Google "googelt" in E-Mails

Heute scheinen Benutzerprofile die "Goldminen" von Werbebranche und Verkaufsabteilungen zu sein. So ein Benutzerprofil kann über Freizeitverhalten, Beruf, Verbrauch, Familie, Religion, Medizin, schlichtweg über den ganzen Menschen Auskunft geben. Doch wird die Grenze zur Verletzung der Privatsphäre immer undeutlicher.

Ein Versuch diese Grenze weiter aufzubrechen geht von dem Unternehmen Google aus, der jedoch (noch) auf starken Protest stößt: Google baut einen E-Mail-Dienst auf (G-Mail) und will anhand von Wort-Scannungen der Mails passende "Werbebeilagen" anfügen. Wie weit dabei eine Verknüpfung mit der Internet-Suchmaschine geplant ist, ist noch unklar. (Ob nicht Microsoft oder Yahoo schon ähnliches planen? Zumindest soll Longhorn - XP-Folgesystem - ein integriertes Suchwerkzeug enthalten.) Benutzerprofile spielen wohl in Zukunft bei allen elektronischen Datensammlungen eine Rolle.

Den vielen Zukunftsvisionen eines "gläsernen Menschen" bis hin zu solchen mit unter die Haut eingepflanzten Chips möchte ich keine weitere hinzufügen. Der "Angriff" auf die Privatsphäre ist für mich aber Ausdruck für eine unbewußte Tendenz der Wirtschaft, die Anonymität zu überwinden. Die Unternehmen (bzw. die ihnen dienenden Werbeagenturen) möchten genauer über die Bedürfnisse der Kunden informiert sein. Dies ist im Grunde sinnvoll, denn in einer geschlossenen Weltwirtschaft wird "business on demand" immer mehr ein Erfolgsfaktor für zusammenrückende Anbieter sein. Die Belastung der Ökosphäre durch nutzlose Massenproduktion muß ein Ende finden.

Allerdings sollte unstrittig sein, daß Konsumenten freiwillig über ihre Bedürfnisse Auskunft geben. Dies setzt den bewußten Schritt der Konsumenten zur Mitarbeit als entscheidenden "Faktor" im Herstellungsprozess voraus, damit die Produktion mit dem wirklichen Bedarf größere Harmonisierung als durch den Marktzufall erfährt. Wer dies bezweifelt, sollte einmal untersuchen, wieviel von der heutigen Massenproduktion nie über die Ladentheke geht, sondern direkt auf dem Abfall landet oder am Schluß verschleudert wird. Neben einer genaueren Mengenbestimmung, sollte auch die Produktqualität und die spezifische Gestaltung stärker vom Kundenwunsch abhängen.

Es geht nicht um eine staatlich bestimmte Planwirtschaft, sondern um eine neue Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und Verbrauchern auf vertraglicher Basis. Heute ist der Gewinn allein Anzeiger für Bedarf:

"Was sich im Gewinn, im Profit zeigt, was ist es denn? Etwas, wovon man eigentlich im wirklichen volkswirtschaftlichen Zusammenhange nur so sprechen kann, wie man davon sprechen kann, wenn die Thermometersäule, die Quecksilbersäule im Zimmer steigt, daß es wärmer geworden ist. Wenn jemand sagt: Diese Quecksilbersäule zeigt mir, daß es wärmer geworden ist -, dann wird er wissen, daß nicht diese Quecksilbersäule das Zimmer wärmer gemacht hat, daß diese Quecksilbersäule nur anzeigt, daß es im Zimmer durch andere Faktoren wärmer geworden ist. Der Gewinn auf dem Markte, der sich ergibt unter unseren heutigen Produktionsverhältnissen, ist auch zunächst nichts anderes als der Anzeiger dafür, daß man die Produkte produzieren darf, die einen Gewinn abwerfen. Denn ich möchte wissen, woher in aller Welt man heute irgendeinen Anhaltspunkt dafür gewinnen sollte, daß ein Produkt zu Produzieren sei, wenn es sich nicht herausstellt, daß es, wenn man es produziert und zu Markte bringt, einen Gewinn abwirft! Dies ist das einzige Kennzeichen dafür, daß man die wirtschaftliche Struktur so gestalten darf, daß dieses Produkt hervorkommt. Daß ein Produkt nicht produziert werden darf, zeigt sich nur dadurch, daß man, wenn man es zu Markte bringt, merkt: Es ist kein Absatz da. Die Menschen verlangen es nicht. Man erzielt keinen Gewinn. - Das ist der wirkliche Sachverhalt, nicht all das Gefabel und Gefasel, welches von Angebot und Nachfrage gesprochen worden ist in vielen Nationalökonomien. Das Urphänomen, die Urerscheinung auf diesem Gebiete ist, daß heute einzig und allein das Gewinnabwerfen den Menschen in den Stand setzt, sich zu sagen: Du kannst ein gewisses Produkt produzieren, denn es wird einen gewissen Wert haben innerhalb der menschlichen Gemeinschaft. Die Umgestaltung des Marktes, der heute diese Bedeutung hat, wird sich ergeben, wenn ein wirkliches Assoziationsprinzip in unserem sozialen Leben drinnen sein wird. Dann wird nicht die unpersönliche, vom Menschen abgesonderte Nachfrage und das Angebot auf dem Markte entscheiden, ob ein Produkt produziert werden soll oder nicht, dann werden aus diesen Assoziationen durch das soziale Wollen der darin beschäftigten Menschen andere Persönlichkeiten hervorgehen, welche sich damit beschäftigen werden, das Verhältnis zu untersuchen zwischen dem Wert eines erzeugten Gutes und seinem Preise.

