Urheber oder Weiterentwickler?

(15.01.06)

Beobachte ich zur Frage des Urheberrechts das Zeitgeschehen sowohl innerhalb der anthroposophischen Bewegung (z.B. die Auffassungen des Archiativerlages und des Rudolf Steiner Verlages bezüglich der Rechte am Werke Steiners) als auch außerhalb (z. B. die neuerlichen Aussagen des Bundestagsabgeordneten Krings zu Vorstößen der Open Source Bewegung in den Buchbereich), dann wird deutlich, wie notwendig eine moderne Gestaltung des Urheberrechts aus dem Gesamtkontext der Dreigliederung ist.

Mit meinem Beitrag "Zum geistigen Eigentum" wollte ich hierzu Anregungen geben. Mit dem dortigen Begriff der Sozialbindung auch geistiger Werke wollte ich Anregungen für eine moderne Gestaltung geben, die nach meiner Meinung eine Verkürzung der Schutzfristen auf die Lebenszeit der Urheber zum Ziel hat. Die Verkürzung kann übergangsweise in Etappen erfolgen. Doch an einer höheren Sozialbindung oder mit anderen Worten einer schnelleren Gemeinfreiheit geistiger Leistungen führt kein Weg vorbei, weil es gerecht ist. Denn jeder Mensch hat Erziehung und Bildung erfahren, er lebte nicht allein auf einer Insel. Denn jeder Mensch hat an den Leistungen von Mitmenschen oder Vorfahren "anknüpfen" dürfen. Ohne diese Vorleistungen hätte dieser Mensch "seine" Leistungen nie erbringen können. Dies mit zunehmender Tendenz - wie auch materielle Leistungen immer weniger selbstversorgerisch sind. "Urheber" sind demnach immer mehr "Weiterentwickler", auch ein Begriffswandel wäre naheliegend.

Die Dreigliederung ist als ein Strukturgesetz für die Gesellschaft zu verstehen, dessen alleinige Umsetzung auf einem Gebiet oder auf zwei Gebieten nur schwer die synergetische Gesamtwirkung erkennen lassen. So wäre es wenig sinnvoll die Schutzfristen zu verkürzen, wenn nicht auch gleichzeitig der sich ergebende gesamtgesellschaftliche Wohlstand eine Individualbindung erführe. Sozialbindung der Einzelleistung und Individualbindung der Gesamtleistung bedingen sich gegenseitig. Einem Schritt auf der einen Seite (Schutzfrist auf z.B. 20 Jahre verkürzen) muß ein Schritt auf der anderen Seite gegenüberstehen (z.B. bedingungsloses Grundeinkommen in verkraftbarer Höhe).

Mit diesem Vorschlag bin ich natürlich Lichtjahre entfernt von der heutigen Rechtsentwicklung (s. Verweise), die vielfach nur eine synonyme Ausdehnung des Eigentums an immateriellen Gütern wie beim Sacheigentum betreibt. Die Smith'sche Anreiztheorie, daß nur wirtschaftlicher Nutzen Anreiz zu geistiger Leistung und damit Wohlstand für alle bietet, reduziert den Menschen auf einen würdelosen Egoisten. Innovation erfordere Eigentumsschutz. Wissen müsse handelbar sein, sonst wird es nicht mehr ausreichend "produziert", so wird uns eingeredet.

Ich bin gerade vom Gegenteil überzeugt: Innovation erfordert keine Ausweitung des geistigen Eigentums, sondern dessen Reduzierung. Je freier Wissen, Kunst, Musik, Literatur gehandhabt wird, um so größer ist der Nutzen der gesamten Menschheit. Die sich aus freier Nutzung ergebenden Liebes- und Dienstleistungsimpulse werden alle Leistungen, die sich heute aus der vorherrschenden Anreiz-Nutzen-Theorie ergeben, in den Schatten stellen. Auch die Qualität wird sich wandeln, denn vielfach wird heute Kunst und Wissen hervorgebracht, weil sie wirtschaftlich verwertbar sind, ungeachtet des wirklichen Bedarfs.


Weiterführende Verweise:

www.microsoft.com
www.jurpc.de
www.attac.de
www.opentheory.org