wird einzig von seiner Umwelt geprägt. Dies führte ihn zu dem Schluß, daß er durch die Veränderung der gesellschaftlichen Umstände und der alltäglichen Lebensbedingungen die Menschen selbst auch verändern kann. Dabei war er kein Theoretiker, sondern hatte auch gewissen Erfolg in der eigenen Baumwollspinnerei New Lanark in England. Als er jedoch zunehmend Kritik erfuhr, verkaufte er New Lanark und gründet in Nordamerika die Gemeinschaft New Harmony. Schon nach wenigen Jahren mußte er dieses Experiment für gescheitert erklären.

Sein Environmentalismus (Gert Raeithel, Geschichte der Nordamerikanischen Kultur, parkland, Leseprobe) beruhte nicht auf wirklicher Menschenkenntnis, was er am Ende seines Lebens zugab:

"Robert Owen darf in einem gewissen Sinne als ein Genie der praktischen sozialen Wirksamkeit bezeichnet werden. Zwei Eigenschaften waren bei ihm vorhanden, welche diese Bezeichnung wohl rechtfertigen mögen: ein umsichtiger Blick für sozialnützliche Einrichtungen und eine edle Menschenliebe. Man braucht nur zu betrachten, was er durch diese beiden Fähigkeiten zustande gebracht hat, um deren ganze Bedeutung richtig zu würdigen. Er schuf in New Lanark mustervolle industrielle Einrichtungen, und beschäftigte die Arbeiter dabei in einer Weise, daß sie nicht nur ein menschenwürdiges Dasein in materieller Beziehung hatten, sondern daß sie auch innerhalb moralisch befriedigender Verhältnisse lebten. Die Personen, welche da zusammengebracht wurden, waren zum Teil herabgekommen, dem Trunk ergeben. Er stellte bessere Elemente zwischen solche ein, die durch ihr Beispiel auf die andern wirkten. Und so wurden die denkbar günstigsten Ergebnisse zustande gebracht. Was Owen da gelang, macht es unmöglich, ihn mit anderen mehr oder weniger phantastischen 'Weltverbesserern' sogenannten Utopisten - auf eine Stufe zu stellen. Er hielt sich eben im Rahmen praktisch ausführbarer Einrichtungen, von denen auch jeder aller Träumerei abgeneigte Mensch voraussetzen kann, daß sie zunächst auf einem gewissen beschränkten Gebiete das menschliche Elend aus der Welt schaffen würden. Auch ist es nicht unpraktisch gedacht, wenn man den Glauben hegt, daß solch ein kleines Gebiet als Muster wirken und von ihm allmählich eine gesunde Entwickelung des Menschenloses in sozialer Richtung angeregt werden könnte.

Owen selbst dachte wohl so. Deshalb wagte er sich auf der betretenen Bahn noch einen weiteren Schritt vorwärts. Im Jahre 1824 ging er daran, im Gebiete Indiana in Nordamerika eine Art kleinen Musterstaates zu schaffen. Er erwarb ein Landgebiet, auf dem er eine auf Freiheit und Gleichheit gebaute menschliche Gemeinschaft begründen wollte. Alle Einrichtungen wurden so getroffen, daß Ausbeutung und Knechtung Unmöglichkeit waren. Wer an eine solche Aufgabe herantritt, muß die schönsten sozialen Tugenden mitbringen: die Sehnsucht, seine Mitmenschen glücklich zu machen, und den Glauben an die Güte der Menschennatur. Er muß der Ansicht sein, daß sich ganz von selbst innerhalb dieser Menschennatur die Lust zu arbeiten entwickeln werde, wenn der Segen dieser Arbeit durch entsprechende Einrichtungen gesichert erscheint.

In Owen war dieser Glaube so stark vorhanden, daß es schon recht schlimme Erfahrungen sein mußten, die ihn in demselben wankend werden ließen.

Und - diese schlimmen Erfahrungen traten wirklich ein. Owen mußte nach langen edlen Bemühungen zu dem Bekenntnis kommen, daß 'man mit der Verwirklichung solcher Kolonien stets scheitern müsse, wenn man nicht vorher die allgemeine Sitte umgewandelt; und daß es mehr wert wäre, auf die Menschheit auf dem theoretischen Wege einzuwirken, als auf dem der Praxis '. - Zu solcher Meinung ist dieser Sozialreformer durch die Tatsache gedrängt worden, daß sich Arbeitsunlustige genug fanden, welche die Arbeit auf ihre Mitmenschen abladen wollten, wodurch Streit, Kampf und zuletzt der Bankrott der Kolonie folgen mußten.