Der Wert eines erzeugten Gutes kommt heute in einer gewissen Beziehung gar nicht in Frage. Er bildet allerdings den Antrieb zur Nachfrage. Aber diese Nachfrage ist ja deshalb in unserem heutigen sozialen Leben eine recht problematische, weil ihr immer die Frage gegenübersteht, ob auch zur Nachfrage die entsprechenden Mittel, die entsprechenden Besitzverhältnisse vorhanden sind. Man kann gut Bedürfnisse haben: wenn man nicht die nötigen Mittel besitzt, sie zu befriedigen, so wird man sie gar nicht nachfragen können. Aber es handelt sich darum, daß ein Verbindungsglied geschaffen werden muß zwischen den menschlichen Bedürfnissen, die den Gütern, den Erzeugnissen ihren Wert geben, und den Preisen. Denn was man bedarf, hat je nach diesem Bedürfnis seinen menschlichen Wert. Es werden sich Einrichtungen herausgliedern müssen aus der sozialen Ordnung, die die Brücke schaffen von diesem Wert, der den Erzeugnissen aufgedrückt wird durch die menschlichen Bedürfnisse, und den Preisen, die sie haben müssen. Heute wird der Preis bestimmt durch den Markt, danach, ob Leute da sind, die diese Güter kaufen können, die das nötige Geld haben. Eine wirkliche soziale Ordnung muß dahin orientiert sein, daß die Menschen, die aus ihren berechtigten Bedürfnissen heraus Güter haben müssen, sie auch bekommen können, das heißt, daß der Preis dem Werte der Güter wirklich angeähnelt wird, daß er ihm entspricht. An die Stelle des heutigen chaotischen Marktes muß eine Einrichtung treten, durch welche nicht etwa die Bedürfnisse der Menschen, der Konsum der Menschen tyrannisiert wird, wie durch Arbeiter-Produktivgenossenschaften oder durch die sozialistische Großgenossenschaft, sondern durch welche der Konsum der Menschen erforscht und danach bestimmt wird, wie diesem Konsum entsprochen werden soll.

Dazu ist notwendig, daß unter dem Einfluß des Assoziationsprinzipes wirklich die Möglichkeit herbeigeführt werde, Ware so zu erzeugen, daß sie den beobachteten Bedürfnissen entspreche, das heißt, Einrichtungen müssen da sein mit Personen, die die Bedürfnisse studieren. Die Statistik kann nur einen Augenblick aufnehmen; sie ist niemals für die Zukunft maßgebend. Die Bedürfnisse, die jeweils vorhanden sind, müssen studiert werden, danach müssen die Einrichtungen für das Produzieren getroffen werden. Wenn ein Artikel irgendwie die Tendenz entwickelt, zu teuer zu werden, dann ist das ein Zeichen dafür, daß zu wenige Menschen für diesen Artikel arbeiten. Es müssen Verhandlungen gepflogen werden, durch die aus anderen Produktionszweigen zu diesem Produktionszweig arbeitende Menschen übergeführt werden, so daß mehr von diesem Artikel erzeugt wird. Hat ein Artikel die Tendenz, zu billig zu werden, verdient sein Erzeuger zu wenig, dann müssen Verhandlungen eingeleitet werden, durch die weniger Menschen gerade an diesem Artikel arbeiten. Das heißt: Von der Art und Weise, wie die Menschen an ihre Plätze gestellt werden, muß in der Zukunft abhängig werden, wie die Bedürfnisse befriedigt werden. Der Preis des Produkts bedingt sich durch die Zahl der Menschen, die daran arbeiten. Aber er wird durch solche Einrichtungen dem Werte ähnlich sein, gleich sein im wesentlichen dem Werte, den das menschliche Bedürfnis dem betreffenden erzeugten Gut beizulegen hat. Da sehen wir, wie an der Stelle des Zufallsmarktes die Vernunft der Menschen wirken wird, wie der Preis zum Ausdruck bringen wird, was die Menschen verhandelt haben, in welche Verträge die Menschen eingegangen sind durch die Einrichtungen, welche bestehen. So sehen wir die Umwandelung des Marktes gegeben dadurch, daß Vernunft tritt an die Stelle des Marktzufalles, der heute herrscht."
332a.56ff


Die Auswertung von Benutzerprofilen, Marktanalysen und Statistiken kann die notwendige Harmonisierung zwischen Produktion und Konsum nur unvollkommen bewirken. Zwar kann es zutreffen, wenn Google mir zum Stichwort "Urlaub" Werbung von Reiseveranstaltern beimischt. Ist aber als mechanische Intelligenz noch nah am Zufall und weit entfernt von menschlicher Vernunft.

Die Menschen werden die Anonymität des Marktes auch viel leichter aufgeben, wenn sie sich in regionalen Assoziationen, die sie besser überschauen als diffuse Firmenkonglomerate, verbinden und Verträge über ihren Bedarf mit der Produktion schließen. Dezentralität schafft Vertrauen und bildet die Grundlage für den Umgang mit persönlichen Daten. Am Beispiel Google entzündet sich der Protest eben auch an der entstandenen Machtballung durch die Masse der Datensammlung.