Owens Erfahrung kann lehrreich sein für alle, die wirklich lernen wollen. Sie kann hinüberleiten von allen künstlich geschaffenen und künstlich ausgedachten Einrichtungen zum Heile der Menschheit zu fruchtbarer, mit der wahren Wirklichkeit rechnenden sozialen Arbeit.

Gründlich geheilt konnte Owen sein durch seine Erfahrung von dem Glauben, daß alles Menschenelend nur bewirkt werde durch die 'schlechten Einrichtungen', in denen die Menschen leben, und daß die Güte der Menschennatur schon von selbst zutage treten werde, wenn man diese Einrichtungen verbessert. Er mußte sich davon überzeugen, daß gute Einrichtungen überhaupt nur aufrecht zu erhalten sind, wenn die daran beteiligten Menschen ihrer inneren Natur nach dazu geneigt sind, sie zu erhalten, wenn diese mit warmem Anteile an ihnen hängen.

Man könnte nun zunächst daran denken, es sei notwendig, die Menschen, denen man solche Einrichtungen verschaffen will, theoretisch darauf vorzubereiten. Etwa dadurch, daß man ihnen das Richtige und Zweckentsprechende der Maßnahmen klar machte. Es liegt für einen Unbefangenen gar nicht so ferne, aus Owens Bekenntnis so etwas herauszulesen. Und dennoch kann man zu einem wirklich praktischen Ergebnis nur dadurch gelangen, daß man tiefer in die Sache eindringt. Man muß von dem bloßen Glauben an die Güte der Menschennatur, der Owen getäuscht hat, zu wirklicher Menschenkenntnis vorschreiten. - Alle Klarheit, welche die Menschen jemals darüber sich aneignen könnten, daß irgendwelche Einrichtungen zweckmäßig sind und der Menschheit zum Segen gereichen können- alle solche Klarheit kann auf die Dauer nicht zum gewünschten Ziele führen. Denn durch solch eine klare Einsicht wird der Mensch nicht die inneren Antriebe zur Arbeit gewinnen können, wenn auf der anderen Seite sich bei ihm die im Egoismus begründeten Triebe geltend geltend machen. Dieser Egoismus ist einmal zunächst ein Teil der Menschennatur. Und das führt dazu, daß er sich im Gefühl des Menschen regt, wenn dieser innerhalb der Gesellschaft mit anderen zusammen leben und arbeiten soll. Mit einer gewissen Notwendigkeit führt dies dazu, daß in der Praxis die meisten eine solche gesellschaftliche Einrichtung für die beste halten werden, durch welche der einzelne seine Bedürfnisse am besten befriedigen kann. So bildet sich unter dem Einfluß der egoistischen Gefühle ganz naturgemäß die soziale Frage in der Form heraus: welche gesellschaftlichen Einrichtungen müssen getroffen werden, damit ein jeder für sich das Erträgnis seiner Arbeit haben kann? Und besonders in unserer materialistisch denkenden Zeit rechnen nur wenige mit einer anderen Voraussetzung. Wie oft kann man es wie eine selbstverständliche Wahrheit aussprechen hören, daß eine soziale Ordnung ein Unding sei, welche auf Wohlwollen und Menschenmitgefühl sich aufbauen will. Man rechnet vielmehr damit, daß das Ganze einer menschlichen Gemeinschaft am besten gedeihen könne, wenn der einzelne den 'vollen' oder den größtmöglichen Ertrag seiner Arbeit auch einheimsen kann."
34.28ff. Einzelausgabe


Ich möchte zunächst den Blick von Owen abwenden und zu einer grundsätzlichen Betrachtung des Kausalprinzips übergehen. Gewöhnliche Kausalität ist immer dann gegeben, wenn auf die gleiche Ursache die gleiche Wirkung folgt. Dieses Prinzip hat in der Naturwissenschaft den Menschen große Sicherheit gegeben, was sie dazu verleitete eine Weltanschauung zu konstruieren, in der dieses Prinzip allzu weite Anwendung erfuhr. Insbesondere die philosophische Richtung des Determinismus hat zu dieser Fehlentwicklung beigetragen. Als ein Vertreter dieser Richtung gilt Arthur Schopenhauer (1788 -1860), der hier mit einigen Sätzen zu Worte kommen soll:


"Hierüber darf man sich keine Illusion machen: das Gesetz der Kausalität kennt keine Ausnahme; sondern Alles, von der Bewegung eines Sonnenstäubchens an, bis zum wohlüberlegten Thun des Menschen, ist ihm mit gleicher Strenge unterworfen. Daher konnte nie, im ganzen Verlauf der Welt, weder ein Sonnenstäubchen in seinem Fluge eine andere Linie beschreiben, als die es beschrieben hat, noch ein Mensch irgend anders handeln, als er gehandelt hat: und keine Wahrheit ist gewisser als diese, daß Alles was geschieht, sei es klein oder groß, völlig NOTHWENDIG geschieht. Demzufolge ist, in jedem gegebenen Zeitpunkt, der gesammte Zustand aller Dinge fest und genau bestimmt, durch den ihm soeben vorhergegangenen; und so den Zeitstrom aufwärts, ins Unendliche hinauf, und so ihn abwärts, ins Unendliche herab. Folglich gleicht der Lauf der Welt dem einer Uhr, nachdem sie zusammengesetzt und aufgezogen worden: also ist sie, von diesem unabstreitbaren Gesichtspunkt aus, eine bloße Maschine, deren Zweck man nicht absieht. Auch wenn man, ganz unbefugter Weise, ja, im Grunde, aller Denkbarkeit, mit ihrer Gesetzlichkeit, zum Trotz, einen ersten Anfang annehmen wollte; so wäre dadurch im Wesentlichen nichts geändert. Denn der willkürlich gesetzte erste Zustand der Dinge, bei ihrem Ursprung, hätte den ihm zunächst folgenden, im Großen und bis auf das Kleinste herab, unwiderruflich bestimmt und festgestellt, dieser wieder den folgenden, und so fort, per secula seculorum [»in alle Ewigkeit«]; da die Kette der Kausalität, mit ihrer ausnahmslosen Strenge, — dieses eherne Band der Nothwendigkeit und des Schicksals, — jede Erscheinung unwiderruflich und unabänderlich, so wie sie ist, herbeiführt. Der Unterschied liefe bloß darauf zurück, daß wir, bei der einen Annahme, ein ein Mal aufgezogenes Uhrwerk, bei der andern aber ein perpetuum mobile vor uns hätten, hingegen die Nothwendigkeit des Verlaufs bliebe die selbe. Daß das Thun des Menschen dabei keine Ausnahme machen kann, habe ich in der angezogenen Preisschrift unwiderleglich bewiesen, indem ich zeigte, wie es aus zwei Faktoren, seinem Charakter und den eintretenden Motiven, jedesmal streng nothwendig hervorgeht: jener ist angeboren und unveränderlich, diese werden, am Faden der Kausalität, durch den streng bestimmten Weltlauf nothwendig herbeigeführt."


Schon zu Beginn des Zitats, spricht Schopenhauer nach meiner Meinung einen grundlegenden Irrtum an, die ausnahmslose Gültigkeit: Die gewöhnliche Kausalität hat seine große Bedeutung in der Welt des Toten, im mineralischen Reich, in der Physik und sonstigen Gebieten der Wissenschaft ohne lebende Beobachtungsobjekte. Dieses Prinzip auf Pflanze, Tier und Mensch auszudehnen, also auch auf die Sozialwissenschaft, ist ein Fehler. Insbesondere die große Frage nach der menschlichen Freiheit oder seiner Vorbestimmtheit läßt sich mit der modernen Wissenschaft nicht logisch beweisen. Dies hat Kant schon gezeigt in seiner Antinomientafel, in der er für beide Fälle streng logische Beweise lieferte.

Der Determinismus ist ein Kind des Materialismus und kann folglich auch keine Begriffe fassen, die über das Physisch-Sinnliche hinausgehen. Kann naturgesetzliche Kausalität im Übersinnlichen gelten?


"Aber das, was sich auf dem physischen Plane überschaubar, begriffsmäßig, notwendig zusammenschließen läßt, gleich wird es anders, sobald man in die nächste übersinnliche Welt hinaufkommt. Da hat man es nicht zu tun mit Ursachen und Wirkungen, sondern mit Wesenheiten. Da greifen Wesenheiten ein. In jedem Momente greift eine andere geistige Wesenheit ein oder läßt eine Verrichtung fallen. Da hat man es gar nicht zu tun mit dem, was man so im gewöhnlichen Sinne durch Begriffe verfolgen kann. Wenn Sie nämlich das, was da in der geistigen Welt geschieht, mit Begriffen verfolgen wollten, so könnte das Folgende passieren. Sie könnten nachdenken: Nun also, da stehe ich. Gewiß, ich bin schon so weit, hineinzuschauen, daß da etwas geistig vor sich geht. Bald kommt irgendein Gnomenwesen heran, bald kommt ein Sylphenwesen heran, bald kommt ein anderes Wesen heran. Nun habe ich da die ganze Summe von Wesenheiten. Nun strenge ich mich an, die Wirkungen zu ergründen, die da herauskommen müssen. - Freilich, auf dem physischen Plane geht das zuweilen leicht: wenn einer eine Billardkugel so hinstößt, so weiß er, wie die andere fliegt; er kann das herausrechnen. Aber auf dem geistigen Plane kann einem folgendes passieren: Wenn Sie gesehen haben Ihre Wesen und nun wissen: Ah, das ist ein Gnomenwesen, das schickt sich so an, das wird dies tun, das wirkt mit einem anderen zusammen, so muß dieses geschehen. - Nun haben Sie dies ergründet. Im nächsten Augenblick springt ein Wesen hervor und ändert das Ganze, oder ein Wesen, das Sie in Ihre Rechnung einbezogen haben, geht fort, verschwindet, tut nicht mehr mit. Da ist alles auf Wesenheit begründet. Da können Sie gar nicht auf gleiche Weise wie auf dem physischen Plan alles in Ihre Begriffe einspinnen. Das ist ganz unmöglich. Da gibt es nicht Erklären einer Sache nach der anderen aus dem Begriffe heraus. Ganz andere Art und Weise des Zusammenwirkens geschieht in dieser geistigen Welt, in dieser, den physischen Ereignissen parallelgehenden Folge oder Strömung der geistigen Ereignisse."
166.29f.


Wir nähern uns erst den Ursachen des Lebens und vor allem des sozialen Lebens, wenn wir diese nicht allein im physischen Bereich suchen. Der Materialismus kann wenig mit wesenhaften Begriffen anfangen. Somit ist für ihn die menschliche Seele im Grunde ein Nichts. Alles Denken, Fühlen und Wollen ist nach materialistischer Anschauung nicht eine individuelle Seelenäußerung, sondern ein abstrakter, materiell erklärbarer Vorgang. Aus dieser Sicht lassen sich weder der einzelne Mensch noch das soziale Leben der Menschen verstehen.
Die Geisteswissenschaft muß diese Sicht erweitern: Nun ist es richtig, zunächst davon auszugehen, daß der Mensch von den äußeren Verhältnissen beeinflußt, ja geprägt wird. Sein Seelenleben in Gedanken und Gefühlen wird durch Erziehung, Bildung, Beruf und Kultur gestaltet. Daraus läßt sich jedoch nur ein Teil des Menschen erklären. Ein anderer Teil des Seelenlebens ist nur erklärbar, wenn wir auf Gründe schauen, die allein aus dem menschlichen Inneren, aus seinem individuellen Ich hervorsprießen. So ergeben sich immer wieder individuelle Impulse und Initiativen, die das soziale Leben ohne Einwirkung äußerer Verhältnisse gestalten. Dies versucht das Gesetz der sozialen Kausalität zu beschreiben, indem es in allen menschlichen Einrichtungen einerseits und in allen Gedanken und Gefühlen andererseits zugleich Ursache und Wirkung sieht. Es handelt sich um eine ständige Wechselbeziehung, eine Korrelation von Sein und Bewußtsein. Der individuelle Mensch wie auch das soziale Leben gestalten sich aus diesen beiden Quellen des Daseins in ständiger gegenseitiger Beeinflussung.

Erst wenn wir eine geistige Welt und ihre Wesenheiten anerkennen bekommt das Gesetz von Ursache und Wirkung eine neue Bedeutung. In der geistigen Welt heißt das Kausalitätsgesetz Karma und läßt sich wie folgt beschreiben:

"So finden wir das Karmagesetz, das wir nennen können ein Gesetz vom Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung, aber in der Weise, daß die Wirkung wieder auf die Ursache zurückschlägt und daß sich beim Zurückschlagen noch das Wesen erhalten hat, dasselbe geblieben ist. Wir finden diese karmische Gesetzmäßigkeit überall in der Welt, insofern wir die Welt als eine geistige betrachten. Wir ahnen, daß sich das Karma auf den verschiedensten Gebieten in der verschiedensten Weise offenbaren wird. Und wir ahnen, wie die verschiedenen karmischen Strömungen - persönliches Karma, Menschheitskarma, Erdenkarma, Weltenkarma und so weiter - sich kreuzen werden und daß uns gerade dadurch die Aufschlüsse werden, die wir brauchen, um das Leben zu verstehen. Und an seinen einzelnen Punkten ist das Leben nur zu verstehen, wenn wir das Zusammenwirken der verschiedensten karmischen Strömungen finden können"
120.33


Nach meinem Verständnis sind das Soziale Kausalitätsgesetz und das Karmagesetz miteinander verwandt. Während ersteres auf die Wechselwirkung zwischen dem Wesen Sozialorganismus und dem Bewußtsein des Menschen eingeht, erfasst letzteres die Wechselwirkung zwischen den verschiedenen Leben einer Wesenheit. Auf das Karmagesetz möchte ich an dieser Stelle jedoch nicht weiter eingehen. Es sollte nur angedeutet werden, daß das Soziale Kausalitätsgesetz mit weitergehenden Dimensionen in Verbindung steht.

Erst wenn wir dieses Gesetz dem Sozialleben zugrunde legen, sehen wir die Notwendigkeit bestimmte heutige Vorurteile zu überwinden. Einige dieser Vorurteile seien genannt:



Das Schwergewicht der Vorurteile fordert eine äußere Veränderung, damit sich das soziale Leben verbessern kann. Der Materialist spricht damit sein Mißtrauen aus, das er gegenüber sachlicher Aufklärung, gegenüber dem Denken überhaupt hat. Dies führt zu geringem Vertrauen und Interesselosigkeit zwischen Mensch und Mensch und auf makrosozialer Ebene zum heutigen "Einheitsbrei".

Was sind die weiteren Folgen?
Eine Wirtschaft die den (Bedarf des) Menschen aus dem Auge verliert und in mechanisch-herzloser Routine erstickt (Stichwort: Arbeitslosigkeit, Hungertote, Umweltzerstörung). Eine Politik, die sich in Wortgeplänkel um Personen und Parteien verzettelt und in hergebrachten Konventionen dahinplätschert (Stichwort: Schuldenabbau, Sozialsysteme). Eine Kultur, die zum Büttel der Brotherren wird und in populistischen Phrasen verödet (Medienkonzerne, Presse- und Bildungsfreiheit).
Lassen Sie mich mit einem Resümee zu Owens Versuchen schließen, das Steiner nach Nennung des Sozialen Hauptgesetzes 1905/6 zieht:



"Deshalb soll niemand daran denken, eine für alle Zeiten gültige Lösung der sozialen Frage zu suchen, sondern lediglich daran, wie sich sein soziales Denken und Wirken mit Rücksicht auf die unmittelbaren Bedürfnisse der Gegenwart gestalten muß, in welcher er lebt. - Es kann überhaupt kein einzelner heute irgend etwas theoretisch ausdenken oder in die Wirklichkeit umsetzen, was als solches die soziale Frage lösen könnte. Dazu müßte er die Macht haben, eine Anzahl von Menschen in die von ihm geschaffenen Verhältnisse hineinzuzwingen Es kann ja gar kein Zweifel darüber bestehen: hätte Owen die Macht oder den Willen gehabt, all die Menschen seiner Kolonie zu der ihnen zukommenden Arbeit zu zwingen, dann hätte die Sache gehen müssen. Aber um solchen Zwang kann es sich gerade in der Gegenwart nicht handeln. Es muß die Möglichkeit herbeigeführt werden, daß ein jeder freiwillig tut, wozu er berufen ist nach dem Maß seiner Fähigkeiten und Kräfte. Aber gerade deshalb kann es sich nie und nimmer darum handeln, daß im Sinne des oben angeführten Owenschen Bekenntnisses so auf die Menschen " im theoretischen Sinne " einzuwirken sei, daß ihnen eine bloße Ansicht darüber vermittelt werde, wie sich die ökonomischen Verhältnisse am besten einrichten lassen. Eine nüchterne ökonomische Theorie kann niemals ein Antrieb gegen die egoistischen Mächte sein. Eine Zeitlang vermag eine solche ökonomische Theorie den Massen einen gewissen Schwung zu verleihen, der dem Scheine nach einem Idealismus ähnlich ist. Auf die Dauer aber kann eine solche Theorie niemandem nützen. Wer einer Menschenmasse eine solche Theorie einimpft, ohne ihr etwas anderes wirklich Geistiges zu geben, der versündigt sich an dem wahren Sinn der menschlichen Entwickelung.

Das, was allein helfen kann, ist eine geistige Weltanschauung, welche durch sich selbst, durch das, was sie zu bieten vermag, sich in die Gedanken, in die Gefühle, in den Willen, kurz in die ganze Seele des Menschen einlebt. Der Glaube, den Owen gehabt hat an die Güte der Menschennatur, ist nur teilweise richtig, zum anderen Teile ist er aber eine der ärgsten Illusionen. Er ist insofern richtig, als in jedem Menschen ein " höheres Selbst " schlummert, das erweckt werden kann. Aber es kann aus seinem Schlummer nur erlöst werden durch eine Weltauffassung, welche die oben genannten Eigenschaften hat. Bringt man Menschen in Einrichtungen, wie sie von Owen erdacht waren, dann wird die Gemeinschaft im schönsten Sinne gedeihen. Führt man aber Menschen zusammen, die eine solche Weltauffassung nicht haben, dann wird das Gute der Einrichtungen sich ganz notwendig nach einer kürzeren oder längeren Zeit zum Schlechten verkehren müssen. Bei Menschen ohne eine auf den Geist sich richtende Weltauffassung müssen nämlich notwendig gerade diejenigen Einrichtungen, welche den materiellen Wohlstand befördern, auch eine Steigerung des Egoismus bewirken, und damit nach und nach Not, Elend und Armut erzeugen. - Es ist eben in des Wortes ureigenster Bedeutung richtig: nur dem einzelnen kann man helfen, wenn man ihm bloß Brot verschafft; einer Gesamtheit kann man nur dadurch Brot verschaffen, daß man ihr zu einer Weltauffassung verhilft. Es würde nämlich auch das gar nichts nützen, wenn man von einer Gesamtheit jedem einzelnen Brot verschaffen wollte. Nach einiger Zeit müßte sich dann doch die Sache so gestalten, daß viele wieder kein Brot haben.

Die Erkenntnis dieser Grundsätze nimmt allerdings gewissen Leuten, die sich zu Volksbeglückern aufwerfen möchten, manche Illusion. Denn sie macht das Arbeiten am sozialen Wohle zu einer recht schwierigen Sache. Und noch dazu zu einer solchen, in der sich die Erfolge unter gewissen Verhältnissen nur aus ganz kleinen Teilerfolgen zusammensetzen lassen. Das meiste von dem, was heute ganze Parteien als Heilmittel im sozialen Leben ausgeben, verliert seinen Wert, erweist sich als eitel Täuschung und Reden, ohne genügende Kenntnis des Menschenlebens... "
34.37f. Einzelausgabe



10. Nachtrag: Diskussion zwischen Sylvain Coiplet und mir


Einen kurzen E-Mail-Austausch zwischen Sylvain Coiplet (Redakteur von www.dreigliederung.de) und mir möchte ich hier wiedergeben:

"E-Mail vom 13.03.06 von Sylvain Coiplet:
Hallo Werner,

Ich bin gerade auf deine Abhandlung zum Thema Dreigliederung und Sozialwissenschaft gestossen. Vielleicht einiges zur Klärung meiner Position, die ich nur bruchstückhaft begründet habe.

Soziales Hauptgesetz und Soziologisches Grundgesetz halte ich für Untergesetze der Dreigliederung.

Im sozialen Urphänomen sehe ich dagegen kein Untergesetz, das sich auf einen Bereich der Dreigliederung beziehen würde, sondern eine Umformulierung der Dreigliederung, einen Versuch, sie für Anthroposophen, die sich für die Zeitlage nicht interessieren, über das Persönliche anschaulich zu machen. Die Ausführungen und Beispiele dazu sind daher eine Mischung von Mikro- und Makrodreigliederung. Es geht um die Frage, wie Soziales und Antisoziales, Licht und Finsternis sich ausgleichen können, in den drei Bereichen. Daher der Absatz, wo Steiner das soziale Urphänomen auf Denken, Fühlen und Wollen bezieht. Nur gibt er da Beispiele aus dem Mikrobereich, so daß die Beziehung zur Dreigliederung den meisten Dreigliederern entgeht.

Derjenige, der nicht zuhören kann, ist auch derjenige, der Andersdenkende durch Gesetze zum Schweigen bringen will. Die Dreigliederung wäre, z.B. mit ihrer Freiheit des Geisteslebens, der soziale Beitrag der Gesellschaft als Ausgleich des Antisozialen des Einzelnen, der sein Eigendenken auf die einfachere Art retten will. Das bringt auch Steiner in diesem Zusammenhang, nur daß es die Privatisierer der Dreigliederung nicht interessiert hat.

Dasselbe gilt für Fühlen und Wollen. Und da gibt Steiner zum Teil auch Beispiele, man muß nur die beiden Vorträge als ganzes lesen.

Das wars für heute. Mich hat es gefreut, daß jemand an solchen Fragen arbeitet.

Herzliche Grüße
Sylvain"



Antwort von mir vom 14.03.06:
Lieber Sylvain,

vielen Dank für Deine Reaktion auf den Beitrag zu den Sozialgesetzen.
Was die ersten beiden Gesetze anbelangt kann ich Deinen Standpunkt verstehen. Ich denke z.B. beim Sozialen Hauptgesetz spricht Steiner nicht allein über die Brüderlichkeit, die für sich genommen auf allen Sozialebenen Bedeutung hat. Er spricht von der Brüderlichkeit im Verhältnis zwischen Gemeinschaft und Einzelmensch und darin liegt durchaus eine Betonung des makrosozialen Potentials. Kurz: Ich kann Deine Position von zwei Untergesetzen nachvollziehen (bei Soz. HG und Soz. GG).

Du bezeichnest das Soziale Urphänomen als Umformulierung der Dreigliederung. Also kein Untergesetz, sondern die Dreigliederung selbst. Nur verwandelt. In einer Weise verwandelt, daß der weniger an Politik und Gesellschaft interessierten Strömung unter den Anthroposophen doch die Notwendigkeit eines (durch Dreigliederung institutionalisierten) Ausgleichs der Ichbezogenheit, des Egoismus deutlich wird. Also ein sanfter Hinweis wie: Der Schulungsweg ist die eine Sache, die Dreigliederung die andere um an der sozialen Frage zu arbeiten. Diese Art der Sichtweise finde ich sehr spannend, wo kann ich das bei Dir für die Bereiche Fühlen und Wollen nachlesen?

Meine ganze Darstellung ist noch relativ provisorisch, was ich bei nächster Gelegenheit auch noch ausdrücklich in der Einleitung ergänzen sollte, wie ich das ja immer wieder auch bei anderen Beiträgen formuliere. Ich halte es nicht für falsch, den Gedanken der Obergesetze und meine Darstellung ohne Wertung von richtig und falsch nebeneinander zu stellen. Dies könnte ich mir als kleine Umgestaltung des Beitrages durchaus vorstellen. Oder vielleicht schreibst Du einen Beitrag bei Dir dazu, so daß ich nur einen Verweis darauf ergänze, wär doch noch besser.
Wäre es nach Deiner Meinung nicht sinnvoll, auch diesen Gedankenaustausch am Ende des Beitrages anzuhängen?

Es freut mich, wenn Du Dir die Zeit nimmst Deine Gedanken dazu mitzuteilen.
Grüße aus Freiburg

Werner


E-Mail von Sylvain Coiplet vom 1.04.06:
"Hallo Werner,

Diese Art der Sichtweise finde ich sehr spannend, wo kann ich das bei Dir für die Bereiche Fühlen und Wollen nachlesen?

Zum Egoismus in den Bereichen Fühlen und Wollen habe ich leider noch nichts geschrieben, aber mal einen Erinnerungsblitz gehabt beim Lesen folgender Passage über das soziale Urphänomen bezüglich des Wollens:

'Man kann sagen: So wie der Mensch ist, wenn er nicht an sich arbeitet, wenn er sich nicht durch Selbstzucht in die Hand nimmt, so ist er als liebendes Wesen unter allen Umständen ein antisoziales Wesen. Die Liebe als solche, wie sie an der menschlichen Natur haftet, ohne daß der Mensch Selbstzucht übt, ist von vornherein antisozial, denn sie ist ausschließend. Das ist wiederum keine Kritik. Viele Erfordernisse des Lebens hängen damit zusammen, daß die Liebe ausschließend sein muß. Selbstverständlich wird der Vater seinen eigenen Sohn mehr lieben als ein fremdes Kind; aber das ist antisozial. 186.99f'

Einige Vorträge früher hat Steiner nämlich diese Familienbeziehung auch angesprochen und gezeigt wo sie antisozial im Makrosozialen wirkt. Das ist die Passage, wo er die Erbbarkeit des Geldes kritisiert, was auch in den Kernpunkten eine zentrale Rolle spielt. In der Passage geht es gleichzeitig um die Trennung von Arbeit und Einkommen. Hier einige Auszüge:

'Wenn es wirklich so sein wird, daß die Existenzmittelbeschaffung abgetrennt wird von der Arbeitsleistung, dann gibt es nämlich keine Erbschaften mehr. 186.50'

'Und das wird zur Erziehung der Menschheit der Gegenwart und der nächsten Zukunft im wesentlichen gehören, daß man nicht mehr glauben wird, daß Wahrheiten nach subjektivem Ermessen, nach subjektiven Sympathien und Antipathien sich regen dürfen. 186.52'

'Nehmen wir an, jemand hat, ohne daß er selbst sich für die Menschheit anstrengt, Geld. Es gibt ja den Fall. Ich will diesen extremen Fall betrachten. Also jemand hat, ohne daß er sich für die Menschheit anstrengt, Geld. Er kauft sich für das Geld etwas. Er ist sogar in der Lage, sich ein ganz angenehmes Leben zu zimmern dadurch, daß er dieses Geld hat, welches Anweisung auf menschliche Arbeitskraft ist. Schön. Dieser Mensch braucht ja kein schlechter Mensch zu sein, kann ein ganz guter Mensch sein, kann sogar ein sehr strebsamer Mensch sein. Die soziale Struktur durchschaut man ja oftmals nicht. Man hat nicht das Interesse an seinen Mitmenschen, das heißt, an der wirklichen sozialen Struktur. Man denkt, man liebe schon die Menschen, wenn man sich für sein ererbtes Geld zum Beispiel irgend etwas kauft, oder wenn man es selbst schenkt. Wenn man es schenkt, tut man ja auch gar nichts anderes, als daß man für denjenigen, dem man das Geld schenkt, soundso viele Leute arbeiten läßt. Es ist nur ein Machtmittel. 186.52f'

'Es gibt keine andere Möglichkeit, Geld in heilsamer Weise innerhalb der sozialen Struktur zu haben, als es christlich zu haben, das heißt, zu erwerben so, daß man mit dem, was man zwischen Geburt und Tod entwickelt, das Geld erwirbt. Also nicht darf die Art, wie man das Geld bekommt, ein Spiegelbild sein desjenigen, was jahvistisch ist. Jahvistisch ist, daß wir geboren werden, das heißt aus einem Embryo ins äußere Leben übergehen. Davon ist das Spiegelbild, daß wir Geld ererben. Die Eigenschaften, die wir mit dem Blute erben, sind durch die Natur ererbt. Das Geld, das wir ererben und nicht erwerben, wäre das Spiegelbild davon.
Dadurch, daß das christliche Bewußtsein noch nicht Platz gegriffen hat, daß eigentlich noch immer mit der alten Jahve-Weisheit oder mit ihrem Gespenst, dem romanischen Staatsdenken, die soziale Struktur bewirkt wird, dadurch sind alle die Dinge hereingekommen, welche das heutige Unheil von der einen Seite her bewirkt haben. 186.53f'


Das Erben wäre für mich ein makrosoziales Beispiel für das Antisoziale des Urphänomens im Wollen. Zum Sozialen läßt es sich erst hinbiegen, wenn man aus dieser Familienliebe heraus dafür sorgt, daß die Kinder ihre eigenen Fähigkeiten ausbilden, um später ihren Beitrag leisten zu können, ohne auf irgendwelche Erbschaft angewiesen zu sein. Das ist wenigstens die Antwort der Kernpunkte.

Daß man daneben Einkommen aus bestimmten Rechten heraus beziehen kann (Erziehungsgeld, Krankengeld, Altersgeld usw.) steht nicht dazu im Widerspruch, weil der Staat - wie meine Arbeit - rein aus dieser Welt ist. Nur beim bedingungslosen Grundeinkommen habe ich ernste Bedenken, ob man da nicht über das Ziel hinausschießt.

Beim Fühlen bin ich noch auf der Suche nach einer makrosozialen Version, mir ist aber in der mikrosozialen Version noch nichts aufgefallen, was eine Brücke zum Makrosozialen ermöglichen würde.

Herzlicher Gruß, Sylvain"